und sagte mit zitternder

treuen Freund

den 14. November 1883.

Dein Paul.

Verantwortlich: Dr. San8 Lhhrivt. Druck und Vertag: Drühl'sche Aniverf itätS-Buch- und Steindruckerei. D. Lange, Giehew

an, daß sie verwirrt die kränkt? Daß Sie in der

Edi Stevens.

London, den 25. November 1883.

machen.

Lebe wohl, lieber Edi, mit herzlichem Gruß

Paul sah die klein« Peppi so wehmütig Augen niederschlug.

Augen niederschlug.

Wissen Sie, Fräulein Peppi, was mich

Dache so furchtbar vernünftig sind."

Sie preßte die Hände auf die Brust ,

Stimme:Was hilft's dann, wann ich Sie hier hmeinschauen lass'?

Di« Korrespondenz der Freunde nahm ihren regelmäßigen Fortgang Auf seine Frage, was Pauls plötzliche Abreise veranlaßt habe, erhielt ®S keine Antwort, und er war zu feinfühlend und taktvoll, der Sache weiter nachzuspüren. Seine Besorgnis, daß zwischen Vater und Sohn ein Zwist ausgebrochen sei, schwand vollends, als er sah, daß beide miteinander Brief« wechselten, und daß Herr Martiirius fast täglich den Namen seine« Sohnes mit Herzlichkeit nannte. Es lag ja auf der Hand, Paul hatte dem alten Herrn von seiner Flamm« vorgeschwärmt, gar von Verlöbnis und Heirat gesprochen. Herr Martinius hatte ihm grinrdlich die Leviten gt* lesen und ihn zur Abkühlung nach England geschickt. Paul hatte klein bei­gegeben. Das klügste, was er tun konnte. Denn das war doch nur so ein» romantische Id«, di« Peppi Dornhöfer an den Altar zu führen. So t*r- nüiMg mußte er als der Sohn des Hauses sein, sich zu sagen, daß du Buchhalterin seines Vaters feine Partie für ihn war. Wo blieb denn da di« Rangordnung? Und was hätten di« Leute bei dieser Heirat 8** tuschelt. Auf di« Kundschaft hätte die Sache einen sehr schlechten Eindruck gemacht. (Fortsetzung folgt-)

Lieber Paul!

Ich muh Dir gleich schreiben. Mr ist das alles noch wie ein Traum. Hals über Kopf bis Du abgereist. Sonst hattest Du fein Geheimnis vor mir. Diesmal hast Du Dich ausgeschwiegen und mich in der größten Unruhe zurückgelassen. Du weißt, ich bin nie indiskret, aber wenn Du mich lieb hast, so sag mir, was geschehen ist. Hast Du Dich mit Deirrem Vater erzürnt? Du kennst mich, ich würde ihn um leinen Preis fragen. Er läßt sich nichts merken und ist gestern abend mit schweren Kom­missionen von einem Abstecher nach Lauterbach zurückgekommen. Pe­troleum ist noch höher gegangen. Peter Mannsseld hat seine Zahlungen eingestellt. Wir kommen mit einem blauen Auge davon. Ich habe dem Mann nie so recht getraut Ich werde jetzt manchen Abend einsam auf meiner Stube sitzen müffen. Gestern hab' ich bte Braut von Messina fertig gelesen. Die Tränen standen nur In den Augen. Wie schauder- haft ist der Brudermord. Und daß der Don Cesar nicht am Lebe« bleiben will, wie ihn sein« Mutter so herzzerbrechend bittet. Und das alles wegen der unglücklichen Beatrice. Denk 'mal, wenn heutzutage so was passierte? Und die Geschichte soll sich doch wirklich so in Messina zu- getragen haben. Und was der Chor am Schluß spricht:

Ich möcht's aber für mein Leben gern."

Beim Abschiednehmen hätt' ich's Ihnen doch gesagt."

Was, liebes Fräulein Peppi?"

Daß ich Ihnen gut gewesen bin, Herr Paul."

Also doch!" laä)te er glücklich, zog die leicht Widerstrebende an sich uni) drückte auf ihren Mund einen Kuß.Jetzt dürfen Sie nimmermehr fort, Fräulein Peppi. Gleich geh' ich zum Vater und mach's klar zwischen uns. 's mag kommen wie's will."

Herr Martinius hatte einen guten Tag. Der Handelsbericht seines Leibblattes meldete eine enorme Preissteigerung vom Petroleummarkt. Herr Martinius hatte ä la Hausse spekuliert und schwelgte in dem Vor­gefühl, sein« großen Vorräte mit bedeutendem Nutzen verkauft zu sehen.

