Ausgabe 
23.8.1927
 
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Im Kontor bedachte Cdi, ob er seinem Ches über den Vorfall Mel­dung erstatten oder ob er schweigen solle. Dabei gelangte er zu der Reflexion: wenn sich über kurz oder lang in der Kasse ein Manko heraus- stelle. werde man ihn oder einen der anderen Ladengehilfen zur Ver­antwortung ziehen.Aber nein," beschwichtigt« er sich,so schlecht kann der Paul nicht sein. Er wird keine langen Finger mehr machen. Er hat doch auch ein Gewissen. Und wie jammervoll hat er ausgeschaut, wie ich ihn am Kragen hatte. Herrje, wie muß so jemand zumute sein! Und er hat das Geld' gewiß furchtbar nötig. Guck, neun Mark zwanzig hab' ich mir jetzt für dis Harmonika gespart. Wenn ich ihm die geb', und die Frau Krämer achtzig Pfennig drauflegt, ist er aus der Schwulität heraus und braucht nicht mehr auf Diebeswegen zu lungern. Die Harmonik« bleibt mir lang gut. Jawohl, ich tu's!"

Er ging hinauf ins Wohnzimmer, wo Paul am Fenster saß und dumpf vor'sich hinbrütete.

Da, Paul," sagte er, sein Geldtäschchen hervorziehend,hast du erst 'mal neun Mark zwanzig von mir. Du kannst 'mir's später rotei) er geben. Nun sieh zu, daß dir die Frau Krämer noch achtzig Pfennig leiht. Und dann bezahl, was dich drückt. Dein Vater bleibt auch keinem Menschen etwas schuldig."

Das willst du für mich tun?"

Jawohl, aus freien Stücken."

Ich nehm's an, Stevens. Und einen Schuft sollst du mich heißen, wenn ich dir das vergesse!"

Von Stund an war Paul in seinem Benehmen gegen den Lehrling wie umgewandelt. Es war nicht allein das Gefühl der Dankbarkeit, das ihn durchdrang, weil Cdi geschwiegen und ihm obendrein aus der Patsche geholfen hatte, er meinte, er müsse nun auch zeigen, daß er kein schlechter Kerl sei, und daß er nie mehr straucheln werde. Er machte den jungen Kaufmann zum Mitwisser seiner Freuden und Sorgen und vertraute ihm, daß er gar keine Ahnung habe, was er 'mal studieren solle, daß er aber sein Ehrenwort verpfändet, sobald er immatrikuliert sei, beim Korps Rhenania" einzutreten.

Die Stunde des Abiturientenexamens rückte immer näher. Paul faß bis spät in die Nacht hinein bei seinen Büchern. Herr Martinius aber war voll Zuversicht, denn der Direktor des Gymnasiums hatte ihm bei Gelegen­heit gesagt, er glaube, daß Paul mit Ehren bestehen werde. Am selben Tage, da der Abiturient freudestrahlend. mit dem Reifezeugnis für die Universität nach Haufe kam, wurde Edi nach vierjähriger Lehrzeit zum Handelskommis befördert. Herr Martinius gab beim Mittagessen eine gute Flafche zum Besten, und der Repetent brachte auf denhoffnungsvollen Bruder Studio" und denneugebackenen Kommis" einen feierlichen Toast aus.

Was kann er anders studieren, der Paul," rief er weinselig,als Jurisprudenz, die erlauchteste, die idealste aller Wissenschaften. Welche Perspektive für Ihren Sohn, Herr Martinius! Er kann sich zur Diplo­matenkarriere aufschmingen, er kann Reichsgerichtspräsident werden und Gott weiß was alles. Und in den ersten Semestern soll sich der Paul von den Schulstrapazen erholen. Das fordert die Billigkeit. Hat noch Zeit genug zum Ochsen. Und kommt das Fakultätsexamen, und es hapert, jo helfen wir ihm nach mit Vehemenz. Denn das ist unsres Amtes!"

Paul verhielt sich durchaus schwankend, sobald man ihn anging, sich über seinen Beruf zu entscheiden. Als Herr Martinius verlauten ließ, der Jurist sei ihm am sympathischsten, zeigte sich Paul bereit, darauf ein­zugehen und wählte in der Tat das Studium der Rechtswissenschaft. In­dessen kam es gleich bei Beginn ter Universitätszeit zwischen Vater und Sohn zu Differenzen. Paul hatte zwar nach mancherlei Ueberredungs- künsten die Einwilligung erlangt, Korpsstudent zu werden, allein Herr Martinius wollte unter keinen Umständen zugeben, daß sein Sohr: sich schlage. Paul mußte sich wohl ober übel dazu bequemen, nur als Kon­kneipant dem Korps anzugehören, wobei er denn freilich dem Vater ver­schwieg, daß er dessenungeachtet mindestens zweimal seiner Mensurpflicht zu genügen hatte. Als er nun eines schönen Tages mit einem riesigen Abfuhrschmiß erschien, war Herr Martinius dermaßen erbost, daß er sofort an den ersten Chargierten derRhenania" schrieb und den Aus­tritt seines Sohnes aus dem Korps anzeigte. Der Brief derAlten" wurde nach den Grundsätzen des Korps zwar nicht respektiert, allein Paul geriet in der Folge seinen Kommilitonen und seinem Vater gegenüber in eine Zwitterstellung, die ihn aufs schlimmste bedrückte und einem ziel­losen Vummelleben in die Arme führte. Das artete nach vier Semestern planlosen Flanierens so aus, daß Herr Martinius sich schweren Herzens entschloß, den Studenten -der Jurisprudenz gänzlich zu kassieren und den Sohn unter seiner Fuchtel zum Kaufmann heranzubilden. Der stolze Paul, der so oft über die Ladenschwengel seine Witze gerissen hatte, stand nun selbst unter den Kaffeesäcken und mußte all die Handlangerdienste ver­richten, die sein Vater mit äußerster Strenge von ihm forderte.

