Nummer A
Dienstag, -en 24. Mai
Jahrgang <927
GiehenerZamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
So wurden wir . . .
Von Rainer Maria R i (f e*).
. . . So wurden wir verträumte Geiger die leise aus den Türen treten, um auszuschauen, eh sie beten, ob nicht ein Nachbar sie belauscht, Di« erst, wenn all« sich zerstreuten, hinter dem letzten Abendläuten die Lieder spielen, hinter denen (wie Wald im Wind hinter Fontänen) der dunkle Geigenkasten rauscht. Denn dann nur sind die Stimmen gut, wenn Schweigsamkeiten sie begleiten, Wenn hinter dem Gespräch der Saiten Geräusche bleiben wie von Blut: und bang und sinnlos sind di« Zeiten, Wenn hinter ihren Eitelkeiten nicht etwas waltet, welches ruht.
Der junge Rilke.
Von Dr. Fritz Adolf Hüni ch.
So selten bisher das Sammeln der Zeugnisse des literarischen Daseins von Dichtern der neuesten Zeit außerhalb ihrer in Buchform erschienenen Werke betrieben worden ist, so notwendig erscheint es, wenn man bedenkt, ein wie schwer auffindbares Versteck Zeitungen, Zeitschriften und Almanachs dafür bieten. Ist dies schon der Fall, wenn der Dichter im Lichte öffentlicher Anerkennung steht, um wie viel mehr gilt es für die Zeit seiner dunkel und unbemerkt sich abspielenden Anfänge, gilt es besonders für Rainer Maria Rilke, der, durch einen beispiellosen Aufstieg über sein« Frühzeit erhoben, die Abwendung von ihr bis zur völligen Preisgabe gesteigert hat. Jede Beschäftigung mit ihr muß sich also in einem gewissen Gegensatz zu ihm befinden, denn zwischen seinem Standpunkt und dem des Historikers, der den Dichter in seiner Totalität zu begreifen sucht, treibt nun einmal, wenn wir uns seiner Worte bedienen dürfen, der Strom seiner inneren Zeit, und es ist, als führe keine Brücke mehr von der Gegenwart in die Vergangenheit, di« ihm manchmal wie ein Verhängnis erschien. Wenn unserer Biographie, aus der diese Mitteilungen geschöpft sind, keine L>pur des Dichters, kein Beweisstück entgangen ist, so ist seine Handschrift bis zu seinem 19. Jahre auf ihre private Existenz beschränkt geblieben und hat erst in den beinahe gleichzeitigen Drucken der Zeitschriften „Jung-Deutschland" und „Jung-Elsaß", „Die Penaten" und „Deutsches Dichterheim" ihr Verlangen nach Ver- ösfentlichung befriedigt gesehen. Am engsten war und am längsten bestanden hat seine Verbindung mit „Jung-Deutschland und Jung-Elsaß". Diese Halbmonatsschrift für Dichtkunst, Kritik und modernes Leben, herausgegeben von G. L. Kattentidt, war eines der Blätter für dichtende Anfänger, die vor dem großen Kriege, als die Materialien noch billig und die Unkosten gering waren, überall aufkamen; sie lebten gewissermaßen von dem faszinierenden Reiz, den die Druckerschwärze auf junge Dichter ausübt. Um die Bezieher immer in Spannung zu erhalten und vorzubeugen, daß der Zusammenhang zwischen ihnen und betn Herausgeber sich löse, war in jedem Heft eine Spalte für den Briefwechsel „Unter uns" eingerichtet, in der auch Herr R. M. R. in Prag wiederholt erscheint. In, Jahre 1896 wird ihm die „ausschließliche redaktionelle und geschäftliche Vertretung" für die Sonderausgabe „Jung-Deutschland und Jung-Oester- reich" übertragen, die jedoch nach einigen Nummern aufhört. Sein unmittelbarer Anteil besteht aus Gedichten, darunter dem in einem Wettbewerb der Zeitschrift preisgekrönten „Abend", der das seltsam verheißungsvoll« Motto „Zum Lichte" trägt, Prosaskizzen, einem Psychodrama, dessen literarische Mode Richard von Meerheimb wenige Jahre zuvor begründet hatte, unb einigen Bücherbesprechungen. Auch in den vier Musenalmanachen, bie bet geschäftskundige Verleger 1894 bis 1897 herausgab, ist Rens Maria Rilke mit einer Reihe von lyrischen Beiträgen vertreten, von denen nur das Gedicht „Abend im Felsland" (Abendläuten. Aus den Bergen hallt es . . .) in die Sammlung „Traumgekrönt" Übergegangen, mithin jetzt noch in den „Ersten Gedichten" zu lesen ist. Die Krone seiner Verbindung mit G. L. Kattentidt aber war jenes kleine, äußerlich und innerlich unscheinbare Gedichtbuch „Leben und Lieder", das 1894 erschien und dazu bestimmt ist, eine der größten Seltenheiten des Büchermarktes zu [ein und zu bleiben, nachdem es 1898 von dem Dichter ans dem Handel zurückgezogen worden war, wobei der größte Zeit, der Auflage abhanden kam, und jeder Versuch einer Erneuerung an seinen „unwillkürlichsten Widerständen" gescheitert ist. Auch das Auskunfts- bureau der deutschen Bibliotheken hat trotz zweimaliger Aufnahme des
*) Entnommen dem .Hnsslschiff", 7. Jahrgang, Heft 1.
