Sigristenhütte ist nie ein recht fröhlicher Frieds; fetzt in der rauhen, unwirtlichen Zeit ist erst recht Krieg darinnen. Es efjen zu viele Mäuler an des Sigristen Schüssel, und wie es bei den Schafen und Ziegen, die zur Lecke drängen, geht — die Starken verdrängen die Schwachen. Die
Schwachen in der Sigristenhütte sind der Sepp und der Pepp. Der ^osi, der Sigrist, reckt die zähen Arme, hat ein hochrotes Gesicht und flucht: „Da kannst dich abschinden den Sommer über, und im Winter nimmt einem das unnütze Volk den Bissen von dem Mund weg."
„Daß der Alte nicht sterben kann," brummt die Sigristin und meint den Sepp.
„Daß dein halbtoter Bub noch alleweil lebt," knurrt der Joseph, der Großvater, und meint den Pepp. Vielleicht sagt er es aus einem Zorngefühl heraus, weil er merkt, daß die Reihe des Uebrigfeins eines Tags auch an ihn kommen wird.
So haben der Sepp und der Bich keine leichte Zeit; denn bei der Mißgunst ist übel zu Gast sein. Die beiden suchen ihr armseliges bitzci^n Frieden im Freien, so oft es angeht. Und als eine Reihe wolkenloser Tag« kommt, entlaufen sie täglich dem Unfrieden der Hütte und dem Unfrieden der Gasse und streifen, Hand in Hand, irgendwo bergan oder bergab; hinter ihnen lachen und spotten die Dörfler.
Ein glanzheller Tag liegt im Sterben. In der Sigristenhütte geht die Abendmahlzeit zu Ende. Der Sigrist und di« Seinen sitzen noch um , den runden Tisch mit der rohen, schmierigen Platte und haben die letzten । Bissen zwischen den Zähnen. Sie sitzen so dicht gedrängt, der Sigr, t, sein : Weib sein Vater und die fünf Kinder, daß es kaum zu glauben ist, roie ’ zn-eiten der Sepp und der Pepp auch noch Raum haben, die jetzt auf z der Ofenbank hocken und den andern beim Essen zusehen dürfen.
„Du hast zu Mittag zu viel gefuttert," hat die Sigristin den alten Sepp angefahren, als er sich hat zu Tisch setzen wollen.
Da hat sich der Alte, in sich hineinslennend, aus die Ofenbank getrollt. Auch der Pepp hat irgendwie seines Vaters Mißsallen erregt, als er kaum zweimal den Löffel voll Mais zum Mund geführt hatte. Weil ihm der Löffel aus der Hand geschlagen und die gemeinsame Schüssel weggerückt worden ist, hat er sich zu dem Aetti hingestohlen. Nun hocken sie zusammengekauert wie Hühner bei schlechtem Wetter da; keinem reichen die Füße von der Bank zu Boden.
Plötzlich schallt von der Gasse herein dem Pepp das Jubeln und Lachen der Dorfkinder in die Ohren. Die Gasse fällt steil ab, und auf ihr tummelt sich bei Zunachten der Stockdorfer Nachwuchs auf Schlitten. Das f Herz klopft dem Bub, das bißchen Freude lockt ihn aus der dumpfen Luft der Stube.
Einen Augenblick später ist er unvermerkt durch die Tür entwischt i'nd zieht unter der Hüttentreppe den Schlitten hervor, den in einer guten Stunde der Sigrist zurechtgezimmert hat.
Der Sepp, als er den Platz auf der Bank neben sich leer sieht, fährt aus seinem halb blödsinnigen Vorsichniederstaunen auf und folgt dem Buben. Er kommt gerade recht, um draußen seinen ersten Wehschrei zu hören.
Die Dorfkinder sind an ihm; der Pepp hat anstatt seiner kleinen Freude seine große Plage gefunden. Eine Weile bleibt der Alte beiseite stehen; als aber das Necken der Kinder, zu denen auch des Sigristen übrige Jugend gestoßen ist, zu bunt wird, fährt er in feiner alten Weife dazwischen und holt den weinenden Buben heraus.
Einen Augenblick stehen die beiden in der Gaffe, der Bub schluchzt und streicht mit der srostrauhen kleinen Hand die Tränen weg, dann lenkt der Sepp zur Hüttenbank hinüber.
„Komm zusehn." murmelt er. So klettern sie aus die Bank, aus der noch eine dünne Schneekruste klebt, und sitzen eine lange Weile still mit hängenden Beinen dort.
