Ausgabe 
26.7.1927
 
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Besuch in Hollywood.

Von Rudolf Lothar.

Um Hollywood, die Filmstadt, hat die Legende einen Glorienschein ge­woben. Man weiß in Europa, daß in einer märchenhaft schönen Gegend märchenhaft schöne Menschen märchenhaft viel Geld verdienen. Und so erscheint denn jedem, den das Schicksal nach Hollywood bringt, oder der sich lellbst 'drüben sein Schicksal suchen möchte, die Fahrt an die Küste des pazifischen Ozeans wie eine Reise ins Märchenland.

Hollywood ist eigentlich ein Borort von Los Angeles.. Aber um Los Angeles liegt eine Unzahl von Vororten, junger und jüngster Städte, die über Nacht wachsen und über Nacht größer werden. Sehr oft sieht man ein noch völlig unbebautes Terrain, durch das nur ein sorgfältig an­gelegtes Straßennetz führt, und irgendwo auf einem Schutthügel oder einer Wies« prangt eine, Tafel mit der Ankündigung, -daß hier die künftige Stadt Soundso stehen wird. Los Angeles mit all seinen angeschlossenen Gemeinden ist auf dem geraden Wege, die größte Weltstadt der Erde zu werden. Das ist sein Ehrgeiz, sein Stolz und sein Ziel. In dieser Stadt -kennt man keine Entfernungen.Gleich um die Ecke", das sind sicher acht bis zehn Kilometer. Ein Mensch ohne Auto ist hier undenkbar. Die jüngste Zählung ergab, daß auf jeden dritten Einwohner in Los Angeles ein Auto kommt. Für das Auto wird auch in allererster Linie gesorgt. Die außer­ordentlich breiten Straßen sind spiegelglatt und meistens aus Zement. Sie find vollkommen staubfrei. Trotz der unzähligen Autos gibt es weder Staub, noch Gestank, noch Lärm. Denn der amerikanische Fahrer hupt in den seltensten Fällen. Der riesige Verkehr wickelt sich ganz lautlos ab. In wohltuendem Gegensatz zu Paris oder einer italienischen Stadt, wo einem der Autolärm rasend macht.

Die Weltstadt Hollywood ist stolz auf ihre idealen Autostraßen. Sie sind eiugesäumt von Fächerpalmen, Dattelpalmen und Kokospalmen, von Eukalyptus- und Pfefferbäumen. Zwischen den Häusern und der Straße liegen die offenen, zaunlosen Gärten, die auf der Straßenseite meist nur aus wohlgeflegtem Rasen bestehen. Auch ein schmaler Bürgersteig ist da, gut gepflastert, durch das Grün gelegt, aber er wird selten benutzt. Man geht nicht spazieren, und Fußgänger trifft wan nur in den Geschäfts­straßen. Die Wohnhäuser sind fast lauter Einfamilienhäuser. Ueber 80 Pro­zent aller Häuser in Los Angeles und Vororten sind lauter Einfamilien­häuser. Diese Bungalows sind in allen möglichen Stilen erbaut. Die meisten und das sind auch die hübschesten in spanisch-mexikanischem Stil mit flachem Dach, manche in amerikanischem Kolonialstil mit einer Reihe schlanker Säulen, die das Gebälk des Daches tragen, aber man sieht auch Landhäuser in europäischen Stilen, die ebensogut in einer kleinen Stadt Deutschlands stehen könnten. Die Häuser haben alle weiten Ellbogen- raum, denn wie in Amerika alles gern verschwendet wird waste ist ein Kennzeichen des Amerikanertums, das aus dem Dollen schöpft, so wird Sier auch der Raum verschwendet. Zwischen den Häusern, oft mitten in der elebtesten Gegend, liegen noch große Flächen brach und harren der Käufer. Das Merkwürdigste aber ist: Die Straße ist hier kein Begriff wie bei uns in Europa, wo fast jede Straße ihr eigenes Gesicht hat. Was wir ein Straßenbild nennen, das gibt es hier nicht. Schnurgerade laufen die Boulevards und Avenuen und keiner der Strahenzüge unterscheidet sich in irgendeiner Weise von der Nachbarstroße. In Europa strebt jede Stadt nach Berdichtung. Sie hat ein Zentrum, ein Herz. Das ist erklärlich aus .der Geschichte des europäischen Städtebaues. Heute noch dominiert der Marktplatz, wenn er auch in Großstädten alle möglichen Formen an­genommen hat. Wie aber für die europäischen Städte der Marktplatz kenn­zeichnend ist, um den sich die Häuser lagern, so ist für eine amerikanische Stadt die durchlaufende Hauptstraße charakteristisch, die Mainstreet, die Verkehrsstraße, die Autostraße.

Mehrstöckige Gebäude sieht man in Hollywood die wenigen Ge­schäftsstraßen ausgenommen nur in geringer Anzahl. Fast alle Häuser bestehen nur aus einem Erdgeschoß und sind einstöckig. Und so ist eigent­lich Hollywood nichts anderes als eine Villenstadt in riesenhaftem Format. Die Villenstadt kriecht auf alle Berge hinauf, legt sich über alle Hügel, und wahrscheinlich werden in ganz kurzer Zeit alle Berge rings um Holly­wood mit Häusern bedeckt fein. Heute schon führen überall die breiten Straßen hinauf, die dem künftigen Verkehr dienen werden. Hier ist immer zuerst die Straße da und dann kommen die Häuser.

