Ausgabe 
26.2.1927
 
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ausmacht. Besonders bemerkenswert sind trotz ihrer Geringfügigkeit die Bebenherde am Bodensee, der ein junges Embruchbeckcn mit noch jetzt nachweisbaren Senkungen und Hebungen darstellt.

Eine Fortsetzung dieses Einbruchsbeckens gegen Nordwesten ijt der «rotze Bonndorfer Graben, der bis in den Ostabhang des Schwarzwaldes hineingreift. Hier find schon kräftigere Beben an der Tagesordnung. Von solchen sei das Beben vom 22. Januar 1896 genannt; die Grenze seines Schüttergebietes schlotz die Vogesen bis Buchsweiler ein und ver­lief dann über PforzheimGöppingenUlm zum Bodensee und Gsnser See Dem Südrand des Schwarzwaldes gehört das berüchtigte Beben an, das am 10. Oktober 1356 die Stadt Base! fast vollständig zerstörte nebst 34 Burgen und Dörfern. Weitere schwarzwälder Hauptherde sind die Schollen des Dinkelberges, der Dornstetter Graben, sowie lange Teile des Rand­bruches gegen die Oberrheinische Ebene, vor allem die Freiburger Bucht und die Lahr-Osfenburger Schollen, zu Zeiten auch die Odenwaldspalte. Ferner beruhen die Beben des Kaiserstuhls, einer den Randbrüchen des Schwarzwaldes aufsitzenden Vulkanruine, wie wir seit etwa einem Jahrzehnt wissen, auf Spaltenbewegungen im Untergrund, und nicht, wie man früher annahm, auf versuchter, jedoch in der Crdtiefe stecken gebliebener (Eruption. Auf ungebrochenen Abschnitten der Ostseite des Schwarzwaldes ist an manchen Stellen auch mit dem Vorkommen von Einfturzbeben zu rechnen. .

Auch das Mitteldeutsche Bergland verhalt sich bis auf wenige Aus­nahmen sehr ruhig. Vom Spessart sind Beben nicht bekannt und in der Rhön gürfte es sich höchstens um ganz vereinzelte Ortsbeben auf den Kissinger Brüchen gehandelt haben. Die Bebenschwärme am Südostfutze des Harzes zu Eisleben in den Jahren 189297 waren keine wirklichen Erdbeben, da hier die Bodenerfchütterungen durch die Auslaugung eines Salzstackes mit nachfolgendem Einbruch des Deckgebirges infolge der Entleerung eines Sees in die Bergwerksstollen hervorgerufen worden sind. Selbst der von Brüchen umrahmte Horst des Thüringer- und Fran­ken-Waldes sowie seine Vorländer haben nur höchst selten Lokalsiöße aus­zuweisen gehabt. Die heute noch in weitesten Fachkreisen herrschende An­sicht, das einzige historisch bekannte große Beben jener Gegend, dasjenige vom 6. März 1872 mit fast 600 Kilometer Durchmesser, habe seinen Ur­sprung auf den nordöstlichen Randbrüchen des Thüringer Waldes bei Amt Gehren gehabt, ist falsch. Vielmehr liegt nach neuesten Untersuchun­gen sein Herd in dem Bruchfeld von Postersteiir bei Gera, nahe dem Südostrande des Thüringer Beckens gegen die Leipziger Bucht. Auch über eine Reihe kleiner Beben aus der Gegend von Gera liegen Auf­zeichnungen vor. Am 28. Januar 1926 wurde das Flachland zwischen Saale und Elster von einem Einsturzbeben heimgefucht, dessen Herd unter Stadtroda zu suchen ist. Dieses Beben ist deshalb ganz besonders be­merkenswert, weil es die ersten instrumentellen Aufzeichnungen eines Cinsturzbebens geliefert und auch zum erstenmal erlaubt hat, die Tiefe des Erdbebenherdes mit Sicherheit zu ermitteln. Das von Brüchen ganz durchsetzte Vogtland an der Fichtelgebirgs-Erzgebirgs-Ecke ist berühmt wegen seiner häufigen Schwarmbeben mit oftmals nach Hunderten zah­lenden Einzelstötzen, meist geringerer Stärke und Ausbreitung. Diese müssen anfcheinend aus die unterirdische Bildung neuer Spalten zurück­geführt werden. Verhältnismäßig lebhaft gestaltet sich zuzeiten die Bebentätigkeit auch in den Sudeten und im Schlesischen Hügelland. Wurden doch diese Gebirge in geologisch junger Vorzeit zwischen NW bis SO verlaufenden ländlichen Bruchsystemsn versenkt unter weitgehen­der Zertrümmerung im Innern, die im Hirfchberger Kessel mit dem Bruch von Kudowa-Frankenau am deutlichsten zutage tritt. Infolge des treppenförmigen Absinkens am Außenrand gegen das Odertal stellt das fchlesifche Vorland einen versenkten und in sich zerbrochenen Teil der Sudeten dar. Bei dem bekannten schlesisch-sudetischen Erdbeben vom 11. Jun! 1895 erreichte der Durchmesser des Schüttsrgebietes fast 200

Kilometer.

