SiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1927 Samstag, den 24. September Nummer 76
September.
Bon Hans ® ä f g e n.
Es mallen Silbernebel in der Frühe lind in der seltsam klaren Abendstille, Wenn späte Lerchen aufwärts steigen. Wenn hoch der Mond in goldner Fülle
Wie eine Frucht am Baum des Himmels schaukelt. Die Luft erbebt vom steten Grillensingen.
Die schwalben sich wie dunkle Abendfalter Durch goldenlichte Himmel schwingen.
Die große Schwermut der Septembertage Weht wie ein zarter, sanfter Schleier über Wiesen 'm denen seltsam blaß die Kelche
Der wehmutvollen Herbstzeitlosen sprießen,
Seo atmens Tod.
Bon Felix T i m m e r m a n n s*).
Sie erschrickt durchaus nicht, als der Pfarrer ihren Verlobten nach dem Bett hinschiebt, Rur steigert sich ihr Lächeln, und ihre Augen werden größer, dunkler, aber mit einem hellen Glanz unter der glatten Stirn, hinter der ein Licht zu brennen scheint,
„Gott ist doch gut", murmelt sie, und mit ihren großen Augen blickt sie iroh auf Michael: sie sucht seine Hand und zieht sie auf ihre Brust,
Sie vermag flüchtig den Kopf zu hebe,:: „Ich habe so lange auf dich gewartet! So ist es gut! So ist es gut!"
Sie drückt seine große, rosige Hand fest in ihrem kleinen, blassen Händchen und liegt so ruhig und glücklich tm, als läge eine schöne Wume auf ihrem Herzen, die sie mit süßem Duft erfüllt.
Ab und zu sieht sie ihn froh lächelnd an und blickt dann wieder auf di« sich drehend« Mühle und die immerfort zirpende, suchende Schwalbe. Dor Vater hat sie schon einmal verjagt, aber sie kommt immer wieder. Er möchte nun etwas in seinen Händen zerbrechen vor Verzweiflung und Eifersucht, weil er zusehen rmiß, wie seine Tochter stirbt mit Michaels Hond aus -der Brust. Er möchte den jungen Mann ergreifen und zum Fenster Hinauswersen, aber er fühlt sich durch Michaels Kühnheit gelähmt. Seinen Merger verschluckend, dreht er ihm den Rücken zu, um seine ganze Aufmerksamkeit nur noch Leontine zu schenken.
Ab und zu flüstert sie Michaels Namen und sieht ihn dankbar an.
Einmal wendet sie den Kopf zu ihm und sagt: „Michael, wenn ich nun bald von den Engeln hinweggetragen werde, mußt du mir die Augen schließen, willst du?"
Er nickt gedankenlos mit dem Kops.
Und dann liegt sie wieder still da, seine Hand fest auf die Brust gedrückt, mehr lebend vom Lächeln als vom Atmen.
Michael steht sie mit zugeschnürter Kehle an.
Sein Herz bebt. Ihm ist alles so fremd, als ob eine Schale von durchleuchtetem Wachs auf seinen Augen klebte. Alles ist hier so weiß mit goldnen Tüpfeln. Unterwegs halte er gedacht, daß er Leontine aufgewühlt und verzweifelt, zuckend im Todeskampf finden würde, klagend und seufzend und gellend die Arme ausbreitend nach ihm. Er hatte sich vorgestellt, wie er sie trösten und schöne Wort« zu ihr sprechen, und wie sie dann in seinen Armen sterben würde. So hatte er es erwartet und gewünscht.
Und wie ruhig und schlicht liegt sie da, mit hellen, friedlichen Zügen, gleich einer frommen Seele, die sich die Prozession ansthen will.
Sie hat sich nicht sehr verändert, dünkt ihm, nur noch mehr per-, geistigt. Und es ist sonderbar, schon da er sie kennen lernte, und wenn er an sie dacht«, hat er sie sich stets so vorgestellt: bleich mi« Wachs, mit großen, glänzenden Augen, einer glatten Stirn und einem blassen Mund. Fast durchsichtig, wie durchleuchtet von einer innerlichen Flamme.
So hat er sie in seiner Einbildung liebgewonnen, so hat er sie gesehen, als er sie küßte, trotz ihrem roten Mund und der jugendlichen Gesundheit unter der duftigen, lebendigen Haut; so hat er sie gesehen, als er ihr sagte: „Du gleichst einer gotischen Madonna."
Unb das Bild, das er sich von ihr gemacht hat in feiner Liebe, sieht er nun verwirklicht bei ihrem Sterben. "
«ein Herz klopft von ungekannten, seltsamen Empfindungen. Er spürt etwas m seinem Geist, was er nennen könnte: das Fühlen des Lichtes.
Denn was hier geschieht, ist für Michel der höchste Glaube, der Glaube, den man sehen kann. Sie betrachtet ihn bewundernd und ent»
*) Wir entnehmen dieses Kapitel dem im Insel-Verlage in Leipzig er» schienenen längsten Buche des flämischen Dichters: „Der Pfarrer vom blüh en d e n W ei nbe rg". 188 Seiten 8°. Übertragen von Peter srnZm*!"®’ <er<. vorbildlich ausgestattete Band wird dem Dichter des teter und des „Lichtes in der Laterne" manchen neuen Freund ae- Winnen. — 460.
öückt, und doch bereitet es ihr keinen Kummer, daß sie ihn nun auf eroie verlassen muß.
