Ausgabe 
26.4.1927
 
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GietzenerKnnilienblAter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang Mr Dienstag, den 26. April Rümmer 3Z

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Nachttted.

Bon Paul Appel.

Dun ist uns bas Dunkel gegeben. Wir können uns selber sehn.

2lun müssen die Fremden der Grd' allein Bei ihren Betten stehn.

Sie wohnen in dielen Zimmern.

Ich seh sie fensterwärts Lauschen in toter Treue Ihren Sternen ins Herz.

Ich mag bei den Fremden bleiben: Die Schwermut hat ihre Stund.

Sie geht umher auf den Zehen, Den Finger am Mund.

Sie läßt mir wenig Sinne, Meine Augen, die macht sie bald blind. Ich denke der Ängebor'nen, Die bei den Müttern sind. Wie ruhn sie in zarten Kammern, Die nie ein Schritt durchquert.

Ich will die Kammern loben.

Äielleicht, das) es ein Fremder hört.

Der erste Walzer des Herrn Chopin.

Von Alfons v. Czibulka.

Das war im Jahre 1829 mitten drin im heißesten August, daß der Kapellmeister vom Kärtnertortheater, Würfel, die enge Wendeltreppe eines für Vormärzzeiten hohen Houses des Kohlmarkts zu Wien hinauf­keuchte. Dabei brummte er fortwährend:Wann er nur spielen wollt, Jessas, Jessas!" Und bei diesemJessas, Jessas!" zuckte er immer sehr, als risse er mit dem Tattstock das Orchester empor. Man war auch damals schon nervös. Nach vielem wchnaufen und Pusten blieb er schnaubend und sich die Stirne trocknend vor einer Tür des vierte» Stockes stehen und zog die .Klingel. Als ihm ausgemacht wurde, stürmte er, ohne zu fragen, auf dis nächste Türe zu, klopfte und trat auch schon ein. Ein ganz junger, sehr schlanker Herr stand vorn Klaviere auf und lachte, als der kleine dicke Würfel sich theatralisch sein« grauen Haare zu raufen begann und verzweifelt fchri«:Aber Herr von Chopin, wie können's uns denn so was antun, nit spielen wollen's, fchauen's Herr von Chopin, das geht gar nit, Jessas, Jessas!"

Der junge Meister sah sich die Verzweiflung des Dirigenten «ine Weil« lächelnd an, dann sagte er:Mais Monsieur, c'est impossible!" Als aber Würfel, der wohl einst in seiner Jugend, als er in Warschau lebte, ein wenig Französisch gesprochen hatte, aber jetzt kein Wort mehr davon ver­stand, nun verwundert und weinerlich dreinsah, setzt« Chopin hinzu: Also ich meine, daß es unmöglich ist, ich kann bei der Musikalischen Aka­demie nicht spielen, ich kann nicht."

,Jessas!" jammerte schon mieber der Alte.

Ich kann nickst!" dek Junge.

So flogen eine gute Viertelstunde lang das .Jessas, Jessas" und das polnisch ausgesprocheneIch kann njicht durch das klein« Musikanten­zimmer. Als der Würfel aber gar zu sehr jammerte, und vor Kummer beinahe schon weint«, gab Chopin nach und willigte in das schon längst geplante Konzett. Da siel ihm der alt« Musikus um den Hals und schrie jetzt noch aufgeregterJessas". Dann rannte er, das heißt, er rollte die Stiege hinab, umarmte eine Obstfrau, einen Fleischermeister und zwei Schusterbuben, ließ sich beinahe von einem Zeiserlwagen überfahren und stürzte schnurstracks ins Wirtshaus, wo di« Freunde saßen und jubelte: Er spielt, er spielt!"

Am nächsten Morgen begann di« Probe und es ging famos, bis das Orchester bockte. Und das kam so. Der Flügelhornbläser blies ein paar­mal daneben und der Harfenist ließ Noten aus. Da wetterte der alte Würfel und war ernstlich böse. Aber das Orchester es war Montag, folglich der Tag und der Himmel blau war für des alten Herrn Donnerwetter nicht aufgelegt. Und der junge Grasteufel, dem zuliebe sie einen schönen Vormittag lang spielen mußten, ärgerte sie auch. So ging beim Krakauer Rondo alles drunter und drüber, und es war ein arges Gefiedel. Da riß auch dem Chopin die Geduld und er rannte ihnen davon und hinter ihm drein die Mufici, die die Probe mit angehört hatten: der Würfel, der Freiherr von Dammer, der Lachner, der Meyfeder und der Kreuzer. Und auch das Orchester, dem's plötzlich doch leid tat, stürmte mit allen Instrumenten hinterdrein, also es ein wunderlicher Zua wurde, der da durch das Kärknertor aufs Glacis hinauslief, allwo der Herr Chopin seinen Zorn zu Tode promenierte. Der alte Grenadier, der am Tore stand und noch mit dabei gewesen war, als man bei Leipzig den Napoleon bei den Ohren zog, schaute sehr verwundert drein, denn so etwas hatte er

noch nicht erlebt. Draußen ging dann das Bitten an, und so sagte Chopin noch einmal Ja und Amen und wurde im Triumphe zurück ins Theater erl. Aber die Probe wollte nicht klappen, und so ließ er das Krakauer

o sein und entschloß sich, im Konzert zu improvisieren.

