Jahrgang 1921
Samstag, den 27. August
Nummer 68
gern
SietzenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
*) Diese interessmrte Untersuchung entnehmen wir dem aufschlußreiche» Buche „Don Machiavelli bis Lenin", das «in« allgenieinverständliche, wissenschaftlich begründete Darstellung der neuen Staats- und schaftstheorien gibt. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig.
Schwebender Genius über der Erdkugel.
Von I. W. von Goethe.
Zwischen oben, zwischen unten schweb ich hin zu muntrer Schau, ich ergötze mich am Bunten, ich erquick« mich im Blau.
Und wenn mich am Tag di« Fern« blauer Berge schnlich zieht, nachts das Ueb ermaß der Sterne prächtig mir zu Häupten glüht, alle Tag' und alle Nächte rühm' ich fo des Menschen Los; denkt er ewig sich dies Rechte, ist er ewig schön und groß.
Goethe, der Führer unserer Feit.
Zu seinem Geburtstage am 28. August.
Von Arthur Brausewetter.
Die Hauptsache und di« größte Kunst in den schweren und harten Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, ist wohl: im Gleichgewicht mit sich selber zu bleiben. Es kommen so viel Sorgen und Leiden, so viel Tücken und Schlüge des Schicksals und leider auch der Menschen über uns, daß wir ein Heilmittel wider sie anwenden müssen, wollen wir den Mut und die Kraft nicht verlieren.
Solch ein Heilmittel ist Goethe. Er weist den Weg, den mir heute M gehen haben. „Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder durch eigen« Fehler geraten, sie zu hellen vermag der Verstand nichts, di« Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles . . . Fahrt fort in unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages uist> prüft dabei die Reinheit eures Herzens und di« Sicherheit eures Gerstes! Wenn ihr sodann in freier Stunde aufatmet und euch zu erheb«, Raum findet, so gewinnt ihr euch gewiß «ine richtige Stellung gegen das Er. haben«, dem wir uns auf jede Weife verehrend hing eben, jedes Ereignis nnt Ehrfurcht betrachten und eine höhere Leitung darin zu erkennen." („Wilhelm Meisters Wanderjahre", 1829.)
Auch für Goethe galt di« Sache alles. „Wenn jeder mir als einzelner feine Pflicht tut und jeder nur in dem Kreis« feines nächsten Berufes brav uni) tüchtig ist, fo wird es um das Wohl des Ganzen gut stehen ...' meint er einmal zu Eckevmann (Gespräche 1831).
Auch das, woran es uns heute am meisten fehlt, stärkt« er wie kein anderer: i>as Verantwortungsgefühl. Der Mut, es tragen ,zu wollen, die Kraft, es tragen zu können, waren ihm die Zeichen eines wirklich«, Dienstes an der Sache, heiße sie Vaterland, Staat, Wissenschaft oder Kunst.
Und in wunderbarer Weise wußte er nun dieses Gefühl der Berant- wortung mit dem Empfinden des Individuums und seines Rechtes zu vereinen. „Ich behaupte," meinte er wiederum zu Eckermann, „jeder soll bleiben, was er ist, und nach innerster Ueberzeugung arbeiten und schaffen. Ich habe als Schriftsteller nie das Interesse der Menge in Betracht gezogen, bin stets bestrebt gewesen, di« Wahrheit zu sagen, zu schreiben, was ich dachte, und was ich für gut hielt ... Ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selber einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigentlichen Persönlichkeit zu steigern und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr erkannt hatte. Dieses hat freilich, rote ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt ungenützt." (15. März 1830.)
So machte (Bockte, was mir alle tun sollten, das Interesse der großen Menge nicht zum Prinzip, sondern zur Folge seines Handelns.
Nicht unähnlich schreibt einmal Bismarck an seine Gattin: „Ser Strom der Zeit läuft seinen Weg doch, wie er soll, und wenn ich meine Hmrd ausstvecke, so tue ich das, weil ich es für meine Pflicht halte, aber nlchtz weil ich seine Richtung damit zu ändern meine."
Frei soll der Mensch sein und nur Gott und sich selber verantwortlich. Auch das ist Goethes Lehre. „Richt das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, das über uns ist. -Denn indem wir es verehren, heben wir uns zu ihm hinauf imb
J>u,rrd) unsere Anerkennung an den Tag, daß wir selber das Höhere tr<?0en urst> wert sind, seinesgleichen zu jein... Es ist «fit der h^tL-^UnberL1^ und jeder hat leicht genug, wenn er sich Itur SU begnügen und zu finden weiß."
