Ausgabe 
23.8.1927
 
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grausam und hart. Er rüstete Schiffe aus mit tapferen, starken Mannern unld mit Kanonen. Und wenn er einen Seeräuber gefangen hatte, dann lieh er ihn und alle seine Matrosen gleich am nächsten Tage hmrichten. Aber alle Frauen, die er auf den Seeräuberschiffen gefangen nahm, lief? er frei. Aber Engel war nicht darunter.,Und Ubben Ubbena fing er nicht.

Zehn Jahre vergingen so. Da kam ein großer Tag. Der Amtmann kehrte heim mit seinen Schiffen, und am Mast des vordersten Schiffes wehte die purpurne Flagge mit dem weihen Pferde. Ubben Ubbena war geronnen und ein junger Matrose. Die andern waren entkommen.

Und am andern Mittag standen Ubben Ubbena und der gefangene junge Seeräuber auf dem Richtplatz, und der Henker stand vor ihnen, und der Amtmann saß vor ihnen und war bleich in hartem Grimm.

Da sagte Ubben Ubbena zu dem Amtmann:Gib meinen Matrosen frei! Er ist unschuldig. Er tat nur, was ich ihm befahl."

Da sahen der Amtmann und alle Menschen, die versammel waren, auf den jungen Seeräuber. Und sie waren betroffen von so viel Schön­heit. Es war eine edle, schlanke Figur und ein feines, weißes Gesicht Und die großen, Hellen, blauen Augen sahen unverwandt auf Ubben Ubbena.

Aber in des Amtmanns Augen war der Haß.

Ubben Ubbena," sagte er,du weiht, was du mir getan hast. Dem Knabe stirbt, damit ich dir vergelte."

Da warf sich der mächtige, große, gewaltige Ubben Ubbena dem Amt­mann vor die Füße Und flehte ihn an um das Leben seines Matrosen.

Da ward des Amtmanns Gesicht verzerrt.

Hast du ihn lieb?" fragte er. .

Ja!" schrie Ubbena.Ich habe ihn lieb." Und es war der Schrei eines gequälten Herzens. Aber der Schrei erstickte unter den Küssen 'des Matrosen, der Ubben Ubbenas Hals mit seinen schlanken Armen um­faßte. . .

Wenn du ihn so liebst," sagte der Amtmann, und er war aufgestanden und sprach es voll Haß,so soll er vor dir sterben. Daß ich vergelte, was du mir getan hast." ..

Da arbeitete wilde Erregung in Ubben Ubbenas mächtigem Körper. Wer er richtete sich hoch auf und sprach:So höre, Amtmann! Es ist _"

Aber da küßte ihn der Matrose von neuem mitten auf den Mund und sprach hell klang die Stimme und süß:Du sollst nicht demüttg fein, Stolzer, ich will mit dir sterben!"

Da schwieg Ubben Ubbena.

Der Amtmann winkte.

Und ats -bes jungen Matrosen feines Haupt in den Sand rollte, sprang Ubben Ubbena wild herzu,'hob, das Haupt auf und küßte es mit toller Inbrunst und bedeckte es mit seinen Tränen.

Er ließ das Haupt, das feine, junge, geliebte, nicht aus den Händen, als er selbst niederkniete.

Aber ehe des Henkers Schwert seinen Nacken traf, rief er dem Amt­mann zu:Es war Engel, deine Tochter!"

Mit Erlaubnis von Gustav Schloehmanns Verlagsbuchhand­lung, Leipzig und Hamburg, der NovellenfammlungVom Leid" ent­nommen.

In Beeglrönigs Eispalast.

Ein Besuch in der Rieseneishöhle des Dachsteins.

Von Dr. Hedwig Fischmann.

In den Spalten des Gletschers, wo sich riesige Eisquadern unheimlich übereinander wölben, wo nach dem Glauben der Bauern die Seelen der Verdammten bis zum jüngsten Tage eingemauerf find, türmt sich der Palast der Eisjungfrau. Menschengierig zieht sie ihre Opfer zu sich hinab. So erzählt der nordische Dichter Andersen. Aber tief in der Berge innerstem Schoß floh in Urweltstagen, die Menschheit hassend und meidend, ihr Vater, der Bergkönig. Dort, von dem schützenden Wall der Felsen umschlossen, bauten und bauen noch heute seine Sklaven, die Wassergeister, unermüdlich auf sein Geheiß schimmernde Paläste und ragende Dome, bauen und zerstören und bauen aufs neue. Doch ver­gebens seine Flucht. Der Menschen neugieriges Geschlecht erspähte die dunklen Deffnungen in den Felswänden und drang ein, tiefer und tiefer, allen Gefahren trotzend, mit denen der König sein Reich verteidigte, angezogen mit magischer Gewalt von dieser ungeahnten Märchenwelt.

