Ausgabe 
24.9.1927
 
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noch lagen SU können: .Leb wohl, Vater ... Oheim ... leb wohl, MickaÄ .. Sophie." Sie schließt die Augen, jie Icheinen halb offen so totg sind ihre Augenwimpern. Der Pfarrer betet weiter, die Kerze ist still und seieckK f pudernd, blickt schnell um sich und keucht erstaunt ^und froh:Die Flamme ist weg, die Flamme ist fort! Jesus, ^"Mötzlich^irpt die Schwalbe, fliegt wild ins Zimmer, faust wieder »um Fenster hinaus und verschwindet kerzengerade in, die Lust.

6 ^Leontine dreht sich zur Wand und bleibt mit halb offenen Augenlidern liegen. , .

Das Lächeln liegt noch um ihren Mund ...

Michaet schließt ihr mit dem Zeigefinger di« Augen... .

Und während alle knien, legt die Mühle ihre Flügel still, und em langer Zug von Vögeln fliegt über die Hügel zum fernen, fernen Westen, wo das Meer ist. ,

Das Als-Ob im täglichen Leben.

Don Geheimrat Prof. Dr. Hans Vaihinger, Halle.

(Nachdruck verboten.)

ein« bewußte Selbsttäuschung sein, ein« absichtliche Selbstsuggestion, eine bewußte Fiktion, die beide glücklich macht und erhobt.

«Zm Jahre später, und die beiden haben ein Töchterchen, das mit seinen Puppen spielt. Das achtjährige Kind weiß ganz sicher, daß die Puppe/ aus Porzellan, Leder, Sägemehl oder einem anderen FuPÄ Wt. Aber für das spielende Kind ist die Puppe etwas Lebendes Das e>>rrh inrirbt mit seiner Puppe, als ob dies« lebte, als ob sie ®mp» stndunke/unü Bewegung«/ zeigte. Alles Spielen der Kinder, so zum Beispiel auch, wenn die JungensRäuber spielen, beruht auf solchen bewußten Fiktionen. Es wäre ein grober Erziehungsfehler, vom Standvunkt der Logik aus die spielenden Kinder aus diesenbewußten Selbsttäuschungen", aus diesem selbst klar durchschauten Traumleben auf­zuwecken, und nur ein roher Pedant könnte «inen solchen Frevel an dem selbsterbauten Tempel der Jugend ausfuhren, und die m ihrem Traum gestörten Kinder würden ihn mit Entrüstung fortsagen.

Eine Fiktion ist es auch, wenn jede politische Partei behauptet, sie spreche denWillen des Volkes" aus: derVolkswille ist eine Fiktion, bte auch nicht durch die vornehmer klingende Formella volonte gene­rale zur Realität wird, aber eine zweckmäßige und notwendige Fiktion des Staatsrechts Von solchen politischen Fiktionen guter und schlimmer Art sit unser Leben d/chfttzt. Die größte derartige Fiktion der neuesten Zeit ist der vielberusene Paragraph des Versailler Friedens, der die alleinige Schuld Deutschlands am Weltkriege ausspricht, allerdings eine E^te "alles in'der Welt, so kann auch die Fiktion mißbraucht »erben, aber auch hier gilt: abusus non tollit usum: der Mißbrauch »st kein Gegengrund gegen den richtigen Gebrauch. Einen solchen stellt auch di« zweckmäßige und notwendigeLebenslüge 3,b,J c

Sternberg in denAnnalen der Philosophie mit besonderer Rücksicht auf die Probleme derAls-Ob-Betrachtung" un zweiten Bande aus- führlich spricht. Ebendaselbst befindet sich auch em anziehender Ar nil von Dr Hüttner:Der biologische Wert der Muston als das Stosfproblem von Thomas Mann." Einen sehr fruchtbaren Gebrauch von der Fiktion macht man neuerdings in der so schwierigen Frage der '^°^'/sterung der Betriebe. Hierüber orientiert dl« soeben erschienene Schrift von Dr. Friti K ras per:Der Arbeitsfriede durch Arbeiterkapitalisten. Eme kri­tisch Untersuchung der nach dem November 1918 gemachten Vorschläge und Versuche zur Beteiligung der Arbeitnehmer^ durch reale und fiktive Einlagen am Ertrage von Kapitalgesellschaften. Ser. Autor bchundelt darin ^erstens den Vorschlag von Piechottka:Beteiligung durch ftktwe Einlagen in der Hohe des Zinses ber tapitanfierten ,

zweitens einen Vorschlag von Dewitz:Beteiligung durch fiktive Em- lagen in der Höhe der Aufzugskosten des Arbeitnehmers. .

