Ausgabe 
23.4.1927
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang P27 Samstag, den 23. April Rümmer 32

3m Frühling.

Von Eduard M ö r i f e.

Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel: Die Wolke wird mein Flügel, ein Vogel fliegt mir voraus. Ach, sag' mir, alleinzige Liebe, wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe! Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus, Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüie offen, sehnend, sich dehnend in Lieben und Hoffen, Frühling, was bist du gewillt?

Wann werd' ich gestillt?

Die Wolke seh' ich wandeln und den Fluß, es dringt der Sonne goldner Kuß mir tief bis ins Geblüt hinein: die Augen, wunderbar berauschet, tun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das, ich sehne mich und weiß nicht recht nach was: Halb ist es Lust, halb ist es Klage: mein Herz, o sage, was webst du für Erinnerung in golden grüner Zweige Dämmerung? Alte, unnennbare Tage'.

Dis Meitzen Handschuhs.

Eine hessische Dorfgeschichte.

Von Wilhelm Philipps.

Was ist der Mann im Zivilberuf?"

Der General hakte das kalt und starr dreinschauende Einglas vor das scharf musternde Auge und erwartete die Antwort, die ebenso be­stimmt und metallen wie die kurze Frage von einem Seitentisch her­überklang, an dem ein Schreiber mit Achtung gebietendeui Gefreiten­knopf in Listen stöberte:

Müller, Herr General!"

Jardejrenadierrejement Nr. 1, Kaiser Alexander, Berlin!"

Mit diesem kurzen Bescheid war Karls Schicksal für die nüchstetr drei Jahre besiegelt. Eine stramme Kehrtwendung, und der künftige Flügel­mann der 1. Kompagnie des 1. Bataillons verschwand aus dem Muste­rungslokal; er mischte sich mit sichtlich gehobenem Selbstbewußtsein unter seine Kameraden aus dem gleichen Orte, die halblaut, aber eifrigst die Entscheidungen der Aushebungskommission begutachtend austauschten, während sie einander bei der etwas umständlichen Sonntagstoilette un­beholfen unterstützten. Das stand für sie alle fest: Karl hatte das große Los gezogen! Seine dreijährige Dienstzeit in der Reichshauptstadt zu verbringen, dünkte ihnen als eine besonders günstige Fügung des Schicksals.

Wenige Minuten später zogen sie mit Bändern um die Brust und am Hut durch die Straßen der kleinen Kreisstadt, unter frohgemuten Liedern und ausgelassenen Scherzen und Neckereien. Das Musterungsgeschäft brachte &eben in die sonst verschlafenen Gassen und an die verträumten Fenster: die standen heute weit offen und nahmen und gaben freundliche Blicke und ungewohnte Zurufe. Derlange Karl", wie man ihn daheim in der Spinnstube getauft hatte, führte vom rechten Flügel aus in einer Haltung, als ob er unter dem Brandenburger Tor sich zum Vorbei­marsch "vor dem obersten Kriegsherrn ein letztesmal straffte. Quer über der breiten Brust leuchtete ein farbenfrohes Band mit einet) Aufschrift in Goldbuchstaben: Garde-Infanterie! Don dem Hute, den er vordem nie so keck auf dem Kopfe getragen, nickte stolz ein Strauß künstlicher Blumen in den grellsten Farben untermischt mit vergnügtem Federwerk, das sich ehrerbietig vor einem schwanken Pfauenspiegel zurückhielt. Das einsilbige graue Band um seine fidele Kopfbedeckung lugte hier und da scheu und fremd hervor unter einer roten Schleife, die in zwei langen Fahnen hinter ihm herflatterte. Der dünne, buntbewimpelte Rohrstock pfiff alle paar Schritte schnei­dig durch die Luft und schnitt scharf durch die graublauen Rauch­wolken, di« die rekrutenhast aufgemachte Zigarrenspitze kaum er­kennen ließen.

Wie man sich fühlte! Ein großer Tag war heute! Deshalb ging es auf kurzen Almtoegen zu dem Wirtshaus, vor dem ein mit frischem

