Eichener Zamilienblätler
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (927
Dienstag, den 23. August
Nummer 67
Sommerbrld.
Von Friedrich Hebbel.
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn, Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schaudernd im Borübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod.
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, Nur leise strich ein weißer Schmetterling; Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag Bewegte, sie empfand es und verging.
Eilhard Erich Pauls.
Zum fünfzigsten Geburtstag des Dichters.
Von Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn.
Man könnte im Zweifel sein, ob es berechtigt ist, den fünfzigsten Geburtstag eines in der Oeffentlichkeit hervorgetretenen Mannes zum Anlaß einer Ueberfchau über fein Leben und Wirken zu nehmen, oder ob dieses nicht besser einem späteren Zeitpunkt überlassen würde. Indessen sind die fünfzig nicht nur eine schöne runde Zahl, sondern sie haben pine nicht zu verkennende Bedeutung für das Leben des Mannes. Bis zu diesem Lebensjahr etwa erhält er sich auf der Höhe, die er mit vierzig, der Atme der Griechen, erreicht hat. Da er aber kein Werdender mehr ist, so läßt sich ein Bild und Urteil über sein Schaffen gewinnen, dos später im einzelnen gewertet werden mag, im ganzen aber zu Recht bestehen wird. Der fünfzigste Geburtstag ist darum eine Gelegenheit, einen Ueber- blick über das gesamte Leben und Schaffen eines Mannes zu geben. Bei einem Dichter ist oft ein vollständiges Verstehen seiner Werke ohne Kenntnis seines Lebens, das sich darin widerspiegelt, nicht möglich. In besonderm Maße ist dieses der Fall bei dem Erzähler Eilhard Erich Pauls, der am 26. August 1927 sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet; denn er hat nach seinem eignen Bekenntnis die Gestalten seiner Dichtungen immer der Gegenwart und dem eignen Erlebnis, im Grunde sich selbst, entnommen.
Seine Wiege stand in Großsalze bei Magdeburg, einem ehedem adligen Städtlein, heute Salzelmen genannt. Sein Vater war der Lehrer und Vorsteher einer Privatmädchenschule Hinrich Jan Pauls (geb. zu Leer in Ostfriesland 1840, gest. zu Grohfalze 1903), seine Mutter Christel Oldenburger (geb. zu Leer 1848, gest. zu Grohsalze 1909). Beide Eltern sind ostfriesischer Abstammung. In seiner Ahnenreihe sind die Pauls seit dem Dreißigjährigen Krieg erbeingesessen in der Westermarsch, seine Vorfahren mütterlicherseits von 1717 bis 1885 in allen Geschlechtern ostfriesische Pastoren. Das ostfriesifche Blut, das in seinen Adern rollt, verbindet ihn mit den Menschen und der Landschaft und bestimmt seinen Charakter als niederdeutscher Erzähler. Wie er bluts- und wesensver- wandt mit diesem Norddeutschland ist, so sind auch die von ihm geschilderten Gestalten zurückhaltend und wortkarg, hart aus übermäßiger Innerlichkeit, aus der Not eines zu starken Gefühlslebens wie die Niedersachsen.
Die Lust am Fabulieren erbte der Sohn von der Mutter, die „eigentlich eine Dichternatur" war. Er hat sie wiederholt in seinen Erzählungen geschildert, so auch in „Ion Iites Wanderbuch" mit den Worten: „Christelmutters Hände waren mager und zart, sie waren zu jedem Dienst willig und zu jeder Hilfe bereit, nicht aber zog sie in die Unruhe hinein. In Christelmutters Herz war der Mittelpunkt der Welt. Wenn Jan Jite in ihm zu Hause war, so war er in aller Welt nicht fremd. Aber er konnte nicht im Irdischen versinken."
