Er ist fo schön und so ebenbürtig der Natur, daß schon bei den ersten Takten dieser Beschreibung klar ist, daß er sterben muß. Nicht aus Schicksal, sondern aus ber furchtbaren Fülle seines Wesens heraus, das bei den Germanen, welche die tragischsten Nationen sind, offenbar genau so die Götter herausfordert wie bei den Griechen, welche die vollkommensten Völker gewesen sind.
Zwischen Stockholm und Athen ist eine Gemeinsamkeit des Schicksals. Die hellste Natur des Nordens und dis größte Kunst des Südens sind durch die gleiche Magie des Todes verknüpft, welcher an der Stells einschlägt, wo das Menschliche überreif geworden und offenbar schon überschritten ist.
Dsr VerLrrebsne-
Von Hans Friedrich Blunck.
Der junge Jens Jsemann brachte den Gemeindevorsteher bis vor die Tür seines Hofes. Es war ein warmer Vorfrühling, an den Linden schwollen die Knospen, so daß die Bäume wie von feinem roten Regen überrieselt schienen.
Der Alte war gesprächig, war wohl gut bewirtet worden. „Weißt du, Jens, das ist mm drei Jahre her, daß ich dich auf den verlassenen Hof einsetzte." — „Sah schön aus, hier oben!" — „Ja, du hast das gut in Ordnung gekriegt, zehn Jahre war, Freerk damals fort, was" — „Zehn Jahre hatten sie ihn gehetzt."
Der Gemeindevorsteher war ein vorsichtiger Mann, er sagte nichts und sah in die leere Luft. Es war um die Zeit, wo die Nordmark noch unter dem Kopenhagener König stand. Auch der alte Freerk Jsemann hatte fern von der Heimat sterben müssen.
„Du hast dich hier gut eingesetzt. Jung," sagte der Gemeindevorsteher wieder, holte seine Pfeife heraus und stopfte sie umständlich, „mich wundert ja, daß sie dich in Ruhe gelassen haben."
„Sie freuten sich wohl, daß sich überhaupt einer hierher wagte", lächelte der Jüngere. — Spukhof hieß der einsame Besitz auf dem Hügel. Aber der junge Jsemann war kein Abergläubischer. „Nein, hatte keiner rechten Mut hierher", lacht« er, „und die Dienstboten haben die größte Angst."
„Wann ist der Knecht denn weggeblieben?" — „Gestern mittag, sie sagen hier untereinander, daß es hier so um die Tag- und Nachtgleike umgeht, da läuft hier jedes Jahr einer fort."
Der Alte zog an seiner Pfeife, er antwortete nichts, er sah wieder in den Wind, der an den Bäumen rüttelte und di« ferne Marsch flimmern und beben ließ.
„Glaubst du daran, Lollmacht?" fragte dec Bauer. — „Das ist so'n fester Aberglaube, daß die Leute einen Eid darauf leisten wollen. Vor einigen Jahren holte mich die Melkdeern nachts herauf, bei euch wär Licht im Stall. Aber es war nichts da, als ich kam."
„Sie haben eine fremde Laterne gefunden." — „Sieh, dir haben sie's wohl auch erzählt." — „Und die wäre just groß genug für einen Unterirdischen gewesen." Der Alte lacht«, sie kamen beide in heitere Stimmung, fühlten den frischen Frühlingswind um die Ohren und das junge Grau des Himmels, das vom warmen Wind leuchtete.
Jsemann brachte den Alten noch eine Weile den Weg entlang, er hatte auf den Feldern zu tun. Sie sprachen von diesem und jenem, kamen wieder auf di« Spukgeschichte und versuchte einer den andern auszuhorchen und auf seinen Glauben zu prüfen.
„Der Knecht, den du mir vor drei Jahren heraufgeschickt hast, schwor auch, daß ihn einer gestreift hätte, als er aus dem Bücherzimmer kam." — „Was hat der Knecht im Bücherzimmer zu suchen?" — „Er muß durch, wenn er zur Häckselkammer will", sagte der junge Bauer und lachte verlegen.
„Was hat dein Oheim doch für Bücher gehabt, Jsemann, wie er die alle lesen konnte!" — „Er wollte das Landesrecht gegen den König beweisen, damals im Aufstand der Herzogttimer, es ist ihm schlecht genug bekommen."
Es dunkelte, als Jens Jsemann heimkehrte. Der Wind wehte noch immer weich und frühlingsvoll. In den Gräben rauschte es, und wo die Weiden aus dem Reetfchnlm wuchsen, knarrten die jungen Zweige ungeduldig und ließen die Kätzchen blinken.
