Geheim Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang Samstag, -en 2b.Marz ~~ Nummer^
Nachklänge Beethovenfcher Musik.
Von Clemens Brentano.
Gott, dein Himmel saht mich in den Haaren, deine Erde reiht mich in die Hölle.
Herr, too soll ich doch mein Herz bewahren, daß ich deine Schwelle sicher stelle — also fleh ich durch die Nacht. Da fliehen meine Klagen hin wie Feuerbronnen, die mit glühenden Meeren mich umschließen Doch inmitten hab' ich Grund gewonnen, rage hoch gleich rätselvollen Niesen, Memnons Bild. Des Morgens erste Sonnen fragend ihren Strahl zur Stirn mir fchiehen und den Traum, den Mitternacht gesponnen, üb' ich tönend, um den Tag zu grühen.
Selig, wer ohne Sinne schwebt wie ein Geist auf dem Wasser, nicht wie ein Schiff die Flaggen wechselnd der Zeit und Segel blähend, wie heute der Wind weht. Nein, ohne Sinne, dem Gott gleich, selbst sich mir wissend und dichtend schafft er die Welt, die er selbst ist. und es sündigt der Mensch draus. Und es war nicht sein^Wille! Aber geteilet ist alles.
Keinem ward alles, denn jedes hat einen Herrn, nur der Herr nicht, einsam ist er und dient nicht. So auch der Sänger.
Am Grabe Beethovens
Von Franz Grillparzer.
Wir bringen im Folgenden die von Grillparzer verfaßte, vom Schauspieler Anschütz gesprochene Leichenrede bei der Trauerfeier für Beethoven am 29. März 1827. sowie Grillparzers Gedenkrede nach der ein halbes Jahr später erfolgten Grabsteinlegung.
Indem wir hier am Grabe dieses Verblichenen stehen, sind wir gleichsam die Repräsentanten einer ganzen Nation, des deutschen ge- samten Volkes, trauernd über den Fall der einen hochgefeierten Hälfte dessen, was uns übrig blieb von dem dahingeschwundenen Glanze heimischer Kunst, vaterländischer Geistesblüte. Noch lebt zwar — und möge er lange leben! — der Held des Sanges in deutscher Sprache und Zunge: aber der letzte Meister des tönenden Liedes, der Tonkunst holder Mund, der Erbe und Erweiterer von Händel und Bachs, von Haydn und Mozarts unsterblichem Ruhme hat ausgelebt, und wir stehen weinend an den zerrissenen Saiten des verklungenen! Spiels.
Des verklungenen Spiels! Laßt mich ihn so nennen! Denn ein Künstler war er, und was er war, war er nur durch die Kunst. Des Lebens Stacheln hatten tief ihn verwundet, und wie der Schiffbrüchige das Alfer umklammert, so floh er in deinen Arm, v du des Guten und Wahren gleich herrliche Schwester, des Leides Trösterin, von oben stammende Kunst. Fest hielt er an dir, und selbst als die Pforte geschlossen war, durch die du eingetreten bei ihm und sprachst zu ihm, als er blind geworden war für deine Züge durch sein taubes Ohr, trug er noch immer dein Bild im Herzen, und als er starb, lag's noch auf seiner Brust.
Ein Künstler war er, und wer steht aus neben ihm?
Wie der Behemoth die Meere durchstürmt, so durchflog er die Grenzen seiner Kunst. Dom Girren der Taube bis zum Rollen des Donners, von der spitzfindigsten Verwebung eigensinniger Kunstmittel bis zu dem furchtbaren Punkt, wo das Gebildete übergeht in die regellose Willkür streitender Naturgewalt-en, alles hatte er durchmessen, alles erfaßt. Der nach ihm kommt, wird nicht fortsehen, er wird anfangen müssen, denn fein Vorgänger hörte nur auf, wo die Kunst aufhört.
Adelaide und Leonore! Feier der Helden von Vittoria und des Meßopfers demütiges Lied! — Kinder ihr der drei- und Gergeteilten Stimmeni brausende Symphonie: „Freude schöner Götterfunken", du Schwanengesang! Muse des Lieds und des Saitenspiels: stellt euch rings um fein Grab und betreut's mit Lorbeeren!
Ein Künstler war er, aber auch ein Mensch, Mensch in jedem, im höchsten Sinn. Weil er von der Welt sich abschloß, nannten sie ibn feindselig, und weil er der Empfindung aus dem Wege ging,
gefühllos. Ach wer sich hart weiß, der flieht nicht! Die feinsten Spitzen sind es, die am leichtesten sich abstumpsen und biegen oder brechen. Das Aebermaß der Empfindung weicht der Empfindung aus! Er floh die Welt, weil er in dem ganzen Bereich feines liebenden Gemüts keine Waffe fand, sich ihr zu widersetzen. Er entzog sich den Menschen, nachdem er ihnen alles gegeben und nichts dafür empfangen hatte. Er blieb einsam, weil er fein zweites Ich fand. Aber bis an sein Grab bewahrte er ein menschliches Herz allen Menschen, ein väterliches den Seinen, Gut und Blut der ganzen Welt.
