Voltaires unter dem Titel „L’orphdin de la Chine“ erschienene Bearbei- tuiw der von Jesuiten herrührenden Uebertragung eines chinesischen Dramas. Im IS. Jahrhundert dagegen fand das chinesische Theater m Europa wenig Verständnis, obgleich gerade in dieser Zeit eine ganze Menge chinesischer Schauspiele in europäische Sprachen übersetzt und auch sonst manches über chinesische Bühnenkunst geschrieben wurde. Aber das europäische Kunstempfinden war im 19. Jahrhundert zu ausschließlich auf den Naturalismus eingestellt, um eine anders eingestellte Kunst verstehen ui können. So muten uns Urteile selbst guter Kenner aus jener Zeit, die die chinesische Stilbühne nur als primitiv oder grotesk empfanden, heute seltsam und kaum noch verständlich an. Dagegen steht der abendländische Mensch des 20. Jahrhunderts dem chinesischen Drama völlig anders gegenüber. Nicht nur finden an europäischen Bühnen chinesische «iucke, die man früher als ethnographische Kuriositäten betrachtete, ernste Auf- sührung und beim Publikum ernsthafte Aufnahme, sondern die neueste Entwicklung des europäischen Theaters selbst, wie sie sich zuerst und am nachdrücklichsten an der russischen Bühne zeigte, gleicht ganz auffällig der des chinesischen Theaters, so daß sich die Annahme einer Beeinflussung kaum von der Hand weisen läßt.
Als ich zuerst die Truppe Tairows, eines der bedeutendsten Schöpfer russischer Bühnenkunst, spielen sah, erinnerte mich alles sogleich außerordentlich an die chinesische Bühne, das Spiel, die Bewegungen, die Masken, die Dekoration, und als ich Tairows Werk „Das entfesselte Theater" las, war ich noch mehr erstaunt, wie weitgehend,seine Prinzipien mit denen des chinesischen Theaters übereinstimmten. Wie der chinesische, wird auch der russische angehende Schauspieler von früher Jugend ab in langjähriger strenger Schulung für seinen Beruf körperlich so vorgebildet, daß er seinen Körper, sein Minenspiel und seine Stimme absolut in der Gewalt hat und auch den schwierigsten Anforderungen an Bewegung und Ausdruck vollkommen gewachsen ist. Das Spiel selbst ist im chinesischen wie im russischen Theater genau abgetönt, jede Gebärde ist genau abgemessen und symbolisch, wirkt aber zugleich vollkommen. natürlich! die Vornahme von Handlungen aller Art wird durch bloße Gesten mit solch täuschender Echtheit bewirkt, daß Bühnenrequisiten dadurch fast überflüssig werden. Ebenso spielt das ganze Ensemble in gleich guter Ausbildung harmonisch miteinander: ein Hervortreten einzelner Stars aus Kosten der Gesamtwirkung kennt die russische Bühne so wenig, wie die chinesische, was aber die Entfaltung besonderer Bühnentalente bei beiden keineswegs hindert. Wie die Chinesen, legt Tairow sodann großes Gewicht auf Maske und Kostümierung, beides ist aber nicht Selbstzweck, wie oft genug auf der europäischen Bühne, sondern wird aufs sorgsamste mit der Rolle in Einklang gebracht und dient nur zur Verstärkung der Wirkung des Spieles. Da die gesamte Wirkung eines, Stückes durch das Spiel als solches erreicht werden soll, legen das chinesische wie das russische Theater sehr wenig Wert auf Dekoration, und, wo solche angewandt wird, gilt sie nicht, wie in Europa herkömmlich, dem Hintergründe — der wird bei den Chinesen gar nicht zur Szene gerechnet und bleibt daher durchgehend unbeachtet, während er bei den Russen ii^utral ist, oder allenfalls durch eine der Stimmung des Stückes angepaßte farbige Bekleidung angedeutet wird —, sondern dem Vordergründe, auf dem sich das Spiel vollzieht. Endlich aber stimmt auch die Grundauffassung der Chinesen vom Theater mit der Theateranschauung des heutigen Rußland überein. Beide betrachten das Theater nicht als Interpreten der Literatur, sondern die Literatur als Hilfsmittel des einen selbständigen Kunstzweig darstellenden Theaters. Darum passen sie nicht die Aufführung des Stückes, sondern die Stücke der Aufführung an. Daher spielen Tanz, Musik und Einlagen aller Art im chinesischen wie im russischen Dheaidr eine sehr große Rolle, ohne jedoch jemals, wie in der europäischen Operette, als unorganische Zutaten zu wirken.
