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Im Gebirg der Bauer spricht: Nicht dort, Wo im Frühherbst schon das Gras verdorrt, An die Lehne düster, kahl und falb, Baue, Freund, dein Haus, nicht schattenhalb! Wie des Vergtals felsumzäunie Wb Hat das Leben selbst sein „Schattenhalb"; Dock, so vielen vor der düstern graut. An der Halde hat ein Volk gebaut!
An der Halde, wo der Schatten „Not" Und der Winter „Mühe" ewig droht, Wo das Kraut „Entsagen" spricht heraus. An der Halde ist ein Volk zu Haus!
In der ebengenannten Novelle selbst bricht freilich die Technik romanhaften Nebeneinanders immer noch einmal durch. Auch ist die TenÄ^aeaen eine starre, da. Menschliche im Menschen verständnislos aburteilende Frömmigkeit zu stark. In der nächsten Erzählung,
'^abn bereits mit bewußt-er Krast vie IN auen U)ori- Schichten und auch bei ihm immer.wiederkehrende Liebesverstrickung zwischen Menschen ungleichen Standes um den Mittelpunkt des geheimnisvoll alles in seine grundlose Tiefe hinemsaugenden Jochsees zusammen Jedoch erst in der Sammlung ,„Scha!tenhalb (1904) erreicht tznhn Ausgeglichenheit und Reife. Und das rechte Maß offenbart sich ihm Un Fortschritt von der Novelle zum Nov-llenkrerse, auf den Wegen, die Pn.ul Hey e, Wilhelm Raabe, Ferdinand von Saar,. Rudolf Lindau vorbildlich gegangen waren. Die drei Novellen bindet eine Widmung an Bruder Max Zahn.
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Der Schatten, unter dem der Lentin der zweiten Novelle leben mutz, ist eine nur ihm einbekarmte Schuld des sterbenden Vaters gegen das Nachbarhaus. Er dient sie ab. Er trägt körperliche und seelische Mißhand- lung, und der durch gemeinen Uebersall der Nachbarssöhne Verkrüppelte gäbet neben einem reinen Weibe den wirklichen Frieden — der des aters war ja nur ein Scheinfriede. Wieder ist hier alles auch um ein äußeres Leitmotiv gruppiert, den schwankenden Hängesteg, der sich wie «in menschliches Wesen unter jedem Schritt windet und die Einsamkeit der Hausung von der Umwelt abschlieht.
Und in der dritten Erzählung, dem „Muttergöttesli", verläuft alles am stillsten. Das vom Vater mißhandelt und aus dem Hause gestoßene junge Weib erobert seinen Frieden auf der Paßhöhe vor dem scheinbar toten, einsamen Leuchten des Hochgebirges. Sie hat eine heiße Liebe niederzwingen müssen, sie wird vielleicht ein stilles Glück ernten, aber vor allem: sie hat, schattenhalb gewachsen, jetzt die selige Ruhe der be- Alänzten Firmen zum Eigentum.
Der Zahn mit seiner Violanta aufgestiegene neue Frauentyp hat ihn unausgesetzt weiter beschäftigt, wie er denn einmal ergriffene Menschenart auch sonst nicht fallen ließ, sondern immer neu umwarb. Jenes Wort vom Meistersein über sich selber blieb die Axe neuer Schöpfungen, und wer wollte verkennen, wie sehr solche Problematik im schweizerischen Wesen ihre tiefere Gründung hat. Es ist das innere Gebot echter Demokratie, die. selbstverantwortlich, auf Erden nur sich über sich weiß. Jeremias Gotthelf hatte in seinen Uli-Romanen die gleiche Bahn gewiesen, Pestalozzi in Lienhard und Gertrud solches Evangelium gekündet, bis in Schillers Tell war diese schweizerische Meisterbürgerlichkeit zum Ausdruck gekommen; Gottfrid Keller aber hatte in seiner Frau Rege! Amrain, wie sie das ganze Sekdwyler Wesen überragt und überhöht, ein Meisterweib geschaffen, das sich selbst, den Sohn, das Haus, ohne Härte,
nur durch die gewisse Kraft selbstüberwindenden Vorbildes, befehllos lenkt. Wie diese Frauengestalt aus der deutschen Dichtung und dem chweizerischen Wesen nicht wegzudenken ist, so fühlen wir von jetzt ab und in ihrem Zeichen die Verwandtschaft mit und den Zug zu dem alten Züricher Meister auch bei Ernst Zahn. Und er stellt die erste große Fauengestalt seit der Violanta, die Verena Stadler der „Helden des Alltags" (1906), nun mitten in die Stadt Zürich, er kehrt aus der zweiten engeren Heimat in die erste, vom bäuerlichen auf kleinbäuerlichen Boden zurück. Diese, den neuen Kreis einleitende Novelle ist die schlichteste aller Schöpfungen des bisherigen Zeitraums. Keine große Leidenschaft gelangt zum Wort; keine durch grellen