. . zum Glück noch zum Unglück tft der Mensch geschafft«. In öu einem großen Glu" aber zu einem
K?esaft-cn’ J^e eigentliche Lebenskunst und Gebens- maiben1 »fuL ral™ fiwnn; das Gute festzuhalten UN- dauerhaft zu ä @Iii? kommt es nicht an. Es handelt sich nur um dn XStorä U&Q nW^re Beledenheit der Dinge." (Zu F. von Müller,
Leben und Streben ist das Glück. Sechst wenn es durch SrHifaw fuhrt. „Bei strenger Prüfung meines eigenen und fremden Ganges ta Geben und Kunst , schreibt Goethe am 15. September 1804 an Eichstädt, »sand ich oft, daß das, was man mit Recht ein falsches Streben nenn« kann, für das Individuum nur ein ganz unentbehrlicher Umweg «an Z'el« sei. Jede Rückkehr vom Irrtum bildet mächtig den Menschen tat einzelnen wie im ganzen aus, so daß man wohl begreifen tarn, roie bem 2er3£n5Jor^r ^mger Sünder lieber fein kann, als 99 Gerechte, ble der Buße nicht bedürfen/'
So lehrt uns Goethe, das Geben richtig zu erfassen, im Gle-chg»"stcht nut uns zu bleiben, auch wenn vieles um uns wankt und bricht, unter Streben m gesunde Bahnen zu leiten, nicht müßig zu grübeln, fonbero uu^rm 1:011(1) tätig zu sein, das Gewissen rein und heiter den Sinn st erhalten, auch wenn der Weg mal schwer und dornig ist.
Weite Welt und breites Geben, Langer Jahre redlich Streben, Stets geforscht und stets gegründet. Nie geschlossen, ost geründet, Aeliestes bewahrt mit Treue, (freundlich aufgefaßtes Neue, Heitern Sinn und reine Zwecke Nun, man kommt wohl eine Strecke!
Goethe und die Politik.
Von Prof. Dr. Karl Vorländer»).
3m Gegensatz $u Schiller ist Goethe, obwohl gerade er allein va» unseren mer Klassikern Jahrzehnte hindurch, offiziell oder tmofti-stell, höhere Staatsämter bekleidet hat, seinem eigensten Wesen nach unpoliM
er- ra$n flefer€s fokales Empfinden. Das zeigen m« bloß Vers« rote „Wer nie fein Brot mit Tränen aß" und „Vom Rechta - « "«i uns geboren, von dem ist leider nie die Frage", sondern auch eta fo lebendiger Ausdruck desselben, wie ine noch wenig bekannte Aeußermm in einem Briefe an Frau von Stein aus dem Marz 1779: wo er Saat baß er mit der Arbeit an fernem Humanitätsdrama, der Iphigenie, ni« recht vorwärts komme, well ihn dabei beständig die Gedankm an — -L hungernden Weber von Apolda störten. Aber ihm fehlt eigentlich doch das politische Temperament. Politische Zielsetzungen und ForiXMAg« wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ober auch Patriotisnms tm65öe- fremngskampf besitzen für ihn, den in der Hauptsache bloß Betrachtenden, keine Schlagkraft (Gundols). Selbst seine historischen Dramen Götz mch Egmont enthalten zwar vielerlei politischen Stoff, tragen aber tat lebt« Grunde doch unpolitisches Gepräge. Auch in der Geschichte ist khz» OT,Sr-4?r,S.m?Ueöe U’JÖ Biographische widriger und inftresianter als ba» Politische, das er gelegentlich von einem bei ihm sonst nicht häufig hervo» tretende ethischen Gesichtspunst aus als einen bloßen „Mifchnmlch m* Irrtum und Gewalt" bezeichnt.
Sen schlagendsten Beweis aber für diesen Mangel an eigentlich pM> ST?« semes oft zutage tretenden Jnteresfts für sozia»
Wohlfahrts-Bildungsbestrebungen und dergleichen, bildet bte auffällige T^isache, daß die größten politischen Ereignisse seiner Zeit: di« Fran, zosijch« Revolution, di« Kneckstung Europas durch Napoleo» ukrd die Wiederbefreiung von diesem Joch, ihn verhältnismäßig kalt <*. taffai haben. Denn fein vielerwähntes Wort, daß mit dem Tage uae Balmy eine neue Epoche der Weltgeschichte anhebe, oder die blaffe A» erkennung im sechsten Gesang von Hermann und Dorothea fBraten doch nicht darüber Hinwegtäuschen, daß ein fo weltbewegendes Ereignis n* bie Revolution ihn doch nur zu fo wenig feiner würdigen dichterische» Erzeugnissen wie „Die Aufgeregten", „Großkophta" und „»üraergenera? veranlaßt hat, während Männer wie Kant, Schiller, Stopfte« und doch auch der ihm in der hfftorifchen Anschauung sonst wesensve» wandtere Herder innerlich mächtig dadurch gepackt wurden. Im Grund» war Goethe in politischen Dingen eben eine wesentlich konservative, “* bas Erhalten des Bestehenden unter langsamer Fortbildung zum Neu gerichtete Natur. Unordnung erscheint ihm weniger erträglich als f Ungerechtigkeit. Darum erschien ihm die große Umroä' ' ~ ebenso nste die deutsche Reformation des sechzehnten Ja.,..,_____
kch von dem GesichtspuE, daß st« „richige Bildimg z-arückgedrönat" hätte» _ Daß «r trotz aber bester infolge seines echten Deutschtums die wekft bürgerliche, über nationale Beschränktheiten erhabene Gesinnung mV Lessing, Schiller und Herder teilt, brauchen wst gerade bei Bä


