ledernes Ränzlein mit sich geführt hat, von dem er sich auch nächtens niemals getrennet, sondern er legte es unter sein Hauptkisien. Luch hat er daraus, als einmal eins Zahlung zu tun war, an seine Knechte für Sold oder Four-age, blank« Dukaten herfürgelangt, in des Melzers Beisosm. Weil nun besagtes Ränzlein dem Pferd« am Sattelknopf geschnallt war, auch dazumal, als das Tier feinen Herrn zum Letzten trug: also waren die . zween Knechte, di« des Melzers Geiz und Gier gut genug erkannt hatten, gar nicht zweifelnd, daß der Filz ein Schelmstück verübet, den Ranzen | vom ledigen Tier geraubst und das Pferd, feiner Dieberei Auskommen zu verhüten, beiseite geschifft hätte.
Solches schrien sie ihm denn auch auf den Kopf zu, nachdem sie genug und satt im Hause herumrumoret, nannten ihn einen Schelm und Spitzbuben und kollerten mit Drohen und Fluchen gewaltig daher. Der Melzer aber verschwur sich hoch und teuer, er müßt von nichts, weder vom Gaul noch vom Ranzen und wäre eben erst jetzt hereinkommen. Di« Knechte aber agten, sie glaubten ihm nicht das Schwarze vom Nagel, redten von Cu- ranzen mit schwedischem Trunk, wann sie nur Zeit hätten und anderen lieblichen Dingen, und zum Angeld gab ihm der eine der beiden eine dichte Maulschelle, daß ihm der rote Saft aus Maul und Nase quoll; denn sie waren erzähltermaßen dem Bauern ohnedas nicht hold.
Indem so sehen sie meinen Reinhold hinter der Scheune herfür- treten und nach'm Hof lugen zzu ihnen hin. „Blitz," sagte da der eine, „Bruder, da ist der Jung! Hui, was meinst wohl, ob uns der nicht mehr zu sagen hat!"
Cs ist aber der Reinhold dazumalen an di« sechzehn Jahr gewest und ein Jüngling stark und schlank von Gliedern, wie keiner unter allen Bauernknechten im Dorf und sonst umher in seinen Jahren. Hat auch bei allen Gelegenheiten seine ausbündige Courage an Tag geben und hat schon als Knab und fürderhin unter allen seinen Kameraden in allen Sachen sich als Meister ausgewiesen. Verwunderlich aber wird's manchem sein zu hören, daß er des ,oerforn‘ Grelleins bester, ja einziger Spielgesell von je an gewesen, und daß die beiden beständig zusammenhielten, unangeschn sie so verschiedentlicher Sinnesart waren. Jedoch davon wird später mehr zu erzählen sein. Indessen nun aber sei hier an dieser Stelle nur das gesagt, daß der Jung', seit Holmer draußen im Quartier gelegen, wohl täglich im ,oertern* Hof sich eingestrichen hat, wo ihn auch der Melzer n'icht ungerne gesehen, dieweil der Jüngling zu allerlei Hilf und Dienst in der Wirtschaft sich geschickt erwiesen und ohne das auch umsonst dazu sich brauchen lassen. Sonderlich oft aber ist er um die Soldaten gewesen und hat sich mit ihren Gewehren, Rüstungen und Pferden zu schaffen gemacht. Denn er hatte von Kind her einen möglichen Sinn, er hörte nichts lieber denn von Kriegen und Siegen, Gefahren und Abenteuer. Von des Mazedonischen Alexanders Taten tonnt’ ich ihm nie genug erzählen, und in der Bibel hat er sich die Kapitel, darin von streitbaren Männern berichtet wird, wie z. E. von Gideon und Jephta, am besten gemerket. So hatte auch der v. Holmer auf den Jungen bald acht und zeigte ganz kein Mißfallen an seinem Wejen; ließ sich auch, wenn's die Gelegenheit gab, in ein freundlich Gespräch mit ihm ein, obwohl er sonsten sich schweigsam hielt, beinahe wie ein Melancholikus. Er erlaubet« ihm auch, ihm 's Pferd zu satteln, zur Schwemme zu reiten u. dgl. m. Einmal sogar hat der Reinhold zum Hauptmann gesagt (welches ich alles nachgehends erfahren), er hätte wohl eine Lust auch der Welt zu brauchen und zum Soldatenhandwerk zu greifen; wozu der v. Holmer gelachet und gemein et: er solle sich zuvor nur erst ein gut Stück Geld sparen, sich zu montieren. Alsdann wollten sie weiter sehen. Solche Rede hat auch der Melzer mit angehöret.
