Ausgabe 
27.12.1927
 
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Jahrgang $927

Dienstag, den 27. Dezcmser

Nummer $05

GiehenerKimilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Weihnacht.

Von Karl Nötiger. Fassen wir, Fassen wir die Hände Um den Baum im Kreis Ob da Seel' an Seele Von einander weiß?

Doch was einsam bliebe Unterm Kerzenlicht, Bleibt es doch in Liebe, Und bleibt dunkel nicht.

Haben wir inmitten Einen Baum gestellt, Einen Christbaum mitten In die dunkle Welt,

Daß ein jeder fände Seiner Einsamkeit Sehnen und Vollenden In des Baumes Schein ...

Fassen wir an Händen Uns und stehn im Kreis; Alle Seelen münden In den einen Schein.

Ob nun Seel' an Seele Von einander weiß?

Mitten steht das Leuchten, Und wir stehn im Kreis ...

All wir Dunklen stehen, Schauen in das Licht, Sind vom Licht beschienen, Aber sehn uns nicht ...

Und was jeder innen Sein und einsam '"-mnt: Steht bestrahlt und tastet Hand zu Hand im Kreis ...

Das Wundse gn Kronach.

Legende von Wilhelm Schäfer.

Im Jahre 1504 geschah im fränkischen Land hellichten Dags ein Wun­der: die heilige Familie kam auf der Flucht nach Aegypten durch das Bamberger Stift in die Nähe von Kronach. Dort sah sie ein Jüngling, Lukas Müller geheißen, der als eines Schildermeifters Sohn gebürtig von Kronach war und selber bei seinem Vater die Schilderkunst eifrig gelernt hatte. Er sah die Drei ruhend bei einer Quelle am Rand des Gebirges, wo rechts in der Tiefe das blau geöffnete Tal war und zackige Tannen gegen das lichtblaue Firmament standen. Denn ein Frühlingstag hatte sich auf­getan, die Erde zu segnen; und Himmelsschlüssel blühten am Wasser, das fröhlich rieselnd herabkam.

Und weil das Sonnenlicht keinen Wüstensand fand, darin zu glühen, mir schwellendes Gras, Blumen in feinen Teppich zu locken; weil sanfte Luft mit dem blanken Licht zärtlich zu spielen bereit war, hatte Maria den bösen Herodes so völlig vergessen, wie Josef die Mühsal der Fremde. Als der Malerjüngling sic da überraschte, sahen sie weder erschrocken noch staunend auf ihn; Maria im Glück ihres Kindes hob die seligen Augen, und Josef stand feierlich froh, ihr Hüter zu sein. Nur das Kind selber ließ sich nicht stören, weil Engel da waren, mit ihm zu spielen; keine mit Schwertern und sonst erwachsenen Dingen, selber nach Kinder wie das, dem sie Blumen und Bügel brachten für seine glücklichen Hände; und die es schon konnten, spielten auf kleinen Schalmeien: als wäre die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Aegypten ins Paradies angekommen, und es läge im fränkischen Land.

Darüber freiUch verlor der Maler den Mut, näherzutreten und gar mit ihnen zu sprechen; seine Augen kamen nicht los von dem Bild, wie die wettererprobte Tanne sich hinter Joseph gestellt hatte, das Wunder des Kindes mit seinem Wunder zu hüten; nur die Füße gingen ihm schrittweise zurück, jeder Schritt ein Klafter, so schwand ihm das Bild in die Ferne; und als er einmal hinter sich sah, aus Furcht, über die Wur­zeln zu fallen, war es verschwunden: die Tanne jedoch stand staunend wie er vor der zartblauen Frühlingstiefe im Schmuck ihrer silbernen Flechten.

Der Jüngling in seiner Stube zu Kronach konnte danach das Bild getreulich abmalen; denn wenn er die Lider zumachte, war alles gleich wieder da, als sähe das Wunder in seinen Augen gefangen. Da sah er, warum ihn der Anblick nur selig beglückte, kaum erstaunt und gar nicht

erschreckt hätte: wären die Engel nicht um sie gewesen, er hätte die heilig Familie für seines Landes gehalten, so wenig fremd oder gar himmlisch sahen sie aus: das dralle Kind auf dem Schoß, die blonde, gar fränkisch« Frau und der Mann, der, seinen Hut in der Hand, grauköpfig schon, hinter ihr stand.

Es war aber, da dieses geschah, Martin Luther, der junge Magister zu Erfurt noch nicht ins Kloster gegangen, und Karl, der kommende Kaiser, spielte als Knäblein in Gent; und lebte also die alte Zeit noch in tat Tag, als wäre der Hus, den sie in Konstanz verbrannten, nur ein böhmi­scher Ketzer gewesen.