Ist nun eine so weitgehende Ucbereinstiimnung wohl als Parallelentwicklung aufzufassen ober durch chinesische Einwirkung auf die Entwicklung des russischen Theaters zu erklären? Ich glaube, daß beides wohl zum Teil zutrifft. Es ist kaum anzunehmen, daß Tairow, der umfangreiche Studien besonders über orientalische Bühnenkunst gemacht hat, das chinesische Theater völlig fremd geblieben sei. 2Iber etwaige Anregungen konnte er natürlich nur dann verarbeiten, wenn er eine Möglichkeit dazu sah, d. h. wenn die Entwicklung, auf die ihn die notwendig erkannte Fortbildung des abendländischen Theaters drängte, der entsprach, die das chinesische ThePer genommen hatte.
Wenn er aber erst Anregungen hatte, mußte er bei ihrer weiteren Verfolgung auch schließlich die aus ihnen folgenden Prinzipien entdecken, und damit auf die Bahn der chinesischen Dramaturgie gelangen. Ein wesentlicher Unterschied des russischen Theaters vom chinesischen ist allerdings, daß bei ihm die Stellung des Spielleiters von ausschlaggebender Wichtigkeit ist, während auf der chinesischen Bühne die eigene, auf uralte Tradition zurückgehende Routine der Spieler die Regie so gut wie ersetzt. Es scheint aber nach dem Erfolg, den das russische Theater im übrigen Europa gefunden hat, und dem Einfluß, den es seinerseits wieder auf die Gestaltung der heutigen europäischen Bühne ausübt, daß die chinesische Bühnenkunst den Weg bezeichnet, den die europäische in Zukunft gehen wird.
MdL es echten Fatzirismus?
Von Graf Carl von K l i n ck o w st r ö m, München.
Um diese Frage zu beantworten, muß man sich erst darüber verständigen, was unter Fakirismus zu verstehen ist. Der Sprachgebrauch bezeichnet als „Fakire" ganz allgemein indische Wundertäter. Aber das ist nicht zutreffend. Fakire webd-en mohammedanische Büßer in Indien genannt, die als Bußübungen allerdings manchmal ungewöhnliche Handlungen vornehmen, wie das Liegen auf dem Nagelbrett oder das ständige Emporstrecken eines Armes usw. Die eingeborenen Zauberkünstler, die der Jndienreisende zu sehen bekommt, sind in der Regel wohl nichts anderes als wandernde Gaukler, tue mit mehr ober weniger primitiven Taschenspielerkunststücken arbeiten, und die ihren europäischen Kollegen gegenüber nur das suggestive Milieu des Zauberlandes Indien voraus«
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Ueber diese Vorführung, teils mit, teils ohne die grausigen Detaiik, liegen aus älterer und neuerer Zeit eine Anzahl glaubwürdiger Augen- zeuaenberichte vor, auf die hier nicht näher eingegangen weiden fiww. Selbstverständlich wurde diese Vorführung auch von indischen Gauklern trickmäßig durch präparierte Seile usw. nachgeahint, tue eine innere Vep fteifuna mlassen Aber in diesem Falle fehlen natürlich die Charaksirlstisi LALLren wie das Verschwinden des en,porgekletterien Knaben in der leeren Luft usw. Bemerkenswert für die -Seltenheit der Lorsüh rimq ist, daß der Major in der indischen Armee L. H. Branson sich 93 Jahre lang vergeblich bemüht hat, einen 2)ogin zu finden, der chn das Seilexperiment vorgeführt hätte, oder auch nur einen Augenzeugen aufzuspüren, obwohl er beträchtliche Geldpreise darauf gesetzt hatte.
In die gleiche Kategorie der Suggestivphanomene gehörtauch em Erlebnis, das mir der Geograph Dr. Franz Graf Lari ch mitgeteilt hat In Indien hatte er auch das Seilexperiment.geschen, aber in emer W sührung, die einen Trick nicht ausschließt, nämlich in der Nach^MÄ hoher Bäume. „Ein anderer Fall, den ich vor Jahren erlebte (1903),# mir viel interessanter gewesen", schreibt Graf Sanni). „Bus umut crfe nicht in Indien, sondern in England. Em hoher brahmanischer Pnc^, ein Mahatma, und zwar Agamaya Guru Paramahamsa mit Namen, war aus Indien zum Besuch eines Professors nach Oxford sie ko mmeiJ halte Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Er sprach gut englisch und ernüm uns auf die chszinierendste Weise, wie der Geist volle Eewalt ubc dw Körper bekommen könnte usw., und wie wir alle in bei Welt her 31 U R und der Täuschung lebten. Dieser Mahatma ließ sich zu emer Vorführung seiner Kräfte nur einmal herbei. Wir sahen — es wäre etwa 6 bis 8 Menschen, wenn ich mich recht erinnere - alb- »n Kcch herum, während er auf zwei Polstern m der Mitte saß. Mr sollten V schweigend ansehen und uns nicht rühren, bis er selbst es lieber statten würde. So saßen wir etwa zehn Minuten, bis meineW ffl vom Hinstarren wehtaten. Und plötzlich war ber Mann versihwuiiW, die Polster teer. Darüber war kein Zweifel. Auch fühlten wir a ll g Momen seines Verschwindens, beinahe wie einen kleinen eleksiM Schlag. Nach wenigs Augenblicken kam er dann Jelbft n^be Tür herein. Es gab nur die Erklärung: er hatte überhaupt me w * ■Kontern aeiessen Das kann also nur eine außerordentlich starke J»tlW» äußerung°v°n ih.n auf uns gewesen sein " Diese Vorführung sanPM dem Landsitz des Herzogs von Manchester statt, der den Pogin von W» >
Vermehrte Inder Agamaya Guru Paramahamsa hielt sich in Lei W im Jahre 1903 studienhalber in Oxford auf und l>atte sich auch W» gelegentlich eines früheren Aufenthaltes dortselbft von dem berühmt» Indologen Max Müller auf seine Fähigkeit untersuchen las!^^ Herz 30 Sekunden lang völlig zum Stillstand 3u bringen. Ser W erklärte selbst diese Fähigkeit durch Atemtraimng «W • .
