Ausgabe 
25.6.1927
 
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SietzenerKmiilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Sietzmer Anzeiger

Jahrgang <921 Samstag, den 25. Juni Mmmer 50

Nordland.

Von Knut Hamsun*).

Ewigkeitss-srn kann man draußen sshn

Fliehende Horizonte,

Wogen vom Meere kommen und gehn,

Kommen und gehn.

Meilenweit sichtet man Segel, weißschimmernd besonnt«.

Winterfinfternis endlich sich dehnt, Nordlichter flammen dazwischen. Grübelnd der Fischer nach Schätzen sich sehnt. Träumt und wähnt. Täglich die Netze stellend das Glück zu erwischen.

Sommersonne verschwenderisch reich,

Alles in strahlendem Glanze,

Jubelnde Lichter, Fanfaren gleich. An Gold so reich,

Nordland singt in festlichem Nammentanze.

Fische wie Silber, ein großer Fang,

Gruben mit Erz in den Fjellen,

Unter dem Pfluge Talgrund und Hang, Taufrischer Hang.

Land für zehnfaches Volk mit Vieh in den Stallen.

Meerwärts die Möwe hebt sich grau,

Macht ihre letzte Runde.

Alle die Blümchen auf der Au,

Rot und blau,

Schließen sich abends still mit versiegeltem Munde.

Nordland Nordland, du reiches Land,

Trägst in allen Gebreiten

Dämmernde Jugend als sicheres Pfand, Zukunstsland!

Gruß dir und Segen jetzt und zu allen Zeiten!

Psr Hcrllftrom.

Von Hans Georg Brauner.

Nordische Literatur wird von jeher als Bestandteil der deutschen Literatur gezählt gleichgültig, welcher der drei Nationalitäten sie an­gehört: von Hollberg bis Ibsen, der seinen Weg Wer Deutschland ging, Hamsum, der große Dostojewski-Jünger, Strindberg, von der Lagerlöf bis zu Ägrid Undset, von Per Hallström bis zu dem Dänen Joh. V. Jensen sie alle scheinen uns ost mehr zu gehören als ihrem eigenen Lande. Der deutsche Geschmack bewies sich immer in der instinktmäßig richtigen Einstellung zu ausländischem Schrifttum. Er ging oft so weit, die Verehrung fremder Schriftsteller der Liebe zu deutschem Schrifttum vorzuziehen. Oft mit Unrecht. Solange Dichtung aus dem Eigenerleben eines Volkes, aus der Klangmelodie einer Sprache wächst, gibt es nationale" Literatur, die -dem Außenstehenden fremd bleiben muß, höchstens eine Modeangelegeicheit werden kann. (Pirandello Proust Unamuno.) Wo die Grenzen zweier Völker die Gefühlswelt nicht zu trennen vermögen, wo die Erlebnismöglichkeit gleiche oder ähnliche seelische Voraussetzungen, d.h. Rassemerkmale auszuweisen hat, dort wird sich natür­lich das Eigentumsrecht gegenüber geistigen und künstlerischen Erzeug­nissen nicht auf die Farbflecke der Landkarte beschränken. Die Bevor­zugung romanischen und russischen Schrifttums ist weniger der Beweis einer inneren Verwandtschaft mit deutschem Gefühlsleben, als der Ver­ehrung einer großartigen künstlerischen Architektur, deren tiefstes Ge­heimnis uns fremd ist. Es ist die Reugier des Jünglings zu Sais.

Anders ist die Einstellung zur nordischen Literatur, die nur geboren aus dem Sinne -her nordischen Landschaft ein abgewandelter Ausdruck deutscher Gefühlskomplexe ist.

Per Hallström gehört zu den Stillen, Zurückgezogenen. Er ist nur um seine Kunst bemüht, stets abseits von einer Zeit, die wohl schon während seiner ersten Schafsensjahre ein herberes Gesicht gezeigt hat. Er formt nicht den. Wechsel, das Vorwärtsdrängen sich vorbereitender Ereignisse. Er lauschte nach innen in das geheimnisvolle Verborgene eines jeden Menschen, er sucht nach Worten, die unausgesprochen oft zwischen den Menschen sind. Er formt Erlebnisse, die dem oberflächlichen Auge wohl entgehen, denen er aber ein Leuchten gibt, das sie aus dem Rahmen des Alltäglichen hebt. Er schildert nicht Leidenschaften, die hart und nnerbitt-

*) Dies und das folgende Gedicht wurden dem schmalen Bande fein- Uselierter Lyrik des großen nordischen Dichters entnommen, die der Verlag I. M. Spasch, Berlin, unter dem TitelDer wilde Chon" ver­öffentlichte.

lich einem Leben neu« Richtung geben. Leidenschaften wachsen bei ihm nicht aus dem unentrinnbaren Zwiespalt des eigenen Ich, sie entladen sich in -bem rätselvollen Gebaren einer unbezwungenen Natur, sie sind der Fels, der Strom, das Meer, und der Mensch steht abseits nur das verkleinerte Spiegelbild entfesselter Naturkräfte.