Petroleum in Neuyork 6,75", rief er seinem Sohn entgegen.Ich hab' einen guten Riecher gehabt. Wir machen einen feinen Schnitt."

Paul nahm die heitere Laune seines Vaters als ein gutes Zeichen und rückte ungesäumt mit seinem Heiratsprojekt heraus. Herr Martinius gehörte zu den Leuten, die immer auf dem qui vive sind, die nichts über­rascht und, was auch geschehen mag, ihre Haltung bewahren. Völlig ruhig ließ er den Redestrom des feurigen Liebhabers an sich vorüberrauschen und sagte dann mit einem Gesichtsausdruck, der sich aus einem Gemisch von Überlegenem Spott und väterlichem Wohlwollen zusammensetzte.

Schön, mein Sohn. Wie alt bist du doch gleich?"

Achtundzwanzig."

Ganz recht. Guck' Paul, ein anderer Mensch ist mit achtundzwanzig Jahren in sich fertig. Den braucht man nicht mehr am Gängelband zu führen. Das sind jetzt sieben Jahre her, daß ich dich ins Geschäft ge­nommen hab'! Damals war's so weit mit dir gekommen, daß die Leute mit Fingern auf dich gedeutet haben. Was ich da alles in mich hinein­gefressen hab', hat kein Mensch erfahren. Aber ein Vater trägt seinem Kinde nichts nach. Hier bei mir hast du gut getan, das ist wahr. Gott sei Dank, hab' ich gedacht, nun hast du ihn endlich zur Raison gebracht. Heut wird's offenbar, du bist doch noch der alte Schwiemelkopf. Sonst kämst du mir nicht mit so dummen Possen"

Das nennst du dumme Possen, Vater?"

Unterbrich mich nicht. Ja, was bild'st du dir denn eigentlich ein? Wie ich so alt war wie du, halt' ich ein Stück Welt geseh'n und mir di« Hörner abgelaufen. Und du bist, meiner Treu', noch nicht über unsre Stadtmauer hinausgekommen und predigst mir hier was vor von Lebens­glück und Liebesroman? Wahrhaftig lächerlich! Mit dir mach' ich kurzen Prozeß. Du gehst mir jetzt nach England."

Gut, Vater. Aber wenn ich heimkomm', ist's ganz dasselbe. Ich lass' von dem Mädchen nicht."

Nur sacht', Hitzkopf! Wie viele hübsche Lärvchen werden dir noch über'n Weg laufen, wo dir das Herz schockeri. Ich kenn' meine Pap­penheimer."

Ich mein; jeder mutz sich selbst am besten kennen, Vater."

Herr Martinius schüttet« gleichmütig ein« Kaffeeprobe auf die Tisch­platte, als sei die Sache für ihn abgetan. In Wahrheit besann er sich, wie er Herr der Situation bleibe, und blitzartig schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.

Was soll ich mich denn für nichts und wieder nichts mit dir herum- streiten. Ich will dir einen Vorschlag machen."

Nun?"

Zwei Jahre bleibst du weg. Kommst bu dann heim und hast deinen Sinn nicht geändert, sollst du sie haben, die Peppi Dornhöfer."

Ist/das dein Ernst, Vater?"

Mein völliger Ernst."

Und wann soll ich reisen?"

Je eher, je lieber. Und das bind' ich dir auf die Seel', du läßt mir die Dornhöfer jetzt ganz in Ruh. Ich duld' kein Süßholzgeraspel mehr. Und von drüben wird nichts geschrieben. Das Mädchen läuft dir nicht weg. Ich will, du sollst deine Freiheit haben. Ist dein« Verliebtheit so schrecklich groß, hält sie die Probe aus. Bist du's zufrieden?"

.Lawohl, Vater. Ich denk', daß du's gut mit mir meinst."

Das denk' ich auch. Und was wir hier gesprochen haben, bleibt unter uns. Das versprichst du mir."

Ja, Vater."

Und jetzt hab' Charakter und mach dich parat."

Lieber Paul!

