Ausgabe 
26.2.1927
 
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und die gesamte Zivil- und Militärverwaltung zusammenfaßt«. Die Beschlüsse wurden kollegial gefaßt,- bei Unstimmigkeiten und m wich­tigen Sachen mußte die Entscheidung des Königs eingeholt werden. Wie er diese Berichte zu haben wünschte, sagt er in dem Edikt selbst: Wir wollen die Flattereien (Schmeicheleien) durchaus nicht haben, sondern man soll Uns allemal die reine Wahrheit sagen." In glei­cher Weise wurden in den Provinzen die Kriegs- und Domänen­kammern zusammengelegt, die etwa unseren jetzigen Regierungen ent­sprachen.

Neben diesen staatlichen Behörden verloren die alten ständischen Selbstverwalllmgskörperschasten in ehr und mehr an Macht und De- deulling: über alle legte sich beherrschend und erdrückend das königliche Beamtentum, das die Staatsinteressen an Stelle ständischer Sondertnteressen vertrat. Bor allem wurde den Ständen ihr Haupt­recht, die Steuerbewilligung und -Verwaltung, genommen, und die Landtage hörten aus oder wurden zur Ohnmacht verurteilt. Das ging natürlich nicht ohne Kümpfe ab: am heftigsten waren sie iw Ost­preußen, wo die Stände von der Ordenszeit und der polnischen Oberherrschaft her ein hohes Maß von Selbstherrlichkeit besaßen. Hier fielen auch die berühmten Worte des Königs:Ich ruinire die Junkers ihre Autorität. Ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränite wie einen Racher von Bronze." Aber auch in den wirtschaftlich und sozial so ganz anders gearteten westlichen Provin­zen kam es zu hartnäckigen Kämpfen mit den Ständen, und der König begnügte sich hier sogar mit einem Kompromiß.

Was er aber den Ständen an selbstherrlicher Macht nahm, kam ihren Mitgliedern als Personen wieder zugute durch die ehrenvolle Stellung im Heeres- und Staatsdienst und durch die Hebung der Landwirtschaft, die nicht zuletzt die wirtschaftliche Lage der Guts­besitzer- verbesserte.

Die städtische Selbstverwaltung ließ der König bestehen, reinigte sie aber von ihren schreienden Mißständen und stellte sie unter scharfe Aufsicht. Erst nach diesem Läuterungsprozetz, der die Stadtbevöl­kerung von der Vetternwirtschaft befreite, die sich unter dem Schutz der Selbstverwaltung eingeschlichen hatte, war die Steinsche Städte- ordmmg möglich, und es ist kein Zufall, daß es einer der viel- geschmähten staatlichen .Ueberwachungsbeamten, der Kriegsrat Frey, war, aus dessen Feder diese Städteordnung hervorging. Der Abso­lutismus ist für die Städte eine harte, aber notwendige Schule des Gemeinsinns geworden.

Aber nicht nur die staatliche Ordnung der Selbstverwaltung und der städtischen Finanzen, durch die Abdeckung der ungeheuren Schul­denlast, die sich seit dem Dreißigjährigen Kriege angesammelt hatte, durch Markt-, Verkehrs-, Sanitäts- und Baupolizei, begünstigte Friedrich Wilhelm das Wiederaufblühen der Städte, sondern auch durch positive Förderung deö Gewerbesleißes und der Manufakturen. Nach dem damaligen Merkantilsystem lag die höchste Staatsweisheit darin, alle Bedürfnisse eines Landes nach Möglichkeit im Lande selbst zu decken, damit das Geld nicht ins Ausland ging, fremde Ein­fuhr durch Zollschranken möglichst abzuwehren, dagegen den eigenen Lleberschuß im Ausland abzusetzen. Der König verbot daher die Ausfuhr von Wolle bei Todesstrafe und setzte in den Städten so viel Wollspinner an, daß die gesamte inländische Wolle verarbeitet wurde. Mit diesen Tuchen wurde nicht nur das Heer und die Zivil­bevölkerung gekleidet, sondern es wurde auch ein namhafter Lieber- schuh im Ausland, besonders in den östlichen Ländern, abgesetzt. So hob sich der städtische Wohlstand mit der Zunahme der Manufakturen bedeutend, und jedermann fand Arbeit.

