fang ergeben: es existiert immer noch in England die alte Kunst des Madrigalsingens, die wohl weniger große und umfangreiche Stimmen verlangt, dafür aber eins gewisse Vollendung ihrer Behandlung voraussetzt. Das häusliche Madrigalsingen, bei dem die Fähigkeit, a cappella vom Blatt zu lesen, vorausgesetzt wird, spielt bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein die größte Rolle in den Familien; dann ging sie allerdings wohl zum größten Teil verloren, wird aber in den letzten zwanzig Jahren zusammen mit dein Chorsingen auf dem Lande wieder sehr gepflegt. Die Chorvereinigungen, welche sich über ganz England verteilen, zeigen bei ihren jährlichen „Festivals", Wettgesängen, was sie können: gute Dirigenten stellen den ganz demokratisch zusammengesetzten Thören, in denen der Gutsherr mit seinen Bauern und Dienern, die Lady mit ihrer Zofe und ihren Mädchen zusammen singt, ihre Kräste zur Verfügung. Schwierige Chorwerke, wie das Brahmsche Requiem und Bachsche Messen, werden mit bestem Erfolge aufgeführt, und die Begeisterung, die Ausdauer, mit welcher die Mitwirkenden sich den langwierigen Proben und anstrengenden Aufführungen unterziehen, sind bemerkenswert. Da jedes Dorf von etwa fünfhundert Einwohnern seine Chorvereinigung hat, ist ohne weiteres klar, daß die Bewegung den besten Einfluß auf die Ausbildung der Stimmen hat. Auch hier scheinen nur bie tiefen Stimmen der Männer an Zahl und Qualität in erster Linie zu ^Es ist noch nicht lange her, daß die Musik der Neger anfing, Einfluß auf das europäische Musikleben zu gewinnen. Die Frage, ob dies von Nutzen oder von Schaden ist, soll hier nicht erörtert werden. Die Tatsache beweist, daß in dieser Musik Werte liegen, an denen nicht einfach vorbeizugehen ist. Wie in der Musik der Neger aber finden sich in ihren Stimmen Werte, die in ihrer Art einzigartig sind. Die schwarzen sind Naturmusikec, ihre Stimmen, auch wenn sie ganz unausgebildet sind, oft voii schönstem Wohlklang und hinreißendem Timbre, -und zwar hier wohl ausschließlich Männerstimmen — wenigstens ist mir noch nie eine wirklich bemerkenswerte Regersängerin begegnet. Auch hier darf man nicht nach den beruflich singenden Cafe- und Barieteenegern urteilen, obgleich man unter diesen auch sehr anziehende Stimmen findet; hören wir aber die Farbigen in ihrer amerikanischen Heimat, in den Südstaaten der Union, wo sie noch nicht in den etwas unklaren Zivilisationsverhält- nissen der Nordstaaten sind, auf den Plantagen fingen, so wird uns neben der tiefen Empfindung und dem grotesken Humor ihrer Lieder auch die Schönheit der Stimmen und die Reinheit ihres stets mehrstinmügen Gesanges ausfallen. Einige Konzerloereinigungen singender Neger haben auf dem Podium den Reiz der „Spirituals", der geistlichen Gesänge, der Plantati,i- und Kinderlieder auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. und der Negertenor H a y e's bewährte sich als einer der kultiviertesten und geschmackvollsten Sänger Schubertscher und Wolfscher Lieder: und doch wird der Zauber der Niggersengs, der in den Verdrehungen des Jazz, im Dröhnen des Schlagzeuges eine Welt musikalisch revolutioniert hat, seine eigentümlichste Schönheit nur in seiner unverfälschten Art übermitteln, im Gesang der Nachkommen jener Sklaven, deren Schicksal ihnen die Melodien als musikalischen Trost geschenkt hat.
Karthago.
Von Friedrich TL a l l i s ch.
Man fährt mit der elektrischen Dähn quer durch einen See. Auf dem schmalen Damm des neun Kilometer langen Schiffahrtskanals, der den seichten Bahirasee durchschneidet, liegt bas Geleise, das von Tunis au den kleinen Hafenort La Gou kette führt und weiter dann länos der Meeresküste auf die Höhe des Kaps von Karthago. Wie eine dichte Schneedecke erscheinen von fern die weißen Häuser res Arabers;ädtchens Sidi-Bu-Said.
