fein Traum müßte interessieren (immer wieder fällt man in dieses Ver- i trauen zurück), nicht Lügen strafte. Sprang man dem anderen dabei in die Rede, so war das schon ein Zeichen, daß es zwischen ihnen nicht zum | besten staub.
„Bös?" fragte Machiide. i
In seine trüben Schneefelder- und Fabrikgedanken versunken (wie ! hätte er das selbst einer so nahestehenden Seele erklären sollen), konnte er ! die Zunge nicht rühren.
Sie kam gleich wieder auf ihren Zwist zurück, in bester Absicht natür- ' lief}, denn anders konnte ja der einmal geschürzte Knoten nicht gelöst werden. Er müsse sich doch eigentlich freuen, meinte sie, daß sie ihm helfen und feine Kameradin sein wolle — zur Verstimmung sei da gewiß kein ' Anlaß gegeben. — . . \
„Ich will aber keine Kameradin. Keine Nora Nummer zwei. Ich will ; dich, Mirl. Du bist mein Engel. Das ist mehr als Kameradschaft. Etwas ’ ganz anderes. Dieses Wort von der „Frau als Kameradin" haben genau ! dieselben nüchternen Leute erfunden, die „Zeit ist Geld" sagen — die aller nur in „Geldwährung" auszudrücken vermögen. Schau, Mirl, was bedeutet denn eigentlich diese Kameradschaft? Die Frau soll dem Mann helfen, das Leben erleichtern: also wieder nur lauter Geld, Geldvorteile, Geldgehilfen. Mir ist es viel lieber, wenn du mir das Leben erschwerst — ruiniere mich — verschwende — das alles wäre mir lieber..." Er war aufgeregt, die Fältchen seines braunen Gesichtes bebten taktmäßig — Bluttakt hob sie, senkte sie zitternd.
Die Frau richtete sich in den Kissen zum Sitzen auf. „Du bist es, nur du, der immer von Geld spricht. Es ist deine Idee. Gut, vielleicht hat es mich wirklich ein wenig aufgeweckt, daß dir das Geld knapp wurde. ; Aber das ist mir nur lieb. Dafür bin ich dem Schicksal dankbar. Es ist । ein Stolz in mich gefahren — ein guter Stolz, glaube mir — ich möchte ■ dir beweisen, daß ich ein kompletter Mensch bin, wie du ... Und du : sollst und wirst mich dann noch viel lieber haben als jetzt. Du fürchtest dich i vor Berlin, vor allen möglichen Dingen, die du dir einbildest. Laß sie : herankommen; es ist alles" lange nicht so schwer, nicht so arg, wie du - vreinst. Ueberall gibt es Glück für uns, wenn wir einander nur sicher j sind und sicher bleiben. Und du bist meiner doch ganz sicher, Steffl, — j bist du es nicht?
Er seufzte auf. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt, vielleicht aus i Müdigkeit nach dem angestrengten Geschäftstag, vielleicht, um dem Körper der Frau, den er durch die Decke spürte, näher zu sein. „Also, daß das ‘ Geld knapp geworden ist — wie sagtest du? — aufgeweckt hat es dich? , — Nun, habe ich nicht recht? Geld, nur Geld. i
Das Sprichwort meines Baiers, das ich immer so verlacht habe, jetzt ! wird es an mir wahr. Geld, pflegte er zu sagen und wackelte andächtig i mit dem Kovf: Wenn Geld nur Geld wäre — aber Geld ist alles! — - Er sang es 'förmlich, dieses Wort: „Alles!" Und wild faßte er nach der Frau. Alles, auch du — das lag in dem harten Griff. Als wolle ihm , nun auch die Frau ins Geldland entfliehen. „Ach, das alles so schwer ist, seufzt« er auf. Er hatte den Kopf an ihrer vom Schlaf schon kindlich erhitzten Wange. Sie hielt ihn dort fest. — Draußen vor dem Fenster ; Schneeflocken. Der Lichtkreis der Nachtlampe zeigte ihr leises Nieder- J schweben nahe an der Glasscheibe. „Die leichten Schneeflocken," sagte die ; Frau. „Steh' nur, was für beichte Dinge es gibt."
„Leicht?" seufzte er. „Du solltest den Schnee auf den Kohlenhalden i schon — oder im Fabrikhof. Wie mit Keulen hingefchmettert, wie niemals mehr wegzuwAzen sieht er da aus."
Sie sahen lange zum Fenster hin, stumm, jedes in sein« Gedanken ab- gespcrrt. Die Hoffnungsfreude in ihrem festen, glatten Gesicht erlosch nicht; auch der Schmerz nicht in dem seinen.
„Weißt du, was komisch ist?" sagte sie endlich, gab offenbar stärkstem >. Antrieb nach.
Er hob den Kopf.
„Du hast mich noch nie spielen gesehen. Ich habe dir noch nie vor- ! gesprochen." .
