Ausgabe 
28.5.1927
 
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Jahrgang $927

Samstag, den 28. Mai

Nummer §2

GiehenerKmilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Avend im Frühling.

Bon Johannes .Heinrich B r a a ch.

Ich habe Rast in einem Mühlenwerk gemacht. Der Wasserfall am Wehr rauscht hellen Schall, im Gatter scharren Pferde, und aus Holunderhecken lockt Drosselschlagen durch die junge Stacht. Mit Sternen ist der Himmel überschüttet, und wie ein alter Kutscher seinen Wagen lenkt eine unsichtbare Hand des Mondes Silbersichelband um uns're müde, schlafbefang'ne Erde. Traumwellen schwellen über Flur und Land.

Und sieh:

Aus ncuergrimten Gründen, aus Blütenwundern, die der Frühling schuf, aus Auen, Tälern, Schroffen, Schrunden bricht es hervor

wie auf Geheiß von Zauberruf, umrauscht von hundertstimmigen Gesängen', umstrahlt von Licht, von Wunden entbunden, der Heimat Gesicht.

Erste Thealererlebniste.

Bon Karl Scheffler.

Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem im In sei - Aerlag zu Leipzig erschienenen BucheDer junge To- b i a s" von Karl Scheffler, das den als Kunstschriftsteller und Essayisten hochangefehenen Verfasser in einem ganz neuen Lichte zeigt. Sein Buch, die Lebensgeschichte eines jungen Handwerkers, der sich in vielfach gehemmter Selbstlehre zu einem geistigen Arbeiter entwickelt, em Bekenntnis ohne Scheu und fatsche Scham, ist einer jener Rechenschaftsberichte, die die Deutschen seit 150 Jahren zu schreiben und zu lesen nicht müde werden. Denn Johann Schüler, der Held der Erzählung, ist ein später Enkel Wilhelm Meisters, Jung-Stillings, Anton Reisers, Heinrich Lees und vieler anderer, die auszogen, sich selbst in der Welt ihrer Zeit und diese Welt wiederum in sich selbst zu suchen. 233

Die erste Theatervorstellung sah Johann in einem rvandernden Wachs- figursntheater, das jeden Winter in das Dorf kam und in einem Tanz­lokal spielte. Die Wachsfiguren waren fast lebensgroß und wurden von einem Schnürboden aus an Drähten dirigiert. Es wurden nur wenigs Stücke gegeben. Zuerst beschwor Faust die Teufel und wählte sich den schnellsten aus. Dann kam die Geschichte der Genoveva. Und den Beschluß machte eine groteske Diebesschnurre. Die mittelalterlichen Mysterien können von einer gläubigen Menge nicht atemloser und mit schauerlich süßerem Gefühl genossen worden sein, wie Johann diese Puppenkomödien ansah, inmitten eines aus Kindern, Knechten und Dienstmädchen bestehen­den Publikums dasitzend. In dem willenlosen Schlenkern der Beine beim Gchen, in dem Hüpfen und Schweben, in dem starren Gesichtsausdruck der Puppen lag etwas Unheimliches und Drohendes. Alle Schauer der Tragödie fühlte er, wenn sich die rührende Geschichte der Genoveva ent­wickelte und die'Schurkerei Golos Unheil anrichtete. Nie hat das Theater später diese ersten Eindrücke eigentlich überbieten können, nie haben lebendige Schauspieler ihn tiefer ergriffen als dies« Puppen mit ihren unwirklichen Bewegungen; nie hat die Stimmung 'der Bühne ihn tiefer berührt als in diesem ganz primitiven Wandertheater. Johann brauchte später nur zu wollen, und er hatte gleich wieder den alten, schlecht er­leuchteten Tanzsaal vor Augen, der aus der Diele eines Bauernhauses entstanden war, an dessen einem Ende auf wackeligen Bänken ein spär­liches Publikum saß, und in dessen Dämmerung die Bühnenvorgänge ganz geisterhaft wirkten. Cs war wirklich, als wäre die Zeit stehen ge­blieben, als wären mittelalterliche Menschen versammelt, um der Dar­stellung einer Volkssage zuzusehen; mit Johann schien das ganze Pu­blikum, schien die Marionetten hafte Darstellung und das hohl vom Schnürboden herabschallende Wortpathos jung zu sein und noch üef im Kmdesalter der ersten Lsbensverwunderung zu stecken.

Das nächste große Thsalerevlsbnis hatte Johann an jenem schon er­wähnten Winterabend, als die Eltern ihn zum ersten Make mit ins Stadt- theater nahmen- Eigentlich hätte schon der Anblick des großen, festlich

erleuchteten Theaterraumes oben vom Rang herab genügt. Die viele« festlich gestimmten Menschen, ihr Durcheinandersprechen, das Klappern der Sitze, dazu der hundertkerzige Glanz des Kronleuchters, die reich be­malte, goldverzierte Decke, das Wunder der Rangarchitektur, der mit einem Gemälde geschmückte große Borhang, und dazu das erregende, auf unerhörte Herrlichkeiten vorbereitende Stimmen und Probieren im Or- chester. Die Geiger und Flötenspieler fuhren geschwind die Tonleiter hinauf und hinab, die Violoncellisten und Bassisten brummten mit tieferen Tönen dazwischen, der Paukenschläger zog die Schrauben an und pro­bierte leise den Ton, der Oboist drang mit seinen Tönen durch den Tumult und gab das a, und gleich fielen alle Jnstrummts ein, warfen sich auf den Ton und seine Quintenklänge, um dann wieder in höhere Regionen kunst­voll hinauszuklettern oder im tiefsten Baß zu murren. Dann kam der Dirigent, es wurde still, die Ouvertüre begann mit einem jubelnden Auf­rauschen aller Instrumente, und es war, als wäre das, was tief ver­borgen, ungekannt noch in der Seele lag, plötzlich zur strahlendsten Wirk- lichkeit geworden.