Stadt und Land wurden durch eine systematische Einwanderungs- Politik gleichmäßig befruchtet.Die Wohlfahrt eines Regenten ist das," heißt es in der Instruktion von 1722,wenn sein Land gut peupliret ist; das ist der wahre Reichtum eines Landes." Ostelbien war von altersher ein Kolonialland gewesen. Unter den Askaniern und dem Deutschorden waren die Siedler aus allen Gauen Deutschlands jahrhundertelang den deutschen Eroberern gefolgt. Nach den Ber- Heerungen des Dreißigjährigen Krieges hatte der Große Kurfürst das Werk des Mittelalters wieder auf genommen; Friedrich Wil­helm setzte es mit den gesteigerten Machtmitteln seines Staates großzügig fort. Wie sein Großvater die französischen Hugenotten ausgenommen hatte, so öffnete er sein Land allen wegen ihres Glau­bens Verfolgten, vor allem den vertriebenen Salzburgern. Rund 20 000 von ihnen fanden in Preußen eine Freistatt, besonders in dem entvölkerten Ostpreußen. Llnendliche Mühen, Kosten und Derdrieß- lichkeiten, nichts schreckte den König ab, und an seinem Lebensende war dasRetablissement" Ostpreußens vollendet,eine Wüste be­völkert und fruchtbar gemacht", wie Kronprinz Friedrich 1739 be­geistert an seinen Freund Voltaire schrieb. Was Goethe am Schluß seinesFaust" als das Glück großer Menschen und als der Weisheit letzten Schluß preist, das war in Preußen schon vor seiner Geburt zum Ereignis geworden. Beim Tode Friedrichs des Großen, der dies Siedlungswerk seines Vaters in noch großartigerem Maße fort- setzte, soll etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus Siedlern und deren Kindern bestanden haben. Es waren Deutsche aus allen Gauen, Franzosen, Wallonen und Tschechen (dieböhmischen Brüder"), lauter Menschen, die schweren Drangsalen entronnen waren, die auf dem Schutt verbrannter und verfallener Städte und Dörfer neue Häuser bauten, Brachfelder und Sümpfe urbar machten. Sie brachten den Schwung der Arbeit, andere Volksgeister und Gewerbe mit und verschmolzen mit der alten Bevölkerung zu einem neuen Volke voll Unterneh­mungslust, das bei weiser Finanzwirtschaft selbst die Last einer un­gewöhnlich starken, aber notwendigen Rüstung zu tragen vermochte.

.Auf die Finanzwirtschaft des Soldatenkönigs näher einzugehen, ist ui diesem Rahmen unmöglich. Wohl aber ist im Zusammenhang mit dem eben Gesagten darauf hinzuweisen, daß der König die Staatsdomänen nicht nur wieder auslöste und ihre Erträge steigerte,

fondern auch, daß sie am Ende seiner Regierung ein Drittel der Nutz­fläche des ganzen Landes betrugen und die Hälfte der Staatseinkünfte erbrachten. So vermochte er ohne Aeberspannung der Steuerkraft das Heer zu verdoppeln, großartige Meliorationen durchzuführen und einen Staatsschatz von fast 9 Millionen Talern zurückzulegen mit denen sein Sohn die schlesischen Kriege finanzieren konnte, die neuen Wohlstand, Macht- und Gebietszuwachs zeitigten.

Zum Schluß noch ein Wort über Friedrich Wilhelms Leistungen auf sozialem und kulturellem Gebiet, wo sein Wirken wohl am mei- ften verkannt worden ist. Er gilt ja als Banause, ohne Verständnis für geistige Werte, der sich allein im Qualm seines Tabakskollegs, bet fernen Hetzjagden und bei seiner Potsdamer Riesengarde wohl fühlte. Seine Lebensführung war in der Tat schlicht bürgerlich, In einem verwelschten, verweichlichten, sittenlosen Zeitalter war er ein kerndeutscher Mann, fromm, sittenstreng und grob wie Luther. Er hat keine Schlösser für sich gebaut: wenn er das Berliner Schloß vollendete, das beim Tode seines Vaters erst halb fertig war, so geschah es, um darin das Generaldirektorium und eine Reihe anderer Behörden unterzubringen; nur für seinen Sohn ließ er das Krow- prinzenpa-lais erweitern und trug einen Teil der Baukosten von Rheinsberg; aber er hatte eine offene Hand, wenn es galt, Kirchen, Krankenhäuser und gemeinnützige Anstalten (die Charite in Berlin, das Militärwaisenhaus in Potsdam) zu bauen. Er hat Potsdam au« einem Fischerdorfe zur Stadt gemacht, in Ostpreußen ganze Stadt« erbaut, Berlin fast um das Doppelte erweitert und es teils mit recht ansehnlichen Häusern und Palästen geschmückt, zu denen er fast stet« erheblich beisteuerte. (Freilich ging es auch hier nicht ohne Gewaltsam­keiten ab, genau wie bei den Jmmediatbauten seines Sohnes.) Und er hat zahllose Volksschulen errichtet, ja, die allgemeine Schulpflicht ein« geführt und seinem Volke Lesen und Schreiben beigebracht, zu einer Zeit, wo andernorts noch dumpfer Köhlerglaube herrschte und Hexen verbrannt wurden. Und auch die Hexenpfähle hat er erst ausreißen lassen.

