Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 192Z 24. Dezember Nummer M
Weihnacht.
Von Siegfried von Vegesack.
Verwundert stehen Esel und Rind: In ihrer Krippe liegt ein Kind Nackend im Stroh, nackend im Stroh. Drei Könige aus dem Morgenland Und Hirten kommen hergerannt Und sind so froh, und sind so froh.
Anbetend fallen sie ins Knie: „Gebenedeit seist du, Marie, Gebenedeit! Gebenedeit!"
Die junge'Mutter lächelt schwer:
Sie ahnt, — weiß selber nicht, woher, — Ein bitter Leid, ein bitter Leid.
Weihnachten der Unruhe.
Van Pfarrer Kornmann, Frankfurt a.M.
„Viellausendfach ist Menschennot, — so einfach: „Liebt euch!" das Gebot; keine Not so groß, kein Leid so schwer, daß Menschenliebe nicht mächtiger wär'."
Gewiß: seine Verse von Ernst von Wildeiibruch, — und ganz gewiß stimmst du, lieber Leser, dem ersten zu: daß heute die Menscheimot ocel- tausenidfach ist. Es war einmal, so fängt das Märchechn an ... Cs war einmal in Deutschland'eine Zeit, wo viele von uns etwas wußten von dem ergreifenden Zauber einer „gemütvollen, häuslichen Weihnachtsfeier". Es scheint, die Zeit ist lange vorüber ... Was manchen so romantisch umfing, ist zerstört; die schönen Schleier, di« Weihnachten umwoben, sind jäh zerrissen. (Eine herbe, harte Zeit hat uns vieles zerschlagen, — und wir selbst sind vielleicht wahrhaftiger geworden. Aufrichtiger. Wir sehen jetzt wohl deutlicher, — sehen nicht nur all das Freudige und Schöne, das Obenauf und das Außen, sondern ganz stark nun auch das Dahinter und das Verborgene, das schwere und das Trübe, das Dunkle und das Lastende. Auch an Weihnachten. Gerade auch an Weihnachten.
Ungeheure Nöte umdrängen unser Volt heute. Unser Volk: ivenn nicht uns selbst, dann unsere Schwestern und Brüder. Die, die uns durch Geschichte und Blut besonders verbunden sind. Geh' mit mir hinein in eine „Herberge zur Heimat": wohlig warm drinnen, draußen diese Kälte des Winters, Drückend« Luft. Drückend besofnders durch die Gesichter, die sich zu dir kehren: wohl Typen von der Landstraße, — Menschen, denen dies unstete Dasein nicht Not mehr und sicrchtbares Geschick, sondern längst Bedürfnis und Lebensinhalt geworden ist. Alle die andern dann auch, die, einmal entwurzelt, mit dem Mut der Verzweiflung versuchten, wieder irgendwo, um jeden Preis, Fuß zu fassen, — di« dann, nach einem Jmmer-wieder-vergeblich-Anklopsen, Wut und Halt verloren und nun dahintreiben, wahrscheinlich dem Nichts entgegen. Ohne Hoffnung ... Und dann Gesichter, die du hier nicht vermutet hattest: von Menschen, die ganz andere Tage gesehen haben, — die nun von Stadt zu Stadt ziehen, mit einer an's Unglaubliche grenzenden Zähigkeit, auf der Suche nach irgend einer Beschäftigung: lohnend im eigentlichen Sinn brauchte sie nicht einmal zu sein, nur, daß man sich eben über Wasser halten fönte, und diesem Vegetieren entrinnen ...
Wir feiern daheim unser Weihnachten! Darfst du, Glücklicher, einen Lichterbaum haben? Könnt ihr euch beschenken? Könnt ihr froh miteinander sein? — Weißt du, daß däs in dieser Zeit nicht eigenes Verdienst, sondern Gnad« und Geschenk des Himmels ist?!
Geh' weiter mit mir, lieber Leser: nun siehst du so manchen verarmten Intellektuellen mit seiner Familie. Einst in glänzender Stellung, mittlerer aktiver Offizier vielleicht oder Regisseur eines der Theater in abgetretenen Gebieten: heute, nach vielfachen Versuchen, als Reisender zu fungieren, wo man vielleicht zehmnal einen Auftrag erhält, fünfhundertmal — und das ist sicher noch zu günstig gesehen — di« Türe mehr oder minder höflich vor der Nase zugemacht bekommt oder ohne Auftrag bleibt, schließliä), da alle ernsteren Bestrebungen erfolglos blieben, verarmt, in elementarster Not, oft nicht das Brot über Nacht im Haus ... Und dann alle die Alten, Alleinstehenden, — einst mit einem recht schönen Sparkassenguthaben, — heute kärglich das Leben fristend, weil sie ihre Not andern nicht zeigen wollen, wett sie andere nicht sehen lassen wolle», roie sie leiden ...
Und wir feiern Weihnachten! Ein Weihnachten mit Lichterbaum, Ge- ichenken, Freude, — „fast wieder friedensmäßig"!
Geh' weiter mit mir, lieber Leser, nun einmal zu einer Schar oox Arbeitslosen; da fallen uns solche auf, die, etwa Kaufleute gewesen, zu jeder Arbeit bereit sind: nicht mehr darauf sehen, Beschäftigung in ihrer Branche zu erhalten, sondern eben einfach Arbeit. Nur äarl Aber eben doch wieder einen Lebensinhalt! Nur nicht dies Jnnner-Her- umsteheir-müsfen, — dies Ueberall-im-Wege-sein, dies Gefühl: du bist überflüssig, du hast halt keinen Platz im Getriebe des Arbeitslebens, be bist auch zu alt, bist eben neben drauß und kommst nicht mehr hinein! Seit Monaten geht das so, — seit Jahren vielleicht, und keine Aussicht, daß es bald, daß es überhaup t einmal wieder anders wird! Ausgeschlossen bist du, ausgestohen geradezu, — was soll aus bk werden? Ist bald alles Besser« in dir tat?! Me stark ist noch dein Wllle zum Leben?