Ilnerachtet seiner Jugend hatte sich Edi Stevens im Hause Martinius bereits eine Vertrauensstellung erobert. Herr Martinius zog ihn bei allen wichtigen Einkäufen zu Rate und berief ihn zur Mitarbeiterschaft an der Preisliste, die im Laufe der Jahre zu einem stattlichen Buch angeschwollen war und in großer Aufmachung nicht nur im engeren Vaterland, sondern auch in den angrenzenden Provinzen verbreitet wurde. Herr Martinius schätzte Edis Arbeitskraft, feinen gesunden Menschenverstand und sein liebenswürdiges Wesen, mit -dem er sich die Herzen -der großen und kleinen Kunden gewann. Der Einfluß, den der rastlos Tätige auf den gleichaltrigen Paul Martinius übte, war ungemein günstig. Paul führte nach seinem Abgang von der Universität das Leben eines Einsiedlers. Da ihn seine ehemaligen Korpsbrüder, wo immer sie chm begegneten, vollkommen schnitten", so ging er in einem Gefühl von Scham und ängstlicher Zu­rückhaltung jeder Ge-selligkeit aus dem Weg und spann sich in der väter« ächen Klause ein. Das trieb er so weit, daß er sich weigerte, den Vater Sonntags auf einem Spaziergang zu begleiten. Aber Edi gelang es, den Widerstand des krankhaft Verschüchterten zu brechen.

Sieh' mal, Paul," sprach er zu ihm,so oft ein Professor oder ein Student in den Laden kommt, zuckst du zusammen und wechselst die

Farbe. Ich bitt' dich, warum? Ist denn das eine Schande, daß du bei deinem Vater arbeitest? Ich hab' hier und dort bei den Leuten herum­geh orcht.Das war nur so 'ne Schrulle," sagen sie,daß der Paul Mar­tinius studieren sollt'. Sein Vater ist bei Jahren und hat das einzige Kind. Ja, das versteht sich doch von selbst, daß der Paul beispringt und das blühende Geschäft im Schwung erhält. Und wenn er noch etwas von den Studentenpossen im Kopf hat, der Alte treibt sie ihm aus," sagen sie,und bringt ihn wieder auf den Damm. Die Martiniusse sind ein guter Schlag, die kommen nicht um." Sei doch gescheit, Paul! Was liegt dir daran, ob dich die Rhenanen über die Achsel cmgucken. Du weiht jetzt, was es heißt, sein Brot verdienen. Und dann euer gutes Geschäft! Ist ja 'ne Goldgrube, wenn ein bißchen aufgepaßt wird. Ihr sitzt heut so fest -bei der Kundschaft, ihr könnt eure ganze Konkurrenz, einen nach dem anderen, aus dem Sattel werfen. Und wie stehst du später 'mal da? Hast Geld wie Heu, brauchst nach niemand zu fragen und keine Kratzfühe zu machen. Ei, ich an -deiner Statt töt nicht den Geknickten spielen, sondern trüg den Kopf sehr hoch!"

Diesen vernünftigen Gründen gegenüber blieb Paul auf die Dauer nicht -unzugänglich. Er begann sich für Unternehmungen seines Vaters zu interessieren, und sobald ihm dieser eine größere Selbständigkeit ein- geräumt hatte, griff er mit so viel Umsicht und Energie in -den Gang der Geschäfte ein, daß Herr Martinius sich für die Zukunft von der Mit­wirkung seines Sohnes die glänzendsten Bilanzen versprach. Sonntag nachmittag durchstreiften Paul und Edi -die schöne Umgebung der Stadt. Auf diesen weiten Gängen überließen sie sich einer harmlosen Fröhlich­keit, teilten einander ihre Hoffnungen und Wünsche mit; was dem einen fehlte, bot der andere dar, und so schlossen sie in glücklicher Ergänzung einen innn-igen Freundscha-ftsbund.David und Jonathan redivivi!" scherzte der Repetent. Die Feierabende widmeten sie dem Studium frem­der Sprachen, insbesondere dem Englischen, denn Paul trug sich mit der Absicht, zur Erweiterung seines Gesichtskreises einige Zeit in einem be­freundeten Londoner Hause Stellung zu nehmen.