Das Gespräch mit dem Bollmacht ging dem jungen Bauer noch durch den Sinn, die Erinnerung an seinen Oheim, den er kaum als Kind einmal gesehen hatte, entzündete sich. Der Tod des alten Mannes, der unbekannt und fern von der Heimat sterben mußte, dessen zerrütteten Besitz er übernommen hatte, gab ihm viel zu denken. Immer wieder mußte er sich sejne Einsamkeit oorftellen, den zähen Trotz, mit dem der Alte draußen sein Recht verfochten hatte. Die Scham über die Hilflosigkeit seines Volkes erbitterten ihn dabei. Er ertappte sich, wie er das von den Dänen verbotene Lied pfiff, er ertappte sich bei einem bösen Blick zum Dorf hinüber, wo die Bauern in dumpfem Schweigen die Zeit duldeten und trugen, als hätten sie verlernt, was sie noch vor kurzem Jahr um Jahr mit den Waffen verfochten hatten.
Der Wind brauste stärker von Westen über die Felder, etwas Aufreizendes lag in feinem Stöhnen. Es war, als wüßte er von kommenden Dingen, ja auch von einem Geheimnis, das neben dem Wasser oder hinter deck Wolken ivartete.
war auch, als hätte Jsemann selbst darauf gewartet. Als er in die Diele trat, kam ihm das Kleimnädchen verzagt entgegen. Das Abend- esisn stand bereit, aber jeder wußte, daß die Knechte ausbleiben würden, dipf« Stacht oder noch ein« dazu. Es war immer noch so gewesen um diese Zeit. Wie lange spukte es auf dem Hof? Ach, fett undenklichen Zeiten, aveb niemals war es so arg gewesen wie in den letzten bösen Jahren.
Jsxmanu überlegte. Das Fortlaufen der Leute verdroß ihn sehr, ein Tag Arbeit, der im Frühling arwfällt, wiegt im Sommer doppelt. Und fügte er sich schließlich, der 2Hte hatte ihn wohl angesteckt oder der Früh-
’ ling. Ja, er war heut selbst von einer krankhaften Neugier befallen was ‘ kommen würde.
! Der junge Bauer ging noch einmal um den Hof, er half selbst dem ; Kleimnädchen die Tiere füttern und brachte sie an ihre Kammer, weil si« sich vor Furcht kaum zu helfen wüßte. Dann wollte er ins Bücherzimmer Die Sammlung alter Gesetze und Geschichtsbücher, die sein Oheim ge-' sammelt hatte, zog ihn an, ein Vermächtnis schien si« ihm, das er eines Tages zu übernehmen hatte. Aber als er die Tür öffnen wollte, war sie verschlossen und der Schlüssel fehlte.
Jsemann ging ärgerlich über die Diel« zurück. Er glaubte ernstlich, daß die Knechte ihm «inen Schabernack gespielt hätten, und nahm sich vor gehörig dreinzufahren.
Die Unruhe verließ ihn indessen nicht, die Geschichte mit der sonderbaren Laterne, die Mär von einer Mutter der Unterirdischen, die einst di« Bauersfrau dieses Hofes zu einer Kreißenden geholt hatte, viele andere bunte Sachen gingen ihm durch den Kopf. Der Wind brauste und lärmte, die Bäume knarrten. Jsemann fühlte sich verlassen. Er wollte sich zu schaffen machen, sucht« wie von ungefähr sorgfältig den Stall ab, durch, leuchtet« Raufen und Winkel und sah nichts, was nicht auch in gewohnter Zeit an den Platz gehörte.
Es war spät, als er sich über die Diele zu seiner Schlafkammer suchte. Er kam beim Bücherzimmer vorbei. Die Tür, die vorhin verschlossen ge- wesen, war angelehnt, drehte sich im Wind knarrend in den 2(ngein. Der Bauer hielt die Finger fest um seinen Laternengriff, die Laterne wäre ihn fast entfallen, so sehr überraschte es ihn. Er sucht« sich vorzustellen, j daß er sich geirrt hatte, daß die Tür nur verquollen gewesen war, aber I er wußte genau, daß er mehrere Male daran gerüttelt hatte. Er leuchtete noch einmal sorgfältig di« Diele ab, faßte sich ein Herz und trat. in di« Stube ein, die Laterne hoch in der Hand. Aber die Stabe war leer. Di« Läden waren fest verschlossen, ein paar Bücher, dünkte ihn, standen schlecht eingeordnet in den Regalen.