Station Karthago: Aufdringliche Fremdenführer und .Kutscher und Wünzenhändler. Lästige, anwidernde Gegenwart summt tote Schwärme von Aasfliegen auf dem heiligen Boden heroischer Vergangenheit. Fori aus der schwirrenden Geschäftigkeit eines armseligen Geschlechts — der Vorhang rauscht auf über der gewaltigen Tragödie, die diesem Stück Erde Weihe u;;d Größe gegeben hat. Bor zwei Jahrtausenden rangen hier Nord und Süd um die Herrschaft der Welt. Laufgräben wurden mit den Leibern Toter und Lebender gefüllt, stürmende Reiter setzten über diese blutige Brücke hinweg. Haß und Heimatliebe glühten zu wildesten Bränden auf. Die punische Weltstadt starb in verzücktem Heldenmut. Die Taue ihrer Kr;egs- schiffe waren aus den Haaren ihrer Frauen gewunden. Als d;e Mauer gefallen war, legten die Besi-egten die Heiligtümer in Flammen und warfen sich, hundert und hundert, in die breimenden Trümmer. Hasdrubal, den die Last der unglücklichen Führerschaft niedergebeugt hatte, flehte Scipio uni Gnade an, aber sein Weib fluchte ihm, schleuderte seine Kinder vor den Augen des Vaters in die Flammen und folgte ihnen in den Tod. Der Strom der erbitterten Sieger goß sich zermalmend über die Stadt, die überlebenden Helden wurden als Sklaven verkauft. Mit dem Triumphator sind die Götter des Himmels: Scipio verfluchte das tote Karthago und weihte die Stadt den Göttern der Unterwelt. Die Rivalin Roms verschwand vom Erdboden, kein Mauerstück, kein Stein sollte mehr über das nackte Hügelland ragen, niemand durste sich mehr an der Stätte ansiedeln, über die Rom, die Herrin der Welt, den Fluch der Verdammnis ausgesprochen hatte.
Aber die Macht, die sich in der see-- und landbeherrsHenden Lage des Hügels barg, war stärker als der Fluch eines erbitterten Feindes. Ein neues Karthago entstand, Roms reiche Colonia Julia, später ein glänzender Bischofssitz der jungen christlichen Kirche, an der Schwelle des Mittelalters Königsstadt der Vandalen, dann prunkvolle Residenz byzantinischer Statthalter, bis die Araber im siebenten Jahrhundert diesen starken Vorposten des Nordens fast ebenso gründlich zerstörten,
Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. —Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-undSteindruFerei, R. Lange, Gi eh
tote es Scipio getan hatte. Das letzte traurige Kapitel begann: Dl« Trümmer der römischen und byzantinischen Stadt wurden als Bausteine tief in den afrikanischen Süden und nach dem Norden bis Spanien, ja in Italien bis Genua verschleppt. Aus dem geschundenen Leibe Karthagos formten der Islam imd Italien die Pracht ihrer Paläste.
Die Erde aber beginnt zu reden: Wir schreiten über den Mosaikboden einer römischen Villa, dann in einem Felsenrund durch die Sitzreihen eines Theaters, dessen wuchtige Proszeniuiumauern der Zeit widerstanden Haben. Scharen von Säulen liegen umher. Ungastlich verschließt ein Zaun den Einlaß zu mächtigen Hallen, die von Amerikanern kürzlich ausgegraben worden sind. Auf einer Anhöhe arbeiten Archäologen aus Tunis: Der Boden, unerschöpflich als treuer Hüter der Vergangenheit, schenkt in reicher Fülle Hebet« raschendes und Neues. Eine byzantinische Basilika ersteht hier seit kurzem, Stein fügt sich an Stein, Säulen aus grauem und rötlichem Granit und aus Porphyr ragen in doppelter Reihe wieder auf, von prunkvollen Kapitellen gekrönt. 3n der sandigen Erde erscheinen die eigenartigen Ornamente des Fußbodenmosaiks aus schwarzen, weißen und roten Steinchen geformt. Inmitten der Basilika stehen noch un- '< gelenke Wohnbauten aus barbarischer Zeit, antiker Marmor ist zwischen roh behauenen Steinen in das plumpe Mauerwerk gefügt.
Unerschöpflich, ich sagte es schon, ist der Boden. Greif in den Abhang, den die Arbeiter eben mit der Spitzhacke auf reißen, und du findest Bruchstücke von Gefäßen, Amphoren, Schälchen, Vasen! Wühle im Boden, wie ein Kind auf der Erde spielt, und kleine Münzen, mit grüner Schicht Überzogen, bleiben in deiner Hand!
An den vielgestaltigen Säulen der gewaltigen Basilika des Heiligen Cyprian geht der Weg nach dem armseligen Araberdorf La Marga. Breite Tonnengewölbe römischer Zisternen reihen sich hier aneinander, Einige dieser wunderlichen Bauten sind mit kleinen Türen verschlossen: Die Eingeborenen verwenden die kühlen Räume als Vorratskammern.
