„Gruh, Karl!" Das mar alles!
nürrifch."
Die weißen Handschuhe.
Eine hexische Dorfgeschichte.
Von Wilhelm Philipps.
aber er hielt zu, die ihr an Karl
überfeinen feubalen Anzug, was? Lauter neue »roaen ,u^^n^- nn6 bezogen. Überhaupt Berlin! Hier keenc Ahnunk mch von ^eir, Jroßstadt!"
„Und Handschuhe?" kam es von Linas Lippen. ^uitke'" „Ohne die seht teen Jardejrenadier Sonntags zu die Mu, t .
so recht. Alles ging ihm zu langsam, er zahlte die L,age bis zu seiner Abreise. Warum hatte man sich auch kürzlich nicht dazu entschlossen, den Betrieb mit Dampfkraft zu führen? Lina hatte wohl das finnige Plätschern in den Äadfchaufeln gerne und das verträumte Klappern, das aus dem mehlbestaubten Wahlraum durch Gänge und Zimmer melancholisch und in unaufhörlich gleichmäßigem Rhythmus hämmerte. Rückständige Wirtschaft, die! — Wie Trommelwirbel mutzte das dröhnen unter dem Zischen und Pusten des Dampfkessels. Ueber- haupt Lina! Es lehnte sich mehr und mehr etwas gegen sie auf in ihm; es trat etwas zwischen sie. worüber Karl sich nicht recht ins Klare kommen konnte, was diesen Gegenden fremd und unbekannt war und den Menschen, die sie ihre Heimat nannten; wovon er selbst nur ins Blaue hinein träumte: die Welt da draußen, meilenfern!
Am Abend vor dem Abschied aus der Mühle saß man wieder in dem Burschen- und Mädchenzimmer zur Seite des Saales; wieder wiegte der buckelige Hannes sein geduldsames Instrument aus dem Knie, und der Dreher schürfte wieder über den rauhen Boden. Die Schoppen kreisten, und kecke Lieder drangen hinunter auf die Dorfstraße zu der Bank vor Linas Haus, auf der einige Alte faßen und sich von ihrer Militarzeit erzählten; drangen herausfordernd auch an Linas kleines Fenster und verschafften sich rücksichtslos Einlaß durch Scheiben und Vorhang, Lina hatte es nur schwer über's Herz bringen können, mit Karl, der sie vorhin kurz gefragt, zu dem Rekrutenabschied zu gehen. Sie waren Sonntags noch immer zusammengewefen mit den anderen und hatten sich beim Abendläuten mit einem kurzen Gruß getrennt; aber der Gruß klang ihr immer kälter und fremder. Müllers Karl war nicht mehr der alte, treuherzige, biedere Junge; sein letzter Händedruck war nichtssagend, weich und gleitend trotz der harten schwieligen Hand. Er hatte ihr zusetzen müssen, mitzukommen.
„Sah ein Knab ein Röslein stehn . . . langen sie; das war das Lied des Abschieds! „Und der wilde Knabe brach 's Roslein auf der Heiden! — Vor Kummer krampfte sich ihr das Herz zusammen. Sie durste es
naC$3o4en fib Monate darnach lAgmgcn. ote nueÖOe" Ha^krn tat« und den Fastnachtsabend des Gesangvereins, obwohl , Karls Eltern ih/geschickt hatten; sie ging dem Fragen ihrer Angehörigen und der Freundinnen aus dem Weg, die schon zu munkeln anfingen wegen ihrer sonderbaren Zurückgezogenheit. Was sie arbeitete, tat s'egew'senhaft und Lerne- sprach mit ihren Leuten von der kommenden Feldbestellung und dem N uanstrich von Haus und Scheuer, der bis zu den Ostern v° genommen sein sollte. Kurz vor dem Osterfeste kam unerwartet eine dntte Nachricht von Berlin, in der Karl mitteilte, daß er zu den Feiertagen Urlaub erhalten hätte und sich aus die Gesichter der BEriidahem freute, wenn er als Gardegrenadier den Weg durchs Dors zur Muyie g y
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von Karls Aukunj im Dörfihen. Sein erster Gang führte ihn M dems reundlich uberd^n, reich geschnitzten Hostor, durch das seine drei sparlichen Karten geimg worden waren. Lina kam ihm halbwegs entgegen, blieb aber iiö rafdit sa enttäuscht stehen, als sie Karl in strammer Haltung, faf größer als st- L in der Erinnerung hatte, in einer funMnagetneinn Uniform mit bebuschtem Helm vor sich sah. Und was hob sich da ! .^
von seinen Händen ab? Weihe, bleirdendweihe Handschuhe trug-r W Fürst kam er ihr vor. Er legte die rechte Mand an den Hel.n, n^ an die Hosennaht und rührte erst, als Lina ihm »hre e n \ i __ einmal mit der Schürze abgewischte Rechte entgegeiihielll Er erg ff Qq5 Hand lag in Hand! Aber was war das? Em ganz ®et7ehemen war Karls Hand nicht mehr, sie spurte nichts i^ber losmachen;
Haut; sanft und weich mutete es sie an. Sie wollte sich wieder-1
- , und sie starrte von neuem auf die weißen tzanvs -
so fremd und unverständlich waren: er kani w Handschuhen. „Ra,, Steene,jü^je^U? rtaub
nicht merken lassen.