Zuerst wurde ein Weihnachtsmärchen gegeben. Mit großem Theater­apparat, mit Feen, Zauberern, Donner, Blitz, Versenkungen und wirk­lichem Regen. Zwei Waisenkinder beschlossen, in die weite Welt au gehen als sie vom Grabe der Mutter Abschied nahmen und dort einschliefen' stieg der Geist der Verstorbenen in blau schimmerndem Licht« hinter dem Grabhügel auf und segnete die Kinder. Dann kamen volkreiche Städte, hohe Säulenhallen mit einer festlich geputzten, tanzenden Menge, ein grausamer König wurde von einem armen Besenbinder bestraft, indem dieser mit einem Wort aus allen Kulissen prügelnd« Besen heroorzaubert«. Am Ende wurde die Tugend belohnt, und unter dem freudigen Getöse des Orchesters gab es eine Apotheose. Damit war der Abend aber noch nicht zu Ende. Auch die Erwachsenen sollten auf ihre Kosten kommen; es folgte eine Oper, und da di« Kinder allein nicht nach Hause geschickt werden konnten, durften sie dableiben. Joses trat auf, vor einem Hintergrund von Palastarchitektur, und besang sein trauriges Jugendschicksal. Dann kamen die Brüder mit alttestamentarisch strengen Gesichtern. Und am Ende erschien der hübsche Bsnjamin, dem von allen geschmeichelt wurde. Die Begebenheiten zogen dem Knaben unverständlich vorüber, die Musik rauschte bald nur noch am Ohr vorbei. Es war zuviel, um es auf- zunehmen, die Sinne waren wie betäubt; es blieb nur di« Stimmung des Ganzen. Diese Stimmung aber wirkte bis in die Tiefe des Lebens- gefühls und bestätigte eine zweite höhere Wett.

Dieser Besuch des Weihnachtsmärchens im Stadttheater fand nur ein­mal im Jahre in den Weihnachtsferien statt; er gehörte zu den Fest­geschenken und fiel nur aus, wenn die Kinder für ein schlechtes Schul­zeugnis gestraft werden sollten. Da auch die Kameraden vom Schulweg die Vorstellung besuchten, kann man sich denken, wie das Ereignis jedes­mal vocher besprochen und nachher erläutert wurde. Jede Szene wurde wieder durchgenommen, jeder Schauspieler gelobt, jode Dekoration be­wundert. Aber die Kinder blieben beim tatlosen Bewundern nicht stehen. Aus den Theaterbesuchen entstand der Entschluß, selbst Puppenspiele zu veranstalten. Cs gab damals schmale, kleine Bücher mit Texten für Puppenspiele in den Papierhandlungen zu kaufen. Diese wurden nun erworben. Dann wurden die dazu gehörigen Bilderbogen gekauft, die Figuren und Requisiten wurden mit der Schere ausgeschnitten, auf Pappe geklebt, unten mit einem Holzklotz versehen, damit sie stehen konnten, und an lange Fäden geknüpft. Eine Bi'chne mit Vorhang, mit Kulissen und Hintergründen für mehrere Stücke besaßen die Söhn« des Krämers. Diese Bühne mürbe auf einem Tisch aufgebaut, in eine Türöffnung gerückt und der oben und unten offene Türraum wurde mit Stofs verkleidet, so daß bei hochgezogenem Vorhang nichts zu sehen war als die offene Szene. Das Warenlager des Krämers gab die nötigen Werkzeuge und Hilfs- mittel her, das Buntpapier, die rote rind grüne Gelatine, die bei Sonnen­untergängen und Mondschein vor die Lichter in den Krilissen gestellt wurde, und diese Lichter selbst. In den Zuschauerraum wurden Stühle und Bänke geftellt, Ankündigungen wurden geschrieben, und die Knaben zogen während des ganzen Tages im Dorf umher, um Kinder für die Vorstellung zu gewinnen. Jedes der Kinder mußte fünf Stecknadel« bezahlen, kamen aber auch so herein, wenn sie keine hatten. Das Stück nahm dann seinen Anfang, nahm aber keineswegs immer einen glatten Verlauf. Denn die Regisseure hinter der Szene, die die Fi­guren dirigierten und den Text hevsagten, gerieten sehr bald in Meinungsverschiedenheiten und fingen Streit miteinander an. Entweder es fiel eine Figur um und mußte von oben mit der Hand hervorgeholt werden, was bei den Zuschauern einen höhnischen Jubel ausloste, es war eine Figur nicht rechtzeitig aufgetreten, oder es passierte sonst etwas. Die Zuschauer riefen den Spielleitern dann Ratschläge zu, diese antwortete« aus ihrem Versteck heraus, und das Stück wurde unterbrochen, bis der Schaden behoben war, die Figuren wieder zu tanzen und die Stimmen wieder zu deklamieren begannen. Gerade hierbei zeigte es sich aber, wie willig bte Phantasie der Kinder ist. Die Störungen konnten die Illu­sionen nicht verderoen. Wenn die Puppen wieder an ihren Schnüren hin