Wenn man in Europa auf eine Stadt aus der Ferne oder von der Höhe herabsisht, dann haftet das Auge an Kirchen und Türmen. Türme und Kuppeln sucht man hier vergebens. Nur hier und da ragt ein Wolken­kratzer ober ein Kinoprachtbau über die niederen Häuser empor.

Das Sonderbarste ist, wenn man ein Haus, ob groß, ob klein, ent­stehen sieht. Es entsteht genau so, wie die Bauten in den Studios der Filmgesellschaften. Ein Holzgerüst wird aufgestellt und die Wände, die Stein, Granit ober Marmor vortäuschen, sind Rabitzwände, die mit einer dünnen, festen Masse verkleidet sind. Man muh hier so leicht und lustig bauen, weil die Erde nie aufhört, zu beben. Es gibt sehr oft solch kleine Erdbeben und niemand beachtet sie sonderlich. Zuweilen sreilich ereignet sich da ober dort eine Erdbebenkatastrophe. Die Häuser fallen zusammen wie Kartenhäuser und es gibt Tote und Verwundete. Aber die Zahl der Toten und Verwundeten wäre viel größer, wenn die Lebenden in Stein­häusern wohnten.

Das Haus spielt im Leben des Amerikaners eine sehr geringe Rolle. Die Wohnfreude, der Genuß des eigenen Heims ist ihm völlig unbekannt. Man darf eben nie vergessen, daß unsere Wohnfreude das Ergebnis von Jahrhunderten ist und in der Liebe zur Vergangenheit wurzelt. Wir lieben die Dinge, die wir geerbt haben. Urväterhausrat, Stücke, die an ver­gangene Zeiten, vergangene Schicksale erinnern. Der Europäer hat ein Verhältnis zu allen Dingen, di« ihn umgeben. Dem Amerikaner bedeutet das Haus nicht mehr als ein Zelt, das er heute abbricht, um es morgen anderswo aufzubauen. Darum ist eine amerikanische Wohnung selten ge­mütlich. Die Wohnung hat meistens ebensowenig Charakter wie die Straße. Unter den Villen, die man sieht, gibt es manche, die freudig vom Reichtum des Besitzers Zeugnis ablegen. So Chaplins Villa mit ihren vierzig Zimmern, so die Billen mancher anderer Filmgröhen, die es sich leisten können, die herrlichsten Häuser zu haben. Denn nirgends auf der

ganzen Welt kann ein Künstler so viel Geld verdienen wie hier. Cs gab eine Zeit, wo Gloria Swanson 175 000 Dollar die Woche erhielt, und Wochengagen von vier- bis fünftausend Dollar sind nichts Ungewöhnliches. Der Film ist das große Goldbergwerk, das magisch Tausende und Tausende anzieht. Der Film ist der Gott von Hollywood. Für einen Film, der eben gedreht wird, interessiert sich die ganze Stadt weit mehr als für irgend­ein Ereignis in der ganzen weiten Welt. Eine Zeitlang hielt der Christus- Film, der bei de Mille gedreht wurde, Hollywood in Atem. Jetzt rückt Alt-Heidelberg ins Zentrum des Interesses, das Lubitfch im Studio von Metrogoldwynschießt" (denn was bei unsdrehen" heißt, negnt man drübenschießen"). In Alt-Heidelberg spielt übrigens ein blendend schöner, junger Mexikaner Navarro den deutschen Prinzen. Und ich habe selten etwas Deutscheres, wenn der Ausdruck erlaubt ist, gesehen, als die Straße der kleinen Residenz auf kalifornischem Boden, durch die der Erbprinz mit seiner jungen Gemahlin feinen Einzug hält.

Die Filmgesellschaften bauen sich hier ihre eigenen Städte, das heißt, um das Studio kristallisiert sich eine große Stadt. So ist z. B. Universal City entstanden, die Schöpfung der Universal-Filmgefellschaft. Die Fllm- gesellfchaften setzen Millionen und Millionen um und bilden eine Erschei­nung, die einzigartig in der Geschichte der Kunst ist. Niemals, zu keiner Zeit und in keinem Land und bei keiner Gelegenheit hat sich die Kunst so innig mit der Industrie verbündet. Und dieser Ehe bekommt der blaue Himmel Kaliforniens besonders gut.

Strahlender blauer Himmel. Psalmen im Sonnenlicht. Im Januar sitzen wir auf der Terrasse des Hotels, und zwar im Schatten, weil es in der Sonne zu warm ist. Eine wundervolle Landschaft, lauter frohe liebens­würdige Menschen um einen herum, und doch und doch leiden alle Europäer hier am Heimweh. Auch diejenigen, die es nicht sagen, die es leugnen. Denn, um sich in Amerika wohl zu fühlen, muß man sich ent­schließen, Amerikaner zu werden. Man muß feine europäische Mentalität abftreifen und amerikanisch denken und fühlen. Manche können es, manche können es nicht. Und die es nicht können, werden das Heimweh nicht los.

