krst wird es für reif und würdig erachtet, allgemein in den Arzneischatz ausgenommen zu werden. j
Damit setzt wiederum die Tätigkeit des Chemikers ein, denn nun gilt es, das Mittel, das bis dahin nur in gläsernen Kölbchen in kleinen Ber- suchsmengen im Laboratorium gewonnen wurde, der Grohherstellung zu- zusützren, was wiederum in den meisten Fällen allerlei Schwierigkeiten mit sich bringt.
Die kurze Schilderung des Werdeganges eines aus streng wissenschaftlichen Grundsätzen ausgebauten Arzneimittels zeigt hinreichend den Unterschied zwischen solchen Erzeugnissen, die dadurch entstehen, daß man längst bekannte Stoffe in neue Mischungen bringt, in neue Behälter füllt und mit neuen Namen verficht, und andererseits solchen Heilmitteln, die zumeist jahrelanger, planmäßiger und folgerichtiger Forscherarbeit im Laboratorium und am Krankenbett ihre Entstehung verdanken.
Und plötzlich erhebt sie sich schaudernd, blickt schnell um sich und keucht Maria ... ich komme!"
Die Insel der Stimmen.
Erzählung von Robert Louis Stevenson.
(Fortsetzung.)
Bald darauf sah er Lehua weinen und bekam halb und halb Luft, ihr zu fugen, daß alles in Ordnung wäre. i
„Aber nein," dachte er, „ich werde warten, bis ich ihr die Konzertina ! zeigen kann; mir werden ja sehen, was der Naseweis dann tun wird. Vielleicht wird sie in Zukunft begreifen, daß ihr Gatte ein Mann von einiger Klugheit ist."
Sowie es dunkel geworden war, machten Vater und Schwiegersohn Pitis Boot flott und hißten die Segel. Die See ging hoch, und es blies stark von Lee; aber das Boot war schnell und leicht und trocken und schoß i über die Wogen. Der Zauberer hatte eine Laterne, die er anzündete und - mit seinem Finger am Ringe festhielt und die beiden saßen am Heck und \ rauchten Zigarren, von denen Kalamake stets einen Vorrat mit sich führte, i und sie sprachen wie Freunde von Magie und von den großen Summen Geldes, die sie durch deren Ausübung verdienen könnten, und was sie ziierst kaufen wollten, und was an zweiter Stelle; und Kalamake redete wie ein Vater.
Nach einer Weile blickte er rings um sich und zu den Sternen aus und zurück nach der Insel, die bereits zu drei Viertel im Meere versunken mar, und er schien ihre Lage eingehend zu erwägen
„Schau!" sagte er. „da liegt schon Moiokai weit hinter uns, und da Maui, einer Wolke gleich; und aus der Stellung dieser Sterne erkenne ich, baß ich bin, wo ich sein wollte. Dieser^ Teil des Meeres wird das Meer der Toten genannt. Er ist an dieser Stelle außerordentlich tief, und der Boden ist ganz mit Menschenknochen bedeckt, und in feinen Höhlen hausen j teils Götter, teils Dämonen. Die Meeresströmung geht nach Norden, und i wer hier über Bord geworfen wird, den trägt sie gleich einem wilden ; Roß hinaus ins äußerste Weltmeer. Binnen kurzem ist es mit feiner Kraft , zu Ende, und seine Gebeine werden zu den übrigen versammelt, und die ‘ Götter verschlingen seinen Geist."
Furcht überfiel Keola bei diesen Worten, und er blickte um sich, und beim Lichte der Sterne schien es, als verändere sich der Hexenmeister.
„Was fehlt dir?" fragte Keola rasch und scharf.
, Ich bin .es nicht, dem was fehlt," sagte der Hexenmeister, „aber einer j befindet sich hier, dem sehr übel ist." j
Gleichzeitig änderte er feinen Griff an der Lampe, und siehe da! als ! er seinen Finger aus dem Ringe ziehen wollte, blieb der Finger Lecken, j und der Ring barst, und feine Hand war angeschwollen zu der Größe von ! drei Händen.
Bei diesem Anblick schrie Keola aus und hielt sich die Hand vor Angen. I
Aber Kalamake hob die Laterne hoch. „Sieh lieber in mein Gesicht!" j sagte er — und sein Kopf war ungeheuer groß wie eine Tonne; und noch j immer wuchs und wuchs er, wie die Wolke auf den Bergen, und Keola j saß ihm schreiend gegenüber, und das Boot sauste über die hohe See.
