So sprach der Herzog. Der Zwerg aber sagte, indem er sich anständig ocrbei gte: „Cs sei, wie du sagst, o Herr! So es Gott gefällt, werde ich alles jo machen, daß es diesem Fürsten der Gutschmecker wohtgefällt.
Der kteine Koch suchte nun seine ganze Kunst hervor Er schonte die Schütze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich seibsi. Denn man sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehüllt, und seine Stimm« hallte beständig durch das Gewölbe der Küche; denn er besahl als Herrscher den Küchenjungen und niederen Köchen.
Der fremde Fürst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte herrlich und in Freuden. Sie speisten des Tages nicht weniger als fünf- nral, und der Herzog war frieden mit der Kunst des Zwerges, denn er sah Zufriedenheit aus der Stirne seines Gastes. Am fünfzehnten Tage aber begab es sich, daß der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen ließ, ihn seinem Gast, dem Fürsten oorstellte und diesen fragte, wie er mit dem Zwerge zufrieden sei.
„Du bist ein wunderbarer Koch," antwortete der fremde Fürst, „uno weißt, was anständig essen heißt. Du hast in der ganzen Zeit, daß ich hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich bereitet. Aber sage mir doch, warum bringst du so lange nicht die Königin der Speisen, die Pastete Souzeraine?"
Der Zwerg war sehr erschrocken; denn er hatte von dieser Pastetenkönigin nie gehört; doch faßte er sich und antwortete: „O Herr! noch lange, hoffe ich, sollte dein Angesicht leuchten an diesem Hoflager, darum wartete ich mit dieser Speise; denn mit was sollte dich denn der Koch begrüßen am Tage des Scheidens als mit der Königin der Pasteten!"
„So?" entgegnete der Herzog lachend. „Und bei mir wolltest du wohl warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begrüßen?, Leun auch mir haft du die Pastete noch nie vorgesetzt. Doch denke auf einen anderen Scheidegruß, denn morgen muht du die Pastete auf die Tafel setzen."
„Es fei, wie du fagst, Herr!" antwortete der Zwerg und ging. Aber er ging nicht vergnügt; denn der Tag seiner Schande und seines Unglücks war gekommen. Er wußte nicht, wie er die Pastete machen sollte. Er ging daher in seine Kammer und weinte über sein Schicksal. Da trat die Gans Mimt, die in seinem Gemach umhergehen durste, zu chm und fragte ihn nach der Ursache feines Jammers. „Stille deins Tränen," antwortete sie, als sie von der Pastete Souzeraine gehört, „dieses Gericht kam oft auf meines Vaters Tisch, und ich weih ungefähr, was man dazu braucht; du nimmst dies und jenes, so und so viel, und wenn es auch nicht durchaus alles ist, was eigentlich dazu nötig, die Herren werden keinen so feinen Geschmack haben." So sprach Mimi. Der Zwerg aber sprang auf vor Freuden, segnete den Tag, an welchem er die Gans gekauft hatte, und schickte sich an, die Königin der Pasteten zuzurichten. Er machte zuerst einen kleinen Versuch, und siehe, es schmeckte trefflich, und s der Oberküchenmeister, dem er davon zu kosten gab, pries aufs neue ! feine ausgebreitete Kunst.
Den andern Tag setzte er die Pastete in größerer Form auf und 5 schickte sie warm, wie sie aus dem Ofen fam. nachdem er sie mit Blumen- ' kränzen geschmückt hatte, auf die Tafel. Er selbst, aber zog sein bestes i Festkleid an und ging in den Speisesaal. Als er eintrat, war der Ober- '■ vorschneider gerade damit beschäftigt, die Pastete zu zerschneiden und auf I einem silbernen Schäuflein dein Herzog und seinem Gaste hinzureichen. : Der Herzog tat einen tüchtigen Biß hinein, schlug die Augen auf zur | Decke und sprach, nachdem er geschluckt hatte: „Ah! ah! ah! mit Recht s nennt man dies die Königin der Pasteten; aber mein Zwerg ist auch . der König aller Köche! Nicht also, lieber Freund?"
Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und prüfte auf- ; merksam und lächelte dabei höhnisch und geheimnisvoll. „Das Ling ist recht artig gemacht," antwortete er, indem er den Teller hinwegrückte; „aber die Souzeraine ist es denn doch nicht ganz; das habe ich mir wohl gedacht."
Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirne und errötete vor Beschämung. „Hund von einem Zwerg!" rief er. „Wie wagst du es, deinem .Herrn dies anzutun? Soll ich dir deinen großen Kops abhacken lassen zur Strafe für deine schlechte Kocherei?"
„Ach Herr! um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch zubereitet nach den Regeln der Kunst, es kann gewiß nichts fehlen!" so sprach der Zwerg und zitterte.
„Es ist eine Lüge, du Bube!" erwiderte der Herzog und stieß ihn mit dem Fuße von sich. „Mein Gast würde sonst nicht jagen, es fehlt etwas. Dich selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine Pastete!"
„Habt Mitleiden!" rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem Gast, dessen Füße er umfaßte. „Saget, was fehlt an dieser Speise, daß sie Eurem Gaumen nicht zusagt? Lasset mich nickst sterben wegen ; einer Handvoll Fleisch oder Mehl."
„Das wird dir wenig helfen, mein lieber Nase," antwortete der : Fremde mit Lachen; „bas habe ich mir schon gestern gedacht, daß du diese Speise nicht machen kannst wie mein Koch. Wisse, es fehlt ein ■ Kräutlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut N i e s m i t - • tust; ohne dieses bleibt die Pastete ohne Würze, und dein Herr wird i sie nie essen wie ich."
Da geriet der Herrscher in Frankistan in Wut. „Und doch werde ich ' sie essen," rief er mit funkelnden Augen; „denn ich schwöre auf meine fürstliche Ehre: entweder zeig« ich Euch morgen die Pastete, wie Ihr '■ sie verlanget — oder den Kopf dieses Bursckjen, aufgespießt auf dem Tor meines Palastes. Gehe, du Hund, noch einmal gebe ich dir vierundzwanzig Stunden Zeit."
So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder weinend in fein Kämmerlein und klagte der Gans fein Schicksal, und daß er sterben müsse; denn von dem Kraut hab« er nie gehört. — „Ist es nur dies," Sfie, „da kann ich dir schon helfen; denn mein Datei lehrte mich alle er kennen. Wohl wärest du vielleicht zu einer anderen Zeit des Todes gewesen; aber glücklicherweise ist es gerade Reumond, und um
diese Zeit blüht das KrSutkein Doch sage an, sind alte Kastanisnbäume in der Nähe des Palastes?"
„O ja!" erwiderte Nase mit leichterem Herzen, „am See, zweihundert Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe; doch warum diese?"
„Rur am Fuße alter Kastanien blüht das Kräutlein", sagte Mimi. „Darum laß uns keine Zeit versäumen und suchen, was du brauchst; nimm mich auf deinen Arm und setze mich im Freien nieder; ist will dir suchen."
Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes. Dort aber streckte der Türhüter sein Gewehr vor und sprach: „Mein guter Nase, mit dir ift's vorbei, aus dem Hause darfst du nicht, ich habe den strengsten Befehl darüber."
„Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?" erwiderte der Zwerg. „Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher der Palastes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kräuter suchen dürfte?" Der Torhüter tat also, und es wurde erlaubt; denn der Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu denken. Als aber Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war, fetzte er sie behutsam nieder, und sie ging schnell vor ihm her dem See zu, wo bie Kastanien standen. Er folgte ihr nur mit beklommenem Herzen; denn es war ja feine letzte, einzige Hoffnung; fand sie das Kräutlein nicht, f» stand fein Entschluß fest: er stürzte sich dann lieber in den See, als daß er sich köpfen ließ. Die Gans suchte aber vergebens, sie wandelte unter allen Kastanien, sie wandte mit dem Schnabel jedes Gräschen um, es wollte sich nichts zeigen, und sie fing aus Mitleid und Angst an zu weinen; denn schon wurde der Abend dunkler und die Gegenstände umher schwerer zu erkennen.
Da fielen die Blicke des Zwergs Über den See hin, und plötzlich rief er: „Siehe, siehe, dort über dem See steht noch ein großer, alter Baum; laß uns dorthin gehen und suchen, vielleicht blüht dort mein Glück." Die Gans hüpfte und flog voran, und er lief nach, so schnell seine kleinen Beine konnten; der Kastanienbaum wars einen großen Schatten und es war dunkel umher, säst war nichts mehr zu erkennen; aber da blieb plötzlich die Gans stille stehen, schlug vor Freuden mit den Flügeln, fuhr dan schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflückte etwas ab, das sie dem erstaunten Nase zierlich mit dem Schnabel überreichte, und sprach: „Das ist das Kräutlein, und hier wächst eine Menge davon, so daß es dir nie daran fehlen kann."