Laut einprägsamen Szenen begeben sich. Es ist, als ob die Rücksicht auf die engwohnende Nachbarschaft der belebten Stadt, auf die nahegerückten Mieter des Hauses und auf die Kundschaft im Bäckerladen jede Aussprache dämpfte. Alle Instrumente, die m der freien Natur, in der abgelegenen Hütte beliebig laut spielen durften, » werden nur con sordino gerührt. Aber was für ein unvergeßlicher Mensch erwächst in dieser Verena, wie sie, jung verwaist, als spätes Mädchen, halb aus Pflicht, halb aus Mitleid und doch mit einem Rest nie ausgegluhter Liebe, in die Ehe mit dem Witwer, dem einstigen Bräutigam, tritt! Hier vor allem gilt von Zahns Erzählerart: die Dinge fügen sich unabwendbar. . Es gibt kaum eine Ueberraschung, aber wir folgen im Bewußtsein sicherer Führung. Das Kunstmittel der Symbolisierung durch das Leitmotiv verwendet er nun ganz sicher und in doppelter Spiegelung. T^r Züricher See und die Züricher Stadt sind der Schauplatz. Aber der gewählte Stil straff- umgrenzter Novelle gestattet nicht die volle Hinmalung der fühlbar geliebten Welt. Eins jedoch kehrt immer wieder: das Monument des ge- waltigen, aufs Schwert gestützten Reformators vor der Kichr, Blickpunkt, Mutbrunnen, Vorbild, Gruß aus von Vorfahren miterlebter harter »it; es ist dieselbe Technik, die in des Freundes Rotenberg Berliner Roman , Die Grandidiers" das Erzbild des Großen Kurfürsten zum Angelpunkt machte. Dem großen, toten Vorgänger aber stellt Zahn — und das ist einer der feinsten Züge der Dichtung — den lebendigen Nachfolger, den Antistes der Kirche gegenüber. Das Denkmal Zwinglis ist Verena em stummberedter Spiegel, der nur Reines und Redliches wiedergibt; tn den Augen des greisen Pfarrherrn liest die wieder einsam gewordene Be- treuerin des Stiefkindes, die kinderlose Mutter, etwas, das ,hr Her,
Diese Verse deuten auf den gemeinsamen Jnnenklong der drei vellen vor. Das alles Ringen von zehn Schaffensjahren krönende Messter- stück ist die erste, „Der Schatten". Die Violanta, die Heldin des Stuckes, ; wird zu einem großen, adligen Weibe, „wie in Bünden , und wird es, obwohl und weil sie schattenhalb geboren ist und eigene Schuld den 6dMtten vertieft. Diese Schuld der Tochter eines sittlich aussätzigen Hauses wird, gewissermaßen im Halbschlaf (dämmerhalb, um in Zahns Stil zu bleiben) geknüpft; erst in dem Augenblick, ba ihr nach rascher Hingabe an den bedenkenlosen Frauenjäger das Geschehene bewußt wird, löst es sich gleich dem Pressen eines Ringes vom eingenommenen Kopf Nach diesem Erwachen verlieren wir Violanta keine kürzeste Zeit wieder aus den Augen — auch das ein echtes Zeichen echter Novelle. Sie wächst, den bis dahin schlummernden Keim alles Großen tn sich entfaltend, zu dem, was sie werden soll, empor. Der Schatten ist an den fernen Horizont verschwommen; erst als sie lange das Weib des Bruders enes Schuftes ist, rückt er langsam in ihr Gesichtsfeld. Nicht sich.zu retten, sondern dem Manne in von dem Lumpen freien Leben das reine Bild her reingewordenen Frau, den Kindern das der Mutter zu wahren, vernichtet sie den innerlichst unsauberen Dränger, stößt ihn auf einsamem Klimmpfad vom Grat. Unverstört, wegessicher, um der Ihren willen iede Spur eines Selbstmordes tilgend, geht die große Frau in den Tod, und der Mann „weiß nicht einmal, wie groß sie gewesen ist". .
Wie die Eröffnung eines Tores wirkt es, wenn Violanta tm unerwarteten Beginn ganz neuen Lebens aus der bisher vertrauten Zackenwelt des Hochgebirges herniederfährt. „So fahren sie durch Schatten- halb, auf das der gewaltige Rotfirn niederleuchtet, fahren in die finitere Schöllenenschlucht hinein, wo die Straße sich wie scheu an den Felswänden hindrückt, fahren hinauf und hinauf, durch ein ganz nachtschwarzes Felsentor zuletzt, und fahren auf einmal auf einem talebenen Weg in ein weites, flaches, grünes Land hinein, um das herum, wie riesige Hänge die Alpweide schützend, grüne, baumlose Hügel stehen. Hinter den Hügeln ragen die Felsen neuer Gebirgsstöcke auf, um) ein ganzer Kranz in der Sonne flammender Gletscher ist über den höchsten Saum der das Bergtal grenzenden Gottesmauern gelegt.
