Ausgabe 
26.11.1927
 
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So schuf ich dich mit meiner nichtigen Kraft- '*

Damit ich nicht der größ're Künstler sei. V

Schaff mich ich bin ein Knecht der Leidenschaft ,

Nach deinem Bilde schaff mich rein und freil

Den ersten Menschen formtest du aus Ton. Ich werde schon von Härtern, Stosse sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon. Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!

Rom-Neapel in drei Stunden.

Von Gustav W. E b e r l e i n.

Rom, im November 1927.

Die gutmütigen Reisehandbücher räumen den Schnellzügen zwischen Rom und Neapel eineFahrzeit von 5 bis 62 Stunden" em, und In der Regel haben sich die Dampfrösser auch mit Dieter weitherzigen Aus. lequnq zufrieden gegeben. Man schaffte eben seine fünfzig Kilometer m der Stunde. Leute, die es im Leben und im Reifen schon jo weit gebracht haben, daß sie zwanzig Jahre zurückdenken können, versichern, damals sei man halt in Rom bei Morgengrauen auf den Bahnhof gegangen und glücklich gewesen, wenn tatsächlich über kurz oder lang ein Zug nach Süden abging, der dann gegen Mitternacht, heulend vor Freude, den Flammenschein des Vesuv begrüßte.

Und das muß wahr sein, denn schon die Italiener, die 1871 in Rom einzogen, beschlossen, da sie schon einmal so hübsch im Vorwartssturmen waren, einedirekte Linie" nach Neapel zu bauen, weil d.e bisherige in Tagereisen denke. Immerhin ging es eine Weile, so dreißig Jahre eben bis der kühne Plan Gesetz wurde und wieder em Dezennium spater der erste Spatenstich erfolgte. Dann vererbte wieder eine Regierung der anderen das interessante Unternehmen, der Tripoliskrieg tarn, der Türken- fcien der Weltkrieg, der Kommunismus man fuhr immer noch ge­mächlich durch die Bolskerberge. Bis Mussolini dahinter kam.

Eisenbahnprojekte, so sagte er, seien nicht dazu, um Generationen von Architekten und Ingenieuren zu ernähren. Was, die kleine Bahn ans Meer nach Ostia bringt ihr nicht fertig? Men chenalter kauen daran herum? Wasunüberwindliche Schwierigkeiten 1 Ich will euch! Am 1. August nächsten Jahres fährt sie, verstanden? .

Und sie fuhr. Rach diesem Muster wurde nun auch dieDirettissnna nach Neapel behandelt. Am 1. November dieses Jahres sollte sie fahren. Sie fuhr. *

Mit einem Uff!! der Erleichterung sanken sich Römer und Neapoli­taner in die Arme, die Fremden sind selig. Um das gleich für Schnell­reisende vorweg zu nehmen: Man kann jetzt tn Rom nach dem Früh­stück abfahren,in Neapel Mittag essen, auf den Ve uv hinauffahren, in Pozzuoli Kaffee trinken, sich in der Solfatara einschwejeln lassen und zum Abendessen wieder in Rom sein. Die Direttissnna braucht nur noch 170 Minuten und wenn die Elektrisierung vollständig durchgesuhct sein wird nur noch 150. In einigen Jahren ist Mailand mit Neapel verbunden wie Berlin mit München. Schon heute verkehren auf der Direttissnna durchgehende Züge, dierapidi", für die auch, em Novum tn Italien, Platzkarten ausgegeben werden. Allerdings verlangen sie einen Zuschlag von 12 bis 25 Lire, aber es genügt ja auch vollkommen, bloß den diretto zu nehmen, der ein paar Minuten langer jährt und dafür Halbwegs ungefähr, in Formia, hält. Einer der chauptvorzuge der neuen Linie, wie wir gleich sehen werden. Ich habe die «ache ausprobiert, die mit dem Vesuv an einem Tage und die mit Formia.

Sonnen- und falernertrunken, taumelt man mehr, als man geht und sährt von Schönheit zu Schönheit.

*

Gut geschlafen? Nur zu gut, ein bißchen zu lange? Schon neun Uhr? Tut nichts schone Frau, die Tugend der Direttissima ist ihre Bequem­lichkeit fetzen Sie sich ruhig an den Frühstückststch! Wir haben Zeit genug, wir nehmen heute den Diretto um zehn Uhr.