Sie hatte sich nicht getäu|cht; zwei Postkarten waren m der Zeit zwischen Oktober und Weihnachten vom Briestrager mit einem sonderbaren Blick in ihrem Hause abgegeben worden. Stolze Gebäude waren darauf abgebildet mit ungewohnt hohen Fenstern imd gebieterstchen Säulen an der Vorderseite. Auf der breiten Straße zogen unzählige Menschen in dichtem Gedränge beiderseits neben der in Parade ausmarschie- rcnben Truppe her, an der Spitze die Musik! „Die Wachtparade vor dem Schloß", so sagte eine vornehme Zeile in fremden Buchstaben unter dem Bilde Und was stand sonst zu lesen? — „Gruß, Karl!" Das mar alles! Lina genügte «s; was durfte sie mehr erwarten?
Sie hatte ihm jedesmal geantwortet, erzählt von daheim: daß der alte „Schmidts Schorch" gestorben wäre, der die Mullerpferde lahrzehnte- long beschlagen und das Geschirr in Ordnung gehalten hatte; daß die „Mehlgatz" eben die Dampfmaschine hatte und verschiedene Mehlgass" kürzlich mit anderen Dorsbewohnern sich nach einem Herzhasten -Sort- wechsel geprügelt hätten, weil sie zu Unrecht als die letzten an die Reche gekommen wären; daß „Hainbuche Gustav vom Militär entlass n - den wäre wegen einer schweren Lungenentzündung, und daß sie sich gut ben Tag freute, an dem er einmal auf Urlaub käme, und wann das wäre. Davon stand auch aus der zweiten Karte kein Wort, die lange, lange aus sich hatte warten lassen. Schon eine Andeutung hatte ihr gerade an Weihnachten so gut getan; dann hätte auch sie ihre Fefttagsfreude gehabt wie die anderen, deren Soldaten restlos in Urlaub waren. Sie ging S an den Feiertagen nicht mit dem Volk. Am Christabend war sie n der Kirche; hörte eine Predigt von dem aus der Finsternis erlösenden Licht und von der Liebe unter den Menschen, die in Liebe schenkt und hingibt, um wieder Siebe zu ernten; vergaß bei einem Krippen Piel, das die Schuljugend am Altar ausführte, ihren Herzenskummer und verlor s <) dann wieder mitsamt ihrem sehnsüchtigen Schmerz und wehen Lech ,n dem Lichterglanz des bis zur D°cke d-m Kirchleins ravenden tveiy
(Schluß.)
Das lag alles weit, weit dahinten! Wie das Wasser in der breiten Abflußrinne ihm zu Füßen, so jagte ihm das sonst sosHw^ ^lut Lurch die Adem, trieb fein Sehnen und Suchen hinaus in di« Welt, in mibekanntes Land, zu neuen Menschen. Auf drei Jahre fort aus Der langweiligen Einsamkeit des Mühlbaches und oem ihm bald unerträglichen Frieden des Dorfes, und hinein m das wild bewegte Leben und Treiben der unermeßlich weiten, ruhelosen Stadt. Sie warm Freunde geworden: er und das stürmende freiheitfuchende heimatlose Wasser. In seinem Innersten hatte er sich schon losgelost von seinem ihm vordem unmtbehrlichen AUtagshandwerk und sich aewandt nach einer zwar ungewissen, deshalb aber um so rnz- ra Zukunft. Es war ihm manchmal, wenn er so dem Wasser die Bahn freimachte, als ob der Dodm unter ihm toegglitte und ihn unter Hohn und Spott als säumige Schlafmuhe zurücklwße
Lind weih der Teufel: die harte Arbeit auf dem Fruchtboden imd das stete Einerlei am Mehlkasten schmeckte tatsächlich nicht mehr
ahmen sie wackeren. Vorne Chopin, Würfel und der Kreuzer, dahinter N Fraulein Leopoldine, Meyseber und die Kreuzerin. Die drei Musiei vorne taten weiblich fachsimpeln und erzählten einander eine Sütnbe lang uon Kontrapunkt und Instrumentation. Die drei dahinter sprachen wenig Besonbers die schöne Leopolbine schwieg beharrlich, bis es ihr endlich an einer Waldbrücke gelang, an die Seite Chopins zu gelangen und Würfel und Kreuzer zu verdrängen. Da mürbe sie auf einmal gesprächig.
