Ausgabe 
23.7.1927
 
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haben, der mir zur Flucht verhülfe mit den andern, gestalten ich steif bet mir beschossen hatte, dahinten zu bleiben und bei der Kirch zu beharren, es käme ums möchte. Meiner Lebtage dünkten mich genug zu fein; wenn icb abkäme, fo fehlte ich niemandem; das Glockenfeil zu ziehen war mir schon lange schwer; der Gemeinde zu Dank vorsingen würde ein jüngerer besser können, und mit dem Schulhalten war's die letzte Zeit um so viel desto weniger worden. Vielleicht hatte es Gott beschlossen, daß heut oder morgen nocb alles verderbet, umgekehret und vernichtet würde? Dero- wegen ich dachte: ziehest du mit, so bist du den andern nur zur Last und Beschwernis und niemandem etwas nutz! Du willst hier bestehen und ausharren, so ist Kirch und Dorf doch nicht gar verwaiset, Gott kann wohl das Unglück abwenden. Sollten aber doch die wilden Kriegsläufe hier heraufbraufen und fein Erretten fein, so wollte ich mich darein ergeben. Summa:

Wenn mein Gott will, so will ich mit hinfahren in Fried.

Sterben ist mein Gewinn und schadet mir nit!

Das war dazumalen die Meinung, an die ich mich festiglich hielt. War bahero im geringsten gar nicht verdrüßlich, daß von den Sauren keiner heraufkam, dem alten Josias auf den Weg zu Helsen, sondern wohl meiner in ihren Sorgen um sich vergaßen, denn ich wäre ihnen ohnedas nicht ge- folget, hatte ihnen auch solches zuvor schon erkläret.

Wie ich denn so unter der Tür stund und hielt mich unterm Holunder- busch, daß ich nicht etwan gesehen würde von einem, den dann durch meinen Anblick die Scheidestunde desto schwerer überkäme, da gesegnete ich sie doch alle im Geiste und wünschte ihnen Frieden nach. Ich fühlte ja, Gottes Arm hatte sich über uns ausgestreckt und ein scharf Schwert war in seiner Hand. Wird es niederzucken, wird es zurück in die Scheide gehn?! Wenn sich solchermaßen schwere Gedanken hin und her werfen, hilft, wie ich oft erfunden, am ehesten, die Hände zu falten. Ich tat auch also in der Stund, als ich die Leute in das Elend fliehen sah:

Nimm von uns, Herr, du treuer Gott, Dis schwere Straf und große Rut, Die wir mit Sünden ohne Zahl Verdienet haben allzumal;

Behüt vor Krieg und teurer Zeit Dor Seufzen, Feur und großem Leid.

äugte ich nicht aber doch öftermalen niederwärts, ob durchs grüne Laub nicht ein Mägdlein sichtbar würde, mit Augen fo klar wie der lichte Himmel und mit Wangen frisch wie die Rosen, so mit ihren ersten Bluten in meinem Garten erprangten; vermeint' ich nicht immer wieder, jetzo ginge das Psörtlein am Stege und leichte Schritte kämen herbei wie einer Re§e?l Ja, ich könnt' und macht' mir anders nicht einbilden, als daß doch das ,»erlern' Grellem kommen müht, mir Valet zu geben, bevor sie auszöge. Denn so schmuck und jung sie war, schlank und gerade wie ein Tannbäumlein, so trug sie doch zu mir Altem, Hinfälligen ein gar treues i Herze, und weilen sie gleich wie ich einsam war in der Welt, so hielt sie sich zu sonst keinem als nur zu mir, und hinwiederum hatte ich die Dirne lieb, als wäre sie meine Tochter.

Ich will aber hier von ihr mehr sagen, daß sie das ,»erlern' Grelle in von ihrer Hausung ist geheißen gewesen, als die eine ziemliche Strecke vom Dorf in einer Rodung cm Rande des Waldes gar abfeiten gelegen. Den­selben Hof nannten fie allum nur den .verlorn' Hof und davon trug das Grellem auch Kefen Namen. Der Hof durfte ihn feit Jahren mit fo viel desto größerem Rechte führen; denn niemand wirtete mehr da haußen, das Gehöfte war nach dem Brande, der es niedergelegt, nicht wieder her- gerichtet und allein nur so früher das Hirtenhäuslein gewesen, stund noch wie ehemals, weil es die Flamme verschonet hatte. Selbiges war aber auch allbereits hinfällig, wie ohnschwer zu gedenken, weil niemand da war, der dazu tat, an Dach' oder Wänden oder sonst etwas zu bessern. Dennoch aber war das Häuslein gar durchaus nicht unhold anzufehn; sintemal Eppich und wilde Rosen es dicht umrankten und grünes Moos das niedre Dach artlich mit feiner Decke überzogen hatte, daß wenn die Sonne dahin ihren Schein gab, es lieh wie güldne Stücken. Helle Birken beschirmten das Häuslein gegen den Wald hin, und davor war ein Gürtlein, so das' Gretlein pflegte, und kein Pflänzlein wuchs darin, das ihre Hand nicht gezogen. Denn in eben diesem Hüttlein wohnete die liebe Dirne.

