der des
gsfäualingen hättet man zu ihrer der Wiege auf, bei Stefanie Luise ______ ftlXant
Wald und das Reh. seh' ich in allen
den den
So die
Türmerlied.
Von I. W. von Goethe.
Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt.
gefall' ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn, es sei, wie es wolle, es war doch fo schön!
Ich blick' in die Ferne, ich seh' in der Näh', Mond und die Sterne,
Die natürliche Tochter.
Von Curry Brachvogel.
Ums Jahr 1796 »der 1797 herum (es kann auch etwas fricher »der später gewesen sein) schreibt die junge, und. sofern man ihrem Bilde glauben darf, auch hübsche Frau Stefanie Luise Billet, geboren« Gräfin Montcairzin, angebliche Prinzessin Bourbon-Conti, „Beglaubigte Memoiren", in denen sie der Welt unwiderleglich beweisen will, daß sie eine illegitime Tochter des Prinzen Conti, also eine Dame ist, in deren Adern das königliche Blut der Bourbonen fliesst. Nur die Niedertracht der Hofkabalen und ein« entsetzliche Hofmeisterin haben sie um das höchste Gut — Legitimierung, Vorstellung in Versailles und unermeßliche Reichtümer — gebracht, Leidenschaftlich begehrt sie Zugehörigkeit zu einem Herrscherhause, das schon verweht ist, einen Titel,
logie, wenngleich sich anfänglich Handlung und einzelne Gestalten des Dramas eng an die Memoiren anschmiegen. Hier wie dort die illegitime, hochbegabte Tochter eines Herzogs, die an der Schwelle höchsten irdischen Glücks durch Intrigen und eine infernalische Hofmeisterm m die Provinz ver chlevpt wird, indes man ihrem bestürzten Vater oorspiegelt, daß sie qestorben fei. Dcmn über korrigiert Goethe bas Glück ober vielmehr bas Unglück seiner natürlichen Tochter, indem Eugenfe einem Mar Ärgerlichen, aber sehr edlen Gerichtsrat vermählt wird. Der natürlichen Tochter des Prinzen Conti ist es dagegen in der Che mit einem ebenfalls bürgerlichen aber keineswegs edlen Gerichtsbeamten beträchtlich schlechter ergangen, unb diese Ehe beschloß auch nicht versöhnend ein „Trauerspiel , sondern war eine Episode in einer menschlichen Tragikomödie, die ihren Abschluß im tiefften Elend fand. Wan kann die Goethesche Beugung der Wahrheit sehr wohl verstehen, weniger dagegen den tiefen Eindruck, den dies« aufgeregten hysterischen Memoiren auf ihn gemacht zu haben scheinen. Doch jeder, auch der größte Mensch, ist eben ein Kind seiner Zeit, und wenn Goethe inzwischen auch „besinnlich" geworden war, so hatte er doch einst die Leiden des jungen Wertster überschwänglich empfunden und
... ewige Zier, und wie mir's gefallen.
der nicht mehr existiert, Reichtümer, die entwertet oder konfisziert sind. Sie kritzelt und faselt und merkt in ihrem eigensinnigen Eifer nicht, daß ihr ein Unsterblicher über die Schulter guckt. Er liest, was sie da schreibt und phantasiert, und weilt über allem, was seine beneidete Hand berührt, ein Hauch von Ewigkeit schwebt, wird durch ihn auch dieser Torm, die nur Irdisches begehrt«, ein Quentchen Unvergänglichkeit zuteil.
„Die natürliche Tochter Goethes" ist nun allerdings von Prinzen Conti sehr verschieden, sowohl nach Geschick wie Psycho- >enngleich sich anfänglich Handlung und einzelne Gestalten des
aeidirieben
Wenn nun' auch „Die natürliche Tochter" nicht zu seinen Meisterwerken gehört, und die Quelle, aus der sein Stoff geholt, nicht immer zuverlässig ist, so hat es für uns doch immer Interesse, dies Quellen-werk kennenzulernen, besonders wenn wir es nicht mit Goethes, sondern Mit unseren eigenen Augen lesen und uns ein selbstondiges Urteil darüber bilden. Hören wir also, was Frau Stefanie Luise zu erzählen weih . . .