Tannengrün und roten und weißen Papierrosen aufgeputzter Leiter­wagen auf die Gesellen wartete. Aus feiner Mitte tagte in die Straße hinein eine Fahne in den hessischen Landesfarben, an deren Spitze sich farbige Bandstreifen im Spiel der Winde fingen und wieder trennten. 3n der engen Türe des Gasthauses .Zur Wetterau" wischte sich der Wirt, für den die Pfosten einen gerade passenden! Rahmen bildeten, mit der Hellen Schürze die Finger und machte der lebensfrohen Schar vergnüglich den Weg frei. Die langweiligen Wände der Gaststube schienen plötzlich nicht ntehr so eintönig, in die faulen Tische kam Bewegung man rückte sie zu einer langen Tafel zusammen, und die schäun'.enden Schoppen gingen von Hand zu Hand, wanderten leer zirrück und stanken im Au gefüllt wieder bei ihren Kameraden. Karl saß am oberen Ende der blank ge­scheuerten Dahn und beherrschte schon durch seine Haltung die Lage, Er lieh es sich heute etwas kosten und griff recht tief in den aus­fallend gut versorgten Deutel. Die Garde weiß, was sie sich schuldig ist. .Soldaten fein'S fidele Drieder, habens frohen Mut" immer und immer wieder stimmte er das Lied an, und seine Kameraden! feierten ihn als den, der es nunmchr am weitesten gebracht hattet unter ihnen. Was war da zu zarrdern: der Wirt, ein Ländsmanm saß schon in der Reihe und gab noch eine Runde, die ter neugebackene! Alexander an trinken muffte. Draußen aber stampften die ungeduldigen! Pferde das holperige Pflaster, warfen die Köpfe, ungewohnt des flatternden Flirtes an &en Schläfen, schnaubend in die Höhe und wieherten zum Aufbruch. Senn das größte stand noch bevor: die Heimkehr in das harrende Dörfchen! Als letzter bestieg Karl den grünüberwölbten Wagen; die Fahne wurde aufgerollt, und mit über­mütigem Winken und schallendem Liede ging es in dröhnendem Trab hinaus auf die ob der festlichen Auffahrt sich verwundernde Land­straße. Kein Ackersmann, dessen man in der Flur ansichtig wurde, blieb ohne Gruß und jauchzenden Anruf. Die wehende Fahne trug mit den fröhlichen Liedern die Kunde von dem hohen Tage weithin über die wogenden Felder. And je näher man dem von fernher leuch­tende,; Kirchturme kam, um so straffer spannten sich die harten! Muskeln der schweißtriefenden Tiere.

Vom Dorfeingang aus aber hielt jung u>rd alt Ausschau nach dem von den Spirmstubenfchknen mit soviel Liebe und Hingebung geschmückten Wagen. Wie ein Sturnr brach plötzlich die Schuljugend aus den Gruppen der Wartenden hervor und rannte schreiend und winkend dem festlichen Gefährte entgegen, das eben in dem weiten Bogen erschien, den die Straße vor dem Dorfe zog. Und während man die letzten Worte wechselte über die liebertafd?u«gen, die zu erwarten standen, staubte die Wolke rasch vorwärts und immer näher, die unter Hufen und Rädern dicht aufwirbelte, Schon hatten die Kinder den Wagen erreicht und umtollten ihn in wilden Sprüngen; er verlangsamte seine Fahrt, und in die seither ge­sprächige Mädchenschar, die mit geröteten Backen und voll brennen- der Neugierde abseits sich gesondert hatte, kam eine Ruhe, die von der inneren Erregung zeugte, die sie beherrschte. Wie verängstigt fast rückten sie armvekschlungen einander näher und hielten geradezu verschüchtert Hand in Hand, als ob es irgendeiner gemeinsamen Ge­fahr zu begegnen gälte. Da brauste voir stolzem Fahnenwehen umwogt das Lied heran, das sie an den letzten Abenden so oft mit den Burschen unter der Linde vor dem Dorfe gefangen hatten, das schwermütige Lied von dem scheidenden Soldaten und seinem ver­lassenen Schätzchen. And bittere Wehmut und Herbes Leid durchzog die einfache, große Seele des blonden Mädchens, das noch zuletzt sich bei den Neugierigen eingefunden hatte, der Geliebten Karls, Denn Lina konnte nicht froh werden an diesem Tage voller Er­wartungen. Die Rosen, die sie in das Tannengrün gebunden, glichen Tränen, die sie im stillen geweint bei dem Gedankeir des unver­meidlichen bevorstehenden Abschiedes. Der Blick, den sie Karl ant Morgen bei der Ausfahrt mitgegeben, seufzte von kommendem Herze­leid und schwamm in ungewisser Ahnung weher Enttäuschungen. Da hielt er auch schon ihre Hand umschlossen!

Hier, Lina, guck her! Alexander Berlin!"

Es hätte dieser Mitteilung, ja der ganzen Begrüßung nicht be­durft! Die goldene Schrift auf dem munteren Bande um die Brust, das wie beleidigend fast herausforderte, genügte: Garde-InfanterieI Lina wußte, was das hieß! Karl hatte ihr seit der ersten Musterung genug davon vorgeschwärmt. Fast alle anderen kamen in die Garnison in der Nähe, durften sicherlich alle paar Wochen auf SonntagsurlauV fahren, konnten vom Dorfe aus bei mancherlei Geschäften, die die Leute vom Lande in die Stadt führten, Besuch und Grütze erhalten. Aber Garde in Berlin! Mit halbem Ohre nur folgte sie Karls überhastetem Bericht von der Musterung, voir dem ausgelassenen Treiben in der Stadt, von der lustigen Heimfahrt durch die Rach­bardörfer! Ja, mag das unvergeßlich schön für ihn gewesen sein!