Unb wir feiern Weihnachten: mit Lichterbaum, Geschenken, Freud« ...
Geh' noch ein kleines Stückchen mit mir, lieber Leser; wir treten in* Jugenügefängnis. Ich meine: wenn Licht von der Weihnacht her irgendwohin fallen soll, bann doch gewiß auch hierher! Siehst du ihn da, den einst so straffen, frischen Jungen, der freilich „ein bißchen leicht war, wie man ja wohl so sagt, und der darum, — Schluß einer laugen Kette —, schließlich hier „geämdet" ist? Wie war's im letzten Fruchahr -hm schon so merkwürdig, als draußen, in den Bäumen, Me »mn, weil das Fenster so hoch liegt, nicht erblicken tonn, Vogelsang wiederklang; und jetzt, — jetzt fällte in seine Seele hinein, — denn wer könnte die in sich ganz totschlagen, — das Zauberwort: Weihnachten! Wird für ihn alles sich darin erschöpfen, daß, wenn di« geweihte Nacht wieder Wirklichkeit wird, wie so oft der junge Pfarrer in fein« Zelle tritt, mit ihm ein Lied singt, betet und dann sich brüderiich ausfpridyt?! — Ich weiß um eine Mutter, di« trug in sich etwas von jenem tieferen öinn der Weihnacht; sie fand Mittel und Weg zum verirrten, einzige« Kind fern in der Fremdenlegion, — und zum heiligen Abend hielt es in beb «den Händen ein kleines Päckchen aus Deutschland, bergend: ein paar in der TroMnhitze vertrocknete Tannenzweige und ein paar Kerzen. Sonst nichts! Und eben doch: alles ! Die Sprache verstand der Sohn. — die Sprache der Weihnacht!
Wieder feiern wir Weihnacht. Wir wollen sie feiern mit Lichter- bäum, Geschenken, Freude. In all der ungeheuren Not heute aber fei'» doch bei uns: eine Weihnacht der Unruhe. Der Unruhe über all der xa geringen Liebe in dieser Welt, — der Unruhe darüber, daß wir f» Glieder dieser Wett der zu geringen Liebe sind, oft ohne uns viel Gedanken darüber zu machen. Der Unruhe über unser vielleicht recht ungeklärtes Verhältnis zu der lebendigen Wirklichkeit, die mit Weihnachten in unser Lebe» einbrechen möchte ...
Zwei inhaltsschwere Wort« nur nenn’ ich, di« diese Wirklichkeit: Weihnachten, kennzeichnen; Frieden und Liebe. ,
Friede auf Erden! Friede! Sange haben mir uns bei diesem Wort nichts Rechtes gedacht; wir nahmen den Friede» jeden Morgen neu, ohne uns feines Wortes recht beroußt zu fein, und stumpften schließlich geradezu ab, weil er uns zu selbstverständlich war. In schwerster Zeit ward uns dann bewußter, was „Frieden" ist; und heute? — Aber ich meine nun nicht so sehr solchen Frieden; ich meine den von Mensch zu Mensch, — den in der Familie, im Volk, zwischen den einzelne« Schichten und Klassen, — und auch da nicht einen faulen Frieden, der Schwierigkeiten vertuscht und wirklich ernste Heummiss« verkleinert und gefahrdrohende Abgründe verkleistert, sondern einen Frieden, der au» tiefer Einsicht in die Wirklichkeit kommt, wie .sie ist, — der aber nicht Halt macht bei dem Gegebenen und Tatsächlichen, sondern kühn in Neuland sich vorwagt, alles auf die eine Karte der Hoffnung setzt und den erste n Schr itt tut. Denn gerade daran sehlt's heute so sehr: an dieser wahren Friedensbereitschaft und Friedfertigkeit, die, statt zu warten, bis der andere kommt und Nachgeben zeigt, dem andern entgegengeht und zuoorzukommen sucht in einem heiligen Eifer, bet' aus der Einsicht in jene andere Welt, jene Welt der Wirklichkeit kommt, di« hinter und über all unserem Leben steht: jene Wett des Friedens und der Siebe ... In ihr leben, das heißt: sich Hinausheden lassen Über «in Scheinleben, über ein Leben der UnMifrichtigkekit im engsten Kreis, — über das Jn's-Gesicht-ganz-anders-fein als „hinten herum", — über da» Leben der Inhaltslosigkeit und tiefsten Undefriedigung, roie ein Adler, der die Schwingen reckt. —
Und nun treten wir vor das eigentliche Tor, durch das eine gesegnet« Weihnacht sich finden läßt: das Tor der Liebe.
Fragst du mich, was Weihnachten von uns fordert, dann will ich erwidern: ein Nicht-Stehen bleiben im Gefühl, in der „Stimmung", — «s fordert von uns Kraft und Tat! Kraft, ine das Angesicht der Welt wandett, ward hier sichtbar: Kraft, die bas Verhältnis von Mensch zu Mensch wandelt, fordert elementar Einlaß bei dir! Tritt in den Bannkreis dieser Kraft! Ringe dich durch, raffe dich auf zur Tat, — im Sicht der Weihnachtskerzen endlich: werde wahrhaftig! Tire di«