So war er, so starb er, so wird er leben für alle Zeiten!
Ihr aber, die ihr unserem Geleite gefolgt bis hierher, gebietet eurem Schmerz! Nicht verloren habt ihr ihn, ihr habt ihn gewonnen. Kein Lebendiger tritt in die Hallen der Ansterblichkeit ein, Der Leib muh fallen, dann erst offnen sich ihre Pforten. Den ihr betrauert, er steht von nun an unter den Großen aller Zeiten, unantastbar für immer. Drum kehrt nach Hause, betrübt, aber gefaßt! And wenn euch je im Leben, wie der kommende Sturm, die Gewalt seiner Schöpfungen Übermannt, wenn euer Entzücken dahinströmt in der Mitte eines jetzt noch ungebovenen Geschlechts, so erinnert euch dieser Stunde und denkt: wir waren dabei, als sie ihn begruben, und als er starb, haben wir geweint.
Sechs Monden sind's, da standen wir hier an demselben Orte; klagend, weinend: denn wir begruben einen Freund. Nun wir wieder versammelt sind, laßt uns gefaßt fein und mutig: denn wir feiern einen Sieg. Hinabgetragen hat ihn der Strom des Vergänglichen im der Ewigkeit unbesegeltes Meer. Ausgezogen, was sterblich war, glänzt er ein Sternbild am. Himmel der Nacht. Er gehört von nun an der Geschichte. Nicht von ihm fei unsere Rede, sondern von uns.
Wir haben einen Stein setzen lassen. Etwa ihm zum Denkmal? Ans zum Wahrzeichen! Damit noch unsre Enkel wissen, wo sie hin- "'knien haben, und die Hände zu falten, und die Erde zu küssen, sein Gebein deckt. Einfach ist der Stein, wie er selbst war im »Leoen, nicht groß; um je größer, um so spöttischer wäre ja doch der Abstand gegen des Mannes Wert. Der Name Beethoven steht daraus, und somit der herrlichste Wappenschild, purpurner Herzogsmantel zugleich und Fürstenhut. And somit nehmen wir auf immer Abschied von dem Menschen, der gewesen, und treten an die Erbschaft des Geistes, der ist und bleiben wird.
Selten sind sie, die Augenblicke der Begeisterung, in dieser geistesarmen Zeit. Ähr, die ihr versammelt seid, an dieser Stätte, tretet näher an dieses Grab. Heftet eure Blicke auf den Grund, richtet alle eure Sinne gesamt auf das, was euch wissend ist von diesem Mann, und so, laßt, wie die Fröste dieser späten Jahreszeit, bta Schauder der Sammlung ziehen durch euer Gebein, wie ein Fieber tragt es hin in euer Haus, wie ein wohltätiges, rettendes Fieber, und hegt's und bewahrt's. Selten sind sie, die Augenblicke der Begeisterung, in dieser geistesarmen Zeit. Heiliget euch! Der hier liegt, war ein Begeisterter. Nach Einem trachtend, um Eines sorgend, für Eines duldend, alles hingebend für Eines, so ging dieser Mann durch das Leben. — Nicht Gattin hat er gekannt, noch Kind; kaum Freude, wenig Genuß. — Aergerte ihn ein Auge, er riß es aus und ging fort, fort bis ans Ziel. Wenn noch Sinn für Ganzheit in uns ist in dieser zersplitterten Zeit, so laßt uns sammeln an seinem Grab.
Darum sind ja von jeher Dichter gewesen und Helden, Sänger und Gotterleuchtete, daß an ihnen die armen zerrütteten Menschen sich aufrichten, ihres Arsprungs gedenken und ihres Ziels.
Begegnung mit Beethoven.
Ein Brief der Bettina.
Der irn Folgenden wiedergegebene Brief der Bettina vom 9. Juli 1810, gerichtet an den bayerischen Nppellrat Dr. Alois Dihler, gibt eine eindringliche Schilderung der Erscheinung und Amwelt des Meisters.
... Beethoven habe ich erst in den letzten Tagen meines Wiener Aufenthaltes kennen gelernt. Beinahe hätte ich ihn gar nicht gesehen; denn niemand wollte mich zu ihm bringen, selbst die sich seine besten Freunde nannten, nicht, und zwar aus Furcht vor feiner Melancholie, die ihn fo besängt, daß er sich um nichts interessiert und den Fremden eher Grobheiten als Höflichkeiten erzeigt. Eine Phantasie von ihm, die ich ganz vortrefflich vorttagen hörte, bewegte mir das Herz und ich hatte von demselben Augenblicke eine Sehnsucht nach ihm, daß ich alles auf bot. Kein Mensch wußte, wo er wohnte; er hält sich oft ganz versteckt. — Seine Wohnung ist ganz merkwürdig: im ersten Zimmer zwei bis drei Flügel, alle ohne Deine auf der Erde liegend, Koffer, worin seine Sachen, ein Stuhl mit drei Beinen, im zweiten Zimmer fein Bett, welches Winters wie Sommers aus einem Strohsack und dünner Decke besteht, ein Waschbecken auf einem Tannentisch.