Sie ist im Jahre 1762 als Tochter des Prinzen Conti und der verheirateten Herzogin Mazarin heimlich geboren worden. Heimlich „hier stock ich schon!" — denn es scheint ein wenig unbegreiflich, wie, selbst anno 1762 zu Paris, eine verheiratete Frau ein Kind heimlich gebaren und dem Gatten dauernd verschweigen konnte. Doch für beriet kleine Zufälligkeiten ist der Krieg ein beliebter Helfershelfer und Schutzpatron, und da 1762 just der Siebenjährige Krieg tobte, wollen wir annehmem daß indes der Herzog von Mazarin im Felde stand, feine Gemahlin in den Wochen lag. Stefanie Luise wird heimlich, aber umgeben von größten Luxus und Elternliebe, erzogen. Alltagssäuglingen hängt man zu ihrer Belustigung kleinen bunten Tand über der Wiege auf, bei Stefanie Luise aber flattert das blaue Band „des Ordens vom heiligen Geist über dem Bettchen! Schon im zartesten Kindesalter verfügt sie über einen „riesigen Hofstaat, speist nur von Silber und erhält von ihrem uberzartlichen Vater neben anderen Kostbarkeiten den Titel einer Gräfin Montcairzin, ein Name, der ein indiskretes Anagramm aus den Namen Conii-Ma- zarin darftellt. Da man ihn lieft, staunt man ein wenig über die Unvorsichtigkeit der verheirateten Frau Herzogin, die dies verräterische Ana- gramm offenbar gebilligt und obendrein die heimliche Tochter so oft ungeniert besucht, als ob der Siebenjährige Krieg nie em Ende genommen hätte. Auch trägt die heimliche Anagramm-Tochter em Armband mit den ^Doch nicht mm auf Titel und Glanz wird geachtet, sofern auch auf ! eine treffliche körperliche und geistige Ausbildung, und Eem Genngerer als Jean Jacques Rousseau wird zum Erzieher der Kleinen bestellt. Da versteht sie denn in kürzester Zeit lateinisch, griechisch alientzch, chinesisch spielt Harfe, Geige, Klarinette, Flöte, kann ebensogut kochen und Pferde satteln, Kranke pflegen oder einen Wagen konstruieren, ficht wie ein junger Edelmann, exerziert und biwakiert mt freien mie ein rechter Soldat. Es ist nur selbstverständlich, daß jeher, der dies Wunderkind zu Gesicht bekommt, hingerissen ist, unb nur zu begreiflich scheint es, daß die Vatereitelkeit des Prinzen dies herrliche Geschöpf der Welt nicht i länger verbergen, sondern in Versailles präsentieren will, was für Me i Kreise des Prinzen ja ungefähr die Welt bedeutete. Schon wird em herrliches Kleid aus Silberbrokat für den großen Tag der Vorstellung ge- chneidert, und der Prinz übersendet der Tochter 5>nen Dtamantenstrauh ! von unschätzbarem Wert. Da aber naht das Unhe.l m ©eftal der infernalischen Hofmeisterin, Frau Delorme, und statt nach Ber a.lles ahrt Stefanie Luise nach dem gottverlassenen Provlnznest Lonsste-Saulnier. Wie das tarn? Auf sehr romantische Art. Frau Delorme packte nämlich : unter dem Vorwand einer Fahrt zu einem Gartenfest ihren Zoglmg m i eine Kutsche, die in rasendem Tempo und mit immer wechjelnden Rossen nach besagtem Provinzncst jagte. Unterwegs oder nachderAnkunftver- i kündet Madame Delorme dem entsetzten Mädchen, daß Prinz Conti jalsimgs i in Ungnade gefallen, und daß es nunmehr fein Wunsch fet, Oie Tochter entweder im Kloster oder provinzial verheiratet zu wißen. Alles^was i« gewesen, müsse vergeßen fein, und flugs gibt Mme. Delorme Luise für ihre eigene Tochter aus. Auch einen Freier hat sie Won twt die Zwölfjährige aufgefunden: einen ältlichen, gewöhnlichen Gerichis beamten namens Billet. Die zwölfjährig« (!) Heldin zieht dieser -ne bindung zunächst das Kloster vor, besinnt sich aber nach einem yawen Jahr eines Befserm oder, wenn man will, eines Schlechteren, und nimmt Herrn Billet. Warum diese ganze Entführung und Vernichtung der prin- zeßlichen Herrlichkeit inszeniert wurde? Die natürliche Tochter meirn, daß es auf Betreiben der eigenen Mutter geschehen fei (vorher mar m aber doch so zärtlich), die durch die Legitimierung bloßgestellt woroen wäre. Auch der eheliche Sohn Contis sollte Mitschuld, tragen, Scheusal, das der Vater längst verstoßen hätte, wäre nicht immer wiese die engelhafte Halbschwester als Fürbitierin für den unbekannten, ao dennoch heißgeliebten Bruder aufgetreten! ...