Untrennbar von der weltlichen war ihm die religiöse Volksbildung. Wenn ich baue und verbessere das Land," schreibt er 1718 in Ost. Preußen,und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts". Sein« Religion war der Pietismus A. H. Franckes, des Begründers des hallt- scheu Waisenhauses und der zugehörigen Stiftungen ein praktisches Christentum allem Dogmciigezänk der Konfessionen abhmd, das in täti­ger Nächstenliebe, in der Hebung des geistigen, sittlichen und leiblichen Wohls der Menschen sein Ziel sah. Ergreifend sind in dieser Hinsicht di« Ermahnungen, die er in seiner Instruktion von 1722 an seinen Nach, folger richtet. Leider hat sein freigeistiger Sohn sie nicht beherzigt, aber er selbst hat in seiner schlichten Frömmigkeit, in der schweren Verant­wortung, die er vor Gott fühlte, den Ansporn und Rückhalt für ein Leben voller Müh« und Arbeit gefunden, das nur dem Wohl seine» Volkes und Staates gewidmet war,Ich bitte Euch," heißt es in der Instruktion,betreffs der Verfassung meines Landes und (der) Arme« zu bedenken, daß ich stets mit Gott 'angefangen habe." Er hat auch mit Gott geendet,mit der Festigkeit eines Philosophen und der Ergebung eines Christen", wie sein Sohn Friedrich schreibt. Gicht und Wassersucht, mit einem Herzleiden verbunden, rafften ihn schon mit 52 Jahren hin; seine heftige, rastlose Natur hatte sich in Arbeit und Sorgen und in unerhörten Anstrengungen aller Art vorzeitig ausgezehrt.

_ Er hat die Saat, die er gesät hatte, nur zum Teil aufgehen sehen. Seine durchgreifende schroffe Art hat ihm mehr Feinde als Freunde ge­macht, mehr Undank und Verkennung gebracht als Dankbarkeit und Be- wunderung, und nur spät ist die Gerechtigkeit seinem Wirken nachgehinkt. Am bekanntesten find die schweren Konflikte mit seiner eigenen Familie, an denen er nicht minder gelitten hat als seine Opfer. Man hat sie bis heute fast immer nur von der Seite der Gegenpartei betrachtet, aber das Unrecht lag auf beiden Seiten, wenn anders man von Unrecht sprechen darf, wo tiefe Charaktergegensätze und entgegengesetzte Weltan­schauungen aufeinanderprallen. Friedrich Wilhelm fürchtete den Atheis­mus, das französischeefseminirte" Wesen seines Sohnes; er sah in ihm einenQuerpfeifer und Poeten", der sein mühseliges Lebenswerk ver­nichten würde, sah in ihm voll Schrecken die verschwenderische Zeit seines Vaters wieder Heraufziehen. Als er ihn in furchtbaren Lehr­jahren zu seiner Pflicht erzogen hatte und erkannte, daß in diesem so anders gearteten Sohne dochein Friedrich Wilhelm steckte", ließ er ihn gewähren, ihn in seinem Musensitz mit Voltaire korrespondieren und seinen schöngeistigen Bestrebungen nachgehen, während er selbst in sei­nem Tabakskolleg, bei seinen Hetzjagden und bei seiner Riesengarde blieb. Und Friedrich seinerseits begann seinen Vater zu würdigen, wie es der oben zitierte Brief an Voltaire, ein begeisterter Hymnus auf da» Retablissement" Ostpreußens, zeigt. Auf seinem Sterbebett schloß Fried­rich Wilhelm den Sohn weinend in die Arme und rief:Aber tut Gott mir nicht große Gnade, daß er mir einen so würdigen Sohn und Nach­folger gegeben hat!" Und in den Nöten des Siebenjährigen Krieges hatte König Friedrich einen seltsamen Traum. Sein Vater stand vor ihm.Habe ich mich gut gehalten?" fragte er ihn. Und als der Vater es bejahte:Wohlan, dann bin ich zufrieden. Euer Beifall gilt mir mehr als der der ganzen Welt."

Zeiten vergehen, Regierungsformen wechseln. Das industrielle Deutsch­land von heute mit seinen 60 Millionen Einwohnern läßt sich nicht mehr in den absolutistischen Formen regieren, durch die das kleine Preußen, im wesentlichen ein Agrarland mit 24 Millionen Einwohnern, weniger, als heute Groß-Berlin zählt, hochgebracht worden ist. Aber Friedrich Wilhelms Geist ist darum für die Gegenwart nicht tot der Geist der Pflichttreue und Arbeitsamkeit, der Geist, der das Gemeinwohl über eigenen Vorteil und persönliches Behagen setzt. Er selbst hat sich ein­mal alsguten Republikaner" bezeichnet, in dem Sinne, daß er feine ganze Kraft, seinen sittlichen Willen und seinen klaren Verstand für bi« res publica einsetzte.Die Spuren seines weisen Wirkens," sagt Frieds rich der Große,werden dauern, solange der preußische Staat besteht.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.