Titels in [eine Suchliste auf keinem der ihm angeschlossenen Institute ein Exemplar nachweisen können. Wer kennt heute noch die „Penaten" und das „Deutsche Dichterheim", obwohl besonders dieses es auf achtzehn Jahrgänge gebracht hat? Die Mitarbeiterschaft Rene Maria Rilkes daran erstreckt sich auf nur wenig« Gedichte, bie wiederum, bis auf ein einziges, das über feine Aufnahme in ben Band „Traumgekrönt" den Weg in die „Ersten Gedichte" gefunden hat — „Nachtgedanken" — der allgemeinen Kenntnis entzogen sind. Aus einer Mitteilung in den „Penaten" entnehmen mir, daß im September 1894 ein Operettenlibretto des Dichters vorhanden gewesen sein muß, das „Der Weltuntergang" betitelt war und worauf „um einen Text verlegene Komponisten" aufmerksam gemacht wurden. Unter den Beiträgen zum „Deutschen Dichterheim" befindet sich im Dezember 1895 die Ballade „Der Sühneversuch", nach der gleichnamigen Novelle des Freiherrn Detlev von Liliencron, die zuerst in dem 1887 (und wieder 1895) erschienenen Novellenbande „Eine Sommerschlacht" gedruckt ist.
Inzwischen war der jung« Dichter mit den „Wegwarten", einer auf längere Dauer berechneten zwanglosen Folge von Heften, von der jedoch nur drei erschienen, unter bie Selbstverleger gegangen. Heft 1 enthielt nut' Gedichte von ihm selbst, Heft 2 seine Szene „Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens . . .", Heft 3 hatte schon den Charakter einer lyrischen Zeitschrift, indem es neben Beiträgen Rene Maria Rilkes und seines Mit- herausgebers Bodo Wilbberg solche von Wilhelm Arent, Hans Benz- mcmn, Gustav Falke, Ludwig Jacobowfki, Christian Morgenstern u. a. brachte. Wan muß wohl selbst einmal in der Jugend Vers« gemacht unb den brennenden Ehrgeiz verspürt haben, mit ihnen immer weitere Kreise des eigentlich literarischen Lebens zu erreichen, um bie Triebe zu begreifen, unter beren ungeduldigem und bunklein Zwang ber junge Rilke handelte, als er feilte halbfertigen Gefühle in Dichtungen zur Schau stellte, in denen kaum ein vorbeutender Zug der späteren Physiognomie die Maske der Konvention durchbricht. AÄer sein inneres Gesetz, geboren im Geblüt eines „alten, lange adligen Geschlechtes", ihm selbst jedoch erst lang]am ins Bewußtsein steigend, befahl ihm, einen Weg zu gehen, auf dem sein Wille sich zu immer durchsichtigerer Klarheit läutern sollte. Von den Beiträgen, die der junge Rilke, unablässig nach Wirkung in die Breite strebend, in den „Neuen literarischen Blättern", den „Musen", Wilhelnt Arents „Deutschem Musen-Almanach", der „Monatsschrift für neue Literatur unb Kunst" bis in bas Jahr 1898 veröffentlichte, sind noch manch« sichtlich nicht aus ber Notwendigkeit künstlerischer Aussprache und ■ Gestaltung entstanden. Bald aber entwickeln sich feine Anlagen nach den Ansprüchen, denen man, Blättern wie dem „Simplizissimus". der „Jugend", „Wiener Rundschau" und „Zukunft" gegenüber, genügen konnte. In der „Wiener Rundschau" tritt er zum ersten Mal« mit größeren Abhandlungen Über Themen aus der dramatischen und bildenden Kunst hervor, später auch in den „Dramaturgischen Blättern", dem von Rudolf Steiner heran sgege- benen Beiblatt zum „Magazin für Literatur", und dem „Ver sacrum“. dem Organ ber Vereinigung bildender Künstler Oesterreichs. Erwähnen wir noch, um bas Verlangen nach Vollständigkeit dieses llcberbficfs zu befriedigen, bie beiden Hefte der „in zwangloser Folge" erschienenen „Modernen Richtung" und die Zeitschriften „Frühling", „Das Narrenschiff", „Das neu« Jahrhundert", „Die Gesellschaft" und bi« „Deutsch-französische Rundschau": so ist — nach dem augenblicklichen Wissen des Biographen — der Kreis, in dem ber junge Rilke sich publizistisch auswirkte, geschlossen.
Chinesische Schauspietkunst und unser modernes Theater.
Von Privatdozenten Dr. Eduard Erk« s.
Die Chinesen besitzen als das älteste lebende Kulturvolk dec Erde auch bie älteste künstlerische Tradition, sowohl in den bildenden wie in den darstellenden Künsten. In vielen Zweigen ist die chinesische Kunst b,s heute unübertroffen geblieben, unb durch die Ueberlegenheit ihrer alten Routine war sie stets imstande, die mit ihr in Berührung gekommenen Völker nachdrücklich zu beeinflussen. Seitdem China mit Europa in näheren Verkehr trat, läßt sich ein dauernder Einfluß der chinesische!! Kunst auf bie europäische in ber Malerei wie in den verschiedensten Zweigen des Kunstgewerbes nachweisen, und ebenso ist die abendländische Literatur seit bem 18. Jahrhundert von der chinesischen nachhaltig beeinflußt worden. ~ c , , ., .
Nicht zum wenigsten hat sich in der Zeit des Rokoko, di« ia oft genug als bie der Chinoiserie bezeichnet wird, der chinesische Ernsluß auch aus die dramatische Produktion geltenb gemacht. Das französische Singspiel des 18. Jahrhunderts, das an der Wiege der europäischen Oper gestanden hat, ist chinesischer Anregung zu danken, wie auch das um die gleiche Zeit aufkommende Schattenspiel aus China herrührte und zunächst unter der Bezeichnung „ombres chinoises“ erschien. Auch die Uebersetzung chinesischer Dramen tauchen bereits um diese Zeit auf, bekannt ist namentlich