Den ersten Unterricht empfing Pauls in der Volksschule von Großsalze. Im Herbst 1888 kam Pauls als Quartaner nach Magdeburg in das Alumnat des Gymnasiums zum Kloster Unser Lieben Frauen wie Jan Jite und Hans Mendel (Die Geschwister im Salzkorb). Das galt es zunächst zu überwinden, dann aber „erzog das mutterlose Zusammensein mit zweiundsiebzig Kommilitonen früh zu starker Selbständigkeit". Er führte ein stilles Innenleben, weswegen ihn seine Lehrer als passiv schalten. Er las viel.^Deutsch, Geschichte und Mathematik waren seine Lieblingsfächer, fremde Sprachen waren nicht sein Fall, nur bei dem Griechischen „zog ihn ebenso die Musik und Anschaulichkeit der Sprache wie die Naivität und Graßheit des Stoffes bei Homer und Thukydides an. Homer und die Bibel sind auf seine eigne Sprache von ausbildendem und bleibendem Einfluß gewesen".
Ostern 1894 verließ er das Gymnasium mit dem Zeugnis der Reife. „Ein paar glückliche, harmlose, freie Ferienwochen verbrachte er zu Hause", dann bezog er, um Geschichte und^ Germanistik zu studieren, „aller Erwartungen voll und mit einem Säckel, den er nie glaubte leeren zu Gönnen", die Universität Tübingen. Er wurde Burschenschafter; da ihm aber sein Baier nach Bezahlung der Schulden des ersten Semesters erklärte, daß er das finanziell nicht mehr leisten könne, so wurde er im
folgenden, wo er nach Berlin übersiedelte, nicht wieder aktiv, „dabei auch innern Notwendigkeiten folgend". Zu Beginn des Sommersemesters 1897/98 vertauschte er Berlin mit Halle. „Bis dahin hatte er in di« verschiedensten Disziplinen hineingerochen, ohne irgendwo Befriedigung zu finden. Klassische Philologie, Jura, Nationalökonomie waren vorübergezogen, die Fächer Deutsch, Geschichte und Geographie blieben schließlich. Kurz vor Weihnachten 1900 schloß er seine Universitätsstudien mit dem Staatsexamen ab, durch das er die Lehrbefähigung in den erwähnten drei Fächern für alle Klaffen erwarb.
Da er nicht zu dem Militärdienst tauglich befunden wurde, stellte er sich dem Schuldienst im Osten zur Verfügung. Das erste Jahr des Schul- oorbereitungsdienstes erledigte er demzufolge in Pofen und Bromberg. Als Probekandidat kam er nach einem Jahre an die Adelsschule zu Roßleben an der Unstrut und war daselbst zugleich Hilfslehrer und Alumnatsinspektor.
Seine ersten dichterischen Versuche, meist schwermütige lyrische Gedichte, die, soweit sie „verdientem Flammentode entgangen sind, im hintersten Winkel seines Bücherschrankes pietätvoll aufbewährt" werden, gehen in seine Gymnasialzeit zurück. Schon als Obersekundaner schrieb er,, und sein Schreiben war ihm eine Entlastung. Hierin wirkte sich eine niederdeutsche Stammeseigenschaft bei ihm aus. Auch ohne erschütterndes äußeres Erleben gehen die Erlebnisse des Niederdeutschen vom Grunde der Seele aus und leben sich in stiller Innerlichkeit ab, er trägt oft schwer an einem Ding, das er auch den Nächsten nicht sehen lassen kann. Das trat besonders bei dem jugendlichen Pauls hervor, der „nicht an befondern leidvollen Erfahrungen, aber an 'der Einstellung zum Leben in schwerer, einsamer Art zu tragen und zu knacken hatte". Das kommt auch in seinem dichterischen Schaffen zum Ausdruck, bei dem er seine Menschen immer der Gegenwart und dem eignen Erlebnis entnommen, seine Stoffe aber gern aus der Geschichte gewählt hat. Das ermöglichte ihm eine leichtere Lösung vom Zufälligen und stärkere Gestaltung des Wesentlichen. Daher ist er trotz seinen „historischen" Romanen und Novellen im Grunde kein historischer Erzähler, denn der Blickpunkt ging jedesmal von der Gegenwart aus. Das verdeutlicht besonders ein Vergleich seines märkischen Romans „Der eine Mann" mit dem denselben Stoff behandelnden Roman von Willibald A l e x i s, „Der falsche Waldemar".
