Ausgabe 
25.1.1927
 
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Die beiden Fronen fügten sich in ihren Trauerkleidern wohl dem hohen dunkeln Raume an. Da standen sie, die eine in schlichter Seide, die andere in einem modern zugeschnittenen, mit Puffen und Falten ge­schmückten Wollkleid, schlank und zart und klein jene, diese stark, breit in den Schultern, mit einem schönen jungen Gesicht, dessen Farbe reiche Lebensfreude widerspiegelte, obwohl in seinen Zügen jetzt eine heiße Trauer lag. Frau Hedwig hatte ihre starken Hände ineinander gelegt, wie ttm ihre Erregung zu verbergen, und die Frau Säckelmeisterin legte weiße, schlanke Finger auf die hohe Lehne ihres Stuhles, daß es da sich ansah, als trage die Ebenholzlehne einen Schmuck von Elfenbein."

Die Novellenreihe heißtFirnwind" von jenem Alpenjäger, der im frostigen Brausen durchs Bergland die Sinns härtet, falschen Tugendschein obreißt und still und klar aus mancher Menschennähe geht. Er hilft Stephan dem Schmied, aus rachsüchtiger Verstörung. Der hat dem Sohn aus dem Ehebruch der Frau mit dem Bruder, zu dauerndem Sünden- aedächtnis, den Namen Kain gegeben. Sein ganzes Wesen hängt sich sttzließlich an das Mantelkind, und er nimmt sein Herz doch in beide Hände, da der Firnwind ihm die schwere Wolke vom Gemüt gelöst hat, und geht in die Einsamkeit, weil er nur so den von ihm selbst geprägten Makel von dem jungen Menschen nehmen, ihm ein Glück sichern kann.

Immer menschlicher, immer vielfältiger waren Zahns Gestalten ge­worden. Grellheit sank ab, Uebersteigerung ward gemieden, überall Her­kömmliches zu Persönlichem vertieft. Und die Menschen der neuen No­vellen sind, auch bei Verwandtschaft des Problems, unverwechselbar. Die dritte Stufe der Heimatkunst war erstiegen, immer wiederkehrende Herzensverslechtungen wurden mit allgemein menschlicher Gültigkeit dar- gestellt, und das Schweizer Kolorit gab ihnen als ein Nahgefühltes, Tief- besessenes nur wärmeren Hauch. Solch ein Bild von Hodlerfchsr Kraft wie die Hörerschaft desGeigers" in denHelden des Alltags" war Zahn vordem noch nickst gelungen.

Da hockten sie an dem Hang des Winterberges, an den das Dorf sich anlehnte, und boten eine seltsame Gruppe. Still und fast regungslos bockten die meisten; ein Fremder, der unten in der Straße vorbeiging, hätte das schweigsame Volk für aus Stein gehauene Bilder halten können. Der Dorfverwalter, der Bennett, saß da, das nackte Runzelgesicht in beide Hände gelegt, daß der bleiche, hochgewölbte Schädel, um den nur noch ein kurzer Haarkranz lief, leuchtete. Der Camenzind, der alte Führer, saß ein paar Schritte von ihm ab, die Pfeife zwischen den Zähnen, die Helle des Tages voll in dem wetterbrauenen Gesicht. Die Augen hingen chm an den Firnhöhen, wo er seine zweite Heimat hatte. Da kauerte der Pater Lenedikt, der Kapuziner und Seelsorger von Alplen, die festen Arme um die Knie gespannt; sein langer, schöner Bart rieselte in seine braune Kutte hinab und hatte die gleiche sattbraune Farbe, so daß sich schwer unterschied, was Haar und was härenes Kleid war. Weiber saßen dort, strng und alt, schöne und häßliche. Neben ihnen Greise und halb gewachsene «urschen, meist die Pfeife im Mund. Auch ein paar Kinder hatten ihre Plätze zwischen den Erwachsenen. Da und dort lag ein kleiner Barfuß an Lehnengras und staunte in den blauen Himmel hinauf. Die Firne warfen chr scharfes Licht an die grüne Halde, in harten Linien traten die Umrisse der schweren Gestalten der Alplener aus ihr heraus, und die eckigen Schädel der Männer waren wie aus dem Berghang heraus- tzefchnitten . . . Aus der Schar des kauernden Volkes hob sich die Gestalt des Trogerjakob, der aufrecht zwischen den Steinen stand, sein Gewand «ar das feiertägliche der anderen, war dunklgrau und rauh und roh xu- tzefchneidert. Dürr, braun und fest traten die erhobenen Handgelenke aus den durch die eigene Schwere zurllckfallenden Aermeln. Die Geige hielt er fest unters Kinn gespannt, der dünne, braune Bart floß am Holz nieder, und an dem geschnitzten Instrument liegend sah das hagere Gesicht selbst wie scharf und kunstvoll geschnitzt aus . . .Cs wuchs etwas in ihm und wuchs so mächtig, daß er das Großwerden fast an seinem Leib emp­fand . . Di« von Alplen hockten um ihn herum und lauschten."

