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Unterhattungrbeilage z«m Gießener Anzeiger'

Jahrgang |927 Dienstag, den 26. Juli Nummer 59

Wiegenlied bei Mondschein zu singen.

Von Matthias Claudius.

So schlafe nun, du Kleine!

Was weinest du?

Sanft ist im Mondenscheine Und süß die Ruh.

Auch kommt der Schlaf geschwinder

Und sonder Müh;

Der Mond freut sich der Kinder

Und liebet sie.

Alt ist er wie ein Rabe, Sieht manches Land;

Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt.

Und bald riach ihren Wochen

Hat Mutter mal

Mit ihm von mir gesprochen:

Sie sah im Tal.

Sie sah mich an, für Freude

Ein Tränchen lief;

Der Mond beschien uns beide. Ich lag und schlief.

Da sprach sie:Mond, o! scheine.

Ich hab sie lieb. Schein Glück für meine Kleine!" Ihr Auge blieb

Noch lang am Monde kleben Und flehte mehr.

Der Mond fing an zu beben, 2Hs hörte er.

Und denkt nun immer wieder

An diesen Blick

Und'scheint von hoch hernied

Mir lauter Glück.

Er schien mir unterm Kranz '

Ins Brautgesicht

Und bei dem Ehrentanze;

Du warst noch nicht.

Kindheit.

Von Friedrich Burs che l l.

Wie gut ich di« Winde noch kenne von dem dunklen Loch im schmutzigen Lacksteingiebel, der über die traurigen Hinterhäuser und die Dächer hin­weg zwischen den hohen Schornstein und den Kirchtürmen in den Hori­zont meiner Kinderaussicht stach! Wie ich die runde Scheibe noch sehe und das darüber gespannte Seil, das mit beiden Händen in das Unsichtbare hinunterlangte. Oft stand ich am Fenster und wartete, ich schaute in den Hof hinab, wo gewiß viel zu sehen war, ich betrachtete den dichten Rauch aus dem Schornstein, der, vom Wind zerteilt, in der Lust verging. Manch­mal kletterte eine Katze über ein Dach, aber meine Blicke kamen immer wieder verstohlen auf die Winde zurück, und wie klopfte mein Herz, wenn ich erleben durste, daß die Scheibe sich wirklich drehte, das Seil darüber wegglitt, an einer Stelle kaum bemerkbar sich warf, dann stärker schwankte und mit der Scheibe stillstand, bis nach einer Pause, in der unten etwas geschehen sein mußte, die Scheibe sich wieder drehte, langsamer diesmal, und endlich über den letzten Dachfirst hinaus, ein Haken sich hochschob und, daran hängend/eine Last schwerfällig in der Luft sich drehte, ein Sack oder etwas Gebündeltes, ein kostbarer Schatz vielleicht, der eben im tiefen Loch des Giebels von Menschen nicht, von Zauberern erwartet wurde. Denn spannender konyte kein Märchen sein, wie sie jetzt danach griffen, ohne daß man Hände oder dergleichen sah, wie jetzt die Last am scharf angespannten Seil gerade vor dem Loch zu stehen kam und in der schwarzen Tiefe verschwand, hoch oben in den von Sterblichen nie betre­tenen Räumen, wo schon die anderen Schätze zu hohen Bergen sich häuften.

Ich entsinne mich noch, daß ich einmal nad) einer solchen Szene, die ich oft und mit gleicher staunender Spannung erlebte, meinen Platz am Fenster verlieh und im stillen Zimmer umherging, wo nur die Kett« der Hängelampe leise klirrte, wenn unten ein Wagen vorüberfuhr. Ich entsann mich noch, daß ich wie eingehüllt in «ine Wolke von Staunen und Ver­wunderung durch das Zimmer ging, zum erstenmal deutlich mir selber entrückt, gehoben von einem leichten Rausch, von einem Uebermaß in mich eingedungenen Lebens. Ich entsinne mich, daß ich dann auf das braune

Sofa mich legte, und die Augen schloß, damit di« Stille mich groß über­wölben könne; ich entsinne mich, daß ich mit den Händen nach meinem Kopf griff, meinen Körper betastete, und daß ich hier das Gesuchte nicht fand, baß es mir schien, als sei es anderswo, von anderswoher un­bestimmbar in einer Wolke, in dem Rausch um mich her, in mir zusammen­geflossen, das Staunen und di« VerMunderung, das Ziehende, Lockende hinter den Bildern und Gerüchen, die Geister, die Zauberer und das be­lebte Dunkel . . .

