Ausgabe 
23.7.1927
 
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Siehener zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang \<m Samstag, den 23. Juli Nummer 58

Der alte Garten.

Von Josef Freiherrn von Eichendorfs.

Kaiserkron' und Päonien rot. Die müssen verzaubert sein. Denn Vater und Mutter sind lange tot. Was blühen sie hier so allein?

Der Springbrunnen plaudert noch inlinerst. Von der alten schönen Zeit, Ein« Frau sitzt eingeschlafen dort Ihr« Locken bedecken ihr Kleid.

Sie hat eine Laute in der Hand, Ms ob sie im Schlafe spricht.

Mir ist, als hätt' ich sie sonst gekannt Still, geh vorbei und weck sie nichtl

Und wenn es dunkelt das Tal entlang, Streift sie di« Saiten sacht, Da gibt's einen wunderbaren Klang Durch den Garten die ganze Nacht.

Bom gesundnen Reinhold undverlorn" Wretlein.

Bon Heinrich S t e i n h a u s e n*).

Nach der Handschrift Josias Schwadens weiland Schulmeisters zu Warbergen.

--Aber sonderlich da man zählte nach unsres Herrn Geburt 164.. im Lenzen ist die Gemeinde in große Fahr und Angst gestürzet. Denn nach­dem, wie schon hiebevor vermeldet, di« Furie des schröcklichen Krieges, so hin und her in teutschen Landen über Städte und Dörfer ihre schädliche Geißel geschwungen hatte, durch des grundgütigen Gottes Erbarmung seit beinahe zehen Jahren von unsrem Ländlein fern geblieben, so daß Jeglicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum gutes Friedens genießen durfte, so drangen plötzlich kaiserliche Völker, dem Grafen Gallas zugehörig, in die Herrschaft unsers Gnädigen Fürsten. Hochderselbe hatte zwar in väterlicher Fiirsichtigkeit zuvorn für seine gesamte Landschaft von Kaiserlicher Majestät eine salva guardia um 10 000 Dukaten zu Weg« gebracht: was gestalten aber des Gallas Obristen und Leutenants den Schutzbrief der Majestät in acht nahmen, kann man leichtiglich daraus atinehmen, daß Jhro Fürstl. Gnaden mit Gemahl und Kinderlein alsbald nach Einbrechen der Soldaten außer Landes (und das mit Eil) sich begeben mußten, maßen hochdieselbe dem Jammer doch nicht wehren konnte, unter welchen di« Kaiserlichen mit Brandschatzung, Kontribution und hochbeschwerlicher Bedrückung Land und Leute, so zu reden gleichsam untertauchten.

Derohalben waren sie hier auch zu Warbergen anders nicht erwartend, als daß der Greuel über uns kommen würde; sintemal wir uns ja nicht etwas Besseres zu sein wußten denn so viele andere, welch« der Jammer nicht verschonete. Jedennoch ließ es sich eine ziemliche Weile an, als ob des Gallas Soldaten sich aus unsrem Land heben wollten, ohne in unsre ab­gelegene Gemarkung den Weg genommen zu haben. Da waren wir voller Freuden, als wir solches vernahmen, und faßten wieder eine fröhliche Hoffnung zu Herzen, daß wir ohne einigen Schaden davonkommen und keiner Klaue beraubet werden würden. Täglich bin ich zu der Zeit an die drei Male den Kirchturm hinangestiegen bis zum Gebälk, darein die Glocken hangen, so sauer mir es ward, und habe Wern Wald ins ebene Land gesehen, ob eine feindliche Heersäule zu erschauen wäre oder an aufsteigen­dem Rauch und Feuer die Spur ihres Weges.

Dergestalt gingen vier Wochen herum und man rüstete gegen Himmel­fahrt hin, als an Stell« der Erledigung aus Furcht und Sorge um desto viel größer« Beschwerung, ja Zagen und Schrecken über unsre kleine Ge­meinde kam. Denn es erscholl unvermutet, der Schwed rückte von Mittag heran, um dem Gegenteil den Weg zu verlegen. Nun zieht die Heer­straße aufs höchste zwei Wegstunden meit bei uns vorüber, und ob sie zwar als der evangelischen Wahrheit Beschützer und Verfechter unsers Teils waren, so wußte doch männiglich trefflich wohl, wie sie an andren Orten gehauset hatten, also daß di« Lutherischen, so es erprobet, den Kroaten einen ebenso freundlichen Gast zu sein schätzten als den Schweden. Daß stch's hielte, wie man uns berichtet hatte, das ward nur allzubald gewiß. Ich sah vom Turm aus das Kriegsvolk vom Gebirg herniederziehn und in der Ferne sich hiehin und dorthin ausbreiten.

Da vermerkten wir wohl, daß wir mit unferm sichern Frieden auf die Letzte gekommen wären, und die Aeltesten in der Gemeinde wurden Rats,

*) Die Novelle ist dem bei I. F. Steinkopf, Stuttgart 1926, erschie­nenen BandeErzählung« n" von Heinrich Steinhaufen ent­nommen.

wenn das Dorf vor grausamer Verwüstung nicht zu verwahren, doch Menschen und Vieh und von der fahrenden Habe so viel möglich in Sicher­heit zu bringen. Sie wollten, wenn das Unheil herankäme, höher hinauf ins Gebirg' durch die Furt übern Mühlbach. Da führt der Weg durch Schluchten und in mancherlei Windungen auf eine Höhe, mitten im Wald, so man den Staufenberg heißt; ist dorten felsiges Gestein, das vielfach überhangt und Schutz gibt und Bedachung.