Gottlob, daß es Dir gut geht. Wir haben einen großen Schreck gehabt und einen harten Verlust zu tragen. Der Repetent feierte seine« Namenstag. Dein Vater hatte ein« Flasche Laubenheimer auffahren lassen und stieß eben mit Herrn Weizenlust an, als die Lina herein» stürzte und meldete, der Frau Krämer sei m der Küche schlecht ge­rn orben. Als wir hinauskamen, lag die Aennste entseelt am Boden. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ganz plötzlich ein Ende gemacht. Wir betrauern sie aufrichtchig. Sie war eine herzensgute, brave Person, di« kein Falsch kannte. Dienstag ist sie begraben worden. Dein Vater will nun gar keine ältere Person mehr ins Haus nehmen. Fräulein Dorn­höfer überwacht die Haushaltung, ohne daß sie darum ihre geschäftliche« Pflichten Prnachläfsigt. Sonst geht alles seinen gewohnten Gang. Das neue Jahr läßt sich gut an, wir sind vollauf beschäftigt. Ich habe mich Überreden lassen, einen Tanzkursus bei Böhmer mitzumachen. Der possierliche Mann hat seine Last mit mir gehabt.Was für Beine, was für schreckliche Beine, Herr Stevens!" war seine ständige Redensart. Endlich hab' ich's kapiert, beim Walzer komm' ich noch nicht recht herum. Uebermorgen gibt Böhmer seinen Ball. Weil wir aber de« Todesfall im Haus gehabt haben, geht mirs gegen die Natur, hin­zugehen. Die Frau Krämer hat mir so manchen Bissen zugesteckt, und wie die Mutter starb, war sie doppelt zutunlich. Das vergess' ich ihr nicht. Am liebsten hock' ich abends bet meinen Büchern. Das ist doch eine Welt für sich. Nur schade, daß ich eine so geringe Schule durck- gemacht habe, es geht einem doch viel verloren, was man gar nicht versteht. Da bist du mir weit über.

Der Repetent klagt über Gicht, er hat aber neulich siebzig Mark in der Braunschweiger Lotterie gewonnen. Das vergnügte Gesicht hättest Du sehen sollen. Ich schließe, weil es bereits auf Mitternacht geht.

In treuer Freundschaft

Dein Edi Stevens.

London, den 9. Januar 1884.

Lieber Edi!

Di« Nachricht vom Tode unsrer lieben Frau Krämer hat mich sehr betrübt. Sie war eigentlich meine Vizemutter. Sie hat mich aufgezogen und mich gehalten wie ihr eigenes Kind. Jetzt tut mirs weh, daß ich mich so oft ungeziemend gegen sie benommen habe. Bestelle einen schönen Kranz für mich und lege ihn auf ihr Grab. Wie wir hier arbeiten, davon habt Ihr zu Hause gar keinen Begriff. Das geht mit einer Früh­stückspause den ganzen Tag durch, immer in einer Hetze. Nur am Sonn­tag rührt hier keiner die Hand, da ist's, als wenn's den Leuten zuviel wäre, einem etwas Warmes kochen. Di« Herren Herbst Brother» wohnen im vornehmen Viertel, Kensington Gardens, und fahren jede« Tag mit der Eisenbahn in die City, wo unsre Bureaus sind. Ich glaub«; die Herren sind unermeßlich reich. Sie sind aber kulant gegen ihr Per­sonal, und ich habe mich über nichts zu beklagen. Das Gedränge und Getriebe in den Straßen ist ungeheuer. Es liegt immer eine Dunstwolt« über der Stadt. Daher muß man hier am hellen Tag noch Lickt brennen. Heimisch werde ich hier nicht, aber ich profitier« etwas. Manch- mal kommt mirs vor, als hatte ich jetzt erst die Mnderschuhe aus­getreten. Ich schicke Dir «inen Führer durch London unter Kreuzband. Da kannst Du Dir doch ungefähr ein Bild von der Größe der Stadt

Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der liebel aber größtes ist die Schuld", das geht einem durch Mark und Bein. Fräulein Dornhöfer hat von Deinem Vater fünfundzwanzig Mark Zulage erhalten. Sie führt jetzt auch das Versandbuch und ganz musterhaft. Wie kommst Du denn mit der Sprache zurecht? Der Repetent läßt vielmals grüßen. Du möchtest Dir doch die Westminster-Abtei und das Britische Museum ansehen. So was gäb's in der Welt nicht zum zweitenmal. Antwort« bald Deinem

Lieber Edi!

Herzlichen Dank für Deinen Brief. Ich bin wohlbehalten hier cm» gekommen, aber in« Ueberfahrt war sehr stürmisch. Die Herren Herbst Brothers haben mich sehr freundlich aufgenommen. Es ist ein riesen­großes Geschäft mit siebzig Kontoristen. Ich bin zuerst in einem Boar­ds ng house abgestiegen. Jetzt habe ich in einer anständigen Familie volle Pension. Mit der Sprache hapert es noch sehr. Bon der Stadt habe ich bis jetzt so gut wie nichts gesehen. Ich habe unbändig viel zu tun. Für heute mußt Du mit dieser kurzen Mitteilung vorlieb nehmen.

Dein Paul.

. . . ., den 4. Januar 1884.