So ward das Zauberreich der Dachsteinhöhlen erschlossen, in das jetzt alljährlich tausende wundersehnsüchtige Talmenschen smporpilgern, um ein großes heiliges Erlebnis mit sich hinabzutragen. Aus allen Teilen der Welt strömen sie zu diesem einzigartigen unterirdischen Zeugen ewig schaffender Naturgewalten. Und wenn erst der eifrig erwogene Plan einer Seilschwebebahn, die den Besucher schnell und mühelos vom Ufer des Hallstätter Sees zu dem in das Höhlentor hineinlugenden, dem Dach- fteinmasfiv zugehörigen Däuml emportragen soll, Ereignis geworden sein mirb wodurch auch zugleich ein Skifeld zugänglich gemacht würde, das in der Welt kaum seinesgleichen fände, dann ade, du große, du göttliche Gebirgseinsamkeit, dann wird der alte Bergkönig auch in dem letzten seiner noch unerforschten Labyrinthe nicht mehr sicher fein.

Einstweilen heißt es freilich noch auf recht mühseligem Pfade zu den beiden hochgelegenen Dachsteinhöhlen, der in 1450 Meter Höhe sich öffnen­den Rieseneishöhle und der unfernen gewaltigen Mammuthöhle hinan- klimmen. Doch welch bilderreicher Weg führt aus dem lieblichen, im Wiesental der Traun eingebettet träumenden Dörfchen Obertraun empor durch eine machtvoll ernste Gebirgsszenerie, bis das finster drohende Höhlentor, im innersten Winkel des vom Hagenock bis zum Mitlagskogel sich spannenden, vom Hirschberg und Krippenstein überhöhten Bogens ge­legen, erreicht ist und noch einmal ein voller, die Mühen reich lohnender Blick zwischen den Bergwänden auf den 1000 Meter tiefer liegenden, silbern schimmernden Hallstätter See alle Schönheit dieses leuchtenden Bildes in sich trinkt, ehe die Nacht der Unterwelt uns aufnimmt.

Als die ersten wagemutigen Erforscher die Rieseneishöhle, die einst­mals mit der Mammuthöhle und den zahlreichen kleinen, in gleicher Höhe gelegenen, uim Teil noch unbefahrenen Höhlen des Dachsteinmasfivs ein

zusammenhängendes, später durch Einsturzkatastrophen getrenntes System gebildet l>at, im Jahre 1910 zum erstenmal in dies von Menschenschritten unentweihte Bergreich eindrangen, da bedurften sie zu ihrem kühnen Unternehmen, das die größte bis -dahin bekannte Eishöhle erschloß, einer sorgfältigen Ausrüstung, darunter 30 Meter Drahtseilleitern und der zum Ueberqueren der gähnenden Abgründe notwendigen Selle. Heute, da in die den Besuchern zugänglichen Teile überall gebahnte Wege und ins Gestein und Eis gehauene Treppen führen, besteht die ganze Ausrüstung der Expedition aus Karbidlampen, die der Führer jedem Dritten der hintereinander schreitenden Kolonne zuteilt. Vor allem aber gilt es, sich wohl gegen die Kälte des Höhlenreiches zu verwahren; liegt doch die Durchschnittstemperatur im Innern der Eishöhle, in der die Eisbildung auch im Sommer andauert, bei 1 Grad, während in der Mammut- unb der tiefer gelegenen Koppenbrüllerhöhle die Eiswunder während der warmen Monate zum größten Teil wegschmelzen. Aber auch in der Riefeneishöhle find die Formationen einem beständigen Werden und Vergelten, einem Ausbau und Abschmelzen unterworfen, und das Wachsen und Wandeln der Formen gehört mit zu den interessantesten und reiz­vollsten Erscheinungen dieser Wunderwelt. Eis aus der Diluvialver­gletscherung hat sich nach den neueren speläologischen Forschungen nur in ganz unbedeutenden Mengen in den Höhlen erhalten. Der beständige Neuaufbau ist außer durch die günstige Höhenlage der Rieseneishöhle durch die besondere Richtung und Lagerung ihrer Haupträume bedingt. Es sind dies nämlich Sackhöhlen mit einem nach Norden liegenden Ein­gang und einer nach abwärts sich senkenden Längsachse. Im Gegensatz zu ihnen kann es in den in gleicher Höhe gelegenen, aber horizontal ober nach aufwärts dem Berginnern zustrebenden Höhlen nie zu einer Eisbildung kommen; denn nur in dem nach abwärts gerichteten Höhlensack kann in der kalten Jahreszeit die kalte Luft in die Tiefe bringen, wo sie sich über dem Boden sammelt, diesen sowie die Wände bedeutend ab­kühlt und eine mittlere Jahrestemperatur dieser Räume bewirkt, die unter dem Jahresmittel der Außenluft liegt.