So kam das Bild in Kronach zur Welt, als hätte ein Engel dem Maler verkündigt, was danach geschah, daß sich das deutsche Volk begehrlich auf- machte, aus seiner Seele einfältig zu werden, wo es im Kirchenlatein zwi«- fpaliig geworden war. Indessen droben im Elsaß ein Gewaltiger saß, da, ganze Mirakel dessen zu malen, der für die sündige Menschheit am Kreuz hing, hob der Jüngling zu Kronach die Augen auf in die Welt eine, anderen Wunders; daß alles, was ja zur Erlösung der Menschheit geschah, in Ewigkeit war und also dem deutschen Herzen vertraut, als wäre der Heimat solches täglich bereitet, als könnten die Augen hinter das Kreuz auf Golgatha sehen, wie da der gläubigen Seele das Wunder der Gottes« kindschaft mitten hinein in den Tag ging.

Und es waren nicht Juden und Samariter, nicht Römer und Galiläer, denen das Wort des göttlichen Kindes zu Ohr kam, in fremden Gewänder« und lateinischer Sprache: es war ein Maier aus Kronach, dem der Himmel | des Evangeliums zum erstenmal blau wurde über den Tannen und Blumen des eigenen Frühlings. Viele vor ihm hatten die heiligen Dinge schon treu und schlicht in die eigenen Gewänder gekleidet und hatten da, Land Palästina nach ihren Sinnen gebildet. Hier aber kam einer und hatte das Wunder in seiner Sele erfahren, als wäre es darin geboren, al» hätte ein Jüngling in Franken von feiner Heimat geträumt, daß sie die Heimat des Christ und auch das Land des Evangeliums wäre.

Als der Kurfürst von Sachsen das Bild sah, hieß er den Jüngling aus Kronach nach Wittenberg rufen, daß er fein Hofmaler würde Aber in Wittenberg waren nicht Tannen und Berge, nur flache Felder um ein« durstige Stadt, und Ziegelmauern, gespiegelt im gelben Wasser der Elbe. Er malte danach, was dem Kurfürst gefiel und seinen lüsternen Herren; aber die Lust des Frühlings verrieselte mählich im Sand, und das Glück des Wunders in feiner Seele. Er trug eine Kette um feinen Hals, da er alt war, und wurde als Bürgermeister der Kurfürstenstadt an der Elb« Lukas Kronach geheißen, der die Schilderkunst mit flinken Gesellen betrieb, j als ob sie ein ehrsames Handwerk wäre, zu Nutz und Frommen dem , Mann, der es mit sauberer Sorgfalt bediente.

i Das wunderschöne Bild der Ruhe auf der Flucht') indessen ist heute noch zu sehen, und zwar im Kaifer-Friedrich-Museum zu Berlin. Hängt j aber auch als ein schöner farbiger Druck in meinem Zimmer am Boden« i f« an der Wand, und kann in jedes Haus kommen, feinen Segen m ! bringen.

Bleisoldaten.

Bon Wolfgang Goetz.

Als ich mein drittes Weihnachten erlebte, hatte die Großmama es nicht bei dem Wachsstöckchen von 1840 bewenden lassen, sondern zwei schöne wärmende Röckchen gestrickt. Sie lagen aus dem Gabentisch rechts und links; in feiner Mitte aber strahlte es von blitzenden Rüstungen und wallten bunte Federn über geschloffenen Visieren: ein winziges Turnier. Ich schob die mühsamen Handarbeiten entschieden beiseite mit den Wor­ten: Fod damit, hört nis hieher! (zu deutsch: Fort damit, das gehört usw.) und ergab mich durchaus der Seligkeit im Betrachten eines glänzenden Geschehens. Ich bin, wie man sieht, heute noch der Meinung, daß Weih­nachten nichts Nützliches, sondern höchst Unnützliches, rein Spielerifcbes heischt.

Gleichviel; jenem Turnier folgten sie denn nach und nach, zu den Geburtstagen und Christfesten, die kleinen Kerls in Schwadronen und Batterien und Bataillonen, mit den Blechmützen, Pickelhauben, Raupen­helmen, Dreimastern, Tfchapkas, Bärenmützen, den Arkebusen, Vorder- labern und Zündnadelgewehren, Linie und Garde, Dragoner, Husaren, Ulanen, Deutsche, Franzosen, Engländer, Oesterreicher, ja, der auf dem Mollwitzer Schimmel war zu sehen, und jener im grünen Frack:Er trägt ein Meines Hütlein, und auch ein einfach Kleid, und einen kleinen Degen, den trägt er an der Seit'", auch Kaiser Maximilian ritt einsam daher, der Schwedenkönig leider schon angeschossen und darum nur selten verwendbar, und fein blaues Regiment Ingermanland, das Regiment Kaluga und fein junger Chef, Prinz Wilhelm von Preußen, der'iron duke im blauen Rock früher hatte er einen roten, aber das wäre

*) Unsere Leser werden eine gute Reproduktion in der nächsten Num­mer unsererHeimat im Bild" finden