Ausgabe 
25.6.1927
 
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*) Im Verlag der Deutschen Buchgememschaf hat Kasimir E d sch m i unter dem TitelDas große Reisebuch" Eindrücke ES Welten bummlers veröffentlicht, die mit zu dem Besten gehören, was Uber schäften und Menschen, Länder, Sitten und Nationen,, ihr Werden un Sein in unser«. Tagen geschrieben wurde. Als Beispiel, wie Es) ferne Dinge sieht, sei hier bas Kapitel über seine schwedische Reise Lluszug wiedergegeben.

Von Kasimir Ed-schmid*)

Die Geschichte Schwedens besteht aus Schwermut und Abenteurerei. Man kann dasselbe von seiner Landschaft und von seinen Menschen sagen. Damit ist die Frage auch gelöst, was aus dumpfen Bauern immer wieder plötzlich Helden und aus den Fischern Wikinger machte

' Die Schweden haben alle ein wenig von Karl dem Zwölften und em wenig von den Barden in sich, deren Lieder voll tiefer Melancholie M-

wenig von den Barden in sich, deren - . a , m

Das Heldentum überkam die nördlichen Germanen in einer Art Narr« hüt Sie waren Träumer und fanden sich plötzlich in Rasende verwanden, welche die Welt mit ihrem Ruhm erfüllen mußten ...

In Tirol hot das Germanentum sich em buntes und mächtiges Ailoer buch seines Mythos geschaffen und seine Menschen zu gewaltiger und erd. naher Robustizität entwickelt. In Schweden hat die germanische Rasse tyr glänzendstes Schaustück gefunden: ein herrliches, blondes Volk, das naa) außen hin mit Wollust lebt. Aber sie sind Tieftinnige. .

Sie leben wie Genießer, aber sie sind voll der traurigen Mußt chr- Skalden Bellmann. Ihr Temperament liegt zwischen Paris und Mos während sie schöner als die Engländer sind. Eine unheimliche Vermahlung.

Das steht auch in ihrer Literatur. .

Welcher Gram und welche Furcht vor den Geheimnissen der Erde 'y überall bei der Lagerlös, bei Heidenstam, bei Halstroem. Aber wie liev

neben sich Raum ließ. Das war in bezug auf die Traber die im Winter ihre einspännigen Schlitten demselben Ziele zuführten, den Schlag auf Schlag aufeinanderfolgenden Vergnügungen der Umgegend _

Auch hier lag nicht Mißmut oder Egoismus zugrunde. Nicht für eigene Rechnung erwartete man den Preis, sondern für die Pferde.

Die Menschennatur ist nun einmal so beschaffen, daß, wo starke Ge­fühle für einen anderen ins Spiel kommen, man wünscht, daß ihr Gegen­stand sich auszeichne, auch wenn es jenen, denen man sonst alles Gute gönnt ein wenig Demütigung bringen sollte. Die sanftesten Mütter können für ihre Kinder ehrgeizig werden und scheuen dann nicht vor ein wenig Jntriguen zurück, um sie zur Geltung zu bringen, selbst auf Kosten derer ihrer besten Freundinnen. So war es auch mit den beiden Vettern und ihren flinken Pferden, die Möglichkeit eines Konfliktes war gegeben.

Aber es ist nun an der Zeit, im Interesse der Klarheit alle handelnden Personen reinlich voneinander zu scheiden.

Die Barone hießen Karl und Gustav, die Tiere Hektor und Ban Houten. Es ist von Gewicht, die vier nicht zu verwechseln, und man muß sich darum genau merken, daß Hektor braun war und dem Erstgenannten gehörte, während Gustavs Pferd eine eigentümliche Farbe, wie Schoko­lade mit etwas Milch versetzt, hatte, daher der Name! Es konnte in ge­wissen Beleuchtungen fast lila aussehen und war also keine Augenweide. Aber ein durchaus respektables Tier von ebenso gutem Körperbau und inneren Eigenschaften wie das andere. .