Der klassische römische Herbst über der Campagna. Weite und Licht. Weidende Pferde und uralte Aquädukte gawpp-eren mit d.eeuervolen Quaderbogen viel länger als die Fohlen, kilon^terwe.t, bis auch sie e schrocken zurückbleiben und der Neuzeit das Feld überlassen. Der Zug kreuzt die Dia Appia, mit einer unsagbaren, immer aufs neue ergreifen- den Feierlichkeit stehen die Pinien und Zypressen an den verfallenen

Um dreiviertel Eins «er dies ftÄltch zu und der Schlaftock wurde mit dem dunklen Rock vertauscht. Hierauf erwartete Kant jeine Gäste jum Mittagessen, der einzigen Mahlzeit, die er waren obligatorisch und auch chre Zahl war festgesetzt- ®5 feen Gastgeber mtt eingerechnet, unter drei und nie über neun bei Tisch «rin oder, rote Kant es liebenswürdig auszudrücken pflegte, nie unter der Zahl der Grazien und nie über der Zahl der Musen. Den Speisen mußte Mftig zugesprochen «erben, ein Mann sah am Trsch, der fett fünf Uhr morgens ununterbrochen gearbeitet hatte, mit nichts sonst, <&> Öen lassen Tee im Leibe. Die Unterhaltung war lebhaft un-d pausenlos, über alles wurde gesprochen, nur nicht über die kritische Philosophie, die hatte er Vormittags schon erledigt. Ueber Küchenrezepte, über die Sorgen mit feinem Diener Lampe, über Derdauungsvorgange, über Schutzmaß- Nahmen gegen den verderblichen Schweiß, über feine Grillen und Scheuchen, seine sonderbaren Erfindungen sprach der Gastgeber >mt be­sonderer Freude: aber auch über Fragen der Politik, über an thio Logische, über etnographifche, naturwissenschaftliche Gegenstände wurde viel debattiert und gelegentlich auch ein Witzchen erzählt, em gahmes Bonmot oder eine belehrende Anekdote.

Kant liebte es, lang bei Tisch zu sitzen, nach antiker Sitte das Mahl lange hinzuziehen. Bis vier Uhr wurde bei ihm getafelt und bei größerer Gesellschaft manchmal bis sechs. Dann kam der Spaziergang, mcht zu wert, nicht zu nah, der gewöhnlich eine Stunde dauerte. Er gmg meist allein, seinen Gedanken nachhängend, und manchmal sah man ihn stehen­bleiben, um einen Schweißausbruch zu vermeiden oder um stch eine kurze Notiz zu machen. .

Noch dem Spaziergange las er, oder er empfing Besuche und abends setzte er sich an den Ofen und überdachte, was er morgen su tun haben würde. Punkt dreiviertslzehii war sein Tag zu Eick«, er machie Schiuß mit sich und seiner Arbeit, er stellte alle Gedanken ab, um möglichst rasch einschlafen zu können. 11m zehn Uhr ging er immer zu P^lt, unter Beob­achtung bestimmter, genau eingehaltener Zeremonien undinsieudgem Bewußtsein erfüllter Pflicht, in Zufriedenheit über ferne Gesundheit schlief er tief und traumlos bis zum nächsten Tag, der genau so war rote der vergangene und alle.

Das war das Leben Kants, das ungemäßeste, ungeniasite Leben eines bedeutenden Menschen, das wir kennen. Es hat sich buchstäblich ,onst nichts ereignet, außer seiner Arbeit gab es keine LeideiÄchast, außer, ber SIrbeit keine besondere Freude, keinen besonderen Kummer, keinen Freund, keine Frau, in achtzig Jahren keinen freund, keme Frau, nicht einmal eine Reise, außer einem gelegentlichen, furien Besuch in einem Landhaus unweit der Tore Königsbergs. Aber schließlich war dies die Luft, die er brauchte, um fern ungeheures Werk zu vollmdm und wenigstens die pünktliche Art mit der er zu leben ver- nob hat den Schimmer einsamer, furchtbarer Große. , r t .