Jahre scheinbarer innerer Ausgeglichenheit bedürfen keiner Kunst die gewalttätig gegen verschlossene Türen klopft und neue Bahnen bricht Kunst sollte in verehrungswürdiger Isoliertheit über dem Leben stehen- Kunst um ihrer selbst willen als der Ausdruck eines in Jahrhunderte alter Kultur herausgebildeten Schönheitsideals. Liefe milieuhafte Ab­geschlossenheit ist vielleicht di« Ursache, daß jetzt schon Hallström, des eben sechzigfahrigen Dichters, erinnernd gedacht werden muß. Die Süllen sind die Ruhepunkte fortschreitender Entwicklung. Das Alltägliche gewinnt an Bedeutung - so als fiele ein Sonnenstrahl auf ein vergessenes altes Bild. Das Unscheinbare wird zur symbolischen Größe einer schöpferischen Offenbarung erhoben. Hallström schildert Menschen, liebend verzerrte Ge­stalten, unschuldige Schiffbrüchige eines unbarmherzigen Lebens. Und es ist, als würfen sie alle riesengroße Schatten vor geheimnisvollen Lickst, quellen, als griffen unwahrscheinlich lange Arme nack unerreichbaren Trauimvorstellungen. lieber ihnen liegt etwas von dem Spuk der Gösta- Berlin-Saga (Schelmenroman"). Oder es sind Menschen, die die Ehr- furcht vor der Heiligkeit der Statur, schweigsam und doch sich beugend unter dem heißen Strom eigenen Empfindens. Und das erlösende Wort mit wachsendem Druck verschwiegen, wird endlich gleichbedeutend mit dem Spruch über Leben und Tod (Das Stumme"). Hallström schildert den Nordländer und -damit sich selbst mit einer Miene: ein bißchen einsam, ein bißchen träumend. Sie haben mehr den Ausdruck jemandes, der laut für sich selbst denkt, als eines Menschen, der spricht, um einen anderen mit- zureißen. In ihm sammelt sich noch einmal ein Rest verlorener Romantik, mit der Sehnsucht nach der Gotik des sterbenden Mittelalters, nach einer Zeit, in der sich der Traum des Lebens unberührt von harten Gescheh­nissen zu Ende träumen läßt. Etwa wie bei Hermann Hesse oder Franz Kafka, den vertriebenen Romantikern. Hallström hat den Wunsch, die bürgerliche Idylle des 19. Jahrhunderts in eine Zeit hinüberzuretten, die Miene macht, das Alte wie Staub von den Schuhen zu schütteln. Er wird feinen Weg zu Ende gehen wie sein Gabriel, der auf das erlösende Wort einer stummen Liebe wartete und dabei die Zeit um sich vergaß. Die Zeit wird sich erfüllen, fern von ihm, unbarmherziger als seine Welt es zulassen kann. Sie wird fein8 Welt zerstören, und er wird die Erinnerung auf sich nehmen wie einen letzten Segen, der unausgesprochen mit in die Grube wandert.

Das eWig MLnnUche.

Bon Per H a l l st r ö m.

Sic waren zwei Vettern, von der gleichen alten, guten Familie und Vermögenslage, und hausten jeder ans einem Gute an den gegenüber­liegenden Ufern eines langen, geschlängelten Sees. Mm findet solche an mehreren Stellen unseres Landes, und sie scheinen von der Natur selbst zum Wog für die Geselligkeit im Winter geschaffen und zum Schutz für den Arbeitseifer oder auch für ein wenig lyrische Träumerei während des übrigen Teils des Jahres.

Die Aehnlichkeit hatte übrigens damit nicht ihr Bewenden, sondern ließ sich in den verschiedensten Punkten sortsetzen.

Sie waren von demselben angenehmen Alter in der Nähe der Dreißig, wo junge Männer gesetzt werden und all die Dummheit ablegen, die sich ablegen läßt, ohne dabei ihre gute Laune einzubüßen. Sie erfreuten sich beide einer guten Gesundheit und einer gleichmäßigen Stimmung. Sie hatten kühne, wettergebräunte Gesichter, von denen die Stirnen sehr weiß abstachen. Sie hatten lange, wohlgebaute, aber ein wenig steife Ge­stalten in gutsitzenden Kleidern, und ihre Augen spiegelten dieselbe sorglose Ruhe. In der Schule hatten sie miteinander Schritt gehalten, wenn nicht mit Ehren, so doch mit großer Treue gegeneinander, und dabei so viel Vergnügen herausgeschlagen, als eine gute Laune nur geben kann. Sie hatten ungefähr gleich gute, schlechte Zeugnisse im Frühling heimgebracht und sich im Sommer zusammen von Klasse zu Klasse hinaufbugsiert. Auf derselben Jagdpartie hatten sie ihre ersten Füchse zur Strecke gebracht und waren bei demselben Abiturinm durchgefallen und durchgekommen.

Schließlich hatten sie Seite an Seite in der Kadettenschule von Karl- ber,g die Erniedrigung des ersten Jahres und den Triumph des zweiten gekostet.

Sie hatten dann die Uniform desselben Regiments angelegt. Kurz gesagt, sie hatten aus demselben Becher die solide Freude und di« flüch­tigen Sorgen des Lebens getrunken. Jetzt verwalteten sie in ihrer freien Zeit ihre Güter mit mittlerer Tüchtigkeit und ohne aufregenden Wetteifer. Sie warm auch so gute Freunds, als sie bei biefen Voraussetzungen sein mußten.

Bis zum Zeitpunkt dieser Erzählung hatte sich zwischen ihnen nur leine Rivalität entwickelt, wo der eine nicht mit Gleichmut dem anderen