Es mutet ja ein wenig unwahrscheinlich an, daß ein zärtlicher Later sich gleich damit zufrieden gibt, wenn fremde Leute ihm Len Tod der Tochter melden, daß er gar nicht weiter nachgeforscht und sich um Begräbnis und Familienurkunde nicht weiter gekümmert haben soll, aber aus eine Unwahrscheinlichkeit mehr oder weniger kommt es der Memoirenschreiberin nicht an.
Nun ist sie also Billets Weib, ist es aber nur der Form nach, denn mit der ganzen Sachkenntnis und Stärke, die man einer Zwölfjährigen zutrauen kann, entzieht sie sich dem Gatten, der sie aus Rache gleich einer MaU behandelt und arbeiten läßt. Selbstverständlich unternimmt sie Fluchtoersiiche aller Art, die aber stets scheitern: das eine Mal hat sie vergessen, ihren Schmuck mitzunehmen, und muh, da sie keine fluffigen Barmittel bei sich hat, wieder umkehren, und ein anderes Mal steigt em noch viel schrecklicheres Hindernis auf. Der Gatte hat die seelisch Zusammengebrochene in ein kleines Bad unfern der Schweizer Grenze gebracht, un-d auch hier unternimmt sie alsbald, im notdürftigsten Baüe- anzua, einen Fluchtversuch. Hat auch schon beinahe die rettende Grenze erreicht und ruht nun im Gefühl der Sicherheit, aber auch recht mnde, in einer Walddichtung, die auf eine Wiese blickt. Wie bei allen echten Romanheldinnen hatte sich auch bei ihr das Haar gelöst (es wallte sicherlich bis zur Erdei), und wie sie jetzt tief erschöpft an einem Baum lehnte, fühlte sie, daß sie an besagtem Haar gezupft wurde. Zuerst achtete sie nicht darauf, doch Las Zupfen wurde stärker, und als sie endlich den Kops wendet, bleibt sie erstarrt vor Schrecken. Wer hatte gezupft? Niemand- anders als — ein Bari Jawohl, ein leibhaftiger Bär! Dian begreift, daß enad) solchem Abenteuer halb tot wieder in ihr kleines Bad und später ihr Provinznest zurückkehrte, bis endlich nach zehnjähriger Ehekampagne Herr Billet die Position aufgab und seine widerspenstige Gattin nack) Paris entließ. Dort waren inzwischen freilich alle gestorben, die einst Stesanie-Luise geliebt und bewundert hatten, und die ihre hohe Abkunft hätten bezeugen können! Nur der abscheuliche legitime Conti lebte noch, hütete sich aber wohl, die plötzlich aufgetauchte Schwester anzuerkermen oder auch nur ein einziges Mal zu empfangen!
Doch Stefanie Luise läßt sich nicht entmutigen, und wenn man sie hört, steht sie immer wieder am Vorabend des Glücks. Allerdings nur am Vorabend, denn sobald der Glückstag anbrechen soll, stellt sich ein böser Zufall oder auch eine Katastrophe ein und reißt der Dürstenden den Becher von den Lippen weg. Am 6, Oktober 1789 soll sie von M a - rie Antoinette empfangen werden, da ereignet sich ausgerechnet an diesem Tag der schreckliche Pöbelzug nach Versailles. Am 20. Juni läßt ihr der jüngste Bruder des Königs, Graf Artois, sagen, daß er sie als seine Cousine anerkennen will. Doch schon am nächsten Tage emigriert er und kehrt erst mit der Restauration zurück. Das Jahr daraus gelingt es ihr, in der Uniform der Nationalgarde, mächtig bewaffnet, dem Königspaar beizustehen und nicht nur die Zusicherung einer Jahresrente, sondern auch die feste Aussicht auf den Posten als „Surindentante" zu erhalten, den ehedem Frau von Lamballe bekleidet hatte. Leider aber kommt der böse 10. August dazwischen, und das Königspaar ist nicht mehr in der Lage, Jahresrenten und reichdotierte Posten zu vergeben, denn es wandert in den Schutz, d. h. Gefängnis der Nationalversammlung . . .