Wie nun, als ich droben allbereits angezeiget, Reinhold von des Hauptmanns beiden Knechten ersehen wird, so wischt der eine zum Jungen hin der mich gar nicht zu entlaufen trachtet. Darauf heben sie an ujm zuzusetzen, er solle gestehen, wo das Pferd mit dem Felleisen verblieben. Wie sie aber nichts aus ihm herausholen können, als nur, daß er nicht leugnet, während des Tages anf'm Hof gewesen zu sein, so binden sie ihn an einen Stallpsosten und traktieren ihn mit grausamen Schlägen. Indem so sprengt ihr dritter Kamerad zum Hof herein, vermeldend, die Konvoi sei heran und von einer Partei angegriffen. Auf solche Zeitung sind sie eilig ausgesessen und davongeriUen. Aber im Dorf, durch das sie hindurch mußten, haben sie den Schulcheißen gerufen und dem gesagt, sie wüßten vollkömmlich wohl, was vor ein arges Schelmstück aufm ,verlorn° Hof verübt, und wann die Gemeinde den Malefikanten nicht zur Strafe brächte, auch das Geraubte wieder schaffte, alsdann sollte das ganze Diebsnest (verstehe das Dorf) davor büßen.
Nachdem die Reuter mit solchen Reden davon gejaget, so ist leichtlich zu gedenken, wasgestalten die Gemeinde in Sorge geschwebet hat von wegen des schuldbegebenen Frevels. Auch wird sich jedermann ohnschwer einbilden, wie heftig ich erschrocken, als mir die Zeitung von dem be- meldten Handel zu Ohren gekommen ist. Zwar daß Reinhold zum Schelmstück, so es wirklich geschehen, als v. Holmers Knechte sagten, die Hand gereichet und mit zum Spiele geholfen, war mir den Abend ohmnöglich zu gedenken. Aber, hilf Gott, in was vor dicken Verdacht war er doch verstrickt! Sein häufiges Weilen im ,verlorn' Hof die letzte Zeit, seine Zu- tulichkeit zu dem Hauptmann und dessen Pferd, des sanertöpfischen Bauern freundlicher Umgang mit ihm (den man, wenn es Geld zu scheren galt, ein Schalk zu sein sattsam wußte), endlich daß er gar nicht in Abrede gestellet, auch dieses Tages um die Mittagszeit auf'm Hof gewesen zu sein: sprach nicht all das wider ihn, mit dem Melzer am gleichen Strang gezogen zu haben? Derohalben gewißlich im geringsten gar nicht zu verwundern, daß, was die Aeltesten und Schöffen der Gemeinde waren, noch am selbigen Abend wegen vorhandener Not hinausgingen und dort meinen Reinhold, dem sie unterwegs begegnet waren und ihnen zu folgen hießen, mit dem Melzer zusammen verhöreten. Der nun streitet alles ab wie vorhin, währenddem mein Jung mit verbissenen Zähnen und bleich im Angesicht als eine Wand (ich schätze aber mehr wegen der Schande, so gebunden und geschlagen worden zu sein, als wegen der erlittenen
Schmerzen) auf all ihr Fragen und Drohen nichts erwidert, sondern nut steif nach dem Bauten hinblickt und unterteilen nach dem (Brettern, die von ferne stund mit vielem Kummer und Angst in ihrem Gesichtlem. Darnach so sahen die Bauern auch an und denken, es sei altes am End nur ein ungerechter Argwohn der Hauptmannsknechte, Holmers Pferd werd« sich wohl sonsten wo im Walde verlaufen haben oder sei etroan einer Partei ins Garn geraten. Lassen derohalben den Reinhold los.
Denselbigen Abend ist er dann spät wie verwandelt und ausgetausclst heimkommen, und als ich ihn durch die Tür schreiten sah, war's mirs anders nicht, als wenn er um zehen Jahre älter geworden; all feine Färb war aus'm Gesicht gewichen und seine Lippen waren zusammengezogen, schmal und gar bleich.
„Oh, er fröntet sich schwer," dacht' ich da, „oder es druckt ihm Wadas Herz nieder, darüber er nicht hinwegkann!" Und wußte nicht, wie der Sachen zu raten, spürte nur aber um desto viel mehr seine Kummerhaftig» feit und seuszete in der Stille zu Gott für ihn. Er ist dann auf feinen Schemel hingefessen, hat keinen Bissen zur Nacht gekostet und nur stracks vor sich hingestarret, als wär' er in Träumen. Wie hartselig mir solcher Anblick angekommen ist, als unter welchem ich denken mußte, ob ihn etroan doch der Böss bezaubert und in einen Frevel gestürzet, wird der Leser leichtlich erachten. Mit welch überbetrübtem Herzen saß ich ihm da gegen, über, lauschte auf jede Bewegung, achtet« auf jeden Odemzug anders nicht als dazumal, wann ich einst vor Jahren an feinem Kinderbettlein, darin er in Fieberhitze glühet«, fein brennend Händlein hielt und mit jedem Pendulfchlag der Wanduhr di« Frage tat: Mein Gott, behalt' ich ihn? So antwortete sie immer: Ja, nein, ja, nein! Wie lange, bange Stunden schlichen also hin! Endlich: ja! Gott lieh ihn mir.
Und jetzt? Warum doch mußt ich gedenken, wenn er dazumal gestorben wäre, so roär's vielleicht besser gewesen für ihn und mich?! Derohalben erschrak ich nicht wenig über das, was er sagte, als er nun aufstand und vor mich hintrat.