„Und jetzt," sagte der Zauberer, „was denkst du jetzt von jener Kon- j zertina? Und bist du auch sicher, daß du nicht lieber eine Flöte möchtest? j Nein? fragte er. „Das ist gut. Denn ich liebe es nicht, wenn meine j Familie wechselnden Sinnes ist. Auch ich fange an zu glauben, daß ich j gut daran tue, dieses elende kleine Boot zu verlassen, denn mein Umfang i schwillt ganz außerordentlich an, und wenn wir nicht um so vorsichtiger i sind, wird das Boot bald kentern."
Und sogleich schob er seine Beine über Bord. Und während er also tat, - wuchs _bie Größe des Mannes um das Dreißig- und Vierzigfache, so daß ; die tiefe See nur bis zu seinen Achselhöhlen reichte, und sein Kopf und i seine Schultern erhoben sich wie eine bergige Insel, und die Dünung ! schhug und brach sich an seiner Brust, wie sie gegen ein Riff anläust und \ zerschellt. Das Boot hielt nach wie vor auf Norden zu, aber er streckte \ seine Hand aus und nahm den Kiel zwischen Daumen und Zeigefinger i und zerdrückte die Seiten wie einen Kuchen, und Keola wurde ins Meer j geschüttet, und die Trümmer des Schiffes zermalmte der Zauberer in 1 seiner hohlen Hand und warf sie meilenweit weg in die Nacht.
„Verzeih, daß ich die Laterne nehme," sagte er, „aber ich muß noch - lange waten, unb der Meeresgrund ist uneben, und ich fühle die Knochen : unter meinen Zehen."
Und er wandte sich um und schritt mit großen Schritten davon, und : sooft Keola in den Strudel versank, sooft konnte er ihn nicht mehr sehen; s sobald er jedoch auf den Wellenkamm gehoben wurde, sah er ihn auch schon, wie er zusammenschrumpfend weiterschritt, und er hielt die Lampe hoch über seinem Haupte, und die Wogen brachen sich schäumend an feinem Leibe.
Seit die ersten Inseln aus dem Meere aufgefischt wurden, hat es niemals einen so entsetzten Menschen wie Keola gegeben. Zwar schwamm er, aber er schwamm wie die jungen Hunde schwimmen, wenn man sie zum Ertränken ins Wasser geworfen hat, und er wußte nicht wohin.
Er konnte nur noch an das ungeheure Schwellen des Hexenmeisters denken, an jenes Gesicht, das so groß wie ein Berg war, an jene Schw. tern, breit wie eine Insel, und an die See, die vergeblich gegen sie an. lief. Er dachte auch an die Konzertina, und Beschämung packte ihn, und an die Gebeine der Toten, und es schüttelte ihn die Furcht.
Plötzlich sah er etwas Dunkles sich gegen die schwankenden Sterne abheben und weiter unten ein Licht und eine Helligkeit in der gespal. tenen See, und er vernahm die Rede von Menschen. Da schrie er laut und eine Stimme antwortete ihm; und im Handumdrehen schwebte der Rumpf eines Schiffes über ihm auf einer Woge, gleich einem Ding auf einer Wag schule, um im nächsten Augenblick von neuem in die Tiefe zu sausen. Mit beiden Händen griff er in die Ketten des Schiffes, war in einem Moment in der tosenden See begraben und im darausfolgenden von Seeleuten an Bord gezogen.
Sie gaben ihm Gin und Zwieback und trockene Kleider und fragten ihn, wie er dorthin gekommen wäre, wo sie ihn gefunden hätten, uni ob das Licht, das sie gesehen, der Leuchtturm von Lao o Ka Laon fei. Allein Keola wußte, daß die weißen Leute wie Kinder sind und nur an ihre eigenen Geschichten glauben. So erzählte er ihnen von sich selbst was ihm einfiel, und was das Licht anbetraf, (welches Kalamokes La- lerne gewesen war) so schwor er, keines gesehen zu hoben.