Dialekt blieb Zahns Sprachgewande fern; wo einmal die Landes­mundart austaucht, wirkt sie als nicht völlig am Ort. Der Vortrag dieser gehaltenen Novellen erforderte das auch von Keller angewandte, klassischer Horm zustrebende hohe Deutsch. Nie in den Jahren steigender Kraft wird es bei Zahn verschliffen, gar abgegriffen, er machte es sich nicht bequem und hinterließ doch in dem Leser niemals den Eindruck krampfhafter Worchascherei. Wie di« Gestalten, so fügte sich ihr Ausdruck sicher und ohne Uebertreibung zum Ganzen. Die auf solchem Wege unendlich be­reicherte Sprachgewalt, die verfeinerte Fähigkeit der Menschenergrün­dung, die nach Umkreis und Erkenntnis geweitete Schau ins Land der Väter und eigener Arbeit mochte nun auch im weiten Aufriß des Romans ihre Früchte tragen.

Wie Sepp und Pepp den Himmel finden.

Von Ernst Zahn.

Der Pepp ist noch, der Sepp ist bald wieder ein Kind; der Pepp hat die ersten, der Sepp wohl die letzten Hosen an. Dieser ist der älteste in der Sigristenbehausung, jener der jüngste; zwischen ihnen stehen der Josef und der" Josi.

Der Sepp ist der Urgroßvater, der Joseph der Großvater, der Jost der Vater und der Pepp der Bub. Vom ältesten und vom jüngsten dieser vier ist es kaum zu glauben, daß sie noch am Leben sind; denn der Sepp ist ein überzeitiger, an Geist und Körper verschrumpfter Mann, und der Pepp, der mit großen blauen Augen aus einem undenklich schmalen und farblosen Gesicht sieht, scheint an einem so dünnen Lebenssädlein zu hängen, daß sein« Mutter, die eine rauhe Frau ist, zu dem und jenem äußert:Heut oder morgen, drauf geht er doch, der Bub!"

Am Ende aber leben sie noch immer, der Achtzig- und der Fünfjährige, vnd die Dörfler haben lernen müssen, den Namen Joseph, der viermal in ber Sigristenfamilie sich findet, auf vier Arten abzuändern. Der Alte und der Bub haben «in schweres Leben, aber sie empfinden seine Schwere kaum, denn wie ihr« Zähne sich an steinhartes, trockenes Brot gewöhnt haben, kauen und schlucken sie die zähen Widerwärtigkeiten ihres Lebens

Der Akte ist in der Hütt« seines Enkels, des Sigristen, jedem im Weg. Sein Sohn, der hochgewachsene, noch kräftige Mann, stößt ihn; der Lost, der Sigrist, stößt ihn, und dessen Frau teilt ihm erst recht ihre groben Püffe aus.

So stiehlt er sich stets, wenn das Wetter »licht allzu ungastlich ist, am frühen Morgen ins Freie und schleicht sich nur zu den Mahlzeiten scheu an den Tisch und des Nachts aus seinen mit faulem Stroh gefüllten Bett­sack unter dem Hüttendach.

Pepp, der Bub, holt dagegen sich seine Püffe draußen in der Gasse. Er ist zu unscheinbar und klein, um daheim im Wege zu fein; die starken, langen Menschen stolpern wohl einmal über ihn oder schieben ihn mit einem schweren Schuh beiseite, aber zuleide tun sie ihm nicht viel. Dafür hat er in der Gasse unter den Dorfkindern jein Kreuz. Er ist ein Kind wie ein anderes, will dabei sein, wenn die andern spielen, und läuft hinten nach, wenn etwas zu sehen ist. Die Stockdorser Kinder aber haben eine hämische Freude daran, das schmale, unbaurisch feine Gesicht zucken, die bleichen Lippen sich zum Weinen teilen zu sehen und den schmerzlichen Ton zu hören, der so sonderbar aus der kleinen Brust heraufspringt.

Der Pepp hat ein seltsames Weinen, es ist nur ein kurzer Aufschrei: einen Augenblick glitzert es in seinen Augen von Tränen, aber sie ver­schwinden und sinken scheinbar nach innen zurück, sobald der Schrei ver­stummt und zuckend und arbeitend die Züge zu ihrer Ruhe zurückkehren. Dieses Weinen zu wecken, kneift, zerrt, stößt, schlägt der Stockdorser Nach­wuchs an dem Pepp herum, so daß selbst seine Mutter manchmal aus der Hütte gefahren kommt, mit ihrer Mannesfaust nach ihm langt und ihn mit den ärgerlichen Worten ins Haus schiebt:Bleib doch drin, dummer Bub, wenn sie dir nicht Ruhe lasten."

Häufiger aber nimmt sich der Urgroßvater seiner an. In dessen schläfrig geworbenem Geist hat der Zorn noch Platz über die Quälereien, mit denen di« Kinder dem kleinen Pepp das Leben sauer machen; aber es ist ein kleiner, kindischer Zorn, des Alten Wesen hat alle Männlichkeü verloren. Der Sepp fährt plötzlich mit einem quickenden Schrei mitten unter die Dorfjugend, schließt die Augen, die wie zwei eintrocknende Teich­lein in seinem Kopf stehen, und hebt an, mit den dürren Armen und knochigen Händen blindlings um sich zu schlagen.

