Ausgabe 
27.9.1927
 
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Gießener KmiilieubMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang {927 Dienstag, den 27. September Nummer 77

Das Geschenk.

Von Carl S p i t t e l e r.

Mir träumt', ich schlummert' unterm Weidenbusch Am Vachesufer, auf der Himmelswiese.

Und mit dem Wasser tarn ein schöner Mann Im Boot dahergefahren. Längs der Fahrt Bog er die Büsche auseinander, spähte In das Versteck und reichte links und recht» Geschenke, welche er dem Boot enthob.

Wo er vorbeizog, scholl ein Dankesschluchzen. Und aus len Wellen jang's wie Orgelstimme: . Kleingläubige Zweifler, habt ihr's nicht gespürt? Ihr mußtet leiden, daß ihr lerntet wünschen. Ihr mußtet wünschen, daß ich euch's gewähre. Was jeder im verschwiegnen Seelengrund Crsehnt, die Träume, die dem eignen Herzen Er nicht verriet, ich habe sie gebucht. - Nehmt hin, ich kenne jedes Menschenherz! Nehmt hin, ich kenne jeder Seele Sehnsucht!" Allmählich tau ec auch zu mir. Neugierig Schärft ich den Blick, denn keines Wunsches war I

ch mir geständig. Da entstieg dem Nachen Ein strahlend Frauenbild, vertraulich winkend, Eilte auf mich zu und lachte mir ins Auge: Kleingläubiger Zweifler, hast du's nicht gespürt?" Dann nahm sie meine Hand und führte mich Durch blumige Tristen nach den blauen Berge Viel Fenster lugten aus den Weg, dahinter Gesichter, deren Grüße uns vermählten. Wir aber zogen miteinander weiter 'nd immer weiter über Berg und Tal, -hne Verdruß und ohne Müdigkeit, is wir verschwanden in gottinniger Ferne.

BsgLANUngsn mit Hermann Sudermann.

Zum 70. Geburtstage des Dichters.

Von Dr. Karl Neurath.

Hermann Sudermann ist ein überlebter Dichter. Das war vor einem knappen Jahrzehnt di« Meinung jener Kritik, der es nicht um -per» sönlichkeiien und Werte, sondern um Schulen und Kliquen geht, war die gewisse Zuversicht der Jüngsten und Allerjüngsten, die es inzwischen zwar zu hymnischen Lobgesängen von Freundeshand, aber zu keinem wesent­lichen Werk gebracht haben. Da erschienen di«Litauischen Ge­schichten", ein Buch von so vollem und klarem Guß, von so stacker und dichterischer Krast, daß ein allgemeines Aufmerken war, und selbst die wildesten Neider verstummten, statt ihr übliches Hohtweschrei anzu- stimmen Denn das war ja Sitte geworden, seitdem die Tafelrunde der Zwanglosen" ihr Patenkind Gerhart Hauptmann von den uner­hörten Erfolgen Sudermanns bedroht glaubte, zumal der Schlesier gerade damals von dem Leipziger Literaturhistoriker Kluge über die Maßen scharf bekämpft wurde. Die Massensuggestion war durchbrochen und die Besinnlichen sahen sich gezwungen, ihre Meinung von dem Ostpreußen zu überprüfen und das gesamte Werk des Dichters mit kritischer Sorg­falt zu überblicken, losgelöst von den vielfältig beeinflußten Ansichten des Tages. Diese eigentlich' selbstverständliche, im besonderen Fall aber doch neue Betrachtungsweise wurde durch die große Gesamtausgabe des Cotta- fchen Verlages sehr wesentlich gefördert.

Aus dieser Betrachtung ergibt sich denn ein überraschend reichhaltiges, vielseitiges Schassen. Die Fülle herzhafter, klargeschauter, sicher wieder- gegebener Gestalten verblüfft und zeigt ein Lebenswerk, das bei allen kritischen Vorbehalten im einzelnen doch eine hohe Achtung abzwingt im ganzen. Er ist ein treues Spiegelbild feiner Zeit, und wenn auch manch­mal die theatralischen Effekte überwiegen, wenn der Wille, den Zuschauer zu fesseln und zu spannen, auch manchmal oder selbst oft dabei die innere Wahrheit preisgibt, wenn Sudermann so häufig romanhaft wirkt, so ist zu erwägen, daß das alles auch auf den älteren Ibsen zutrifft, wenig­stens bis zu einem gewissen Grade, nur daß er deshalb nicht leidenschaftlich übers Ziel hinausschoß, weil er ohne Leidenschaft war.

Unbillig wäre es, Sudermann allein nach dem minder Gelungenen zu beurteilen: zu betrachten bleibt das Wesentliche, das Besondere. Und das ist eine ganz« Fülle: das meiste davon geschrieben zu einer Zeit, wo die gesamte Kritik der Reichshauptstadt, und die damit versippte, gegen ihn stand, ihn mit Hohn und Spott überschüttete, wo er, wie er mir sagte, vor der Frage stand, entweder an der Kritik zugrunde zu gehen wie Grill­

parzer, Hebbel und andere oder aber ruhig und unbeirrt weiter- zuschreiben. Da er Ostpreuhe war, also einen harten Schädel hatte, siet bi« Entscheidung nicht schwer, aber es war nicht immer leicht: er hat sehr darunter gelitten. Doch allmählich ist sein Rückgrat steif geworden.