Wom gefundnen Reinhold undverlorn" Gretlein.

Bon Heinrich St e i n h a u f e n.

(Fortsetzung.)

Jetzo muß ich aber erzählen, aus was Urfach Gretlein nur immer mehr dahin gelanget fei, wider sonstiger Jugend Art so für sich zu bleiben. Denn östevmals, was Gott vor einen Geist in den Menschen gegeben hat, wird staffelweise und ohnmerklich im Leben modifiziert, dergestalt, daß endlich der Mensch nach Sitten und Meinung ein weit andrer worden ist, als es ursprünglich das Ansehen hatte; denn unser Herz ist wandelbar. Jedoch bei dem Mägdlein, von dem ich reife, trug sich nichts zu, sie von ihrem Sinn abzulenken, sondern das Widerspiel; geftaltf-am sie ohn' Mutter, als die über ihrer Geburt starb, im .Derlorn* Hof aufwuchs, allwo selten jemand vom Dorf oder anders woher einsprach; denn ihr Baier war ein Kratzer und Schabhals, keines Menschen Freund und Leutschinder (verstehe: so bei ihm in Arbeit wirkten und denen er ab knaps en konnte). Ihm ist auch das Gretlein, ob es gleich sein einzig Kind war und er Wittmann blieb, immer im Weg gestanden, er hat sich fein im geringsten gar nicht väterlich an- genommen und sie wohl oft ohn einig Urfach mit Schlägen traktieret. Dahero ist denn das überbas schüchterne Kind je länger je scheuer ge­worden und froh gewest, so es allein sein konnte.

Danach vor jetzund acht Jahren hat sich auf dem ,uertorn Hof etwqs zugetragen, das hinterher für ben Melzer (so war er geheißen) und all sein Ding gar sehr zum Uebel ausschlug. Ach! auch ich, indem ich davon dem geneigten Leser vermelden will, werde dabei an ein groß Herzleid erinnert, fo mir widerfahren ist und gleichsam einem bittren Myrrhentrank gereicht, ja mich lange Jahre hindurch hochbetrübet hat.

Damals, als ich unter der Tür Hinterm Holunderbufch lugte, ob das Gretlein, das feit zehn Tagen bei mir nicht Vorgesprächen hatte, nicht käme, während unten die Bauren vor Föremonts Truppen flohen, stund dies Herzeleid wiederum ganz nahe und groß vor mich hin, und inwendig riefs in mir:Reinhold, o mein Reinhold, warum hast du mir das getan? Da bürdete mir die kummerhaste Erinnerung desto schwerere Herzens- gedanken auf.

Ich schreite nun aber zu meiner Historie.

In dem Jahre, davon ich schreibe, lag der kurfachfische Hauptmann v Holmer etliche Zeit im ,Derlom Hof zu Quartier, eine Convoi erwartend, fo er weiter geleiten sollte. Er war trefflich gut montiert, wie auch seine drei berittene Knechte gleich also. Wie nun die besagte Convoi verzog, ritten die vier häufig nach ihr aus. Einmal nun reuten sie tiefer wie sonst in Wald, fo kracht aus'm Hinterhalt ein Musketenfchuh, und Holmer finkt, ohne einen Laut zu geben, vom Pferde. Alsbald fpringen Bufchklöpfer, alle mit Feuerrohren, aus dem Dickicht hervor und in solcher Menge, daß die Knechte Müh haben, sich durchzuhauen und zu entrinnen. Ihren Herrn fchen sie fiir tot im Grase liegen, das von feinem Blute berieselt wird, indessen fein geschwind Pferd, das ohne jegliche Verletzung geblieben ist, in gestrecktem Lauf den Weg zurückfprengt, ben sie gekommen sind.

Solches hat sich in der Frühe zugetragen, beim Tagesgrauen. Abends nun reuten zween von den Knechten, wie leichtlich zu erachten mcht zur Kurzweil aufgelegt, wieder in ben ,verlort Hof ein und finden den Bauern, wie er sich im Stall zu tun macht.Wo ist unfers Hauptmanns Pferd, Kerl?" fragen sie und tun ihren Soldatenfluch dazu.Eures Hauptmanns Pferd?" fragt der und hantiert in feinem Stall weiter.Ha! -darnach sollt' ich euch fragen und nach eurem Hauptmann auch! Denn die Soldaten lagen ihm schon viel zu lange aus'm Halse, und er hatte sie daran gewöhnt, sie merken zu lassen, wie molest sie ihm waren.Was? du reudiger Hund," schre'ien sie da,willst du leugnen, daß das Vieh wieder zu seiner Kripp« getrachtet; und die alte Hex«, drüben am Kreuz­weg, der wir begegnet sind, hai's auch den Weg her rennen sehn?

Darnach sind sie abgesehen und haben allerorten in Stall und Scheune nach dem Roh gesucht, aber selbiges nicht auch kein« Spur davon funden. Nun muß aber der geneigte Leser wissen, daß der v. Holmer allezeit em