Dieses Schiff war ein Schoner, für Honolulu bestimmt, und sollte dann unter den flachen Inseln Handel treiben. Zum großen Glücke für Keola hatte es während einer Böe einen Mann vom Bugspriet verloren. Er hatte keinen Zweck, sich etwas oorzumachen. Keola wagte nicht, auf den Acht Inseln zu bleiben. Nachrichten verbreiten sich so schnell, und alle Menschen lieben es so sehr, zu schwatzen und Neuigkeiten zu erzählen, daß der Zauberer, wenn Keola sich am Nordende von Kauai oder am Südende von Kau verborgen hätte, noch vor Ablauf eines Monates davon Wind bekommen haben würde, und dann hätte Keola fterbm müssen. So tat er denn, was ihm am weisesten dünkte und nahm Heuer an Stelle des Mannes, der ertrunken war. In mancher Hinsicht hatte er es auf dem Schiffe gut. Das Essen war ganz besonders fett und reichlich, es gab Zwieback und gesalzenes Rindfleisch Tag für Tag und Erbsensuppe und Puddings aus Mehl und Talg zweimal die Woche, so daß Keola seist wurde. Auch war der Kapitän ein guter Mann und die Besatzung nicht schlimmer als andere Weiße. Das Schlimme war der Maat, der von allen Menschen, denen Keola je begegnet war, am schwersten zufrieden zu {teilen war, und der ihn jeden Tag schlug und verfluchte, sowohl für das, was Keola getan, wie für das, iväs er nicht getan hatte. Die Schläge, die er austeilte, waren sehr schmerzhaft, denn er war sehr stark, und die Worte, die er gebrauchte, höchst unschmackhaft, denn Keola flammte aus einer guten Familie und war an Achtung gewähnt. Aber das Schlimmste von allem war, daß immer, wenn Keola die Möglichkeit zu schlafen gefunden hatte, der Maat wachte und ihm mit einem Tauende wieder aus die Beine hals.
Keola erkannte, daß es so nicht weitergehe» konnte und beschloß, zu fliehen.
Etwa einen Monat waren sie noch von Honolulu entfernt, als sie Land erspähten. Es war eine schöne, sternklare Nacht, die See war glatt und der Himmel hell. Ein stetiger Passat blies, und da lag die Insel an ihrer Wetterseite, ein Palmengürtel, der flach aus dem Meere misgebreitet war. Der Kapitän und der Maat betrachteten sie durch das Nachtglas und nannten sie beim Namen und sprachen von ihr, während sie neben dem Steuer standen, das Keola in der Hand hatte. Es schien eine Insel zu sein, die die Händler nie besuchten. Nach dem, was der Kapitän sagte, war es außerdem noch eine Insel, die kein Mensch bewohnte, aber der Maat war anderer Meinung.
„Für den Führer gebe ich nicht fünf Pfennige", jagte er. „Ich bin eines Nachts auf dem Schoner „Eugenie" hier vorbeigefahren, in grai so ’n er Nacht wie heute, und da fischten sie bei Fackelschein, und der Strand wimmelte nur so von Lichtern wie eine Stadt."
„Schon gut, schon gut," sagte der Kapitän, „die Hauptsache ist, daß die Küste hier steil abfällt, und nach der Karte sind auch keine gefährlichen Stellen in der Nähe, wir werden uns also dicht an ihre Lesseite halten. Fahre schnurstracks auf sie zu, hab’ ich es dir nicht gesagt!" rief er Keola zu, der so angestrengt lauschte, daß er zu steuern vergessen hatte.
Und der Maat fluchte hinter ihm her und schwor, der Konake sei zu nichts auf der Welt nütze, und wenn er erst einmal mit einer Handfpeichr hinter ihm drein sei, würde es für Keola einen kalten Tag geben.
Und dann legten sie sich zusammen auf das Dach der Kajüte 'bin und überließen Keola sich selber.
„Diese Insel wird mir sehr gut passen", dachte er; „wenn keine Händler dort an Land gehen, wird ber Maat niemals dahin kommen. Und was Kalamake anbetrifst, so kann er unmöglich so weit reifen."
Und damit begann er den Schoner mehr und mehr nach Land hin zu galten.. Das mußte er in aller Stille tun, denn das Schlimmste mit diesen weißen Leuten, besonders mit dem Maat war, daß man ihrer niemals sicher sein konnte. Sie pflegten alle fest zu schlafen oder doch so zu tun, und dann, wenn ein Segel zitterte, auf die Füße zu schnellen und sich mit einem Tauende über einen herzumachen. So schob sich denn Keola ganz allmählich näher heran, alle Segel straff, und bald war das Schlfs ganz dicht am Lande, und das Geräufch des Meeres an feinen Bordwänden wurde lauter.
In diesem Augenblick richtete sich der Maat auf dem Kajütendach plötzlich auf.
„Was tust du da?" brüllte er. „Gleich wird das Schiss auflaufen!"
Und er machte einen einzigen Satz auf Keola zu und Keola macht« einen zweiten glatt über die Reeling hinein in die sternfunkelnde See. Als er wieder auftauchte, hatte der Schoner seinen richtigen Kurs vos neuem eingenommen, und der Maat stand selbst am Steuer und Keola hörte ihn fluchen. Das Meer war unter dem Lee der Küste ganz glatt, außerdem war es warm und Keola hatte sein Seemannnsmesser, so brauchte er die Haie nicht zu fürchten. (Fortsetzung folgt)
Verantwortlich; vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag; Drühl’sche Universitäts.Duch. unb Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


