Ausgabe 
26.11.1927
 
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Der pünktliche Philosoph

Von Friedrich B u r s ch e l l.

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gerichtet hat. . , , _. , , . ,.

Die Fledermäuse haben aus der Sache viel gelernt. Sre hoben seit jener Zeit solche Angst vor Feuersgefahr, daß sie nachts keine Ruhe mehr finden und nur über Tag schlafen. Die Menschen und Tiere machen ab« oft noch mit Reineke und seiner Art HaMei! und wissen Immer noch nicht, daß sie allzeit die Betrogenen dabei sind.

Schnee.

»SU Karl Willy ©irauk

Wie bie «eichen, weißen Flocken Mich umschmeicheln und betasten! «erst und dann vermessen t dust'aen Puderauasten ...

Und ich stehe Ml und lasse Mich von ihnen ganz umhüllen, Die in immer neuer Se^vebe Mich mit ihrem Glanz erfüllen. Und mir ist, als wenn die Flocken Mich liebkosten wie mit Händen, Die in seliger Verwirrung Ihre Zagheit überwänden!

freute sich, daß der Fuchs freiwillig davon wollte. Auch schien ihm das mit der Beuteteilung gar nicht so dumm. Er suchte also, wo die Rmde

der alten Weide am dünnsten war und zeigte dem Fuchs die Stelle.

Da scharrte der aus Leibeskräften und zwängte sich schließlich nach

finb nun deine gebratenen Fledermäuse?" fragte der Uhu miß- tealXmm mit, Freund Uhu du sollst deine Fr-ude daran haben!"

Nun wusste der Fuchs, daß die Fledermäuse, d,e ihn hatten fallen lassen, fast alle in einem alten halbverfallenen Futterstall am Dorfende wohnten, da war ein richtiger schwarzer Schlot daran, den niemand mehr gebrauchte, denn die alte geizige Hexe, d-r er gehörte, hatte Kuh und Schwein verkauft, nur eine feiste Gans mästete sie sich noch heimlich für Weihnachten, da sollte niemand drum wissen. Und die Fledermäuse hausten und piepten im Stall und Schlot, daß es eine Lust war.

9 Fuchs und Uhu 'gingen also abends spat bet kaltem Mondwind zu der alten Hexe, die hatte ja den Schlüssel zum Stall.

Was wollt Ihr?" fragte sie mißtrauisch, als bie beiden dosen Jlad)- barn an ihre Tür klopften.Geht man rasch weiter, hier ist mchts zu holen!" Die Alte dachte ja an die schone fette Gans, die sie selbst

haben nämlich einen Plan, Ole Witsch", sagte der Fuchs und blinzelte vertraulich wie ein alter Dieb.Wir können dir einige herr­liche Braten verschaffen."

Das lügst du gewiß , antwortete dte Alte.

''.Siebenundvierzig gebratene Fledermäuse für unsl flüsterte der Fuchs und der Uhu nickte dazu. , , . , .

Da machte die Alte denn doch die Ohren lang, gebratene Fleder­mäuse sind für sie eine besondere Leckerei. Sie machte also d.e Tur auf und ließ die Herren erzählens was sie vorhätten. Wie s denn nut dem IeÜe3a"?agtefrbTsfud)5,Obe?n9er selbst hatte etwas Besseres im Sinn als "gebratene Fledermäuse. Ja, er hätte seinem Freund, dem Uhu, die eine ^Hälfte versprochen. Aber um die Freundschaft m Gang zu brmgen, woille er gern auf seine Hälfte verzichten, die solle die gute Ole Witsch haben - so nannte er die Hexe. Er hätte nämlich, freimütig gesprochen, eine alte Sache mit den Fledermäusen abzurechnen. Und er erzählte, wie sie ihn schmählich in die Weide hätten fallen lassen.