8 Es ist nach allem kein Wunder, daß das Leben eines so bedeutenden Sonderlings zu mancherlei Anekdoten Anlaß gab, die allerdings nicht immer verbürgt sind. Aber gerade was die Pünktlichkeit angeht, laßt skch nach dem Bericht zeitgenössischer Biographen eine besonders hübsche Geschichte erzählen, aus der zu entnehmen ist, daß auf diesem Gebiete selbst Kant seinen Meister sand. ,

Zum näheren Umgang des Philosophen gehörte eine Zeitlang em malischer Kaufmann namens Green, dem Kant vor der endgiltigen Niede^chrift derKritik der reinen Vernunft" jeden Satz vorlas, um an dem gesimden und unvoreingenommenen Berjtand des EnMnders m leder Einzelheit sich kontrollieren zu können. Nebenbei war Green -mnt in vielem ähnlich, ein Original von monströsem Ausmaß, rote es nur bas achtzehnte Jahrhundert, die Zeit des Gegensatzes zwischen den großen Ideen und den engen Verhältnissen, ausbrüten konnte. Immerhin hatte ®ant noch seine Philosophie, aber Greens Ausgabe {djisn aOcrn varin zu bestehen, mit raffiniertester Eigenheit unablässig nach der u$r 311 ieben.

1 Mt diesem Engländer hatte sich Kant eines Tages vermutlich während ber Ferien, verabredet, am nächsten Morgen um acht Uhr eine gemein» .feine Spazierfahrt in Greens Wagen zu unternehmen. Green tat wie Amer- dMe Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit tief, er mit der Uhr Kr'üanb, im Zimmer umher: fünf Minuten fpater fMe fernen Hut auf, fünf Minuten darauf nahm er seinen Stock, ging zur Tur, Sie Treppe hinunter, immer genau nach der Uhr, um mit dem Elockenschlag acht und zwar mit dem ersten Glockenschlag in den Wagen zu steigen, der aus der Stelle anfahren mußte. Wenige Augenblicke spater bog Kant um die Ecke, sah den fahrenden Wagen und winkte Greenl zu, daß er ihn einsteigen lasse. Aber der Engländer destihl feinem Rutger »eitersu« fahren, imb ließ den Philosophen aus der Straße stehen, tief gekrankt über einen so unpünktlichen Menschen.

5it der Siftina.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

In der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nerv'gen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand. Laut spricht hinein er in die Mitternacht, Aks lauscht ein Gast ihm gegenüber Mr, Bald wie mtt einer allgewakfgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier: Umfaßt, umgrenzt hab' ich dich, ewig Sein, Mit meinen großen Linien fünfmal dort! Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein

gab dir Leib wie dieses Bibelwort.

Mit wehenden Haaren stürmst du feurig wild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu, Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenkommend und barmherzig du!

®r<S drüben windet sich die alte Linie in die W-inhönge der Albaner Berge hinein, wir biegen gerade nach der entgegengesetzten Rich- tuna ausTmeerwärts' Geratest in die Wildnis von Cisterna unb^er-- racina, in die pontinifchen Sümpfe. Büffel, Zebus. Den Holzpflug druckt der Bauer ein wie zu Urzeiten. Ader schon finden wir zur Bia Appia mrück die schnurgerade ans Meer drängt, schmäler wird der grüne Fußteppich zwischen ihm und den Bergen, wo das Mittealter eil arrte in Trümmern der Antike: Da ist Cora mit feinen S^rf^en Mauern, da das geheimnisvolle Ninfa, der Herkulestempel dicht berm Z-nnen- turm des Feudalherrn, Orangengärten ringen mit nodtem, Bulkangestein, die Volskerstädte immer noch mit der Malaria, vor der sie sich, in die Berg- falten Mchteten wie Kinder in den Rock der Mutter, em Amphitheater gähnt Uber die Abbaztia der Cistsrsienfer - lauter bisher 1° °'^ ^ unbekannte, nun erschlosseneSehenswürdigkeiten . Die Fremden- inbuftrie streift bereits die Hemdärmel hoch. .

Äur itiäit an die Gefchichte denken, jeder Stein ist v°llgepreß domit wie ein Schwamm. Der Zug bohrt sich, rote um Atem zu schöpfen, >n^ Dunkel, taucht kurz auf, noch einmal unter und wieder heraus ms Licht Formia. *

Al- wir eine Karte für die Zweigbahn ans Ende der Welt ver- lanqen, na» Gaeta staunt uns der Herr Bahnhofsvorsteher an wie Mondkälber: wieso wir denn zurückgeblieben seien. Noch bedenklicher yat