Noch ein Beispiel: Das Formular zur Veranlagung für die preußisch« Einkommensteuer sprach vor wenigen Jahren noch von erneri mgierten staatlichen Grundsteuer, di« gar nicht existiert, deren fiktive Ansatz« aber als Grundlagen zu weiteren Steuerberechnungen dienen. Ach, waren doch "H^Esti^berechtigte^Gebrauch der Fiktion findet tausendfach in allen Reliaionen statt Di« Sprache unserer Kirchen, unserer Geistlichen ist voll von 'Bildern, deren mehr ober minder unzutreffende Natur den s.

Sprache Bedienenden mehr ober minder bewußt ist. Im Anschluß an Kam Kat in Frankreich der protestantischeSymbolo-Fideismus , d. h. der sich symbolischer bildlicher Vorstellung bedienende Glaube der Schule von Sabatier, sowie der katholischeModernismus von Le Roy, dem auch schon Renan vorgearbeitet hat, das offen ausgefprochen, und damit das mythische Element in der Religion anerkannt.

Hans Baihinger, wohl der bekannteste lebende Philosoph der Welt, begeht am 25. September seinen 75. Geburtstag. Wir freuen uns, aus diesem Anlaß einen Artikel aus der Feder des Schöpfers derMs-Ob-Philosophie' und Grün­ders der Kantgesellschaft bringen zu können.

Es ist ein Vorurteil, daß die Philosophie des Als-Ob eine hypermoderne Erfindung von mir fei: ich habe verschiedentlich gezeigt, daß fiktive Vorstellungsweisen, d. h. bewußt falsche Als-Ob-Betrachmngen, in der Kulturgeschichte der Menschheit von jeher eine groß« Rolle spielten. So ist es auch ein Vorurteil, daß die Als-Ob-Betrachtung nur eine Sache der abstrakten Wissenschaft sei, sie spielt vielmehr auch im täglichen Leben eine gewaltig« Rolle. Ehe ich darauf eingehe, will ich aber doch noch kurz von der wissenschaftlichen Fiktion sprechen.

Im 17. Jahrhundert begann die fiktive Methode, die schon immer m der juristischen Wissenschaft eine wichtige Rolle gespielt hatte, auch in der Mathematik ihren Siegeszug. Wie Keppler, Eavalierr, Leib­niz und Newton sich derselben bedienten und durch die Fiktion des Unendlichkleinen die Infinitesimalrechnung schufen, hat die Philosophie des Als-Ob" im einzelnen geschildert, und es ist seitdem ost wiederholt worden. So ist auch in weiteren Kreisen schon hinreichend bekannt ge­worden. daß französische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts besonders Condillac und Diderot, die Fiktionen auch m die philosophischen Wissenschaften gelegentlich einführten, und daß dann Kant von der Fiktion einen ausgiebigen und grundlegenden Gebrauch in allen Tellen seines kritischen Systems gemacht hat, besonders in feiner Jdeenlehre: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind für Kantheuristische FiktionM , , Nur-Ideen",Dichtungen der Vernunft", di« er mit dem Vorzeichen ,Ms-Ob" einführt, also bloßeAls-Ob-Betrachtungen". Ebenso ist be­kannt geworden, daß dann um jene Zeit F o r b e r g diese Betrachtungs­weise weiter bildete zu einer Religion des Als-Ob, auch dag und rote dann später F. A. Lange in seinerGeschichte des Materialismus diese Be­trachtungsweise unter dem NamenStandpunkt des Ideals erneuert hat, endlich, daß bei Nietzsche die Als-Ob-Betrachtung selbständig und von ganz anderen Voraussetzungen aus wieder auftaucht, derart, daß die von mir neu gegründeteVereinigung der Freunde und Förderer des Poft- vistifchen Idealismus" Nietzsches Lehre von den Fiktionen zum Gegen­stand einer Preisausgabe machen konnte.

All dieses will ich also nicht nochmals wiederholen. Lieber will ich einiges Neues sagen. Auch in unserem alltäglichen Leben spielt di« Fik­tion, d.h. das bewußte Als-Ob, die bewußte Einführung erdichteter Er­stellungen, eine bedeutsame Roll«, so daß in der ZeitschriftDie Tat Dr. Mallach ow einem Artikel hierüber den bezeichnenden Titel geben konnte:Don der Allgegenwart des Als-Ob." Ich wähle mit Absicht ein fast banales Beispiel. Wer einen ihm unbequemen Besuch damit ablehiit, daß er dem an der Tür Wartenden sagen läßt, er sei nicht zu Hause, oder wer, wenn er allein in seiner Wohnung ist, in solcher Lage auf die Tafel vor der Tür die Wort« schreibt:Nicht zu Hause , macht keine Vorspiegelung falscher Tatsachen, keinen Bettug und keine Luge, sondern er bedient sich einer berechtigten und allgemein anerkannten gesellschaft- lichen konventionellen Fiktion. Er hat vielleicht schon einen anderen Be­such, dem er sich allein widmen muß, oder er steckt in der Vorbereitung zu einem Vortrag, den er in einer Stunde halten muß, oder er schreibt einen eiligen und sehr wichtigen Brief, an dessen rechtzeitiger Absendung die schwersten Folgen hängen, oder er ist körperlich oder seelisch sehr an­gegriffen, ohne sich doch krank nennen zu können: kurz, tausend Grunde, die andere nichts angehen und die man anderen nicht detaillieren kann, können uns das Recht geben und sogar die Pflicht auferlegen, den Be­sucher nicht zu empfangen. Aber abgewiesen zu werden, wenn der zu Besuchende zu Hause und nicht krank ist, ist überaus peinlich und direkt beleidigend. So hat man die gesellschaftliche Fiktion eingeführt, daß der Betreffendenicht zu Hause" ist. Letzterer handelt also so, als ob er nicht zu Hause wäre. , .