Das hört sich glaubwürdig an, die beiden anderen bekoimnen rechtes Vertrauen und erklären sich zu dem Unternehmen bereit. Reineke g,bt habet die Befehle aus. Der Uhu muß sich von der Hexe -'»paar Stroh­wische geben lassen, aufs Dach fliegen und den Schornstein von oben so gründlich verstopfen, daß niemand mehr davonkommen konnte. Er selbst läßt sich den Stall ausfchliehen und legt sich solange unter den Schlot. Da hatte die Fledermaus Witterung und wagte es nicht, zum 5er5)ie,^$e3ift,taebei Reineke. Sie ist so eifrig bei der Jagd, sie merkt aar nicht, wie der Fuchs aus alter Gewohnheit bie Ganseklappe em wenig hochkratzt. Er schiebt auch seine rote Rute aus Versehen m den Koben und kitzelt die arme schlafende ©ans, bis sie aufwacht, den Fuchsschwanz vor der Rase und in Todesangst mit einem einzigen Gackgack nach I bral^Crn Uhu ist etwas mißtrauisch, als er schreien hört. Er kommt mit hem Licht zur Tür herein. Aber Reineke sitzt und faucht von unten in den Schornstein und winkt und tut, als sei kein Augenblick zu verlieren. Und die Here ist schon dabei, ein Feuer auf dem Herd anzuzunden. Da röcheln die armen Fledermäuse auf und suchen zum Schornstein hmairs- zukommen. Aber der ist verschlossen. Und von unten brat und brutzelt das Feuer immer ärger. Sie müssen fammerlich ersticken und auf den ^^So"kamen sie Hexe und der Uhu ja auf ihre Rechnung. Einen Braten um den anderen holen sie mit Zange und Kralle aus dem Feuer. Sie find sehr vergnügt, spielen Hand «ist Hand und geMen einander. Und sie sehen dem Fuchs auf die Hungerfaden um den Bort, und der Uhu und Ole Witsch toben laut seine Uneigennützigkeit und sehen sich an und wundern sich insgeheim, wie dumm Reineke doch ist, daß er ihnen beiden die ganze Kost läßt. Ja, als er das freundliche Getue der beiden anbem sieht, tut er noch ein übriges, er geht höflich lachelnb nach draußen, um ein wenig Luft zu schöpfen.

Das gefällt dem Uhl- und der alten Hexe ja noch besser. Wenn man selbst fati ist, mag man keine hungrigen Augen sehen. Wie die derben aber so im besten Ragen und Nachtmahlen sind, Horen sie draußen auf einmal ein böses Gänsegeschrei. Die Alte wird mißtrauisch, fie trugt den Uhu beim Kragen, aber der hält es für Scherz, er lächelt, er ist sich ja keines bösen Dornehmens bewußt. Die Frau schleppt ihn aber doch mit und hebt die Klappe zum Eänsestall. Der ist leer. Da ahnt sie l«, was geschehen ist und meint, daß er alte Uhr darum gewußt hat. Und sie

so bitterböse, wie noch nie in ihrem Leben, zieht ihren Holzschuh ab unb drischt auf den Armen los, daß di« Federn fliegen. Da mutz der ja auch kratzen unb hacken, um sich feines Lebens zu mehren uiid ste fahren miteinanber über Koben, Trog unb Herd. Unb das Feuer fährt mit ihnen unb läßt ben alten Stall lichterloh aufbrennen. Da seyen sie drüben in der Helle Gevatter Reineke in einem weißen Federhaufen. Sr ist ein wenig verlegen über all bas Licht, damit hatte er wohl nicht «rechnet. Er ist so verlegen, daß er lieber mit dem Rest der Gans Uber alle Felder geht, als auf bie Herrschaften zu warten.

Da haben sie ja beide helle Tränen in ben Augen, die Hexe wegen der ©ans, der Uhr, weil der andere mit dem besseren Braten davon ist. Und ein paar Fledermäuse, die durch einen Ritz im Schornstein ent­kommen sind, piepen auch vor Wut über Reineke, der doch alles an»

Es dürfte keine Legende fein, daß bie Königsberger m der letzten £>älfte des achtzehnten Jahrhunderts, als cs noch ferne öffentlich an­gebrachten Normaluhren gab, ihre Zeitmeffer nach ben Awaren Gewöhn- Heiken ihres seltsamsten unb größten Mitbürgers, des P-hilosophen Immanuel K a n t, zu richten pflegten.

Einen zäheren, unerbittlicheren Menschen hat es nie gegeben, unb feine Pünktlichkeit, sein« Genauigkeit bei der geringsten Errichtung seines grauenhaft geregelten Lebens war nur der Aus dieser Unerbittsichkech die mit durchgehaltenster Konsequenz seinem Werk sowohl, wie einem Dasein aalt. An dieser Unerbittlichkeit liegt es, daß bas Leben Kants, der doch wahrhaftig in der Geistesgeschichte, als «ner der fruchtbarsten Schöpfer glänzt, fast keinen einzigen genialen Zug, aufweist. $n feiner Existenz war alles Gleichmaß und Regel, peinlichste Gewissenhaftigkeit und ein zur Groteske gesteigertes, ängstlich getreues Befolgen aller «hrhast durchdachten Maximen, mit denen er aus fernem Wachen und schlafen und selbst aus der Unerwünschtheit des Traums und feder Erregung gleichsam einen Annex zu dem System seiner Kritiken machte.