Der Bauer setzte sich an den Tisch. Ihm war wirklich unheimlich zu Mut«, er sucht« sich Eindringlinge vorzustellen, fühlte nach dem Messer, das er zu sich gesteckt hatte, und konnte doch das Spukhafte nicht über» winden, das der dröhnende, rüttelnde Wind herübertrug, noch das lautlos« Unsichtbare, das mit ihm in dieser Stunde unter seinem Dach gewesen war. Einmal dachte er ins Dorf zu gehen, er wollte zu Menschen. Aber er lachte selbst über seine Scheu. Nein, er wollte dies selbst zu Ende führen, blickte zur Tür, die im Windzug hin und her schwankte, stand plötzlich mit schweren Schritten auf und warf sie auf. Aber es war niemand im Gang, die Diele war ohne Bewegung, nur die Türen klapperten, die Riegel ächzten und aufkommende Böen rollten wie aus tiefen Gründen über Dach und Land.
Jsemann stand, die Hände in den Taschen, an die Mauer gelehnt und fühlte, wie eine Erwartung in ihm war, der er nicht Einhalt tun konnte. War's Furcht? Er schämte sich, reckte die Fäuste und ging mit schweren Füßen zu seiner Kammer. Da holte er Decken und Mäntel, schritt zurück und schob in der Büchertämmer die Bank zur Wand. Er wollte heute nacht wissen, was in seinem Hause geschah. Einmal mußte er Klarheit haben, er hatte einen verzweifelten Mut dazu.
Es mochte wohl eine Stunde vergangen sein, die Laterne war erloschen, der junge Bauer hätte wohl im Halbschlaf vor sich hingeträumt. Als er wachschrak, wußte er plötzlich, daß die Tür eben geöffnet war, leise hallte das Aechzen in seinen Ohren nach. Seine Gedanken spannten sich, er wußte, daß jetzt etwas geschehen würde, was ihn maßlos erregte, mit dem er sich auseinander-zusetzen hatte.
Ein leiser Schritt am Tisch, ein Knacken des Feuersteins. Dann sah Jens Jsemann von rückwärts den dunklen Umriß einer Gestalt und bann, als die Lampe langsam sich entzündete, einen grauen Kopf, der sich vom Tisch hob und den Blick prüfend über die Bücher schweifen ließ.
Der Bauer hatte die Hand am Messer gehabt. Er ließ sie niederfahren. Mit einem Sprung hatte er sich aufgerichtet.
Der am Tisch hatte sich zu ihm gewandt, zur Lampe, um sie zu löschen. Aber der Junge war eher dabei. Er hatte den Arm zurückgestohen, stand dicht, Auge in Auge, dem Graubart gegenüber.
Eine Weile war es still im Raum, nur die alte friesische Uhr tickte und ein Windstoß klappert« an den Laden.
,Bist du Jens Jsemann, so will ich Gott danken", kam es mühsam von den Lippen des Fremden. Der junge Bauer begriff noch nicht, spukhaft stand der andere im Lampenlicht vor ihm. „Wer bist du?"
„Ich bin Freerk Jsemann!" kam es langsam heraus, deines Vaters Bruder." — „Freerk Jsemann ist tot!" schrie der Junge. Wahnsinn schien über ihn gekommen, er muhte mit beiden Händen nach seinen Schläfen greifen.
Der Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, er wiegte den Kopf und ließ die Augen nicht von dem andern ab. „Ja, du bist Jens Jsemann, ich sehe es wohl, nun brauche ich keine Furcht zu Haden."
„Wer bist du?" — .fEiner, der Heimweh hat und über den es mitunter so kommt, daß er’s nicht aushalten kann. Begreifst du nicht?"
„Du, du" — 'der junge Mann sank auf die Bank. Der Totenschein, dachte er, der Hof — „wie kommst du hierher?"
Der Alte hatte ein Lächeln gefunden. „Komm, schließ die Tür, ich denke, wir sind allein heute nacht. Ich will dir sagen, wie ich die Leute betrag, damit ich Ruhe hätte, damit ein Junger auf den Hof tarn’, damit wir die Zeit abwarten können." Er strich leise dem jungen Dauern über die Hand, warm und freundlich fühlte sich das an, es war, als suchten sie aus weiter Ferne zueinander und kennten sich lange, ein Blut, das die roaren.
„Und ich will dir von meinem Heimweh erzählen, Junge, und vom Aberglauben der Leute und den andern Malen, di« ich hier war. Und hie Bücher will ich dir zeigen, wo von unserm Recht steht, und von Deutschland will ich dir erzählen und von dem Tag, auf den wir warten."
Die Lampe blakte, di« Linden sausten im Wind und ließen den jungen nassen Sturm über sich hinfahren, der ihre Zweige öffnete.
Verantwortlich i.B.: vr.Fr.W. Lange.—Druck und Verlag: Brühl 'sch eTlniv erst täts-Buch- und Steindruckerei.A. Lange, Gießen