Denn auch die beiden Pferde waren einander ebenbürtig, und bet den Rennen der Umgegend hatten sie abwechselnd erste Preise heim- gebracht, je nach der augenblicklichen besseren Disposition, nicht aber infolge irgendeiner andauernden Ueberlegenheit. Die Besitzer hatten ein­ander dann gutmütig beim Champagner des Mittagessens beglückwünscht, doch mit einer herabsetzenden Bemerkung über den Wein und den still­schweigenden Entschluß, die Scharte wieder auszuwetzen. Auch im übrigen hatte die Rivalität den Schatten einer Scheidemauer zwischen ihnen auf­gerichtet. Van Houtens Herr, der -das Schokoladefavbene in Ehren halten mußte, war dadurch dahingekommen, auch in anderen Dingen als Pferdefarben eine gewisse Vorurteilslosigkeit zur Schau zu tragen, wo­durch er bei älteren Standesgenossen einige Bedenken erregte. Auch wenn er ein Herren-Mittagessen hatte, konnte es ihm einfallen, das herzens­warme Bankarrangement um den Smörgastisch abzustellen und Anderson mit kleinen modernen Assietten auf einem Tablett herumgehen zu lassen. Später beim Likör konnte es passieren, daß er sich in fröhlichem Leicht­sinn darauf einlieh, politische Veränderungen zu diskutieren, die er un- gehört hätte verdammen müssen. Die Gäste stand«! etwas steif vor­gebeugt und spießten Sardellen mit Oliven mit den viel zu kleinen Silber- gabeln auf, versuchten sich den Rücken freizuhalten, schmatzten, aßen und schluckten und ließen dem, was geboten wurde, Gerechtigkeit wider­fahren. Aber wenn die geistigen Neuigkeiten kamen, da schluckten sie nicht mehr, denn die blieben ihnen im Halse stecken, und die Gesichtsfarbe wurde dunkel wie alter Burgunder. Zu einem eigentlichen Skandal war es jedoch nicht gekommen, und Baron Gustav war noch immer beliebt, obgleich man nach und nach überall dazu neigte, Van Houten auf die Länge doch für weniger solide zu halten als den Nebenbuhler.

Und nun kam noch ein anderes Gebiet hinzu/ auf dem die Gefühle der beiden Freunde Gefahr liefen, zufammenzustohen. Sie verliebten sich in dieselbe junge Same, die Ebba hieß und in einem Schloß an der einen Ecke des Sees wohnte, unaefähr gleich weit von beiden entfernt.

Sie galt allgemein für schön und war selbst zu wohlerzogen, um eine andere Meinung zu haben als ihre Umgebung, ohne doch darum in Koketterie mit ihren Vorzügen zu verfallen. Sie war blond, rosig, hübsch gekleidet, saß gut zu Pferde und ebenso gut auf dem Klaviersessel, auf deni sie auch leichte Musik korrekt ausführte. Sie nahm sich anmutig aus, gleichviel ob sie in einem Fauteuil lehnte und sich den witzigen Ideen­reichtum, der auf sie einstürmte, mit vorwurfsvollen kleinen Ausrufen vom Leibe hielt, oder ob sie tanzte oder ging, letzteres mit gleitenden Schritten ohne bestimmten Rhythmus. Ihre blauen Augen waren ehrlich und unberührt, und sie hatte nie einen herben oder entscheidenden Ge­danken gedacht oder irgend etwas fest angepackt außer den Zügeln ihres eingerittenen Pferdes.

Und mm war sie beinahe verliebt und hatte sich klarzumachen, welcher von den beiden Anbetern der Gegenstand war. Es muhte eine Wahl getroffen werden, die darüber entschied, daß einer von ihnen, wie es sich gebührte, ihr vollkommen gleichgültig war, während im Zu­sammensein mit dem anderen alle Fülle des Lebens lag.

Dies war nicht so leicht getan, da ihr beide präzise gleich den Hof machten, da kein Mensch sie von rückwärts unterscheiden konnte, und da es überhaupt unmöglich war, bei einem von ihnen eine Eigenschaft zu finden, die der andere nicht im gleichen Maße besessen hätte.

Die Lage begann recht kritisch für ein korrektes junges Mädchen zu werden, das allerdings nicht ausgesprochen worden war, aber doch genug über die Liebe als sakramentalen Gnadenakt gelesen hatte, bei dem es sich um ewige Glückseligkeit oder ewige Verdammnis handelte, je nach­dem, ob man den rechten Glauben hatte oder nicht. Es war, als hätte man ihr zwei Kelche Altarwein gereickst, von baten sie wüßte, daß der eine vergiftet war, aber nicht welcher. Sie wurde in ihrem ganzen Wesen so unschlüssig, daß es ihr zuweilen unmöglich war, auch nur zwischen zwei Teebrötchen von derselben Sorte zu wählen. Sie begann abzumagern. Auch die jungen Männer hatten es unruhig. Wenn sie nicht bei ihr waren, ver­brachten sie die Tage in ihrem Turmzimmer und guckten durch große Fernrohre auf das Eis des Sees, der weiß wie ein unbeschriebenes Blatt dalag. Sobald ein Schlitten mit einem der wohlbekannten Pferde über die Schneedecke dahinschoß, machte der andere den seinen bereit und war am Ziele angelangt, ehe noch das Tete-a-tete mit der Angebeteten feste Form hatte annehmen können. Oder sie saßen auch da und hielten ein­ander gleichsam mit drohenden Kanonenmündungen davon ab, sich auf den Weg zu machen, bis die Dunkelheit einbrach und man va banque fuhr. Glücklich angelangt, konnten sie jedoch nicht umhin, sich zu brüt sehr gemütlich zu fühlen, denn sie hatten sich noch immer gerne, unb die Spannung lockte nur ihre liebenswürdigsten Eigenschaften in geschultem und beherrschtem Gleichmaß hervor. Sie lachtai ohne Hintergedanken

gegenseitig über ihre Einfälle, und Fraulein Ebba lachte mit; aber nach welcher Seite sie auch den Blick wendete, sie konnte jene treuherzige Freundlichkeit nicht unterdrücken, die in einem männlichen Gemüt den Gedanken an ein mögliches und naheliegendes, unglaubliä) großes Glück heroorlockt. Und wenn sie gefahren waren, kam sie sich unwürdig und ungetreu vor, ohne zu wissen gegen wen, was die Peinlichkeit noch ver­schärft, weil man niemandem die Schuld geben kann.