Am kommenden Samstag stand er das erstemal vor den Wienern. Der Saal des Kärtnertortheaters war bis zum letzten Platze angefüllt, weil alles den jungen Polen hören wollte, von dem man sich alle musi­kalischen Wunder erzählte und dann auch deshalb, weil der nächst« Tag ein Sonntag war, an dem man also fange schlafen konnte. Das Zischeln und Flüstern verstummte, Chopin verneigt« sich und trat ans Klavier. Die Variationen überDon Juan" klangen auf, und das Händeklatschen unb der Beifall wollten kein Ende nehmen. Nach der Pause begann der Meister zu improvisieren. Ms er zu Ende war, schrien die Hörer vor Be­geisterung, und Wiener Mädel trugen den Chopin im Triumph durch den Saal, und der Meister lächelte selig. Dann kam auch der alte Würfel, und Chopin mußte mit ihm und den anderen Musieis ins GasthausZur böhmischen Köchin", wo an jenem Abende just Strauß und Sanner geigten. Dort wollte man den Triumph begießen. So hört« Chopin zum erstenmal Wiener Tanzmusik. Nach einer Weile fragte der Kapellmeister Würfel, indes er das Glas hob und das Licht der Kerzen im Topas des Sievermger ®eines funkeln ließ:Na, was sagen's zu Strauß. Herr von Chopin?" Der Meister wurde rot und sehr verlegen und antwortete ein wenig stockend:Mein Gott, das ist doch nur Spielerei und keine «rnst zu nehmende Musik." So sagte er, aber gleich darauf hätte er es am liebsten nicht gesagt gehabt, denn der Würfel ließ beinahe das Glas sollen und zetert« ganz erschrocken:Jessas, Jessas!" Der Meyfeder brummte: Na, so was!" und die Tafelrunde murrte. Beinahe wären sie dem Chopin ernstlich böse geworden. Der merkte das und schwieg, obwohl er gerne noch mehr gesagt hätte. Aber an demselben Abend ober vielmehr an dem gleichen Morgen, denn es war bei Wein und Geigen spät ge­worden, schrieb er noch an seinen Freund Titus im Polenlande:Wien ist eine herrliche Stadt und es ist mir, als hörte ich meine Musik aus den Herzen dieser Wiener widerklingen, und sie haben mich sehr gefeiert. Aber einen Kult haben sie, den ich ihnen verüble. Da spielen zwei Leut«, die sich Kapellmeister nennen Strauß und Sanner heißen sie täglich in irgendeinem Wirtshause zum Tanze auf und ganz Wien vergöttert st«, und alles will nur Walzer hören."

Ohne Walzer hätte Wien dem polnischen Musikus sehr wohl gefallen, aber so wurde er ganz nervös. Aus ollen Ecken klang ein Sechsschritt, die Leierkasten werkelie-n Strauß, und die böhmischen 'Musikanten fisdelten Lanner, und dazu tanzte di« halbe Stadt aus offener Straße. Chopin wär« am liebsten davongerannt. Er blieb nur in Wien, weil der gute Würfel und hohe Herren ihn baten und well nun, jung« Musikanten hatten schon damals kein Geld. Dann war noch ein Grund. Da war in Wien eine junge Klavierspielerin, als schönstes Mädel an der Donau be­kannt. Di« roar in den jungen Polen verliebt und auch er in sie, si> dünkte es seinen Freunden. Freilich hatte er ja droben in Warschau eine große Liebe, aber, weiß Gott, mit zwanzig Jahren hat neben einer großen auch noch eine kleine im Herzen Platz. Und von der großen Liebe hatte er nicht viel gehabt. So toms, daß Chopin seine Etüden und Rondos, die er bisheran Konstanze" benannt hatte, manchmal zerstreut an Leopoldine" beschrieb.

Es kam ein Herbsttag, einer von denen, di« wie Märchen sind tief ' drinnen im Wienerwald. An denen di« breiten Höhenzüge des nicht endenwollenden Waldes rot, grün, braun und golden aus dem silbernen Geflimmer über dem Donaustrom und aus den Gassen der Stadt auf­steigen und zu der Ebene im Süden niedersinken, die im Osten di« un­garischen Berge als ein bläulicher Wall begrenzen; Tag«, an denen über den Farben der Wälder deutlich Kuppe um Kuppe hervortritt bis zu den Häupten der Alpen, deren erste noch als weiße Blitz« zu sehen sind, dort wo die unendlichen Forste und Höhen in der zitternden Weite ver­schwimmen. An einem solchen Morgen begegnete der Meister, als er über die Basteien promenierte, wieder einmal dem alten Würfel. Der rief schon von weitem:Das is g'scheit, ich hab' grab zu Ihnen wallen. Wir machen nämlich heute eine Landpartie, der Meyfeder, der Kreuzer und seine Frau und das Fräulein Leopoldin' kommt auch mit. Da hab' ich Sie fragen wollen, ob's mithin wollen, Herr von Chopin?"

Ja, wohin denn," fragte dieser.

Nach Neuwaldegg hinaus, dort beim Dornbacher Wald, da ist näm­lich Weinles', und der Lanner und der Strauß spielen."

Mon Dieu," seufzte Chopin,der Strauß!" Aber schließlich schlug er ein, weil der Würfel so schön bat und vor allem, well Leopoldin« dabei war.

Zu Mittag fuhren die sechs vom GasthausZur böhmischen Köchin" mit der Post hinaus nach Neuwaldegg, dessen Wälder damals noch nicht in die letzten Gassen der Stadt hineinrauschten, sondern noch ferne von den Basteien und Wällen als grüne Rücken zu sehen waren. Selten waren noch Häuser und Gärten; der Schwager blies und es war eine lustig« Fahrt. Im Dornbacher Wald, der noch viel schöner war als heute,