Inzwischen war er am 1. April 1903 als Oberlehrer am Iohanneum, dem Gymnasium, zu Lübeck angestellt worden, wo er heute noch als Professor wirkt. Damit trat Lübeck in sein Leben und sein dichterisches Schaffen ein und reiht sich hier in fein ostfriesisches Stammland und neben feinem Heimatsort Großsalze, den Schauplatz seiner Erzählungen „Frau Christel", „Jan Iites Wanderbuch", „Kleinstadt", „Klein-Bettenhausen" und den „Geschwistern im Salzkorb". In den beiden Romanen „Der Freiheit Hauch" und „Kai Friedrich" schildert er Lübecker Jungen, wie er sie als Lehrer kennengelernt und liebgewonnen hatte.
Die sieben Novellen umfassende Sammlung „Vom Leid" begründete den Namen ihres Verfassers in der Literatur. Das erste Stück der Sammlung „Karsten Düker" schildert, wie die Frau des Amtmanns dieses Namens aus Eifersucht als Hexe denunziert wird und es ablehnt, mit ihrem Manne zu fliehen, weil er sie wirklich für eine Hexe hält. Wahrhaft erschütternd ist die Geschichte von dem großen Seeräuber „Ubben Ubbena", wo der friesische Amtmann diesen und den ihn begleitenden jungen Matrosen töten läßt, nicht wissend, daß der vermeintliche Junge seine eigne Tochter ist, die der Seeräuber im Alter von fünf Jahren geraubt hatte. In die Zeit des Dreißigjährigen Krieges versetzt die Novelle von „Joachim Helldorf", einem mit zehn Jahren geraubten Pfarrerssohne, der schwedischer Offizier wird und bei seiner Rückkehr in sein Heimatdorf seine Jugendliebe als die junge Gattin eines andern findet und kurz darauf den Tod erleidet. „Heimkehr" und „Heimat" zeigen, wie Soldaten gewordene Dorfsöhne nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges entweder von ihren Angehörigen abgewiesen werden oder alles tot finden. „Briefe" schildern den Heldentod eines jungen Gutsherrnsohnes auf Deutsch-Edel in der Ostmark, und die letzte Novelle „Hans Jürgen" steht dar, wie ein Dater seinen Sohn, dessen Geburt der Mutter das Leben gekostet hat, diesen deshalb sieben Jahre lang übersieht, ihn dann als sein Alles gewinnt und nach weiteren sieben Jahren durch eine tückische Krankheit verliert.
Wenn sich an dieses Werk in rascher Folge andre anschlossen, so war das dadurch bedingt, daß sein Erfolg manchen Erzählungen, die Pauls in seinem Schreibtisch liegen hatte, den Weg zur Veröffentlichung ebnete.
Im Mittelpunkt des Romans aus der Franzofenzeit „Der Freiheit Hauch" (1910) steht der am 14. März 1792 zu Naumburg geborene Predigersohn Friedrich Staph, der am 16. Oktober 1809 in Schönbrunn erschossen wurde, weil er vier Tage vorher beabsichtigt hatte, Napoleon während der Heerschau zu ermorden; auch des Prinzen Louis Ferdinand Heldentod ist in die Erzählung eingeflochten. In die nämliche Zeit fällt die Handlung der Novelle „Frau Christel" (1911, 4. Aufl. 1925), mit der der Verfasser seiner Mutter ein Denkmal setzte. Die Stadträtin Christiane von Geyer in einer kleinen, stillen Stadt, ein paar Wegstunden südlich von