Indessen aber dieweil zwar das Kriegsgetümmel nähernder kam, jedoch den Weg zu uns herauf eine Partei den Fuß nicht setzt«, ja, seltsamlich zu sagen, bis anhero nicht einmal Fouragiere oder auch Schnapphähne uns heimsuchten, darum so faßte die Gemeinde etlichermaßen wieder einen Trost und gingen die Tag« so in Ungewißheit hin.

Nachgehends aber ward Ler Kleinmut und Schrecken groß, als die Kaiserlichen wider den Schweden vordrangen, ihn hinterwärts zu jagen, von wannen er gekommen. Je weniger der etwas ausrichten konnte, maßen er solcher Uebermacht sich nicht versehen, um desto viel härter setzte er sich mit Courage zur Wehre. Aber es half ihm zu nichts; er mußte weichen. Letztlich fiel ein heftig und blutig Scharmützel zwischen beiden Teilen ohn- weit von hier um Neuburg vor, einem Städtlein, darein sich der Schwed geworfen, daher ohnschwer zu gedenken, wie allen das Herz entfiel, da man das dumpfe Getös der Feldstücke und Kartaunen hörte, und wir vom Turm aus den Rauchdampf vom Brande der entzündeten Häuser wohl unterscheiden konnten. Hilf Gott! was vor ein ängstliches Harren, Fragen und Klagen «rhub sich im Dorf an jenem Dienstag vor Himmelfahrt, was Geschrei und Jammer, obgleich der wollüstsame Lenztag vom blauen Himmel her von Wald und grünem Feld zu männiglich von Freud und güldnem Frieden zu reden schien. Aber die erste Furcht tut allzeit das Uebelste, und wo sich einer blöd und angsthaft gebärdet, da zieht er bald auch die Beherzten nach sich.

Solchermaßen als das Dröhnen des Feuerwerks immer stärker wurde und gegen Mittag überm Wald ein rötlicher Schein mit dunklem Rauch­dampf Höher stieg, der allen von dem brennenden Neuburg her zu kommen bedünkte, da dacht« niemand anders, als daß aufs ehiste entweder der fliehende Schwed oder die Kaiserlichen in Hausen zu uns heraufbrechen würden. Weil nun aber gar die Zeitung erscholl, von einem Landfahrer gebracht, der aus dem schwedischen Lager gekommen zu sein erzählte, der Kaiserliche Obrist Feremont hätte mit Uebermacht den Schweden erdrückt und ihm das Feld abgewonnen; also achteten die Bauren die Stund« sür gekommen, darin das schlimmste zu befahren, und fingen an, noch am selbigen Tag auf den ©taufenberg zu ziehn; maßen es hieß, daß der Före- moni gerade gegen unser Dorf hin anrückte. Derowegen dachten sie nicht anders, als daß noch in fettiger Nacht fchweü'fche oder des kaiserlichen Obristen Soldaten ober, was beinahe noch schlimmer, Buschklöpfer ober Marodebrüder über uns herwischen und nach ihrem Brauch die Menschen schaben und schinden, das Vieh wegtreiben und Dach und Fach verbrennen würden.

Kaum aber hatte der erste seine Vieher über die Furt gebracht, er selbst mit Weib und Kind und mit allerlei Hausrat auf Karren ober Wäglein hinterdrein, so wollte auch der andre und dritte nicht dahinten bleiben, und es gab ein Drängen dem Mühlbach zu, als wäre der Feind ihnen schon an den Hacken. Dazu das Blöken des Viehs, das Rufen der Männer, das Geschrei der Weiber und wie durch den Eifer fortzukommen und keinen Aufenthalt zu leiden jeder nur die Wirrnis mehrete und den Abzug ver­zögerte: das alles war ganz erbärmlich und beweglich wahrzunehmen.

Auch hatte sich da mancher, der sich doch in Gefahr des Gebens zu fein bunten mußte, mit schier geringer Habe beloben, bi« er mit Mühe schleppte; z. B. eine graue Alte humpelte mit einem Rocken daher, die mit ihren dürrm, abgelebten Gliedern fein doch gewißlich nicht mehr brauchen konnte. Ich sah von meiner Tür aus, in der ich stund, daß sie ihn nicht fortzubringen vermochte und ihn zur Seiten stellte; aber immer wieder kehrte sie jammernd um und versuchte von neuem, ihn zu heben. Man hätte schier lachen und weinen mögen über ihre Torheit, und ich gedachte, wie ich einftmalen einen armen Kerl habe ertrinken sehen, dieweil er seiner schlechten Kappen ins Wasser nachgesprungen, so ihm entfallen war und die er nicht missen wollte. Er hatte sie erwischt, ober mar tot.Ha," sprach ich da bei mir,um welchen Tand ächzet und stöhnet doch ber Mensch, ehe er zu Grabe kommt; und ist's denn ein so großer Unterschied, an eine alte Kappen sein Leben zu setzen, wie der Kerl töt, den ich ertrinken sah, oder an Sieg und Glori, wie der Obrist Feremont. der hier diese Leute vor sich her scheuchet?" O, was hat ber Mensch von aller seiner Mühe! Es ist alles ganz eitel unter ber Sonne, wie beim Prediger Salomonis zu lesen ist.

Als ich aber vermerkt«, wie so die vorhandene, gemeinsame Not die Leutlein auch nah zueinander trieb, baß dergestalt die treue Liebe, so sie zueinander trugen, öftermals recht lieblich offenbar ward, wie Eltern mit ihren Kindern sich reckten und treckten und die Rüstigen den Hinfälligen halsen, da kamen mir tienebens allerhand Nachgedanken, wie ich doch so ganz einsam wäre in der Welt, daß mir davon das Herz erjeufzete. Nicht meine ich damit, daß ich heftig gewiinschet hätte, einen Beiständer zu