Aber das Kind, in seiner zarten Epoche geschützt durch wohltätige Mythologien, und rings vom Zauber umstellt, ist selber der Zauberer, der alle Kraft in sich vereinigt, und der bequemen Täuschung einer aus­staffierten Puppe, eines bunten Bildes ein rohes Stück Holz, drei Striche auf dem Papier vorzichi, weil es selber bewegen und schaffen will. Ich wußte es vor dem Krieg und weih es noch immer, wieviel von dem Reich­tum des Kindes mir geblieben fein muß; denn wie käme ich sonst dazu, von meinem Leben zu erzählen? Wenn ich traurig bin, wenn dieses nagende Gefühl der Trauer mir mit vermehrten Schmerzen sich bezahlen läßt, daß ich mir nicht ganz wie ein überflüssiges, bald erledigtes Tier vorkomme, erinnere ich mich manchmal, daß ich ein Kind war, und wenn es mir nicht immer gelingt zu lächeln, mit dem leisen, auf die Lippen sich stehlenden Lächeln, dem der Rest folgt, nur weil es ein Hücheln war, das di« Lippen warm und zärtlich bewegte, dann könnte die Erinnerung an eine oft wiederholte Begebenheit genügen, die ich später datiere als das Erlebnis auf dem Sofa, nicht weil sie sich auf der Straße abspielte, sondern weil ich hier meiner Person deutlicher bewußt jenen Zauberstab der Phan­tasie nach Belieben schwingen konnte, und nicht mehr wie beim Anblick der Winde auf ein möglicherweise auch nicht sintretendes Wunder zu war­ten braucht«.

Ich hatte nicht lange zu gehen, nur drei Häuser weiter, bis zur Apo- cheke, deren Tür sich beständig unter dringendem grellen Läuten öffnete und schloß, und aus der es mit lindernder Schärfe herausroch, ähnlich wie aus dem Medizinschränkchen meiner Eltern. Hier war nWin Platz, die Apo­theke war das letzte Haus in unserer Straße, ich hätte nur um die Ecke zu biegen brauchen, so wäre ich in eine neue und sehr interessante Straße gekommen; aber ich tat es nicht, es war viel interessanter, stehen zu bleiben und die andere Seite der Apotheke im Dunkeln zu lassen. Natürlich wußte ich genau, daß es die Hauptstraße war, die gleich um die Ecke begann. Ich wußte, daß ich mit fünf Pfennigen in der Tasche in den elften Laden um die Ecke herum hätte gehen können zum Herrn Katzermaier, der ost bei meinem Vater saß, klein, beweglich, rund, sicherlich ein wenig verschlagen und seltsam kontrastierend mit der Würde seines Bartes, der in zwei Spitzen, beim Sprechen auf- und niederstoßenden Hörnern, auslief. Ich wußte, daß es bei ihm die schönsten glatten bunten Klicker zu kaufen gab, ich wußte, daß weiter oben, beim fünften Hutmacher Vogel, meine Mutter mir vor einem großen Spiegel die Mützen aufprobieren ließ, die doch immer eine Nummer größer genommen werden mußten, zu meinem Merger übrigens, denn so sehr ich wie jedes Kind wachsen und großwerden wollte, ebenso verdroß es mich, als etwas Provisorisches imb Veränder­liches betrachtet zu werden. Kurz, es war eine höchst reale, von wohl­bekannten Leuten bewohnte und mit mancherlei Erlebnissen gepflasterte Straße, deren Existenz ich auch dann noch nicht wahrhaben wollte, wenn ich alle paar Minuten die Trambahn nach Mannheim hinter den Pla­tanen des Marktplatzes auftauchen, an der Ecke halten und in dem breiten, nicht abzuleugnenden Schacht der Apotheke und dem gegen- überliegenden Zigarrenladen verschwinden sah. Gewiß, ich glaubte nur so­weit, wie meine Augen reichten, nur auf den Umkreis meiner Sinne galt das Leben, aber dieser kindliche Sensualismus war eher eine unbewußte List. Denn umgekehrt wie ein Erwachsener, der ein schmerzvolles Erlebnis, die Wirklichkeit überhaupt, dadurch von sich abzurücken versucht, daß er möglichst viel mit anderen Menschen über das Erlebnis spricht, jedoch nur wie über ein Faktum, das ihm untergelaufen ist, und der feinen Erfolg darin findet, daß der peinigende Schmerz oder der Stachel des Gefühls und damit di« eigentliche Realität aus der empstndlichen Stelle feiner Seele entfernt ist, umgekehrt wie ein solcher Erwachsener und schneller untertauchend löschte ich die Existenz, die Vorstellung einer wohlbekannten und vertrauten Straße möglichst radikal auf der Tafel der inneren Auf­zeichnungen aus, und von seinem Objekt gelöst blieb mir das Gefühl noch in mir hängen, das die verschollene und unvorstellbar gewordene Existenz in den tiefen Schatten der weiten, unheimlichen, jeder Einbildung Raum gebenden Bezirke rückt.

Es war ein großes Vergnügen für mich, so vorbereitet,an der Eck« zu stehen, das grelle Läuten der Apothekentür und zugleich den scharfen, kühlen und lindernden Geruch in meinem Nacken. Je unbeachteter ich mich an meiner Ecke fühlen durfte, desto kräftiger war ich von der Gewalt meiner kleinen Person überzeugt, und kein Mächtiger der Erde kann sich so freuen, wie ich mich freute, wenn ich aus dem unterweltlichen schattenhaften Bezirk jenseits der Ecke zuerst nur einen Arm oder ein vorgestrecktes Bein auf tauchen sah, und hintennach, rasch sich entwickelnd, die Person, die, von