Stefanie Luise ist jetzt so recht in ihrem Element. Zunächst setzt sie die gerichtliche Scheidung ihrer Ehe durch, damit sie endlich dm verhaßten Namen „Billet" ablegen und fid) offen zu ihren königlichen Verwandten bekennen kann. Viel Roheit muß sie darob ertragen, aber es erfüllt sie mit stolzer Freude, wenn der Pöbel sie „Tochter Capets" schimpft. Cs stört sie auch nicht, daß sie bettelarm geworden ist. Geduldig steht sie beim Morgengrauen vor dem Bäckerladen an, holt ihren Gratis-Laib Brot, den sie sofort wieder verkauft, um ein paar Sous in der Hand zu haben, für die sie ein wenig Gemüse ersteht. Durch einen Sturz ist sie ein Krüppel geworden, schleppt sich an Krücken dahin, doch ungebrochen ist die Hartnäckigkeit, mit der sie von Amt zu Amt, von Behörde zu Behörde, von Minister zu Minister humpelt, um ihr Erbe, ihren stolzen Namen und wenigstens die Hälfte von dm Liegenschaften der Conti zu begehren. Vergebliches Bemühen! Sie besitzt ja keinerlei Dokumente, auf die ihre Ansprüche sich stützm könnten, keines, das ihre hohe Geburt bezeugt, ihre einzige Legitimation ist — ihr Totenschein. So verneint sie sich selber, gerade dann, wenn sie sich bejahen möchte, und bei aller Ehrfurcht vor Goethe liegt hier der interessantere, wenn auch nicht der tragische Konflikt dieses Frauenlebens, denn Stefanie Luise kann wohl beweisen, daß sie gestorben ist, nicht aber, daß sie lebt . . . Alle Gänge, alle Bemühungen sind vergebens — in den Kanzle im legt man ihre unaufhörlichen Gesuche allmählich ungelesen beiseite.
Einmal aber leuchtet noch ihr Stern auf: nach dem Sturz der Schreckensherrschaft barf sie die gefangene Tochter des Hingerichteten Königspaares im Temple besuchen und wird von ihr mit größter Freude empfangen. Mme. Royale (die bekanntlich unnahbar zeitlebens war und blieb!) nannte sie „Hiebe Cousine". Doch auch dies innige Band wird von Intrigen zerrissen, und später wird Mme. Royale sagen, sie hätte die „liebste Cousine" niemals gekannt! ... Für eine Weile kommt dann Stefanie Luise ins Irrenhaus, wird als Bettlerin entlaffen, landet in Orleans, wo niemand sie aufnehmen will, erhält schließlich in Anbetracht ihrer gräßlichen Armut ein Tagegeld von 30 Sous und richtet einen Tabakladen ein, auf dessen Schild „Bourbon-Conti" und m dem sie mit dem himmelblauen Ordensband über der Brust steht und für etliche Sous Tabak verkauft.
Nach der Restauration versuchte sie noch einmal hie königliche Familie für sich zu gewinnen, aber die eiskalte Ablehnung durck) Mme. Royale bewies ihr endlich, daß alles und für immer vergeblich fei. Inzwischen war sie auch alt und müde geworden, und so starb sie im Jahre 1825 aus einem Prellstein. Doch auf einem Prellstein gegenüber den Tuilerien ...
Das ist die Geschichte der Gräfin Monteairzin, einer Monomanin, deren Geschick auch ohne die Verklärung durch Goethe interessant genug wäre. Interessant durch die unerschütterliche Hingebung, mit der sie an einer A>ee festhielt. Zugegeben: an einer fixen Idee! Aber wer für einen Gedanken sich und sein Leben hingibt, verdient immer Achtung, und so mag denn diese natürliche Tochter für Augenblicke noch eine andere Wiederauferstehung haben als in der Dichtung Goethes . . .
Edi Stevens.
Novelle von Alfred Bock.
(Fortsetzung.)
Die Bayern waren ihm die Träger der deutschen Kulturidee. Soviel Norddeutsche jedes Jahr an die Isar wanderten, die Poesie der unvergleichlichen Kunststadt und ihres göttlichen Biers — er schnalzte laut mit der Zunge — würden sie niemals verstehen. Fräulein Dornhöser ging auf seine hall' komische, halb ernsthafte Weise ein. Ohne ooberlid) gebildet zu sein, besah sie jene flotte Redegabe, die dem Groh- tädter unter einer Fülle täglicher Eindrücke anfliegt und die der Klein- täbter mit geheimem Neide und unverhohlener Bewunderung stets als eine gewisse Ueberlegenheit empfindet. Die ganze Tischgenossenschaft war unter dem Einfluß der idealen Buchhalterin wie neubelebt und es ging eine behagliche Fröhlichkeit von ihr aus, die in dem ernsten Kaufmanns- Haus alle wie mit einem Zauber umspann.
„Du, Edi, wie gefällt dir eigentlich die kleine Münchnerin?" fragte Paul, als die Freunde eines Abends trauliche Zwiesprache pflogen.
„Gut", antwortete Edi.
„Gut, gut! Und so gleichgültig hingesprochen! Ist das ein Ausdruck für dieses Prachtmädchen? Mensch, du hast Fischblut!"
„Wer weiß." —
„Ich muh dir etwas anvertrauen, Edi. Die Kleine hat mir's angetan. Ich brenne lichterloh."
„Um Himmelswillen, im eignen Haus! Paul, du machst dich und das Mädchen unglücklich."
„Hör 'mal, du bist ein wunderlicher Heiliger. Als ob ich schlechte Gedanken hätte! Nein, Lieber, ich mein's ehrlich. Die Peppi braucht bloß „3a" zu sagen und wir halten den Versprich."
„Also hast du's ihr schon nahegelegt?"
„Noch kein Wort hab' ich mit ihr darüber geredet. Aber bas merk ich, daß sie mich leiden mag."
„Und dein Vater?"