Das Rheinische Schiefergebirge, ein aller, starrer Rumpf, scheint in seinem Innern keine Erdbeben mehr hervorzubringen. Eine Ausnahme bildet das Bruchfeld des Neuwieder Beckens mit feinen manchmal recht kräftigen und ausgedehnten Beben, unter denen dasjenige oom 2. Oktober 1869 besonders hervorzuheben wäre. Auch die nicht seltenen und bis­weilen zerstörender Beben im erloschenen Vulkangebiet des Laacher Sees teilen voraussichtlich mit dem Einbruch des Neuwieder Beckens in Zu- ammenhang, desgleichen der Bebenherd von St. Goar im Rheintale, der ich am 29. Juli 1846 zerstörend betätigte bei einer Reichweite der Er- chütterung von fast 300 Kilometer.

Ganz anders verhalten sich die durch Bruch entstandenen Randge­biete, ausgenommen die durchaus bcbenfreien Abbrüche gegen die Hes­sische Senke und den Saar-Nahe-Graben. Schon die Taunusabbrüche gegen das Mainzer Becken und das stark zerrüttete Bruchfeld der Trierer Bucht bringen Beben, wenn auch von untergeordneter Bedeutung,

hervor.

Aber der Rordrand von Eifel und Venn, sowie der junge Einbruch der Kölner Bucht sind diejenigen Gegenden Deutschlands, die im Hin­blick auf die Erdbebentätigkeit der Rauhen Alb den Vorrang streitig machen. Jedenfalls sind sie im Lause der geschichtlichen Zeit am häu­figsten von schweren Erdbeben mit großen Schüttergebieten heimgesucht morden. Das niederrheinische Beben am 6. Januar 1926 hat aus dem Abbruch des Bergischen Landes gegen die Kölner Bucht in der Näh« von Siegburg seinen Sitz gehabt. Nach neueren Untersuchungen spielt das Aachener Bruchfeld bei weitem nicht die überragende Rolle, die man ihm bisher zugeschrieben hat. Wohl hat es häufige Ortsbsben, mitunter recht schwere, hervorgebracht, aber die Hauptherde liegen anderswo. Die beiden zerstörenden, sogenannten Herzogenrather Erdbeben vom 22. Oktober 1873 und vom 24. Juni 1877 gingen vom Kohlenbecken der Wurmmulde aus und entstanden auf dem Feldbiß, einer großen, durch den Bergbau erschlossenen Bruchlinie jüngsten Alters. Groß war der Schrecken, den eine vom 26. Dezember 1755 bis zum 30. September 1757 währende Crdbebenperiode in der Gegend von Aachen bis Köln verursachte. Hier wurden durch die beiden Hauptbeben vom 27. Dezember 1755 und na­mentlich vom 18. Februar 1756 viele Hunderte von Gebäuden, darunter Kirchen und Burgen, mehr oder minder schwer beschädigt, einzelne auch

zerstört, und die Schüttergebieie hatten Durchmesser von 320 ozw. 9W Kilometer, bis nach Dover in England hin. Diese Beben entstanden aus Brüchen von Schollen, die beim Einbruch der Kölner Bucht Zur Tiefe ge­sunken und heute von Lockermassen überdeckt sind. Für beide Beben kommt der Einbruch des Roertalgrabens bei Düren als Erreger ut Frage. Das letzte große Beben jener Gegend, dasjenige vom 26. August 1878, ging aus einer Bruchzone zwischen Jülich und Bergheim hervor; dort, in der Gegend von Oberembt, vermag der Geologe heute noch die Spuren der damals aufgerisienen Erdspalten zu erkennen. Zülpich, Köln und Bonn sind die Herde von häufigen Lokalbeben, die mitunter ge­ringfügige Zerstörungen anrichteten. Beim Einbruch der Kölner Bucht wurden auch die Randteile des Hohen Venus und seines nördlichen Vorlandes durch Brüche mehr untergeordneter Art zerstückelt, die den Hauptrandbrüchen parallel laufen; auf ihnen liegen eine Reihe von Her­de:, schwacher Lokalbeben. Diese Feststellungen brachten die altüber­lieferte Ansicht zu Fall, der Bebcnerreger sei die riesige Gebirgsstorung der Aachener Ueberschiebung oder Grand Faille du Midi, die 368 Kilo­meter weit bis Boulogne am Aermelkanal verlaufend, den Nordrand von Beim und Ardennen gegen die Kohlenbecken bildet; diese Ueberschiebung ist seismisch tot. Vulkanische Beben gibt es nicht, trotz der erloschenen Vulkane, namentlich in der vulkanischen Eifel und im Siebengebirge, so­wie der bis zu 75 Grad heißen Schwefelquellen von Aachen und Burt- ' ^Jn der norddeutschen Niederung sind die untergetauchten Schollen des Rheinischen Schiefergebirges und des mitteldeutschen Berglandes unter gewaltigen Massen von Gesteinsschutt Hunderte von Metern tief be­graben. Wenn hier im Untergrund auch Beben entstehen sollten, können sie an der Erdoberfläche nicht mehr gefühlt werden infolge der damp­fenden Wirkung dieses Schutts. Nur aus Schleswig-Holstern, von der Ostseekiiste in der Kokberg-Belgrader Gegend, sowie aus dem Gebiet -KönigsbergGoldapGumbinnenTilsit find schwache Bodenerichutte- rungen bekannt, die jedoch von einzelnen Forschern nicht als Erdbeben anerkannt, sondern anders gedeutet werden. Immerhin konnten sie mit dem jungen Einbruch des Ostfeebeckens in Zusammenhang gebracht tücrbßH«