Darüber wird sich ohn Zweifel männiglich, wer dies liefet, verwundern, daß eine Jungfer, noch dazu, die von Angesicht hübsch und zierlich von Gestalt war wie nur eine Alamode-Dame zu fein sich wünschen mag, in solcher jährlichen Zeit (als ich beschrieben) ohne einige Forcht solchermaßen gleichsam in der Wildnis beharren mochte und auch zur Winterszeit da- selbsten aushielt, wann manche, die in Gesellschaft beherzt ist, etwan zur Nachtzeit oder bei Ungewitter gezittert hätte, wie ein naß Hündlein. Aber das Gretlein hatte ein gar seltsam Gemüt oder Komplexion, gestaltsam sie von Kindesbeinen an aus der Maßen scheu war, denen Gesellschaften und allem lauten Wefen abgeneiget; dahingegen wieder erzeigte sie sich, so sie allein war, weder verdrossen noch furchtsam, sondern von eigener Fröhlich­keit, die besondevlich in holdseligem Gesänge sich merken ließ; denn das ,verlorn' Gretlein hatte eine süße und liebliche Stimme, derengleiäM ich sonsten nicht gehöret habe. Und war bei ihrem Singen das Verwunderlichst, daß sie ber Lieder, fo man von Leuten etwa in Spinnstuben oder anders­wo lernen kann, wenig mochte, sondern ihre eignen Weisen hatte, in denen sie doch kein Lehrmeister unterwiesen. Sie brauchte auch allermeist keine Worte dazu, wie auch die Nachtigall und andre Vögel, jo des Sanges kundig sind, ihre Stimme immer neu modulieren und keins je die gleiche Weife wiederholet: gleich also, wenn das Gretlein ihren Gesang anhub, war es immer, als hörte man ihn zum ersten Male. Ich fragte sie einst, woher sie denn all diese Töne nähme, fo jederzeit anders figurieret, daß mancher Meister der Musika vergeblich darauf studieren möchte; dazu sagte fie nur: fie wüßte es nicht; sie dächte aber: aus dem Herzen. Don deffent- tuegen hab' ich wohl unterweilen scherzweise zu ihr geredet: sie sollte Singgretlein" zubenennet werden; aber dafür hätt' ich auchBlumen- gretiein" mögen sagen; denn, wie schon droben vermeldet, die Blumen batte fie ohn Maßen gerne. Und wuchs schwerlich in Feld und Wald ein

Blümlein, das sie nicht gekannt, und an dessen Gestalt und Farbe, so klein und ohne Schein es war, sie nicht ihre Freude gehabt hätte. Ja, eine Marguifin oder Komtessin mag vor ihren unterm Glasdach gehegten Zitronenbäumen oder Tulipanen nicht mit mehrerer Bewunderung stehen, als das Gretlein sich mit der Betrachtung eines Kuckuckblümleins oder Feldthymians ergetzte. Denn sie konnte sich über alle Gotteskreatur ihre Gedanken machen, und was sie schon, als sie noch klein war, zu Zeiten darüber an mich für Fragen tat, das war schier zu verwundern.

(Fortsetzung folgt.)

Nordsee.

Von Manfred Hausmann.

Dank, daß es die Oede und das Gewaltige gibt! Daß es die Brandung gibt, den irren Schrei der Möwe, die dunklen Wogenzüge von England der, die Nächte voller Brausen, die Gischtfäulen, die am Bug eines schwarzen Kohlendamvsers emporschießen! Die Nordsee! Dank!

Wohl hat das Gebirge feine Wucht, das Hügelland feine Anmut, die Ebene ihren Traum. Aber das ruht alles fo stille da und atmet nicht, das dämmert nicht aus dem Unendlichen herauf. Die See indeffen ... sie lebt und dröhnt, die Wellen taumeln, die Brandung donnert, der Wind stößt über das Gefunkel hin, ein Licht schwankt übers andere weg, eine Farbe leuchtet aus der anderen heraus, nichts bleibt, alles wandelt sich durch die Tage und Nächte, alles schwingt und schwebt, die Sonne wandert, der Mond verändert sich, die Sternbilder kreisen, die großen Meerströme ziehen gegen den Pol. Alles. Du magst nun auf Kleines achten, auf die winzigen Wellen im Watt ... klick, klick ... hätsch ... klick, klick ... oder auf Großes, auf die ungeheure Flutwoge, die sich um die Erde wälzt; auf das Rieseln des Sandes im Düneygras ... simstm, stmsim .... ober auf das Geschmetter der Aeguinoktialstürme. In allem regt sich die Unruhe Gottes. Die Nordsee ist wie der Urbeginn und das Ende aller Dinge.