Sie ist ein Garten der Freude, nie hat er sie so überaus froh gesehen, und doch beklagt sie sich nicht, daß diese Freude bald für ewig wird durch, geschnitteii werden. Sie hat auf ihn gewartet und nach ihm verlangt, und nun sie daliegt, seine Hand auf der Brust, betet sie nicht zu Gott, daß er sie am Leben lassen möge. Sie hat feine Träne im Auge und kein Fichen im Gesicht. Sie ist ganz und gar ein Lächeln vor äußerem und innerem Glück.
„Ist das Sterben?" denkt Michael, staunend und bewundernd.
Ist das der Untergang des Lebens? Ist das nun der gewaltige Augen» . blick, der gähnt über dem dunklen, geheimnisvollen und furchtbaren Ab» gründ des ewigen Todes? Dieser Augenblick, bei dessen Gedenken allein schon die Furcht erstarrt über jedem Fest. Der geheimnisvolle und so ' quälend rätselhafte Tod, die Eisfläche, auf 'der wir alle laufen und einander durchbrechen scheu.
Das Eis brüht unter ihr, und sie lächelt. Sie lächelt, weil nun das Ende noht, weil sie noch Michael hat Lebewohl jagen können; sie lächelt alle an, denn auch sie werden später durch das Eis brechen, und dann wird sie alle Wiedersehen. Sie geht nur etwas früher fort, weil es so am besten ist für alle und für sie selbst.
Eine klare Ueberzeugung singt dieses Lied in ihr, und darum ist der Abschied so freundlich. Sie fürchtet sich nicht, ihr schaudert nicht, und das Auge ihrer Seel« scheint bereits in der Ferne das leuchtende Paradies zu ahnen.
Sie läßt sich hinabgleiten in die Tiefe und greift nicht einmal nach der treibenden Blume, um sich daran festzuklainmern, wie der Ertrinkende t nach einem treibenden Blatt greift, sondern sie nimmt die Blume, um ihr i noch einmal mit dem Glanz ihrer Augen zu sagen: „Ich habe dich immer ‘ schön gefunden, du warst die Freude meines Lebens, habe Dank!" Und ’ ihr letzter Wunsch lautet einfach: „Schließe du meine Augen."
„O, man könnte meinen vor Rührung", denkt er, und doch kommt nicht eine einzige Träne in sein Ange. Bestürzt, bebend, überwältigt und gebrochen steht er da. Ihr Sterben ist für ihn etwas, das alle menschlichen Kräfte übersteigt. Sie ist noch so jung, so voller Verheißung von Liebe und Lenz, und sie stirbt glücklich, seine Hand in der ihren.
Welche große seelische Kraft muß sie durchleuchten!
Und er muß wieder an den Abend denken, der so sehr auf seinen Geist gewirkt hat, als er dos Kruzifix schüttelte, wie um den Klang des Glaubens zu vernehmen.
Und jetzt, bei dem Tode feiner Geliebten, der wie taufend solcher Abende auf seiner Seele lastet, jetzt hört er den Klang des Glaubens, jetzt sieht er das Licht des Glaubens! Und nun ist die Vernunft nicht mehr imstande, diese Ueberrumpelung des Glaubens, die wie ein die Dämme durch» reißender Fluß auf ihn einstürmt, aufzusaugen.
Er begreift es nicht, aber fein Herz überfließt von Gnade; eine Frömmigkeit ohne Namen durchtränkt [ein ganzes Wesen.
Er ist selbst ein Wunder. Er ist so voll Ergebenheit, spürt ebenfalls keinen Kummer, stampft nicht mit den Füßen, rauft sich nicht die Haare und ruft nicht in wollüstiger Freude der Selbstbeschuldigung: „Es ist meine Schuld", wie er sich das alles vorgestellt hat.
Er möchte nun still niederknien und meinen vor Glück, den heißen Kops auf ihrer kühlen fKinö.
Sie lächelt ihn freundlich und dankbar an. Ach, nzie zart und schön ist sie noch, nein, sie ist nur noch Seele, eine Seele, von einer dünnen Haut umspannt.
„Ein Licht umgibt dich, Michael", sagt sie froh, mit schwacher Stimme, und sich zum Pfarrer wendend: „Oheim, ich freue mich ... daß ich dieser Licht um Michael noch gesehen habe ..." Nach einer Panse sagt sie schnell: „Zündet nun die geweihte Kerze an, denn die Engel haben sich erhoben .. "
Hinter der Bettstatt zündet der Vater mit Hilfe «der Magd schluckend die Kerze an.
Doktor Bos, der sie die ganze Zeit schweigend, ein paar Haare seine« Bartes zwischen den Zähnen, beobachtet hat, ergreift nun ihre Hand. Die Schwalbe zirpt lauter.
Der Atem wird kürzer, man sicht »kaum noch ihre Brust sich heben. Leontine wendet plötzlich das Haupt zu Michael und sagt ernst mit schwacher Stimme, während sie ihren dünnen Zeigefinger hebt: „Man braucht nur einmal tief zu glauben, Michael, ein einziges Mal, dann glaubt man für immer . . . so wie man nur einmal zu lieben braucht, um für immer zu Heben." Ihr blondes Haupt fällt zurück, die Augen sind geschlossen.
Als sie sich wieder öffnen, ist aller Manz verschwunden. Alles an ihr wird schlaff.
Der Pfarrer gibt ihr die Kerze in die rechte Hand und liest bebend die Sterbegebete. Man hört ihren Vater und Sophie schluchzen. Ihre Lippen wiederholen murmelnd die Worte des Pfarrers, tmb plötzlich sagt sie: „Er kommt! er kommt zur Tür herein. Wie schön ist er, in Weiß und Gold gekleidet. Schweigt nun alle..." und dann hastig, um alles


