Athener aus, um eine Welt wolkenlosen, ungetrübten Glückes, ein Schlaraffenland zu entdecken. Ihr Ratgeber ist König Tereus, den die Götter in einen Kuckuck verwandelt haben. Die drei beschließen, einen neuen Staat unter den Vögeln zu begründen, der sie selbst zu Beherrschern des Luftozeans und damit der gesamten Götter- und Menschenwett machen soll: Wölkenkuckucksheim lautet der unsterblich gewordene Name dieser „Luftgründung". Bei der Aufführung dieser Komödie bot das attische Theater den bewegten und ungewohnten Anblick eines Vogelkäfigs, denn den girrenden Lockrufen Tereus' folgt eine große Vogelschar, und von allen Seiten kommen bte Vogelschauspieler auf die Bühne „geflattert", „erst einzeln, damit man sie grünblid) bewundern könne, dann in Scharen, bis die Orchestra erfüllt ist von vierundzwanzig hüpsenden, flatternden, schreienden Vögeln, die sich nun in die festen Glieder der Choraufstellung ordnen..Sogar die mannigfachen Vogelstimmen hat Aristophaues in den Liedeinlagen des Stückes naturgetreu nachzuahmen gesucht.
Auch im Mithelalter erscheint die Tierrolle hin und wieder auf der Bühne. In Lübeck, wo der berühmte Reinke de Vos, das Urbild von Goethes Tierepos, heimisch ist, hat man die Gestalten dieser Tiersage auch auf das Theater gebracht, wie eine Theaterankündigung „Wie der Löwe vom Throne gestoßen ward" (1447) dartut. In einem Straßburger Spiel erscheint gar Billeams Eselin leibhaftig auf der Bühne. Am englischen Hofe wurde unter Eduard V. ein Stück „Aesops erow" (Aesops Krähe) gegeben, bei dem die Darsteller in Vogelmasken auftraten, und für Fastnacht 1553 war in London die Ausführung einer „masque of cats" (Katzenmaskerade) geplant, die aber wegen Erkrankung des Königs nicht in Szene gehen konnte. Die Schwänze der Katzen aber figurieren noch in den Hofrechnungen. Diese an die Märchenkomödien der Antike anklinge-n- den Vorführungen von „redenden Tieren" wurden damals, wie aus zeitgenössischen Schriften hervorgeht, als etwas völlig Neues .und Ungewohntes empfunden. Aehnlich überglänzt von Märchenzauber wie die aristophanischen Komödien sind aber erst wieder Shakespeares Märchenstücke, wie etwa „Sommernachtstraum" und „Sturm", in denen Meister Zettel mit einem Eselskops elegisch durch den Wald wandelt, Schnack einen furchtbarem Löwen mimt und Geister in Hundegestalt die Menschen schrecken ...
Von Shakespeare führt die Entwicklung der Märchenkomödie zu den Romantikern. In den romantischen Märchenstücken, besonders in denen Tiecks, werden altbekannte Tiergestalten aus der Märchenwelt auf die Bühne gebracht. Im „Gestiefelten Kater" läßt gar der Dichter ganze Tier- chöre von Affen, Bären, Elefanten, Löwen, Adlern auftreten und die Titelrolle dieses Stückes ist zweifellos die populärste aller romantischen Tiergestalten auf der Bühne: Hinze, der Kater, der noch 1920 da Publikum zu belustigen verstanden hat, wie die Ausführungen in Berlin und Heidelberg bewiesen.
Neben der mehr oder weniger symbolhaften Verwendung von Tier- gestalten auf der Bühne hat aber insbesondere die rein artistisch-akrobatische Seite der Tierdarstellung, die Gewandtheit des Schauspielers, mit der er sich der Mimik des Tieres zu bemächtigen wußte, das Publikum angezogen und begeistert. So parodieren zu Ausgang des 19. Jahrhunderts die Wiener Borstadttheater mit Vorliebe die damals üblichen Hetztheatervorstellungen, bei denen kleinere Tiere durch Raubtiere zu Tode gehetzt und auf offener Bahn erschlagen wurden, durch Tierschauspieler. Witten in irgendeinem Kaiperlstück begann eine pomphafte „Tierhetze" mit Affen, Ochsen, Löwen, Bären, die der Hetzmeister mit Peitschen und Hunden antrieb: wütend mußten die als Tiere verkleideten Schauspieler aufeinander losbeißen, bis einer „tot am Platze blieb". Auch sonst wimmelt es auf den kleineren Bühnen des theaterfreudigen Wiens damals von Tierdarstellern, die den Ausstattungsstücken und Zauberdramen eine besonders originelle Note zu verleihen suchten. Man führte förmlich aristophanische Bogelstücke auf, bei denen es aber in erster Linie auf die Pracht und das Raffinement der prunkvollen Ausstattung ankam.