Ein eisiger Wind, gleichsam ein letzter Abwehrversuch des Berggeistes gegen die Eindringlinge, empfängt uns bei dem Eintritt in das unter­irdische Reich. Mit leisem Grauen tastet man vorwärts ins ungewisse Dunkel. Doch kaum daß sich der Blick ein bißchen an die vom huschenden, matten Lichtstrahl der Lampen, vom aufflammenden und erlöschenden Magnesiumlicht des Führers phantastisch aufgehellte Finsternis gewohnt hat nimmt uns das Wundevmärchenreich mit atembeklemmendem Zauber gefangen. Hier wächst eine Riesensäule, mit funkelnden Dia­manten besät, gegen das Dach der Höhle, sich im schattenhaften Dunkel1ber Wölbung verlierend; dort hängen reihenweise mächtige Eiszapfen, schim­mernden Dolchen ähnlich, vom Gewölbe herab und zücken gegen den un­willkommenen Gast die Schärfe ihrer aufleuchtenden Spitzen. Geheimnis­voll gähnend öffnet sich plötzlich zur Rechten ein unheimlicher, 30 Meter tiefer Eisabgrund, aus dessen Schlunde, sekundenlang durch hinabsmkenbe Leuchtraketen erhellt, gespenstische Gebilde emporzuwachsen scheinen. Im Weiterschreiten weitet sich nun die Höhle, ein hochgewölbter Eisdom, der Tristandom, umfängt uns, und aus dem in schimmernden Wogen gleichsam chwingenden und singenden Boden baut sich ynngrfront, llirm- rfjenüberragt der Monte Cristallo, eine der formenreichsten Eiskegel- ^Unb" meiter geht es von Wunder zu Wunder. Alle Zaubergebllde ber alten keltischen Sagen, die diesen Räumen ihren Namen geliehen, werden hier lebendig. Hell strahlend, mit Türmen und Säulen geschmückt, ragt eine kristallene Burg empor, die hehre Gralsburg, aus dem Monsalwassch- Gletscher des Parzivaldomes aufstrebend. Unb Menschenkulturepochen wie Minuten überschlagend, schimmert dort am Rande eines Gletschers ein schlankes gotisches Kirchlein, dem des Wassers emsige BiIdnerarbelt zier­liche Fenster genagt, filigran artige Turmgebilde aufgesetzt hat. Hier droht, unheimlich gelagert am Wege, die riesenhafte Gestalt eines eisgeblldeien Sömen dem die groteske Schöpferlaune der heimlich webenden Natur­kräfte in den letzten Jahren einen immer -deutlicher sichtbar werdenden Höcker wachsen läßt in diesem Wunderlande wahrlich nicht der Wunder 9r°Sodi nun, da wir hinabsteigen auf vereisten steilen Stufen in noch größere Tiefen, scheint auf einmal jedem weiteren Vordringen gebieterisch Halt geboten: in weihen schimmernden Falten, wie in gleitender Be- u>2Qunq zu dem Versuch des Zurückschiebens verlockend, Jtnft em Eis- vorhang von dem Gewölbe zum Boden herab. Nur eine schmale, dreieck­förmig sich öffnende Spalte gewährt kargen Einlaß in die dahinter be­findlicheKapelle". Und wie die Falten des Vorhangs herabzuriefetn meinen von der geheimnisvoll im Dunkel verschallenden Wölbung, so streben hier und in der einzigartigenGroßen Kapelle die mächtigen aneinandergereihten Säulen einer Riesenorgel, rote sie keine Kirche von Menschenhand ihr eigen nennt, sehnend empor in bte Höhe-Zeit- unb weltentrückt, im Banne dieser unwirklichen Wirklichkeit, glaubt man die Säulen schwingen und tönen zu hören wie im mutwilligen Spiele, gigan- Hiebe «sebickeu ...

Schwer nur finden wir uns zurück aus jener Zaicherwelt, als wir hinaustreten durch das dunkle Tor an bas Licht des Tages. Maß und Wertung aller Dinge scheint verwandelt.

Edi Stevens.

Novelle von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Warum hast du an die Ladenkasse gewollt?" fragte Edi mit der Strenge eines Kriminalrichters. .

Weil ich zehn Mark zu bezahlen hab' und nicht weiß woher nchmen.

Und da mußt du dich an deinem Vater {einem Geld »ergreifen? Bei all beinern Griechisch und Lateinisch hast du nicht einmal das siebente

^^Der^hochmütige Paul war ganz zerknirscht unb schluchzte laut;Du mir den Gefallen, Stevens, unb sag' nichts.

Ich werd' mirs überlegen", antwortete dieser unb wandte dem bleichen Sünder -den Rücken.