Und wahrhaftig, wenn die Seevölker weiland ihre toten Könige auf brennenden Schiffen in die graue Grenzenlosigkeit hinaustreiben ließen, bann wußten fie wohl, was für ein ungeheures und seliges Mysterium sie ihnen bereiteten.

Schlafen, Dösen und Schlafen. Das Schiff kämpft sich vorwärts. Ter» schelling ... Borkum ... Norderney ... Die Zeit vergeht. Ich schlafe.

In Rotterdam war ich an Bord eines Frachtbampsers gegangen, der, von Indien kommend, mich nach Hamburg bringen sollte. Als wir gegen Abend bei Hoek van Holland die offene See gewannen, rollte eine fchwere Dünung vom Kanal her und schaukelte unseren Steamer wie ein Nuß­schälchen auf und nieder. Ich/kroch in die Koje, klemmte mich kunstvoll fest und ließ mich von dem braunen Steward mit Tee und Sandwichs bemuttern. Es wurde eine böse Nacht. Brecher fegten übers Deck, das Schiff warf sich ächzend hin und her, die laflarijche Mannschaft fang die harten Kommandos weiter, Lärm und Gepolter auf der Brücke, Sturm­geheul im Verladegeschirr. Ein böserer Tag folgte. Sehr wehmütigen Herzens schlief ich, gen Himmel steigend, zur Hölle mich senkend, endlich ein. Zuweilen torkelte ich hoch, klemmte mit mit Rücken und Knie wieder fest und schlief weiter. .

So war es angegangen, und so geht es jetzt noch immer. Ich schlafe... dose ... und schlafe. Plötzlich fahre ich hoch und horche. Was ist das? Totenstille und Dunkelheit! Das Schiff kracht nicht mehr gegen die Wellen­berge es gleitet so sanft dahin. All meine Krankheit ist weg. Ah, wir stehen vor der Elbe. Es ist halb zwei Uhr morgens. Gott sei Dank!

Ich schlüpfe zähneklappernd in meine Kleider und krieche an Deck. Da eröffnet sich eine wundersame Welt. Fast regungslos breitet sich die schwarze Wasiersläche hin, darüber hängt ein Himmel von zartestem Opal, und Himmel und Wasser fließen in nächtlichem Dunst wie Nebel incin- ander. Es kommt mir vor, als flöge das Schiff leise durch den Acther.

Aber auf der schwarzen Fläche schwebt unversehens ein Licht neben dem andern. Golden und zitternd dies, groß und dunkelrot und unbe­weglich ein anderes, bann wieber, linker Hand eins flimmernde Perlen­schnur von leuchtenden Pünktchen. Langsam zieht ein grünes Feuer vorbei, noch eins und noch eins. Und indem wir roeitergleiten, dreht sich alles unmerklich durcheinander. Die Spiegelungen im Wasser werden unruhig und zergehen in den Heckwellen, die wir aussenden. Neue Feuer tauchen aus dem Nichts empor, andere tun sich plötzlich zu, und das ereignet sich so schweigend, fo unirdifch. Ich stehe da und habe mit offenen Augen eine Vision, meine Nerven sind noch ein wenig krank von den letzten Stunden, bie, Kälte macht mich schaudern, der Tau benetzt mich.

Wie unsäglich weich wir doch in die Elbe hineinschweben!

Wir sitzen zu Dritt im Fährhaus auf Helgoland. Der dicke Frenchsm hat uns einen fogenannten Grog gebraut nach dem Rezept:Man nehme ein Glas Rum, Punkt!" Dergleichen kann man heute vertragen. Es wehr mit Windstärke neun bis zehn aus Westnordwest, Regenböen prasseln da­zwischen, und wir haben den siebenten März. Aber gerade bet solchem Wetter muß man auf den Felsen gehen. Ich stehe auf.

De Düwel schall Ji holen, Doktor! Sie behalten keinen trockenen Faden am Leibe, Mann, Ihr Regenmantel hält keine zwei Mmuten dicht Hornsmann fall Ihnen ein bißchen Oelzeug geben! Lähtde Km hier o scheunen Grog steihn un trampt rutt in den Schietkrom!

Ich lasse Frerichfen fluchen, drücke die Tür auf und schlingere los. Der Sturm schlägt mir von rechts und links nasse Lappen um die W.J, »0 ich nur so taumele. Schon ehe ich das Oberland gewonnen habe, tarn mem Wasserdichter durch, was durch -mitt. Ich ducke mich zusammen und jcyteo

mich roerter vor. , . . -z>

Die Regenbö rauscht vorüber wie weißer Dampf, und nun oow ) freien Ausblick und stehe am Rand des Felsens und starre mit zusam gekniffenen Augen übers Meer hin. Vom Horizont her drangt f cy Dünung heran, weihe Spritzer werfen sich hoch, uberichlagen s ) fallen breit zurück, die Wogenkämme zucken auf, klatschen ureder schmettern, sich gegenseitig zersetzend, die Gischt in die Luft. -Oei