Der Hofer sieht Violanta an und lacht: „Gelt, da bist noch nie gewesen?" sogt er. Was er nicht beifügt, klingt aus seiner Stimm« Gelt, da oben ist'» aber schön?
Das Mädchen tut einen tiefen Atemzug, der m einem stockenden Seufzer endet, „Jesus!" sagt sie; vor Staunen hat sie kein anderes
PMte raubte nicht, worin es lag: der Gruß des Antistes, der schweigend ^©ifclntoTba? Seine hin, das helbl nicht dos, was dem eigenen Frommen dient, sondern was das innere Gesetz veJ.la3^~J“ra” ■ deren und für die Reinheit der eigenen Seele: das ist Heldentum des All tags für alle diese Menschen, für das mutterlos gewordene Lent der Lammwirtin, wie vordem für das Muttergöttesli.
St Felix hat Zahn sein Zürich genannt, als ferne Kunst auf diesen Boden wUerkehrte. In der „Verena Stadler" war nurjener knappe Ausschnitt der Stadt sichtbar geworden; in der ersten Erzählung des Bandes „Firnwind" (1906) „Keine Brücke machte er sich ganz m Zurich Na beim Verena stammte noch vom Dorf am Seeufer und fand den Weg ins Kleinbürgertum — die Menschen dieser Novelle sind Stadter, Burger aus Iwei Sphärem und ein mehrfach behandelter Stoffs die Verbindung würben Menschen aus verschiedener Höhenlage, wird nun ganz ms Städtische, auf Kinder zweier sich sonst gesellschaftlich nicht schneidender ^^Der" Pfarrer Ludwig Heß, der Sohn einer Patrizerfanülie, hat die lcköne Tockter eines Weinhändlers geheiratet, die er am Krankenlager ihres Vaters kennenlernte. Er aber ist so S°nz mit allen Neroen ein SohA der alten Kultur, daß ihn immer wieder vieles tn Art und Umkreis oer Frau und der Ihren empfindlich berührt. Es ist ungemein fern, wie diese Gegensätzlichkeit sich als ein unablösbares (Element ben heferen Herzenskämpfen der beiden verbindet, darin sich die ,zarte Krafi des TOinnl illteklid) verzehrt. In dem kleinen und großen Kon-
klikt hanMt die Frau ganz aus ihrer Natur und lleberlieferung Kus, oKe eigentlich böse Absicht; sie kann nicht anders, als den mirflich beißoeliebten Mann immer aufs neue verletzen, immer wieder Taten" tun, die eine sich eben erbauende Brücke zwischen beiden schon bei den ersten Pfeilern meberreißen. Er erlischt, der leist verstörte seinnervige Organismus vermag den Einbruch einer Krankh nicht abzuwehren. Und sie bleibt leben, ohne Ahnung, daß noch ganz zuletzt eine stumm getragene und nie bekannte Liebe mit dem Hauch eines sch nicht mehr irdischen Friedens in das Herz des Kranken EgezogenistUnd mit echtem, knappem, menschlichem Ton werden auch nach dem Tode e Pfarrers zu St.Felir die Konflikte nicht verwischt, sondern, was der Schweigsame nie aussprach, darf seine Mutter, da sie von der erreg __ Mtwe gefragt wird, leise anbeuten, ohne volles Verständnis zu finden 65 ßjn* d/r^Gesthichte vom Schatten aus „Schattenhalb" mochten ror mit _ Zahn noch darüber rechten, ob Voliantas Freitod dem ganzen Aufba ihres Charakters gemäß unumgänglich war; mir hatten ihr dw Kraft zum Weiterleben und Ueberwinden nach der Ausmerzung des Widrigen, wie Pest um sich Fressenden zugetraut. Vor dieser Meisternovelle „Kem« , Brücke" schwindet jede FragemögUchkeit. So und nicht anders müssen ! die Dinge verlaufen. Der Tod kömmt nicht auf eigenen Ruf und nicht a» Gott aus der Maschine; es ist vielmehr mit behutsamer Fügung dar gestellt, wie des Pfarrers feinsträhnige Natur Körper und Seele zu einem verbunden trögt: jede Schwingung der Seele findet sofort in dem zar Bau des Leibes den empfindlich reagierenden Punkt. Und die von Der Fran nicht verstandene Musikbegabung dessen, der „Musik hat in GM selbst", verstärkt, mit bewußter Führung, leitmottmsch, den Eindruck diele seetenhasten Gestalt. Haus und Gerät, patrjzisch, ohne Prunk bei dm H-y, modisch und ohne Geschmack bei den Reimann, spielen mit, und beim B unterstreicht Zahn mit hoher Gerechtigkeit die guten und echten BW®, schäften der Gegenseite. Noch einmal: es gibt keine Brücke. Wie «in bild dafür heißt es bei dem letzten Zusammensein von Schwiegermuu und Schwiegertochter