Mit der zunehmenden Ausgestaltung des Menageriewesens zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand vollends eine wahre Manie, wilde Tiere zu spielen. Großen Erfolg hatte in den dreißiger Jahren der „Viehfchau- spieler" Mayrhofer, der mit gleicher Virtuosität Löwen, Leoparden, Wölfe und Hunde spielte. Don seinen Nachahmern war der russische Tänzer Springer am bedeutendsten, der besonders als Affenspieler großen Beifall fand. Die Affenrolle wurde überhaupt bald die am hän- i figsten gespielte Tie rolle. 1825 war in Paris der Tänzer Mazurier als Affe in der Hauptrolle des Spektakelstückes „Joko" ausgetreten, ein paar Jahve später ließ sich Springer das rührselige Affenstück „Demi" auf den Leib schreiben. Den größten Erfolg aber errang der Affenspieler Klischnigg, für den Nestroy u. a. das Stück „Affe und Bräutigam" geschrieben hatte und der in den dreißiger Jahren einen förmlichen Tri- umphzug durch Deutschland hielt. Seltsamerweise ist gerade die Affenrolle in den letzten Jahren zu neuem Leben erwacht in einer Reihe von Affen- stücken, wie in Fauchois' „Der sprechende Affe" und in Vegesacks ,Mann im Käfig", das im Urwald bei den Affen spielt. Auch der von Irland ein- gewanderte amerikanische Dichter Eugene O'Rekll mit seinem Drama „Der haarige Affe" ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Mit solchen und ähnlichen Stücken reicht die Tradition der Affenrolle bis in die Gegenwart hinein.
Die Herkunft der Farbe.
Von Dr. Robert Pot o n 16, Privatdozenten an der Techn. Hochschule Berlin.
Wer wüßte nicht, daß es unserer Damenwelt erst durch die moderne Kohlenforschung möglich geworden ist, sich so recht bunt und farbenfreudig zu kleiden? Wie aber kommt das schwarze Gestein dazu, solche bunten Geheimnisse zu bergen? Diese scheinbar kindliche Frage ist sehr berechtigt. Ich horte einen populär-naturwissenschaftlichen Vortrag, in dem der Red- »er b'? große Skala der dem Steinkohlenteer entstammenden Farbstoffe begeisterte. Er sprach dann auch von den künstlichen Riechstoffen und schließlich sagte er: So sehen wir denn, wie Blumenduft und
Farbenpracht des uralten Steinkohlenwaldes durch eine raffiniert» Technik von neuem erwachen. Diese Redewendung muß bei vielen Hörer den Eindruck erweckt haben, als finde die Technik im Stein fohlen, teer noch ganz dieselben Farbstoffe und Riechstoffe vor, die einst de» Blumen des Steinkohlenwaldes eigen gewesen sind. Daß dies nicht der Fall lst, wird man dem vorsichtigen Leser kaum zu sagen brauchen. Allw weltgehende Umsetzungen hat die abgestorbene Pflanzensubstanz bunfc gemacht, ehe sie zur Steinkohle mürbe. Und wer dies nicht glauben will, den braucht der Geologe nur auf die Tatsache Hinweisen, daß es im Stein kohlenwald überhaupt noch gar keine Blumen gegeben hat. Wir kennen aus der Carbonzeit nur unscheinbare Windblüten, die noch nicht so weit waren, die Jnsektenwelt zu ihrer Befruchtung durch Farbenpracht und Blutenduft herbeizulocken. So bleibt es denn für viele eines der wunde» baren Rätsel der Natur und für andere eine schlichte Tatsache: Der Stein- ! kohlenteer liefert Produkte, die die früher gsbräuchlicheki natürlichen Färb- stosfe weit in den Schatten gestellt haben.
I Ganz anders lag das vor noch nicht allzu vielen Jahrzehrtten. Da war der Teer nichts als ein lästiges Nebenprodukt der Leuchtgasfabriken Bei der Destillation der Kohle erhielt man nicht nur das gewünschte Gas sondern auch dieses schmierige schwarze Etwas, mit dem man zunächst gar nichts und später nur wenig anzufangen wußte. Erst im Jahre 1856 wurde die erste Anilinfarbe aus dem Steinkohlenteer hergeftellt, und kam unter dem Namen Mauvein in den Handel. Als erster durchschlagender Erfolg hat jedoch die Darstellung des Fuchsins zu gelten. Das ist ein schöner roter Farbstoff. Dann kam das prächtige Anilinblau, Hofmanns violett das Anilinschwarz, das Safranin Perkins und 1864 die ersten Naphthalinfarbstoffe, bis endlich eine unabsehbare Reihe aller Farben- nuancen beisammen war. Einen besonders großen Triumph erlebte die Chemie mit der künstlichen Herstellung des Alizarins und des Indigos, Hierbei wurde so recht klar, daß der Chemiker in der Lage ist, einen Farbstoff in weit ratonetlerer Weise und in einer viel reineren Form her- zuftellen, als dies durch den lebenden Pflanzenkörper geschehen kann. Der Krappbau zur Gewinnung des natürlichen Alizarins bedurfte großer Landflächen, die nun anderen Zwecken zur Verfügung gestellt werden konnten. Auch die indischen Indigokulturen wurden immer überflüssiger, und man konnte vor dem Kriege mit Genugtuung feststellen, daß die Werte, die bis dahin für den teueren Farbstoff ins Ausland gegangen waren, immer mehr im Lande-blieben.