Es ist wahr, daran hatte er noch nie im entferntesten gedacht. — Wie vielen Menschen, deren Gefühlsleben stark, bis zur Schmerzhaftigkeit stark ist, waren ihm die Künste im Grunde gleichgültig! Ihm genügte vollauf das Leben, mit seinem Elend, das er sah, vor dem er sich nicht t obsperrte. Aber warum es abschildern, also verdoppeln? — Nein, mit : Kunst möchte er nicht behelligt fein. Den Geist liebte er wohl — den Geist der die Welt verändert, das Stu-dium, technische Erfindungen, Schaffen und Bessern; nicht aber die Langeweile 6er Wiederholungen; — Seine Frau verehrte er. In ihr war noch viel, das wußte er; nicht grundlos verehrte er sie — da waren noch Rätsel, unerfüllt gebliebene Wünsche, Wege im Nebel... Aber daß nun gerade Schauspielkunst es fein sollte, was in -der Frau steckte und an den Tag wollte, daß etwa diese , noch nickst qeoffenbarte Begabung den ahnungsweise erfühlten Grund für all seine Verehrung und Leidenschaft darstellen solltedieser Gedanke kam einer Enttäuschung gleich, faßte ihn geradezu mit Entsetzen.
Er sah sie starr an. Die Frau nahm sein Schweigen für Ueberlegung und Staunen in dem von ihr gewünschten Sinn. „Soll ich dir etwas vorsprechen? Was willst du hören? Puck, Sommernachtstraum? Willst du?" !
Er konnte kaum reden, stammelte: „Jetzt? Jetzt gleich?" ■
Sie hatte die Decke zur Seite geworfen, wollte aus dem Bett auf- i springen, von tätigem Eifer erfaßt, vielleicht ein Buch holen, vielleicht zu agieren beginnen. Im Schlafpyjama? Das Zuchtlose, auch ein wenig Lächerliche, das sich für ihn stets mit dem Begriff „Theater" verbunden hatte und ihn seit je abstieß, sand unerwartet Bestätigung. Wie um etwas -■ Entwürdigendes nicht zu sehen, schlug er rasch die Hände vors Gesicht. : „Nie, nie! Nie will ich das mitmachen!"
Er stand schon an der Tür. Wie eine Verwünschung schrie er ihr noch einmal zu: „Nie!"
Als würde ihm erst jetzt klar, daß sie feit dem ersten Auftauchen ihrer neuen Berufsidee, keinen Augenblick von ihr abgelassen -haste. Das war die Kraft, die Hartnäckigkeit, die er an ihr kannte!
Nur diesmal nicht zu verehren, nicht zu billigen — einem schändlichen Beginnen zu gewendet.
Also, offener Kampf! Es blieb nichts anderes übrig.
Er warf die Tür hinter sich zu, floh in fein kaltes Bett — mit einer Hast, als hätte die Frau ihn aushalten wollen, hätte nicht die Hande traurig, unschlüssig zu Boden gesenkt.
Eine schöne Frau und ein verriegeltes Schlafzimmer, wie er es nun in den nächsten Nächten vorfanü — &as war von einer ganz fanatischen, bösen Gewalt über ihn. So sehr er sich dagegen wehrte: er sah ihre Arme vor sich, während er darüber nachdenken sollte, brieflich den Gläubigern ein neues Arrangement anmutig zu machen. Anmutiger als alle Arrangements der Welt waren diese weißen Arme, weiß wie das Innere eines eben frisch ausgeschnittenen Apfels — und duftend wie -das Fruchtfleisch des Apfels ihre glatte kühle Haut, an die er im Geist glühend feine Lippen anpreßte. Eine zarte blaue Ader gab es da, in der Innenfläche des Ellbogens, und zwei ganz schwache Rinnen in der Armbeuge — beim Frühstück durfte er all dies Liebe sich für Momente aus der Seide des Morgenrocks enthüllen sehen.
Dann wurde es weggetan. Und Mathildens Stimme blieb brüchig und langsam, saug nicht mehr, von: Lachen gesättigt, duldete keine Niche.
Etwa vierzehn Tage n-achchem ersten Gespräch über Schauspielerei war unter der Geschästspost, die Stephan öffnete, ein Brief, dessen Firma ihm schon im ersten Anschauen ungewöhnlich vorkam, den er aber trotzdem zu lesen begann, ohne dabei etwas Besonderes zu denken. Dann erst hielt er ein.
Es war ein Brief an feine Frau. Bon der Direktion der Reinhardtbühnen. Das Engagement war perfekt. Kontrakt lag bei.
So weit also waren die Dinge schon vorgeschritten! — Die Frau hatte feine Wachsamkeit getäuscht, hatte ihn geradezu überlistet.