So standen die Dinge an einem Abend im Februar, an dem in dem Hause der jungen Dame eine Mittagsgesellschaft stattfand. Sie war ganz einfach, das heißt, es gab keinen Champagner, und die Herren waren nur im Salonrock, aber die Gesellschaft war ebenso zahlreich ,und ganz ebenso zusammengesetzt wie an den großen Festtagen. Man hielt in der Gegend zusammen und unterließ es nie, irgend jemanden einzuladen, der zu dem durchaus nicht engen Herrschaftskreis gerechnet werden konnte. Alle kannten sich gut und hatten einander mehr als einmal alles gesagt, was sie überhaupt zu sagen wußten. Dies hinderte sie jedoch nicht, es mit unvermindertem Eifer noch einmal zu sagen und Dispute quer über den Tisch anzuknüpfen, bis man entdeßte, daß niemandes Ansichten zu er- schlittern waren, und dies auch ganz in der Ordnung fand.

In einem Punkt waren alle derselben Meinung: die für solche Ge­legenheiten vorgeschriebenen drei Weinsorten schmeckten ebenso gut wie immer, und das hundertjährige Bier war noch immer hundertjährig.

Das wurde in einer besonderen Art hoher Gläser serviert, mit Tee­löffeln und Steruzucker darin, den nes war vom Alter ganz sauer. Es war voll Bodensatz, der sich zwischen jede mSchtuck erst setzen mußte.

(Eigenlid) war es gar kein Säkulum alt, aber es war doch jedensalls sehr, sehr lange her, seit das große Faß zum ersten Male gefüllt, im Laufe des Jahres halb leer getrunken das war ein ungeschriebenes Gesetz und nachgefüllt worden war. So war es feit Generationen ^^^Jm^Hause lebte ein pensionierter Hauptmann, der seit vielen Jahren mit zwei Gewehren und einer größeren Handtasche als Gast zu einer Jagdpartie gekommen und seitdem dageblieben war. Er hatte einen mathematischen Kopf und versuchte jedesmal, wen «dieser Trank auf den Tisch kam, vermittels einer mathematischen Serie zu berechnen, wieviel von der ursprünglisten Masse noch übrig sein mochte. Er zeichnete mit der Dessertgabel Formeln auf die Manschette und verwirrte seine Tisch­dame und sich selbst den Kopf, denn mit jedem Jahr, das ging, nniröe es immer schwieriger. Die Hauptsache war, daß das Bier unberührt im selben Keller gestanden hatte und nie auf der Wanderschaft gemejen war, daß es eine vornehme, fideikommißartige Natur bekommen hatte, wenn auch die Familien gewechselt hatten und die Ehen nicht imnwr standes­gemäß gewesen waren, und daß sich die Dielen darüber alljährlich in Tanz und Freude gewiegt l-atten. Es hatte einen feinen, wemarügen Geschmack und rief eine besondere Stimmung beherrschter Fröhlichkeit hervor, in der man alle materiellen Sorgen vergaß. Ungesund war es au chnicht, wen man es mit Maß trank, und das tat man immer, denn es war etwas Feierliches an der ganzen Sache.

Die Haustochter nippte zum Schein daran, um der Aufforderung des Hauptmanns am anderen Tischende nachzukommen. Wenn , sie em anderes Glas genommen hätte, jo würde er das als eine Urchomchkeit aufgefaßt haben, so etwa, als antwortete man auf eine andere Frage, als die an einen gerichtet wurde. Sie war wie alle besonders aufmerksam gegen ihn, im Hinblick auf feine abhängige Stellung, der er seinerseits durch eine stille, anspruchslose Riterlichkeit Wurde zu geben wußte.

Im übrigen war Fräulein Ebba schon wirr S«wg im Kopf, ohne überhaupt ein Glas anzurühren. Da Damenmangel herrschte, hatte sie ihre beiden Anbeter als Tischkavaliere, mit der ausgesprochenen Ungewiß­heit, welcher den Vorzug haben sollte Da saß sie nun w^rergewohn- i ich en Unschlüssigkeit und glich, ohne daß sie es wußte, Buridans G|elm den Gedankenexperimenten der Scholastiker über die Willensfreiheit. Wie dieser war sie zu philosophischer Hungersnot verdammt, wenn die Stel- lünq zwischen den gleich starken Willensimpulsen, das Hm- und Her­gezogenwerden zwischen den beiden Heubündeln, langer fortbauerte.

(Fortsetzung folgt.)

Dis GermanenhaupLftadt Stockholm.