„Ich hab' Euch", sprach er, „in groß Herzeleid gebracht heut und weiß wohl, Ihr werdet noch schwereren Kummer von mir haben. Einst, Vater, bin ich doch nur Cure Freud gewesen, und zu der Freud kamen licht« Hoffnungen —?"
Unter solchen Worten war er vor mich hingekniet und blickte zu mir in die Höh, wie vor Jahren, wenn er als kleiner Knabe sich an mich lehnete.
„Jst's nicht fo, Vater?" fragte er wieder.
Mir war's inwendig, als wollt' miris Herz zerspringen vor Wehmütig- kett, und ich nickte nur zu ihm nieder.
„O, so denket," sagt« er weiter, „ich sei noch, der ich damals gewesen Vielleicht lindert das! Vielleicht traget Ihr an meinem Undank nicht so schwer und an aller Uebelrede und Schmach, so auf mich fallen wird, wenn Ihr denket, ich fei vorlängst dahin und leb' nur als Kind in Eurer Erinnerung."
„Reinhold," sagte ich, „bist du unschuldig andern, dessen sie dich zeihen?" Vergebt mir, Vater!" Weiter sprach er nichts und führte meine recht» Hand, so ich auf seine Schulter gelegt hatte, sanft auf sein Haupt uttt neigte sich tiefer. Ich könnt' nicht anders, tat die andre auch hinzu und sagte dabei: „Gott Helf dir, Reinhold!"
Darnach bald so hatte er mir eine gute Nacht gewünschet und war in seine Kammer gegangen. Mit vielen Gedanken überdacht ich alles, ch ich letztlich erlebt, als ich allein war, und hatte wohl Urfach, Gott zu bitten, daß er möchte alles zum Besten lenken, auch der Soldaten Rache vom Dor;
Andern Tages ist der Reinhold fortgeroeft und niemand hat jagen können, wohin er gegangen und was mit ihm geworden. Ich Hab s nicht allfofort wollen ruchbar machen, wie er verschwunden war, und ich bin mit meinen Sorgen (was Art sie gewesen, ist leicht zu ermessen) allem herumgegangen, hätte mich am liebsten ganz vor der Welt oeinrocheii. Aber schon desselbigen Vormittags ist der Schultheiß fürgesprochen und hat dem Jungen nachgefragt, maßen di« Uebeltat aufm ,verlorn Hof verübet ju sein wirklich ans Licht kommen war des Morgens früh, da ein Melzers- fnecht anaeaeiaet daß norm Stalle der tote Gaul mit abgefchnittenem Halse im ^Laufen hoch mit Mist zugedecket läge WÄchergestalt d.« Bauren, da sie hinausgegangen, di« Sache auch befunden hatten.
Nunmehr wird der geneigte Leser leichtlich gedenken, wie ich ich er diese Zeitung schier verstürzet und gar entsetzet war; denn memes Reinholds geheime Flucht mußte ja nun allen Verdacht auf ihn laden. Also es auch aefchehn: Jedermann hielt ihn vor den Schelmen, der nut dem Raube da- vongewischt wäre. Dergestalt ging der Melzer frei aus zumal die Ku - fachen in diese Gegend nicht wiederkamen (die wechselnden Kriegslaufe führten sie dem Elbstrome zu); so wich auch aus der Gemeinde allgemach bie erste Sorge um die Büßung, die ihnen angedroht war. Aber meines Reinholds Angedenken tag im Schimpf und blieb darin; rote es ihm ohns- das unter der mit ihm aufwachfenden Jugend an Mihgonnern nicht gefettet hatte, maßen er beherzter und stärker war, denn sie alle. Was aber vor ein scharfer Herzenskummer von dieser Begebnis her an meiner Seele zehrte, will ich beliebter Kürze halber hier nicht weitläufig beschreiben; hm- gegen aber vom ,oertern* Hof sagen, daß der Wirt daselbst ,e langer je mehr ein seltsamlich Wesen angestellt hat, immer ärger im Schaben mw Kratzen geworden ist, und ganz und gar keiner um ihn hat mögen bleiven, derowegen der Hof mit desto viel mehr Gebichr der .verlorne heißen durfte. Wer nicht mußte, hat keinen Fuß imhin gehoben, ausaenommen die alte Lor«; mit der ist der Melzer viel zusammen gewest, und Gott isis wissend, was die beiden miteinander für Ding getrieben haben. Es aber dies« Freundschaft die Leute um desto scheuer gemacht, dem Bauer am- zuweichen. Denn keiner mochte, zwingende Not ausgenommen, mit oe Allen zu schassen haben. Sie war bald nach Holmers Tode ins Dorf ge- humpelt als ein Taterweib, mit langem, zottlichsm Haar, und murmelte immer vor sich her, häßlich und gelb.
(Fortsetzung folgt.)
Der an! wörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Anivers itätS-Duch- und Steindrucker ei, Tk. Lange, Gießen.