Selbstverständlich werden deutsche Gebiete hin und wieder auch von Erdbebe,r erschüttert, deren Herde außerhalb der Landesgrenzen liegen. Diele Beben scheiden aber als landfremde für uns hier aus.

Der innere König.

Von Friedrich von Oppeln-Drvnikvwfki.

(Schluß.)

Ein organisatorisches Meisterstück des Königs war di« Ausbil­dung des Heeres. Früher, als die Obersten die Ilnternehmer Kriegshandwerks gewesen waren, gab es weder einheitliche toetoaff* nung, noch Fechtweise, noch Uniform. Auf solche Truppen war tnt Ernstfälle kein Beriah. Der König vereinheitlichte dies alles und schrieb selbst die Reglements bis in die kleinsten Einzelheiten vor, denn er war nicht nur Organisator großen Stils, der dre leiten­den Gesichtspunkte stets im Auge behielt, sondern er verstand es auch, in die kleinstenDetails" einzudrmgen, und war groß un Kleinen. Sein alter Freund, der Feldmarschall Leopold von Anhait-Dessau, ein ruhmbedeckter Kriegsmann, der gleich ihm ein Musterregiment ausbildete, war sein technischer Berater, einKriegSmeeqamkus, wie ihn Friedrich der Große nennt, der Ersmder des GleichschrE, des eisernen Ladestocks, kurz aller Neuerungen, die die Deweglich- I keit, Manneszucht und Feuergeschwindigkeit des preußischen Heeres e steigerten und es zum Vorbild Europas machten. 2kur untoulig um. murrend Wurde diese harte Kriegszucht ertragen, und die Welt witzelte über diePotsdamer Wachtparade. Erst als sich in den Kriegen Friedrichs des Großen ihre .Unüberwrndlichkett zeigte, er­kannte auch der Soldat ihre Notwendigkeit, und Europa äffte fr« nach, statt sie zu verspotten. . r ....,

Zum einheitlichen nationalen Offizlerkorps und zum einheitlich ausgebildeten Heere trat die einheitliche Staatsverwaltung. Hi« war die Einheit noch schwerer duvchzusetzen. Die verstreuten Provim zen, mit verschiedenartiger wirtschaftlicher Lage und sozialer Glie­derung, hatten einen großen Teil ihrer alten Gerechtsame aus vor- preußischer Zeit bewahrt, und die Beamten stammten aus ihrer en­geren Heimat. An eine völlige Berwaltungseinheit, wie sie bei der Aeuordnung von 1806 möglich wurde, war vorerst also nicht zu denken; sie Hätte nur die Widerstände und den Partikukarismus ver­schärft. Aber Friedrich Wilhelm vereinheitlichte doch die höchsten Behörden, die neben- und teils gegeneinander gewirtschaftet hatten, schuf klarere, übersichtlichere Verhältnisse und schaltete unnötige Rei- bungeii aus Durch das Derbot, die Beamten aus ihrer engeren Heimat zu entnehmen, beseittgte er den Derwaltungspartikular'.smus, schuf eine Einheitlichkeit des Berwaltungspersonals und zugleich groß- staatliches Denken. 'Nächst der Krone selbst und dem Heere wurde das Beamtentum zum Träger des Staatsgedankens, die eigentliche Re- formpartei Preußens. Hier herrschte das studierte Bürgertum, die Intelligenz des Landes vor, aber neben den Juristen, die der König nicht liebte, sahen Domänenpächter, Militärbeamte, Gewerbetreibende, alleoffenen Köpfe", die man finden konnte. Mehrere von ihnen wurden Minister. Dies Bürgertum trug den Kopf nicht gebückt; Männer tote der Kammerdirektor Hille, der dem unreifen Kron­prinzen seine Adelsvorurteile mit barschem Spott verwies, waren keine Seltenheit, und der König selbst liebte freie, mannhafte Ant- b Die magna Charta der preußischen Staatsverfassung, jenes Edikt von 1722, das der König in der winterlichen Stille seines Jagd­hauses Schönebeck eigenhändig entwarf, war die Krönung seines Reformwerkes Dies Edikt vereinte das Generalfinanzdirektorium (die oberste Domänenbehörde) mit dem Generalkriegskommissariat (Heeres- und Staatsverwaltung) zu einer einzigen Zentralbehörde, dem Generaldirektorium, das in vier Provinzdepartements zerfiel