Der Alte in kurzer, ^ertragener Hose und enger, kurzärmeliger Jacke sieht ans wie ein Kind, und der Bub, der einen viel zu weilen und lang« armeiigen Rock seines alteren Bruders trägt, könnte just ebensowohl ein verschruinpfter Alter sein. Vor ihnen tollen die Kinder; aber als die Gasse dunkler wird, lichtet sich die Schar, und es beginnt um die zwei auf der Hüttenbank stiller zu werden.
Die Nachtkälte wächst, aber der Himmel steht voll warmleuchtender Sterne, an denen der Pepp die Augen hängen hat. Die beiden vergesten ganz das Heimgehen.
Plötzlich fährt das Kind wie aus einem Traum auf. „Sieh die Straße dort, Aetti!" flüstert er.
„Ah," nickt der Alte; sein Geist schläst, und sein Leib ist nicht mehr weit vom Schlafen.
Der Bub staunt in den Himmel hinauf und hat gedankenvoll einen Finger an seinem Mund liegen. „Gelt, Aetti," begann er nach einer Weile wieder, „wenn wir da hinaus wollen, müssen wir sterben?"
Der Sepp nickt, vielleicht ist es aber auch im Schlaf geschehen.
„Aber da ist doch eine Straße," fährt der Bub fort, und einen Augenblick später: „Gerade in den Himmel hinein geht die Straße."
Der Kleine ist erregt, er ergreift den dürren Arm des Alten, so daß er mit einer taumelnden Bewegung auffährt.
„Gerade in den Himmel hinein geht die Straße," wiederholt der Bub und weist hinaus, wo die Milchstraße von Sternen durchwoben fahlweih sich vom nachtiiesen Himmel abhebt. „Vom Winterberg geht sie aus, siehst, gerade vom Winterberg dort," eifert der Pepp, und seine Hand zeigt auf einen dunklen Berg, dessen höchste Tannen sich scharf gegen den Himmel zeichnen. Zwischen diesen Tannen hinab leitet die Straße.
„Ja, fa," murmelt der Sepp, seine Unterlippe hängt ihm vor Staunen herab. Sein schwacher Verstand macht sich langsam zu eigen, was der Bub ihm vorpiaudert.
„Dann müssen wir nicht sterben," sagt der Pepp plötzlich und mit leisem Lachen; es klingt beinahe wie ein fröhliches Vogelzirpen. „Da vom Berg kann einer gerade in den Himmel hinüberfteigen."
„Ja, ja," stammelt der ftaunenbe Sepp, er reiht die fast lichtlosen Augen weit auf und murmelt noch einmal: „Ja, ja, beim Eid, das kann einer."
Der Pepp aber steht schon im Schnee neben der Bank und saßt nach des Alten Hand: „Komm, Aetti, wir gehen in den Himmel."
Der Sepp sieht sich noch einmal um, dann nimmt er, halb im Banne der Worte, die der Bub gesagt hat, halb aus alter Gewohnheit die Handes Kindes und macht sich mit ihm auf den Weg dorfaus.
Ringsum ist es still geworden. Oben an der Gasse steht noch ein Dorfbub, der sich anschickt, seinen Schlitten heimzuziehen.
Der Pepp drängt sich an ihn. „Du, der Aetti und ich gehen in den Himmel", raunt er ihm zu. Dann trollen sich die beiden; der Bub aber lacht laut auf und geht seiner Wege.
Es dauert nicht lange, bis das Dorf hinter den zwei Himmelssuchern liegt. Sie schreiten über einen hartgefrorenen Weg talein, der dunkel vor ihnen ausragenden Bergwand zu.
Der Schnee knirscht unter ihren kurzen Schritten, aber der Weg ist hell und leicht zu finden.
Die zwei kleinen dunkeln Gestalten nehmen sich drollig aus in der gewaltigen weißen Talmulde und aus dem schimmernden Weg. Ihre kurzen Beine stampfen eifrig fürbaß, ihre kleine Hast sticht seltsam wider die große Ruhe rings um sie ab.
Ein« Zeitlang sind sie gewandert; da hebt ihr Weg zu leuchten an. Weiße Schalen liegen ihnen zu Füßen, weiße Blitze huschen vor ihnen über den stillen Weg, und die Nacht wird immer heller; es ist, als drängten di« Felsen der Berge hervor, und di« Tannen reckten sich, und die Schneelehnen wollten sich wölben, so nahe und schars und hell ist alles.
Hinter den zwei Himmelsuchern leuchtet hoch und groß der Mond.