Dem Vater Conti wird kurzerhand gemeldet, daß seine Tochter p og- lich gestorben fei, man legt ihm einen gefälschten Totenschein vor, nach Stefanies Aussage ein erkaufter Geistlicher in drei Exemplaren > gefertigt hatte, von denen eins fpäterhin in ihre eigenen Hanv«
lichkeit Gerichteten anscheinend m die Nahe der kommenden revolutionärsten Bewegung des Jahrhunderts, des Sozial i s m "s, gebracht > hat. Wir denken dabei natürlich an. die sogenannte „Pädagogifche Pro- virir" in Wilhelm Meisters Wanderjahren, die er erst im achtzigsten Lebensjahre oottenbet hat. Von revolutionärer Gesinnung kann habet allerdings nicht im geringsten die Rede fein. Auch vom Alfammenhang mit wirtschaftlichen Grundlagen und verschiedenen sozialen Klaffenschichten hören wir nichts, wenn auch das Norausfchen eines bevorstehenden wesentlich technischen und werktätigen Zeitalters von dem Scharfblick des ®M®laa$er$nun durch eine natürliche Gegenrichtung wider die in fast . völligem Individualismus »der im mittelalterlichen Romantizismus sich ergehende Zeit dazu veranlaßt worden sein oder durch den gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich allerlei Anregungen empfangen haben; ! es ift eine von oben, im Sinne eines modern gefinnten, aufgeklärten ■ Absolutismus (dem Goethe überhaupt nah« steht), eingerichtete unb ge= f leitete sozialistische Utopie. Die Leitung haben, ahnlichwie m Pla- tons und Mores Gemeinwesen, iveitblickende, über «onderwunsche und «int»reffen erhabene, das Ganze der sozialen Zufammenhänge überschauende Greise in der Hand. Alles, auch die ganze äußer« Umgebung h-s Bundes": Wohnung, Kleidung, Gerät, ja sogar Landschaft wird von oben"herab bestimmt. Nur über Religion unb Sitte, Obrigkeit und Polizei wird einiges bemerkt. ...
Die Hauptsache aber ist die Erziehung, oie findet, wie auch bei anderen Utopisten, in großen Anstaltsgebäuden für alle gemeinschaftlich statt damit die Zöglinge von Anfang an „selbstische Vereinzelung vermeiden." Ganz moderne, erst in unserer Zeit allmählich zur Verwirklichung kommende Züge sind, daß der gesamte Unterricht auf Anschauung gegründet, auch die Sprachen lebendig-praktisch geleyrt, alles tote Wor^ wißen verworfen, auch körperliche Ausbildung unb technische Arbeit hoch bewertet wird. Jeder soll sich in einem Fache, am besten einem Handwerk ausbilden, das gebe höhere Bildung als „Halbheit im Hundertfältigen". Später wird ihm dann die paßende Stelle im Gemeinwesen ungeteilt. Nur aus das, was jemand leistet, kommt es an; alle Standes- unterschiede fallen weg. Willkür und Laune werden, auch schon in der Erziehung nicht gebulbet. Von wirtschaftlicher „Sozialisierung" ist nicht die Rede, dagegen soll die „pädagogische Provinz" sich mit der Zeit zu einem Weltbund erweitern. Aber als der Leitgedanke dieses Weltbundes wird doch lediglich Gemeinnützigkeit bezeichnet: Trachte ein jeder überall sich und anderen zu nützen (wie beim gleichzeitigen englischen Utilitarismus)! . _ m
Wie man steht, manche wertvolle Gedanken tm einzelnen. Das Ganze jedoch wirkt, noch dazu in der steifen, breiten und abstrakten Goethefchen Altersprache ausgeführt, recht schemenhaft und unlebendig, daher auf die Dauer - langweilig. Stammte der Text nicht von Goethe, würde man ihn bald beiseite legen, ja mich so wird es mancher Leser tun. An eine praktische Wirkung hat der Dichter wohl selbst nicht gedacht: er läßt zum Schluß seine Jdeälgesellschaft, des nicht zu überwindenden Schlendrians der Alten Welt müde, zur weiteren Fortsetzung ihrer sozialpädagogischen Arbeit nach Amerika auswandern. Uebrigens zeigt auch schon her Neben- titel „Die Entsagenden" (!) die roj Sanierte und unfrische Stimmung des Entwurfs. Sollten mir das sozialistische Ideal mit Goethe in inneren Zusammenhang bringen, so würden wir dazu statt dieses schemenhaften Produktes ein anderes, edleres Erzeugnis des Goethefchen Alters wählen, nämlich die wundervollen Verse des sterbenden Faust:
„Eröffn' ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch tätig frei zu wohnen. Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn."