Die Kinder hüten sich, in den Bereich seiner Hiebe zu kommen; in einem Kreis ihn umstehend, lassen sie einen Regen spottender Worte und Gelächters über den Alten ergehen, und so ist es mehr sein lächerliches Aussehen als seine Tapferkeit, das den Sepp eine Weil« vor seinen Kameraden rettet. Wenn der Sepp ausgetobt hat, pflegt er, fast schwindlig geworden, die Augen aufzutun, packt dann des Urenkels Hand in die feine und läuft mit ihm hinweg. Dieses Forttaufen bringt, wenn die spott­süchtige Jugend sie nicht verfolgt, die zwei ungleichen Menschen zumeist aus dem Dorf hinaus, und sie streifen ziellos und planlos irgendwohin. Ihr Gehen ist mehr ein Dahindämmern; der Kleine schaut den Himmel, der Alte den Boden an, der Sepp summt, rasch zufrieden geworden, leis« vor sich hin, der Alte schwankt fürbaß in seinem lässigen Gang und laßt den Kopf gleich einer Pagode hin und her pendeln.

So können sie miteinander zufrieden und ins Blaue hineinwandern, dis sie sich ebenso aufs Geratewohl irgendwo niederlassen, um auszu­ruhen. Und wiederum aufs Geratewohl bleiben sie mit ihren himmelan und zu Boden staunenden Blicken sitzen, bis ihr Magen, ihre Uhr, sie mahnt. Wenn der Hunger sie treibt, suchen sie den Heimweg wieder. Der kleine Pepp hat auf diesen Wanderungen nach und nach, weil seine Augen aus einer kindischen Gewohnheit heraus immer den Himmel suchen, eine neugierige Liebe für die große, unbekannte Welt, di« sich blau ober grau über ihm wölbt, bekommen.

Sein Blick ist für alle möglichen Erscheinungen am Himmelsgewölbe scharf geworden, und er legt sich ihre Ursachen und Wirkungen nach seiner Weise zurecht. So fährt er manchmal jäh mit dem kleinen Arm zur Höhe: Siehst, Aekki" er gibt dem Urgroßvater den volksgewohnten 13ater« namenstehst di« Wolke dort, dort fährt der Herrgott fpazieren." Dann staunt er andächtig einer weißen, gleitenden Wolke nach, die für ihn der Wagen ist, in dem der prächtige Himmelsoater hoch über feinem Reich, der Erd«, auf diese herabblickend, vorüberfährt.

Besonders gern hat der Pepp die Sterne. Er sitzt oft bis in alle Nacht hinein auf der schmalen Holzbank am Haus und staunt die slirrenden Himmelslichter an, und der ©epp leistet ihm Gesellschaft.

Jetzt ist wieder eins angezündet," zählt der Bud,und jetzt wieder eins" und er sieht mit seinem inneren Auge kleine Engel zwischen den Sternen gehen und Immer neue anzünden. Eine Frage, die der Pepp häufig an den Alten an seiner Seite richtet und die ihn viel beschäftigt, ist, ob der Aetti und er selbst auch Engel würden. Der Sepp ist die Frag« aus klaren Tagen noch gewöhnt, nickt und lacht dazu.

Aber sterben muß man zuerst," pflegt der Bub dann jeweilen nach­denklich halb zu sich selbst, halb zu dem Alten zu flüstern; und das Sterben macht ihm Bedenken, es will ihm roeber als etwas Fröhliches noch etwas Herbeizuwünschendes erscheinen.

Es ist Winter im Dorf; der Winter ist eine harte Zeit für die Berg­bauern! Was wissen die Talleute davon? Die Wettergewalten springen mit dem Bergvolk anders um als mit den handschuhtragenden Tal­menschen, im Tal wirft der Wind zum schlimmsten ein Kamin um, wirbelt der Schnee sein säuberlich um pelzvermummte Gestalten und stieben La- winchen von den Dächern, die keinen Vogel begrüben; im Tal trägt das Wetter selbst Handschuh«. Im Gebirg rast der Sturm gleich einem ent­fesselten Riesen, reißt die hundertjährigen Tannen von den Felsen und rüttelt an den ewigen Burgen Gottes, den Felswänden. Und der Schnee fällt tage- und tagelang und deckt di« Hütten ein, als wäre alles Leben­dige zu begraben. Die Lawinen sind die Raubtiere des Gebirgs; kein Jahr vergeht, daß sie nicht Lücken in die dünnen Menschenreihen rissen.

Dennoch ertragen sie im Gebirg den harten Winter leicht; denn di« Menschen sind selbst hart, und ihr Frost muh rauh sein, daß es sie friert. Aber der Winter nimmt allen Verdienst weg, olle Arbeit muh ruhen; das schmale Geld ist bald aufgezehrt, und der Hunger macht mürrisch.

Di« Armen von Stockdors schneiden trübe Gesichter; denn der Winter hat schon zu lange gedauert, Kasten und Truhen sind leer. In der