Ausgabe 
22.11.1927
 
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Überhaupt das Bild der Londoner Straßen. Es hat schon etwas zu bedeuten, daß es selbst solchen Fremden, die noch frisch das StraßenbiW von Berlin, Rom, Paris und Genf Im Auge haben, in London sofort auffällt, wie viel besser hier sämtliche Leute, als sonstwo in Europa, ge­kleidet sind. (Und wieviel besser gelaunt ...) Alle gehen noch im Slovember ohne Mantel, im einfachen Anzug, einher, viele abends auf der Straße im Frack, eine Orchidee im Knopfloch, den Zylinder auf dem Kopf, ganz, wie während derseason. Und sämtliche Leute hasten mit Würde, man könnte fast sagen sie eilen langsam ....

Manchmal wünschte ich, ich wäre ein« Stadt. Selten wird der Mensch mit den Jahren schöner. Freunde, die man nach Jahren Wiedersicht, bieten gewöhnlich einen recht unerfreulichen Anblick dar: der eine ist dicker ge­worden, der anders hat eine Glatze bekommen, und der dritte hat sich einfach in einen alten Pavian verwandelt. Anders die Städte das Altern gereicht ihnen meistens nur zum Vorteil. Gewiß, die alte Regent- Street soll poetischer gewesen sein, als die neuerliche Fassung und dies und jenes war einstmals auch in London schöner. Aber keinerlei Anzeichen des Verfalls zeigt der um so und so viel Jahre meiner Abwesenheit gealterte Piccadilly. Hat sich nur ein bißchen verändert, ist gar jünger geworden. London wächst nicht so toll wie Berlin, wo ganze Häuser, ^alt­bekannte Geschäfte, vertraute Gaststätten, ihre Plätze so buchstäblich über Nacht wechseln, daß man oft die Straßen nicht wiedererkennt. Aber im Laufe der letzten Jahre haben auch auf dem Piccadilly, auf Regent-Street, am Haymarket, ganze Häuserzüge ein anderes Antlitz genommen. Nur ist alles Neue hier nicht, wie anderswo, flüchtig und kitschig, sondern mit jener Solidität, Monumentalität und jenem kultivierten Geschmack aus­geführt, wie sie für dieses Land und für dieses Volk schon einmal kenn­zeichnend sind.

Die Leute, welche zu sagen belieben, -daß London gesellschaftlichgar nicht mehr -das" wäre, sind ganz töricht« Täpse. Ihnen sei geraten, einmal am Sonntagvormittag mit offenen Augen und Ohren in den Hyde-Park zu gehen und Rotten-Row auf und ab zu flanieren. Ein betörendes Schauspiel: durch den herbstlichen, ober sonnigen Park ergießt sich eine, nach Taufenden zählende Menge; kein sogenanntes Sonntagspublikum; nein Society; oder zu-m mindesten Leute, die wie Society aussehen. November ist nämlich klein«season. Und Sonntags um zwölf Uhr, wenn alles hübsch brav in der Kirche gewesen ist, gehört es zum guten Ton, sich im, sonst etwas zu populären Hyde-Park zu ergehen ... Oder zu reiten. Den großen Reitweg von Rotten-Row entlang der in aerober, viele Kilometer zählender Linie den Park durchschneidet, und den von beiden Seiten breiten Alleen für die Fußgänger flankieren den großen Weg entlang reiten ganze Kavalkaden zu-m Bewundern smart gekleideter Ladies und @entfernen. -

Und die Kinderchen! Immer und immer wieder sprengen Gruppen von vier oder fünf Kindern, Knaben und Mädchen, auf Ponys reitend, vor­über. Meistens ganz allein, ohne Reitlehrer oder Stallknecht. Manche von ihnen kaum acht oder neun Jahre alt. Auch sie gekleidet ganz wie die Erwachsenen, in putzigen Reitanzügen von ausgewähltem Geschmack. Viel« der kleinen Reiter und Reiterinnen tragen knallrot« Wamse, knall­rot« Halstücher oder knallrote Mützen. Ans dem grünen Hintergrund des Hyde-Park-Rasens nehmen sich die vielen knallroten Punkte gar malerisch aus. Und eine wahre Augenweide ist es, diesen kleinen, reitenden roten Punkten nackWischauen solange, bis sie in der Fern«, im Blau-Grau des Nebels von Rotten-Row verschwunden sind.