Edis Vater war nach kurzem Krankenlager einer schweren Lungen­entzündung erlegen. Der Nachlaß des Schuhmachermeisters war so gering, daß Edi, um alle Gläubiger zu befriedigen, das elterliche Häuschen ver­kaufen mußte. Nun mietete er in freundlicher Gegend vor der Stadt ein kleines Logis und ließ es sich angelegen fein, als guter Sohn für die Mutter zu sorgen, die nicht -mehr von der Stelle konnte und hilflos an das Bett ober den Rohrstuhl gebannt war. Der Alten schossen die Tränen in -die Augen, wenn er ihr liebreich bei stand und sie auf feinen starken Armen aus dem Wohnstübchen ins Schlafzimmer trug.

Edi," sagte sie,du bist herzensgut, Gott vergelt dir's tausendmal, was du an deiner alten Mutier tust."

Wie kannst du nur so reden?" wehrte Edi ab.Hast du mir nicht oft erzählt, was ich für ein elendes Würmchen war, wie ich zur Welt ge­kommen bin. Und wie die Leute gesagt haben, das Kind wird kein halbes Jahr alt. Und wie du mich monatelang dem Tod abgerungen hast, bis ich endlich gedieh und Pausbäckchen bekam. Und wie du dann zusammen- gebrodjen bist und dich gar nicht hast erholen können. Ei, Mutter, du hast ein schlechtes Gedächtnis'! Ja, siehst du, du mußt sehr alt werden, wenn ich das wettmachen soll, was du für mich eingefetzt hast."

Zärtlich ließ sie ihre treuen Augen auf ihm ruhen. Sie fühlte wohl, daß ihre Lebensflamme am Verlöschen war, aber sie wollte ihm das Herz nicht schwer machen und erduldete klaglos, was ihr auferl-egt war. Als Edi sich einmal auf einer Landfahrt verspätet hatte und wie von einer dunklen Ahnung getrieben dem Kutscher die größte Eile befahl, kam ihm Paul an der Stadtgrenze entgegen. Er wußte was geschehen war. Nach­mittags war seine Mutter ohne Kampf hinübergeschlummert. Ein paar Tage später begrub er sie. Und ein tiefes Weh schnürte ihm die Brust zu­sammen, da die Schollen dumpf -dröhnend auf den Sarg fielen, und es war ihm, als es ein Stück von ihm selbst, das er da in die Erde ver­senkte. Paul Martinius aber umarmte den Verwaisten am offenen Grad. Du darfst nicht verzagen, Edi. Laß mich dein Freund, dein Bruder sein!"

II.

Herr Johann Emmerich Martinius durfte ohne Ruhmredigkeit be­haupten, daß er alle Konkurrenten in feiner Vaterstadt überflügelt habe. Der Zudrang zu seinem Geschäft war so bedeutend, daß die alten Sahen« und Lagerräume nicht mehr ausreichten und sich -daraus die Notwendig­keit, einen Neubau aufzuführen, ergab. Ein geschickter Architekt legte feine Pläne vor. Herr Martinius war nicht engherzig und bewilligte eine ansehnliche Summe, die dem Baumeister den meiteften Spielraum ließ. So wuchs in Jahresfrist ein stattliches, im deutschen Renaissancestil ge­haltenes Kaufhaus empor. Bei den größeren Verhältnissen, die nun, zu berücksichtigen waren, mußte man an eine Vermehrung des Geschäfts­personals denken. Paul und E-di waren mit der Leitung des Berfand« geschäftes betraut, drei Kommis bedienten die Laden-kun-dschaft. Herr Martinius, der an seinem Stammtisch von Sozialreformen schwärmte und mit Freimut über die Frauenfrage sprach, engagierte zur Verwunderung seiner Mitbürger für das Kontor eine Buchhalterin. Fräulein Dornhöfer, die Tochter einer Beamtenwitwe in München, war ihm von einem bayrifchen Geschäftsfreund warm empfohlen worden. Sie erwies -sich denn auch in ihren Arbeiten so gewandt und zuverlässig, daß Herr Martinius ihr fein volles Vertrauen schenkte. Fräulein Dornhöfer war keineswegs eine hervorragende Schönheit, aber aus ihren Augen sprach so viel Güte und Liebenswürdigkeit, daß sie jedermann für sich einn-ahm, der mit ihr in Berührung kam. Dabei wußte sie -durch ein sicheres, taktvolles Auf­treten eine Schranke um sich zu ziehen, die niemand zu überschreiten wagte. Die Tischgesellschaft im Hause Martinius erhicki durch -den Zuwachs der Münchnerin eine andere Physiognomie. Der Repetent, dem auch rm Neubau, dem Himmel benachbart, auch ein Plätzchen eingeräumt wor^n war, überbot sich in Aufmerksamkeiten gegen die Buchhalterin. Er hatte in München studiert und dort, wie er pathetisch ausrief, seinen Bebens« frühling durchbraust.

(Fortsetzung folgt.)

Deranttoortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.