Mit der Darstellung des Alizarins war zum ersten Male die vollständige Synchefe eines natürlich vorkommendsn Farbstoffs gelungen. Man ging dabei von dem aus dem Steinkohlenteer bereits bekannten farblosen Kohlenwasserstoff, dem Antracen, aus. So tarn in das bis dahin mehr oder minder übliche Herumprobieren ein neues Prinzip: das der zielbewuhten Synthese der Farbstoffe. Dies war ein großer Fortschritt, größer als jener erste, der einem jungen Chemiker das Glück in die Arme trieb, aus dem farblosen Benzol des Steinkohlenteers den schönen, jetzt als Mauve bezeichneten violetten Farbstoff herzustellen, lind doch war . das Aufsehen bei jener ersten zufälligen Entdeckung begreiflicherweise größer. Stand man doch damals noch ganz auf dem Boden der Anschauung, die Entstehung der Farbstoffe sei eine der schönsten Wirkungen der Lebenskraft. Erst als man sich von derartigen Gedanken losgermigen hatte, vermochte man spätere Fortschritte richtig und höher zu bewerten. So neben der Darstellung des Alizarins das planmäßige Vorwärts- bringen, das schließlich zur technischen Herstellung des Indigos führte. Und das gestaltete sich so. Es gelang zunächst am natürlichen Produkt, den | genauen Aufbau dieses Königs der Farbstoffe zu ergründen, und nun setzte man sich mit größtem Eifer für die Sache ein, und die Erfolge der Chemiker brachten es schließlich mit sich, daß um die Jahrhundertwende ein Produkt auf den Markt gebracht werden konnte, das mit dem natürlichen Indigo in Wettbewerb treten konnte.
Wir sind setzt soweit, ungefähr voraussagen zu können, welche Färbung eine organische Verbindung besitzen dürfte, deren Ausbau uns bekannt ist. Schon lange wissen wir, daß die einfachsten der farbigen orzo- nifchen Verbindungen gelbgrün bis gelb sind. Je komplizierter nun die Zusammensetzung der Farbstoffe durch Einführung neuer Gruppen wird, desto mehr geht ihre Färbung aus dem Gelben über Rot, Pupur urJb , Violett in das Blaugrüne über. Vollkommen klar sind wir uns jedoch noch lange nicht. Trotz diesem Prinzip der mannigfaltigsten Abweichungen.
Häufig wird den Teerfarbenstoffen der Vorwurf gemacht, sie seien im allgemeinen „unecht". Hierzu ist zu sagen, daß es keinen Farbstoff gibt, der allen „Echtheitsanforderungen" in gleicher Weise entspricht. Dafür gestatten uns die Teerfarbstoffe eine um so bessere Auswahl im Hinblick auf ganz bestimmte Bedürfnisse. Möbelstoffe müssen lichtecht, nicht aber waschecht fein; bei Tischwäsche dagegen wird man weniger auf Licht- als auf Waschechtheit sehen. Für jede Art von Echtheit sind heute Farbstoffe jeden Tones vorhanden, und dies weit billiger in der Erzeugung als die „natürlichen" Farbstoffe. Zudem gibt es sehr wohl künstliche Farbstoffe, die sogar noch weit echter sind als die natürlichen. Die Herstellung von weniger echten Färbungen bleibt dennoch für billiges Gewebe usw. notwendig, weil sich echte Farbstoffe meist teurer Herstellen und schwieriger auffärben lassen.
Doch zurück zu unserem Ausgangspunkte.
Der Chemiker hat es also nicht so leicht, wie es die Worte des Redners vermuten liehen, die ich vorhin erwähnt habe. Keineswegs liefert uns der Steinkohlenteer fertige Farbstoffe, die man nur auf mehr oder minder mühselige Weise von der schwarzen „Mutterlauge" zu trennen Hai. Der Teer gibt uns nur die Bausteine, die zum größten Teil noch weit von dem entfernt sind, was sie unter den Händen des Chemikers werden. Und wenn bann der Erforscher der Vorwelt die wunderbaren Fortschritte der Farbenindustrie überblickt, bann kann er nicht anders, als zugeben, Herr hat der Chemiker weit mehr geleistet, als der alte Steinkohlenwald es je vermochte. Zwar hat die wunderbare Vegetation von Farnen, Barlapp- bäumen und Riesenschachtelhalmen ihm die Bausteine für sein Werk geliefert, er hat aber unendlich viel mehr aus diesen Bausteinen gemnaji, als die Pflanzen der Vorzeit es je gekonnt haben.
verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Truck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch-- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
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