„Da möcht's freilich nicht so glatt verlausen. Es ist doch fern Plan, ich soll die Wartmüllers Babette, die plumpe Bauerndirne, nehmen. Da sitzt viel Geld!" .....
„Dein Vater hat sich das halt jo auskalkuliert. Und rote ich ihn taxier', läßt er sich von dir so leicht keinen Strich durch di« Rechmmg machen." ,..
„Und ich verschwör' mich hoch und heilig, mit dem Klotz behäng tch mich nie und wenn er noch so schwer wiegt. Guck' Edi, da sind die Mädchen in der Stadt. Die was vorstellen und Moos haben, die wollen um's Leben keinen Detailhändler. Das muß schon ein Fabrikbesitzer sein ober ein Advokat ober ein Doktor. Und unsereins soll auf die Dörfer gehen und auf die reichen Bauernmädchen Jagd machen. Ja, wem Las paßt, der mag's in Gottes Namen tun. Ich will aber mein Leben lang nicht io’n Stück Möbel um mich haben, dem kein gescheites Wort aus dem Mund herauskommt. Und gerab’ die Peppi Dornhöser hat einen offenen Kopf. Die ist wie geschaffen für die Frau hier im Haus.
„Ich glaub’ schon, du hast Recht. Aber denk' an mich, du kriegst nut deinem Vater einen harten Stand."
„Edi, du bist so ’ne treue Seel' wenn du mir ein bißchen helfen roollfst. Der Vater fragt dreimal dich, eh' er einen andern hört."
„Nein," sagte Edi und eine brennende Röte überflammte sein Gesicht,' „ich bitt' dich um alles, laß mich aus dem Spiel. Ich hab' kein Ge- chick für derlei Sachen. Vierzehn Jahr' hab' ich mit dem alten Herrn im Frieden gelebt. Ich weiß, wo er kitzlig ist. Für's Geschäft ist mtr nichts zuviel. Aber in Privatangelegenheiten misch' ich mich nicht. Ja, das muht du mir wirklich zugut halten, Paul." —
Paul war verstimmt. Zum erstenmake erfuhr er von dem stets hilfsbereiten Freunde eine Ablehnung, und diese traf ihn um so empfindlicher, als er sich von Edis Fürbitte bei seinem Baier die beste Wirkung versprach. In seinem Herzen hatte eine heftige Neigung für die anmutige Münchnerin Wurzel gefaßt und «in leidenschaftliches Gefühl, das allmählich jede nüchterne Ueberlegung verbannte, drängte ihn, zu gelegener Stunde bei dem Mädchen feiner Wahl das entscheidende Wort zu sprechen. Die kleine Peppi sah ihn zuerst wie erstarrt mit großen, glanzlosen Augen an, bann lief ein Zucken durch ihren Körper und sie brach in ein krampfhaftes Weinen aus. , m <
„Aber liebe Peppi, was hab' id) Ihnen denn getan? fragte Paul bestürzt. _ _
Sie brauchte geraume Zeit, ehe sie ihre Fassung mieber^eroann.
Schau'» Sie, Herr Paul, Sie haben mir da förmlich einen Antrag gemacht. Und in allen Ehren, daß muh ich sagen. Wer ich schnür jetzt doch mein Bündel und geh’ wieder heim."
Paul stieg eine Blutwelle bis unter die Haarwurzeln.
„Sei'n Die nur ganz ruhig, Fräulein Peppi. Wenn ich Ihnen jo zuwider bin, dann mach' ich mich lieber fort. Die Welt ist ja groß.'
,Lch weiß gar nicht, daß Sie so zornmütig sind, Herr Paul. Ja, das darf ich Ihnen schon verraten. Sie wären mir gewiß recht. Son anständiger Mensch und so reich. Was sollt' sich dann ein armes Mädchen Besseres wünschen? Aber haben Sie sich das wirklich ordentlich überlegt? Ich glaub’ fast, nein." .. .
Paul ergriff ihre Hand. „Wenn wir nur einig sind, Fraulem Peppi. Hernach soll uns nichts auseinanderbringen."
,Ei, Sie müßten den alten Herrn doch kennen. Der hat die Zugel stramm in der Hand. Der wird Sie schön stäupen, wenn Sie ihm mit so Geschichten kommen. Die sind der Sohn vom Herrn, und ich bin bloß die Buchhalterin. Gelt', das wär' doch die verkehrte Weit, wenn wir zusammenkommen täten. Sie müssen mir's halt nicht Übel nehmen, daß ich so red'. Ach du lieber Gott, Herr Paul. Ich hab’ eine harte «chul durchgemacht. Ich bin vernünftig geworden. Und weil mir's ahnt, daß das doch jetzt zu nichts Gutem führt, pack' ich lieber meine Siebensachen. Was ist dann unsereins, wenn's sein bißchen Bravheit sortwirst? Aus den Augen, aus dem Sinn, Herr Paul. Der alte Herr hat für Sie ichon was warm gestellt. Aber hart wird mir’s doch, zu gehen. Also nichts für ungut, Herr Paul."