Wir besitzen aus seinem eigenen Mund bas Zeugnis, dah er, gesetzt den Fall, er müsse von allen Gegenständen, die er besitze, sich trcnwm, am schmerzlichsten seine Uhr vermissen würde. Welch em Symbch für das Leben eines der bedeutendsten Menschen, der allerdings sich tucht einmal etwas aus Büchern machte, nichts aus Möbeln, Säubern, Fülle unb Schmucks des Daseins, nichts aus Frauen, aus der Musik und Natur, dm höchstens eine gesellige Mahlzeit schätzte, aber sonst nichts als feine Arbeit, fein« Gesundheit, feine Ordnung unb den geregelten Gang.

Wir wissen, daß er Punkt fünf morgens ausstand, sein ganzes Leben hindurch und zu jeder Jahreszeit. Sein Diener stand um brewteriel aui fünf an seinem Bett, ein Zeiger der Uhr, der leibhaft gewordene Pfticht- beqrtff aus dem Geist der praktischen Vernunft. Der Diener hatte ge- meffenen Befehl, seinen Herrn, auch wenn,er einmal darum bitten sollte, | unter keiner Bedingung länger als bis fünf im Bett zu taffen, um) es war ein besonderes Vergnügen für Kant, wenn er größere Gesellschvst hatte, von diesem Diener, dem berühmt gewordenen Lampe, auf ferne Frage, ob in den vielen, am Ende nahezu dreißig Jahren seines Drostes, er, der Philosoph, auch nur ein einzigesmal beim Aufstehen sich versttumt habe, ein kurzes, militärisches Nein zu hören.

Gleich nach dem Aufstehen nahm Kant sein Frühstück ein, bas ein für allemal aus einer bis zwei Tassen Tee und aus einer Pfeife Libak bestand. So mar es aus gesundheitkchen Gründen festgesetzt, und so blich es auch, obwohl er später den Kaffee über alles siebte. Auch die PMe diente nicht dem Genuß, es war eine der unzähligen, hypochommschw Schrullen Muts, daß sie der Gesundheit in besonderem Muße förberfc!) sei Psi diesem Frühstück war niemand zugegen, und mchts ist imftenöc, uns dieses wahrhaft gespenstische Leben klarer und ergreiferiber vorAugm m führen, als ein Zug aus seinem späteren Atter, wo die zunehmeM Schwäche des Philosophen die Pflege feiner Person notwendig Ein früherer Schüler ta eines Morgens um fünf zu dem achtunbfievztg- jährigen Kant, um nach ihm zu sehen und setzte sich mit chm an den FrühstÄckstlsch. Dem Schüler fiel die Unruhe des verehrten Meisters aus, die ich ohne jeden licht baren Grund in ben verstörten Blicken muner deutlicher zeigte. Auf die besorgte Frage, was ihm benu fehte, Jagte Kant in der höflichen Form, bie seine Regel war, er möae freundlichst gebeten haben, den Platz fo zu wählen, dag er den Besucher nicht scheu kSrwb denn feit länger als einem halben Jahrhundert fei er gewohnt, keines Menschen Antlitz bei feinem FrShftstck vor Augen zu haben.

Bei diesen zwei Tassen Tee und bisfer einen Pfeife medisierte Kant dann arbeitete er und überdachte noch einmal seine Doriesung, ine wn sieben Uhr begann und gewöhnlich um neun Uhr W Ende war. inu f Hörer bezeugt, daß in den neun Jahren, in denen er Kants Schüttr w«, 1 ber Philosoph auch nicht eine Stunde habe ansftillen lassen.

feiner Vorlesung hatte Kant bie Gewohnheit, einen vor ihm ft Hörer aus der ersten Bank schari arznichen, um m dessen Ges lesen, ob er verstanden worden fei. Fehlte nun diesem Studem Knopf am Rock, trug er einen offenen Kragen oder gar lose Haare,, bann war irr sonst unerschütterliche Weister des ^ertrags/ber S" aSer udr.gM Genauigkit auch den größten Wert auf eine adrette, faub«re Kleidung legte, in feinen Gedanken gehemmt und mitunter zerstreut. . .

Der ganze übrige Vormittag, von neu« Uhr an.

liehe, nie unteri-rochene, nie veMmnie Arbeitszeit. Im

mütze und Pantoffeln schrieb er, der mit gutem Grund ben Nmmn ors Meszermalmendeu erhielt, die scharfen, dobrenbemsrch«^^WmibS denen alles wie ein ichrwerk ineim-ndermeM. Äe weÄ>

an Präzision, bie -nur kühien, wisftnfchastUchen W« L* nicht an manchen Stellen und unvermutet mw dem sauberen GSsiige Genie der HunmnMt mit unsteMich« MNur spränge.