„Siehst die Straße da oben, Aetti?" sagt der Pepp. Er sagt es alle Augenblicke und weist nach dem Himmel, fein Blick irrt kaum je vom Ziel ab. Der Alte blickt jedesmal hinaus, er ist jetzt wach und eifrig, der Plan hat ihn völlig eingenommen. Seine Hast ist groß wie die des Buben.
„Kalt ist es", sagt der Pepp einmal, aber er steigt nur fleißiger weiter. Der Weg führt jetzt steil bergan, einem Wald zu. dem Winterbergwald.
„Jetzt sind wir schon da", flüstert der Bub, und sie tun die ersten Schritte den Winterberg hinan mit einem Eifer, als wollten sie in einem Zuge bis zum Gipsel hinausstürmen.
Eine Strecke weit haben sie noch den von Holzern zurechtgestampften Weg unter den Füßen; dann aber hört dieser plötzlich aus, und das Steigen wird mühsam. Der Schnee brcht unter ihrer Last ein, sie klimmen mühsam von Tanne zu Tanne auswärts, und der Atem wird ihnen kurz. Aber der blauschwarze Himmel schimmert durch die verschneiten Baumkronen hernieder, und die sternendurchwobene Straße leuchtet herab und senkt sich gegen den Berg, als liefe sie mit dessen Gipsel zusammen.
„Siehst, siehst!" jubelt der kleine Pepp. Und der Alte stottert ein schläfriges .La, ja". Sein Eifer läßt nach; die Müdigkeit überkommt ihn.
Kurz nachher bleibt der Bub an einer ebenen Stelle am Berg stehen. „Es ist ein wenig weit, Aetti", sagt er halb ängstlich. Da sitzt der Aetti neben ihm im Schnee und nickt.
„Hast recht, absitzen können wir ein wenig", sagt der Pepp und laßt sich neben dem Gefährten nieder; er stößt ein wohliges „Ah" aus und lehnt den Kopf an des Alten Arm. Dann hebt er die Augen wieder gen Himmel, eine hohe Kanne breitet ihre Wipfel über ihn; die dunkeln Aeste hängen unter schwerer Schneelast herab.
,Es sieht aus, als wüchse wunderbar weiße Schafwolle auf dem Baum, denkt der Pepp. Dabei wird auch ihm der Kops schwer und kommt Ins Nicken; aber das Verlangen nach dem Himmel hält ihn noch wach. „Aetti!"
Gr legt die Hand wieder in die des Alten, der wahrhastig die Augen geschlossen hält und schläft. Der Bub lächelt halb über das drollige Gesicht, das der Urgroßvater schneidet; dann reißt er ein wenig mühsam die eignen Lideer auf und blickt in die Tanne hinauf. Auf der weißen Wolle der Aeste brennen leise Feuerlein in wunderbar silbrigem Glanz, sie sind schöner als alle Kerzen, die der Vater daheim in der Kirche anzmidet. Und jetzt - dort — ei, dort reicht die Straße herab zwischen den Feuern hindurch und dem Pepp vor die Füße — die Himmelstraße!
„Aetti," sagt der Pepp. Er redet ganz leise, wie aus einem Traum heraus, und dann wieder und noch verträumter: .Letzt sind wir do. Aetti, kommet jetzt." „ .. • ,
Und der Pepp sieht sich und den Urgroßvater aus der Himmelsstraß« stehen, ganz sicher, ganz fest! Was das für ein herrliches Schreiten ist weich und mühelos! Hei. jetzt staffeln sie beide hinauf — hei, wie fröhlich — Hand in Hand — hinauf und hinauf — und geradewegs in den Himmn hinein... *
Die Stockdorfer suchen zwei Verlorene. Der Sigrist ist wild nach ihnen aus; sein rauhes Weid hält Jammern für nötiger: „Wenn ihnen nur nichts geschehen ist, dem alten Sepp und dem Buben!" Dorfnm und -em find sie nicht zu finden. ,
Ein Dorfbub will sie zuletzt gesehen haben. Der erzählt lachend, w Pepp hätte gesagt, er und der Alte wollten in den Himmel gehen, ja, K* in den Himmel! ,
Die Stockdorfer suchen und suchen; sie finden die Verlorenen nickst.
Sie sollen warten bis in den Sommer und am Winterberg hoiM gehen; dort ist eine Stelle, wo zwei in den Himmel gestiegen sind u» doch noch auf Erden schlafen.
(Aus dem Novellenband „Firnwind"; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.»
Verantwortlich: Dr. Hans Thtzrivt. — Bruck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, Lange, Gieße«.