Ein weiteres Kunststück, das zum standi^n. Reper o.rc nm Zauberkünstler gehört, ist ber Mangobaumtrick. Es besteht im in folgendem: Der Gaukler pflanzt einen Mangostein m eine, A 1 Erde, den er in den meisten mir bekanntgewordenen -lallen nu e^ Tuch oder gar einem kleinen Zelt bedeckte, ^n Zwftchenpm 1 c - zehn Minuten lüftet er diese Bedeckung und laßt )ebfs-nwl bäumchen, das sich aus dem Kern eitiroid eit haben fall, m 1 , zM fortgeschritteneren Stadium des Wachstums fetzen. Zuwe-il n z . das'letzte Stadium ein meterhohes Bäumchen mit Vluten vde F Dies beruht ans einem Dertauschungstrick, ^r dadurch eriei ) daß sich die lederartigen Stiele und Blätter der Mangapftanze lassen, ohne zu brechen. Doch hat der Ctmologe Ehr. schrodi Variante der Mangobaumvorführung berichtet, die er l 'io , sah, und die, wenn richtig beschrieben, eine solche Deutung tu <9 ». fr würde. Der Inder legte ein Samenkorn, das fein Mangostein wa » .
haben. Ihre Leistungen stehen meistens denen der abendländischen Magier weit nach.
Gelegentlich wird nun von Vorführungen in Indien berichtet, di« weit über das hinausgehen, was der Jllusionskünstler zu leisten vermag. In solchen Fällen scheint es sich aber weder um Fakire noch um gewöhnliche Gaukler, sondern um Nogin zu handeln. Das sind Asketen oder Büßer des Hinduglaubens oder Brahmanen. Und ihre merkwürdigen Zauberkünste liegen auch ganz in der Linie der Yogalehre. Unter der Yogalehre versteht man, nach O. Stoll, „das Bestreben, durch Unterdrückung aller sinnlichen Regungen und Versenkung des Geistes in die Selbstbeschauung die Vereinigung mit Gott und dadurch die Herrschaft über die Naturgesetze zu erringen". Mindestens scheinen diese Yogin zuweilen über die Fähigkeit zu verfügen, auf die Zuschauer in einem in Europa unbekannten Ausmaße "massenftiggestive Wirkungen auszuüben, die sich bis zur Erweckung von Sinnestäuschungen steigern können. Hierher gehört das oft angezweifelte Seilexperiment, das aber anscheinend nur sehr selten von europaifajen Zeugen beobachtet werden konnte. Die Grundmotive biefee Experiments sind uraltes indisches Sagengut. Sie finden sich zuerst in Jataga, einer Sammlung von Fabeln und Legenden von der Wiedergeburt Buddhas, die zuerst in Pali ausgezeichnet sind, und deren ältester Kern bis mindestens in das dritte vorchristliche Jahrhundert zuruckreicht.
Das echte Seilexperiment besteht kurz in folgendem: Nachdem die Gauklertruppe die im Halbkreis um sie versammelten Zuschauer längere Zeit durch eintöniges Trommeln usw. und durch andere Kunststücke hinreichend präpariert hat, nimmt einer ein Seil zur Hand und wirft bas eine Ende in die Luft. Sas Seil bleibt anscheinend in der Luft hängen. Daraus klettert ein Knabe an dem Seil empor, wird zusehends kleiner und verschwindet oben den Augen der verblüfften Zuschauer. Danach klettert nach einem heftigen Wortwechsel der Inder mit. einem Meffer hinterher und verschwindet ebenfalls in der Höhe. Nunmehr ertönt lautes Jammergeschrei des unsichtbaren Knaben, und zum Entsetzen bes Publikums fallen die blutigen Gliedmaßen des offenbar zerstückelten Kindes aus der Luft herab. Sodann klettert der Inder wieder am Sell herab, sammelt die Glieder und bedeckt sie mit einem Tuch. Nach kurzer Zeit regt sich's unter dem Tuch, und 'ber Knabe springt frisch und gesund barunter