Der Zwerg betrachtete das Kraut sinnend; ein süßer Duft strömte ihm daraus entgegen, der ihn unwillkürlich an die Szene seiner Verwandlung erinnerte; die Stengel, die Blätter waren bläulichgrün, sie trugen eine brennend rote Blume mit gelbem Rande.
„Gelobt sei Gott!" rief er endlich aus. „Welches Wunder! Wisse: ich glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich aus einem Eichhörnchen in diese schändliche Gestalt umwandslte; soll ich den Versuch machen?"
„Noch nicht", bat die Gans. „Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit dir, laß uns auf dein Zimmer gehen und dein Geld und was du sonst hast zusammenraffen, und bann wollen wir die Kraft des Krautes versuchen!"
Sie taten also und gingen auf seine Kammer zurück, und das Herz des Zwerges pochte hörbar vor (Erroarhmg. Nachdem er fünfzig oder sechzig Dukaten, die er gespart hatte, einige Kleider und Schuhe zu- saminen in ein Bündel geknüpft hatte, sprach er: „So es Gott gefällig ist, werde ich dieser Bürde los werden", steckte seine Nase tief in die Kräuter und sog ihren Duft ein.
Da zog und knackte es in allen feinen Gliedern, er fühlte, wie sich fein Kopf aus den Schultern hob, er schielte herab auf feine Nase und ah sie kleiner und kleiner werden, fein Rücken und feine Brust fingen an, sich zu ebnen, und feine Beine wurden länger.
Die Gans sah mit Erstaunen diesem allen zu. „Ha! was du groß, was du scholl bist!" rief sie. „Gott fei gedankt, es ist nichts mehr an dir von allem, wie du vorher warst!" Da freute sich Jakob sehr, und er faltete die Hände und betete. Aber feine Freude ließ ihn nicht vergessen, welchen Dank er der Gans Mimi schuldig sei; zwar drängte ihn sein Herz, zu feinen Eltern zu gehen; doch besiegte er aus Dankbarkeit diesen Wunsch und sprach: „Wem anders als dir habe ich es zu danken, daß ich mir selbst wiedergeschenkt bin? Ohne dich hätte ich dieses Kraut nimmer gefunden, hätte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht gar unter dem Beile des Henkers sterben müssen. Wohlan, ich will es dir vergelten. Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der so erfahren ist in jedem Zauber, wird dich leicht entzaubern können." Die Gans vergoß Freudentränen und nahm sein Anerbieten an. Jakob kam glücklich und unerkannt mit der Gans aus dem Palast und machte sich auf den Weg nach dem Meerssstrand, Mimis Heimat zu.
Was soll ich noch weiter erzählen, daß sie ihre Reise glücklich vollendeten, daß Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob mit Geschenken beladen entließ, daß er in seine Vaterstadt zuruckkam und daß seine Eltern in dem schönen jungen Mann mit Vergnügen ihren verlorenen Sohn erkannten, daß er von den Geschenken, bie er von Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und glücklich wurde.
Nur so viel will ich noch sagen, daß nach seiner Entfernung aus dem Palast des Herzogs große Unruhe entstand; denn als am anderen Tage der Herzog feinen Schwur erfüllen und dem Zwerg, wenn er die Kräuter nicht gefunden hätte, den Kopf abfchlagen lassen wollte, war er nirgends zu finden; der Fürst aber behauptete, der Herzog habe ihn heimlich ent, lammen lasten, um sich nicht seines besten Kochs zu berauben, und klagte ihn an, bah er wortbrüchig sei. Dadurch enlftanb denn ein großer Krieg zwischen beiden Fürsten, der in der Geschichte unter dem Namen „Kräuter, krieg" wohlbekannt ist; es wurde manche Schlacht geschlagen, aber am Ende doch Friede gemacht, und diesen Frieden nennt man bei uns den „Pastetensrieben", weil beim Versöhnungsfest durch den Koch des Fürsten die Souzeraine, die Königin der Pasteten, zubereitet wurde, welche sich der Herr Herzog trefflich schmecken lleß.
Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: BrühL'fche AniversUats-Buch» und Steindruckerei, R. Lunge, Gießen.