So gegen drei Uhr begann die Weinlese, und em lustiges Volk Der« sammelte sich unter den reifen Reben. An jenem Nachmittage wurde viel gelacht' und gesungen auf diesen Hangen voll Sonne. Als dann dl Winzer die Reben über die Hügel heimtrugen, von denen d,e ferne Stadt mit ihren Wällen und Türmen nur mehr als Meines Spielzeug zu sehen mar manberte hinter ihnen- ein endloser Zug lustiger Leute durcy die Gärten in denen das Obst leuchtete und dustete, und durch die kleinen Gäßchen hinunter zum Dorf. In einem Wirtsgarten voll gelber Kastanien, der am Berghange lag, ergoß sich der Menschenschmarm. Der Wirt lachte und buckelte vergnügt, als er das freundliche Verhängnis nahen sah. Die musikalischen sechs, Frau Kreuzer mar es nämlich auch, ließen sichs an einem Tisch ein wenig abseits von den übrigen, nieder. Auf der einen Seite saß die Kreuzerin, rechts von ihr Würfel, links ber Meyfeder, auf ber andern Leopolbine zwischen Kreuzer und Chopin. Die sonne ging unter und ihr letztes Licht fiel über die Weingarten, über die roten Dächer in den stillen Garten. Ein paar Sonnenflecken zuckten noch aus Bänken Bäumen und lachenden Gesichtern. Dann verblaßten sie auch, uni) es war ein Abend voll Duft. Vorerst aß man redlich, ®emle|e-arbett macht hungrig, dann floh der milde Wein, ber rings um die singende Stabt reist, in goldenen Strömen. So wartete man, bis bie Geiger kamen.
Ws es vom Kirchturme acht schlug, ba jtiurf)3te unter emem bre!teri Baume ein Geigenstrich auf, und ein narrischer Walzer jubilierte durch Garten Menschen und Mondenschein. Die Leute sangen nut, und es war ein attes Stück Wien, das sich dort an jenem Weinleseabend zusammenfügte. Auch die Freunde summten und, o Wunder, auch Chopin trällerte indes Leopolbine mit ihren allerliebsten Füßen den Tanz markierte. Als das Tanzlied zu Ende war, da sah der junge Pole Leopolbine so seltsam an, sprang auf, rannte auf den Sanner zu und fagte. „Sitte, die Violine!" Der war darüber so erstaunt, daß er sie dem Meister, den er nicht kannte, ganz ohne Frage gab. Chopin aber lehnte sich an den Stamm des Baumes und sah wild und feurig aus, als der Schein der Windlichter auf ihn fiel. Er begann. — Biele hatten den Austritt nicht aefeben unb schauten auf, als urplötzlich eine schwermütige, wunderschöne We durch den Abend bebte. Hat damals keiner geahnt, daß es .Chopins schönstes Notturno war, das da zu den Sternen klang. Dann auf einmal ein jubelnder Geigenruf und ein Walzer, den keiner noch gehört, sprang schleifend über die weinsrohen Leutchen. Da und dort erhob sich ein Saat lum Tanze und im Nu walzt alt und jung im Mondenschein. Selbst Herr ’Bürfel Ä fff solo imKreije herum, bis die Leopoldine sich einer erbarmte. Dann noch ein schmeichelndes Streschen, und die Musik erlosch.
Da erkannte einer den Meister und rief jauchzend: „BravoChopm! Nun ging's los. Der alte Würfel kam über die Tische und Stuhle gesprungen und es war ein Wunder, daß sie den Chopin am Leben ließen. - -9- Ms der Meister zu seinem Tische zurückkehrte,«da, war daserfte, daß der Kreuzer fragte: „Von wem ist der Walzer? und Chopin erwiderte sehr verlegen und ganz weinerlich: „Bon mir! — — der Würfel ein so begeistertes „Jeffas" hervor, wie er noch me feinem aansen Leben keines hervorgebracht hatte, und begann dann eine Rede, Re schon sehr nach Wein und Traubeninost schmeckte. Als er zu Ende mar, geschah es das zweite Mal, daß die Wiener den Chopin auf den Schultern trugen. Da er wieder am Boden stand, sagte die schone Leopol- dine ganz leise: „Chopin" und bann nach einer Weile: „Das haben Sie mir zulieb' getan!"
Es°wurb?Mt, als man Ausbruch. Kreuzer, seine Fram Meyseber und Würfel gingen voran, die anderen Gäste solgten mit Fackeln und Wmd- lichtern. Chopin und Seopoldine waren die letzten. Am Gartenzaune sagte die schöne Leopoldine noch einmal „Chopin! und da war s inber Gartentür, daß sie sich küßten. Als sie.wieder aufsahen waren d,e Gaste längst verschwunden, nur ein paar Lichter tanzten noch in den Weingärten, ein Lied klang herüber und dazwischen bebte leise em Walzer: Strauß und Lanner führten den Zug.
Zwei Tage darauf gab ber Meister wieder ein Konzert, diesmal auch mit einem Notturno, und die „Wiener ^!.lung" schrieb: »Http Cbopm spielte gestern noch talentierter -.wenn s möglich ist — aber sicherlich mel inniger und wir möchten sagen, sündhaft schon.
Der aber schrieb an seinen Titus: »Strauß und Sanner geigen n ch immer. Eine merkwürdige Musik, dieser Wiener Walzer, er macht einen