Zwar hatte sie nicht gelogen. Aber geschwiegen hatte sie. Was genau dasselbe war; zumal er doch nicht annehmen konnte, daß sie in allem Ernste bereits Verhandlungen führe....
„Ist nicht ein Brief für mich gekommen?" fragte fie mittags.
Es war merkwürdig. Darauf war er nicht gefaßt, daß sie gerade an diesem Tage fragen würde. — Sofort schoß ihm durch den Kops: Ob ich eigentlich das Recht habe, sie an der natürlichen Betätigung eines Talentes zu hindern. Zugleich war ihm aber der am Nachmittag drohende neue Gläubigeransturm gegenwärtig. Die Fabrik, mit so viel Hemmung geleitet (der alte Mann am Kuchenhobel hatte das mitverschuldet), die Fabrik ging immer schlechter. Eigentlich hätte es ihn ja nur freuen sollen, daß die Ausbeutungsmaschine, die Arbeitshölle ins Stocken kam. Aber so ist nun einmal die menschliche Natur nicht beschaffen. Stephan war kein Heiliger. Er fühlte es durchaus nicht als Erleichterung, daß ihm der Konkurs auf dem Nacken faß. Und die apfelweißen Arme der Frau, die sich fern hielt und' fori wollte — die fühlte er auch nicht als Erleichterung. Wir alle stehen im Krieg und üben Kriegsrecht aus, nach allen Seiten, in erster Linie sorgen wir jeder für uns selbst, leider muß das so sein. Das dunkle Gesicht knitterte seine Falten noch knittriger Äs sonst und sprach, wi« geistesabwesend, ein verträumtes „Nein".
„Sein Brief für mich?"
„Ich sagte dir schon: nein." .
Aber am Abend — im Wohlgefühl einiger geschickter Verhand-lungs- züge, die er gegen die Gläubiger geführt hatte — kam ihm der Einfall, auch gegen -die Frau einen Gegenanschlag zu versuchen. Auf die Dauer, das sah" er, würde er sich ihren Plänen nicht widersetzen können. Der unterschlagene Brief brannte ihm ja schon in der Tasche. — Wenn sie nun aber, ehe es herauskam, ehe Reinhardt und Berlin und ©targage und all das, was er so fürchtete, sie in die fremde Eisre-gion hinauftrügen ... wenn sie vorher einen anderen harmlosen Vertrag schlösse. Was dann? Mit einem der kleinen Stadttheater im nahen Thüringen... im Auto binnen drei Stunden «reichbar, also doch noch in feinem Bereich, in seiner Macht... nicht bloß geographisch — auch weil bie-fe Theater natürlich nur schlecht zahlten. Seine Eifersucht war in diesen Tagen der Entfremdung aufs höchste gereizt. Die Frau sollte -und -durfte feiner Macht nicht entzogen werden. Ob er die Stargage bloß unter dem Gesichtswinke-l dieser Gefahr oder als gesteigert ausgeprägten Makel der „Geld-Währung" verabscheute — dies klarzustellen hatte er weder Zeit noch Neigung. Seine Gedanken liefen einen anderen Weg: einen dieser Stadttheaterinicht da nten kannte er sehr gut. Herrn von Unstrut. Im Krieg war er demselben Divi- sionsstab zugeteilt gewesen. Nun schrieb er an ihn — sein« Frau wolle ihm gern vorsprechen... Wenn sie Talent hat, wird -sie auch dort gefallen — beruhigte er fein Gewissen — und Berlin ist vermieden.
Die Antwort kam bald. Wiewohl in ihr von „Vakanz" und einer „ersten Liebhaberin", „Sentimental-Naiven" nebst ähnlichen widerlichen Klassifikationen -die Rede war (Fabrikmarken hätte er sie in seinem Betrieb genannt und die geschäftsmäßige Ausdrucksweise kam ihm im Hinblick auf das einzigartige Wesen, das er in Mathilde sah, vollständig unerwartet), obwohl ihn also die Form abstieß, brachte er den Brief doch zu Mathildens Kenntnis und fetzte ihr sogar sehr zu, bte Sache zu probieren.
Nimmt sie an — -dachte er dabei —, so kommt nun doch bald alles heraus und es wird diesmal mit -der Scheidung Ernst.
„Warum ballst du -denn die Faust?" fragte sie und sah zur Seite auf feine Hand, die auf dem Brett hin und her rutschte.
„Cs ist meine Gewohnheit."
„Habe ich noch nie bemerkt."
„Nun — und mein Vorschlag?"
Mit kühlem Erstaunen blickte sie auf und sagte „Ja". Am andern Morgen ließ sie sich von ihm im Auto in den kleinen Kurort über die Grenze -bringen.
„Wie ein Lamm zur Schlachtbank", spottete er, aber es war ihm nicht wohl zmnut dabei. Ein kalter Wind blies, und auch im Auto wurde es, trotz der vielen Decken, Ächt warm, da man so weit voneinander saß.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