Der Dichter erzählt es heut« mit der ruhigen Sicherheit des Abge­klärten, aber es liegt eine schmerzliche Falte um seinen Mund. Man denkt unwillkürlich an Goethes wehmüttge Aeußerung, daß es ihm eia Leichtes gewesen wäre, eine Menge solcher Stücke zu schreiben wie den Cluvigo", wenn er nur ein wenig Anerkennung bei der Kritik gesund«» hätte. Und man überlegt ein weiteres. Wenn in Frankreich, in Italien ein dichterisches Werk von einigem Rang erscheint, dann ist künftighin kein Streit mehr um den Namen, um den Rang des Dichters. Bei uns in Deutschland muh sich jeder, fast ausnahmslos jeder, mit jedem neuen Wert erneut seine Bestätigung erkämpfen. Derweil die Kritik aber gerade die Besten dem Publikum verekelt, werden Anny Woche, Courts-Mahler und andere Blaustrümpfe beiderlei Geschlechts in Massen verschlungen. Man braucht natürlich dieEhre" heute nicht mehr als vollkommenes Kunst» werk zu betrachten, aber man kann deshalb nicht leugnen, daß sie einmal einem Millionenvolk zu ihrer Zeit in allen seinen Schichten ein Erlebnis ohne jeden Vergleich war, und es einem guten Teil sicherlich auch heute noch sein wird.

Man spricht mit Sudermann, und ein ganzes, reiches Menschen!eben blüht aus. Der Graf Traft wird lebendig, der Mann, der fest und sicher in seinem Kreise steht, und von einer unter schweren Kämpfen und Schmerzen gewonnenen Lebensanschauung eines freien Geistes aus Über die' kleinlichen Miseren des Daseins spricht; geistreich, treffend, witzig jpricbt und doch mit jener Milde, wie.sie ein erfahrenes, verstehendes Herz ausftrömt. Man fühlt, daß hier innerstes Erleben ist, was einem oft als Literatur erschien, und man erkennt, daß die Verkennung Sudermanns auch ein gut Stück Verkennung des ostpreuhischen Wesens ist.. Doch seit» sam: dieser Ostpreuße hat es erleben müssen, daß ihn der deutsche Süden besser verstand, als der Norden. So wurde seineSchmetterlingsschlacht", eine ganz wertvolle Komödie, di« an einem und demselben Tage in Berli« verständnislos niedergeschrien und in Wien mit unendlichem Jubel aus» genommen. Von Wien aus machte sie ihren Weg durch ganz Süddeutsch» land, im Norden blieb sie unter dem Einfluß von Berlin zunächst un­beachtet. Mit tiefer Einsicht in das innerste Wesen des Deutschtums folgert er daraus eine heute noch wirksame Mainlinie, an der auch Hebbel und Grillparzer verhängnisvoll scheitern mußten.

Aber er war nicht ganz ohne Freunde. Mit inniger Rührung spricht er von Fontane, von Spielhagen, Brahms, Fulda, Omp- t e d a und vielen anderen, die ihm nähergetreten sind. Hauptmann fehlt darunter. Der beiderseitige Freundeskreis schob sich immer wieder äroifdjen die zwei Männer, die die wichtigsten Vertreter einer ganzen Generation sind, die beide über einen engen Kreis hinausgedrungen find in das Volk.

Sudermann auf der Probe. Alles lebt an dieser straften, beweglichen Gestalt, die ihr Alter nicht erraten läßt. Mit einer unerhörten Eindrina- lidjfeit wirkt er auf die Darsteller ein; nichts ist ihm nebensächlich, nichts zu gering, um es nicht zu erklären, zu'betonen. Er bekümmert sich aber nicht nur um den Text, er bekümmert sich um alles; um Halsbinde und Stiefel, um Frisur und Varttracht. Man fichlt, wie jede Gestalt de» Werkes vor ihm stcht, wie er jeden ihrer Schritte, jeden Augenausschlag, jeden Atemzug kennt. Und so treibt er in unablässiger, angestrengtester Arbeit bas Werk so weit, daß er sagen kann: so habe ich es mir gedacht. Und die Darsteller sind ihm dankbar, ordnen sich willig und gern unter, denn sie fühlen, daß sie in sicherer Hut bei ihm sind, und freuen sich des Erfolges, freuen sich auch der Anerkennung, die er ihnen dankbar abftattet

Für Anerkennung ist er, wie jeder Schaffende, natürlich nicht unems» fänglich, aber er geht mit stiller Bescheidenheit darüber hinweg. Um eingehender beschäftigt er sich mit Einwänden und Fragen. Und barmt hat er mancherlei zu überstehen. Und man muß zugeben: wie er einsm Charakter, eine Situation entwickelt, erklärt, von seinem innersten Gefühl aus deutet, bas ist sehr reizvoll und aufschlußreich.

Wir sind im kleinsten Kreis. Sudermann, die Familie, eine Freund« des Hauses, auch in Ostpreußen geboren. Nach zwei Minuten haben sie Dutzende von Bekannten, und es ergibt sich, daß Sudermann^ aufs Haar genau den und jenen aus dem kleinen Leben auf die große Bühne gelte® hat, von dem man behauptet«, er fei irgendwie sentimental oder verlogen. Aber wie di« beiden sich unterhalten, merkt man, daß es eine Stammes» eigentümlichkeit ist. Man braucht eigentlich nur die vielen Verkleinerungs- Wörter des Ostpreußen zu betrachten, um das zu wissen, aber wer den« zur rechten Zeit daran? .

Plötzlich mengt sich die Jüngste ins Gespräch. Sie hat Sudermanns Bild mit dem schönen Bart betrachtet und findet keine Aehnlichkeit. Die Größeren belehren sie. Aber es nutzt nicht viel. Da scheint sie begriffen zu haben. Sie kommt heran, legt die Hände auf ihren Rücken und fragt mit ihrer noch nicht fünftähigen Weisheit zutraulich:Warum hast du ; denn deinen großen Bark in Berlin gelassen?"