Sn alle Welt war der Ruf von der unvergleichlichen Pracht des großen römischen Amphitheaters von Karthago gedrungen. Heute stehen in der weiten Feldmulde nur die Grundmauern mit niederen! Säulenresten. Aber die unterirdischen Räume, Stallungen für wilde Tiere wohl und Aufbewahrungsstätten für Maschinen und Gewänder, sind erhalten, durch Detvneinbauten gut unterstützt. Das zentrale Gewölbe, von einem hohen weißen Kreuz überragt, ist in eine katholische Kapelle verwandelt. Die große Marmc rtafel über dem breiten Eingang gibt Kunde von dem Märthrercod, den die Heiligen Perpetua und Felicitas und andere Glaubensstarke in diesem Theater unter den Dissen afrikanischer Bestien erlitten haben. Auch hier allo hat der Boden Karthagos Heldenblut getrunken.
Große, leuchtend grüne Eidechsen huschen über die weißen Steine, Halbnackte arabische Kinder bieten kleine Münzen, die sie in bet Erde gefunden haben, zum Kauf an. Zigeuner streichen bettelnd rings um die fremden Besucher. " .
Unser Weg steigt an und führt auf die Byrsa, den B-rghuget von Karthago. Reste der römischen Stadtmauer liegen im Abhang. Auf der Höhe aber herrscht heute, weit über das Land und bte Bucht ragend, die katholische Kathedrale, das Kreuz als Sieger, Vor dreieinhalb Jahrzehnten erst ist dieses Wahrzeichen des neuen Karthago erbaut worden, abendländischen mit crientalifchem Stil prachtvoll !>erbindend, In Dem hellen imd kühlen Schiff der KUche steht der reiche Reliquienschrein Ludwigs des Heiligen, des eifrigen Königs von Frankreich, der hier im Zähre 12Z0 auf seinem Kreuzzug gegen Tunis an der Pest gestorben ist. ErschwiernS in seiner lebensvollen Schönheit ist aber das Grabmal des Karouials Lavigerie, der sein Leben dem afrikanischen Christentum und ter Propaganda für ein französisches Tunis gewidmet hat. Prachtvoll die dunklen Gestalten 6er befreiten Eingeborenen zu den Seiten «k Ruhestätte, mitreißend die Inbrunst und Trauer der weißen mw den Mönche davor. f „
Auf der Byrsa !nun stehen wir im Mittelpunkt des pumschw Karthagos. Byrsa heißt -Fell. Es ist der Hügel, um den die hecke« Sage von Didos listenreicher Stadtgründimg spielt: Dwo, die au» ihrer Heimat entflohene phönizische Königstochter, eroat na) öi? soviel Land, wie eine Rindshaut umspannt. Und als ihr ter bescheidene Wunsch gewährt wurde, zerschnitt sie die Haut m I» dünne Streifen, daß Der ganje Hügel damit umspannt war.
Von dieser Höhe, die tief ins tunesische Land blickt und w-u über die See gegen Norden, herrschte Karthago als Rivalm -Ke - Aber nicht die punische Weltstadt entschleiert sich heute der S°r« schung aus den Trümmern, die die Erde bewahrt hat, smwwn nur die Provinzhauptstadt des römischen und des byzantinischen VetP-s.
Ein kleiner Hain von Eukalyptusbäumen neben der Katyeorai« umschließt unbedeutende römische Tempelreste, am Abhang ves-v m Hügels aber liegt die panische Nekropole. Die Totenstad Karthago allein hat der Zerstörung widerstanden. 3m steikn Avstur, der Byrsa führen gewaltige rotbraune Quadern m ineö-ere .
Kammern, lieber zwei dieser Grüfte erheben sich kartenhausahnuw« Ueberdachungen. Das ist alles, was dem Fluche Scipios standen hak. „ ...
Am Fuße des Hügels sieht man lediglich noch einige Qaaoev^ reste, die, wie man der Lage nach anmmmt, Teile bet Grundma des panischen Admiralatspalastes darstellen.
Seewärts aber führt von der Höhe der Byrsa, machst em Moschee beginnend, schnurgerade eine vorzügliche 2lutoitrau ■ massigen Palmen flankiert, bis ans Meer. ,, „nfc.it in
Es ist der kürzeste Weg aus der heroischen Dergangenhel, eine Gegenwart, die hier in einem teuren Kaffeehaus, m 5. lichen Fremdenführern und unverschämten Kutschern ihre Y voll peinlicher Deutlichkeit findet. - .