Noch ein Beispiel aus ganz anderem Gebiet. Tante Frieda hat eine reizende Nichte, die sie gern unter di« Haube brächte. Zu diesem Zweck arrangiert fie einen Kaste«, zu dem sie einen jungen Herrn einlabt, den sie vor kurzem zufällig auf der Reise kennengelernt hat und der sie letzt während eines flüchtigen Aufenthaltes in ihrem von seiner Heimat wett entfernten Wohnort aufgesucht hat. Sie ist überzeugt, daß beide vorzüglich zueinander passen und sagt das sogar auch beiden vorher. Und richtig nach einem halben Jahre haben sich di« Fäden zwischen beiden verknüpft. Gott Amor hat beider Herzen verbunden in wahrster Liebe, Verlobung findet zu Ostern statt.Wir beide sind von der Ewigkeit her füreinander bestimmt. Nicht der Zufall, sondern eine ewige Vorherbestimmung hat uns zusammengeführt usw." Dies ist die Uederzeugung der beiden und --INN auch bei beiden sogar religiöser Glaube sein. Es kann aber auch

Fsuernacht in Heidslberg.

Von Anton Schnack.

Schon ist die Dämmerung überall...

Wir fitzen über ber Stadt, die mit Hunderten von Lichtern am Berg hinaufglänzt. Unten ist der Neckar, den die Berge chalenhaft und m- brünstia einsassen, in blauer und unruhiger Dunkelheit dahmsließend. Sein Wasser ist von zärltichem Licht beworfen. Goldwogen führt er da und dort Der Widerschein der Uferlichter macht ihn glitzernd und feung.

Boote befahren ihn mit leuchtenden Kugeln an Stangen. Lampions hängen seltsam und leise schwankend an den Wanden großer Nachen und Fähren. Eine blutrote Fiäcl>e wiegt sich rylhmisch wie eine duftige ferne Wolke hin und wieder. Da gondeln die Boote zu Dutzenden, aneinander- gedrängt und ineinandergetrieben. . , M,

Inzwischen kommt der Mond. Er ist voll und golden. Er, steigtin die Nacht hinauf, ein unfaßbares, erhabenes Gestirn von Feierlichkeit, Gottes nähe und Größe. Die uralte deutsche Zaubcrnacht sieht herrlich auf und sprengt di« Anmut und Keuschheit ihres Zaubers über die Stirne. Die Landschaft fließt ins Grenzenlose.

Seele, fliege aus! Seele, steig« in den blauen Dom der Nacht, m die Wildheit der 'Weite! Seele, segle dunkel und schwermütig. Seele, tnnre

Ich Pfühle"die groß« Gefühlstiefe der Romantik, den dunklen «WlW® Brunnen in meinem Herzen strömen und quellen. Ich suhle das B heimnis und die Betörkraft einer magischen reinen Landschaft t>on eoiei und hesperischer Linie. Im Abgrund des Tales, das in glanzenden Schnuren wogt, aus dem sich Lärm und Murmeln leise und brauen heben, liegt das geliebte Antlitz einer Stadt, wunderbar umzogen von Ozon der Romantik. Die Metaphern, die es phraseologisch ubertunci>en, fallen von dem fürstlichen, traumhaften Körper . . . .

Am Königsstuhl blühen Lichter: Fünf, zehn und zwanzig. Verloicyen- Kommen wieder. m »M

Ein Schein geht rätselhaft und schwankend durch den Wald. Der w vom Philosophenweg, der spiralenartig die Höhe umfaßt, über s wipfeln, Weingärten und Villengiebel hinweg, sieht Licht an ti schnürt, gereiht, einzeln ausglühend, verflackernd, kommend un löschend, sicht Licht und kleine Feuer in allen Farben, in Rot, m in Grün, in Zartheit und in Frömmigkeit.