Geht man aber einige Schritte tiefer in den Park, so stößt man auf bas Hyde-Park-Flüßchen Serventine, wo Kinder und Erwachsene ständig allerhand Federvieh füttern. Doch kann man hier auch den ganzen Winter Über einige besonders verschrobene Menfchenwesen britischer Rasse baden sehen. Die Blätter vermerken das von Zeit zu Zeit, und ganz England freut sich -dann über diese abgehärteten Exemplare der Londoner Bürger­schaft .....

Mit dem Londoner Nebel ist das so eine Sache. Er ist nämlich nur ganz selten .undurchsichtig und dick wie Milch". Meistens liegt er nur wie ein ganz zarter, feiner Hauch über der Stadt und hüllt die altehr­würdigen Gebäude, die von Englands Geschichte sprechenden Monumente, das Filigranwerk der knorrigen Bäume in einen, dem Auge wohltuenden Schleier, der dann eine rauchige, rußige Großstadt in das verwandelt, was London nämlich ist ein Gedicht.

Dies« Stadt hat landscbaftliche Partien, die sich mit den Reizen der alferfchonsten Stadt« der Welt messen tonnen. Da schaut man beifpiels. weise vom Picadiily über die grünen Flächen des Green-Park hinweg, weit, unendlich weit. Nur riesige Flächen, di« vorne ganz saftig grün sind und allmählich immer bläulicher und unwirklicher werden. Dort, ganz In der Ferne aber, wo das Grün schon in die andere der drei britischen Rationalfarben übergegangen ist, dort im Blaugr-au des fernen Nebels, steht man nur andeutungsweise die märchenhaft schöne Silhouette von Westminster.

Nur ein Weniges abseits tost der Piecadilly. Hier aber ist Land, Essex, Devon, Cornwall. Milten an diesem kühlen, feuchten Novemberabend hat ba jemand «inen Liegestuhl ausgebreitet imb schläft. Weiter haben sich ymet alte Leutchen im Rasen niedergelassen und verzehren ihr Abend- vrot. Und auf einer anderen Wiese, dicht neben dem h-ochfendalen Ritz- Hotel, spielen einige Mrbeiter, die sonst am Piccadilly etwas bauen, spielen mitten auf diesem herrlichen Rasen (den anderswo zu betreten, di« Behörden strengstens untevsagen würden ....), spielen, ohne im Geringsten jemand um Erlaubnis zu fragen Fußball. Und wie ich das alles sehe, da überkommt es mich plötzlich wie kindische Unart, auch ich betrete nun das saftige, grüne, aoenblich-f suchte Gras, das st« hier noch stn November mähen, und stampfe drauflos, in der Richtung nach Pall-Mall, querfeldein, wohlgemut, fürbaß, daß es eine wahre Lrrft ist ...

Es ist Abend, und di« Nebel werden dichter. Wie sämtstche Gespenster Alt-Englands steigen sie rechts und links von mir aus dem hohen Rasen auf. Irgendwo teilt sich die Fernsicht der Häuser, und ich werde plötzlich am Firmament, durch einen zarten Schleier von Rauch und Dunst, die untergehende Sonne gewahr. Wie eine große feurige Kugel steht sie ganz

niedrig am Himmel und berührt saft das Gitter von Hyde-Park-Corner, wo jetzt die Guardsmen stehen, Virginia-Zigaretten rauchen, mit rm» wahrscheinlich dünnen Stöcklein herumsuchteln und da« Knallrot ihrer Uniformen erleuchten lassen. Doch auch die Sonne, die in Großbritannien nur vorübergehend unterzugehen pflegt, auch die Sonne ist rot, knallrot wie die englischen Briefkästen, die Autobusse, die Telephonbuden, die Lady-Hütchen, rote alles in dieser malerischen Stadt der roten Tupfen, des grünen Rasens, der blau grauen Nebel......

Ja, das ist London, und nie wird es anders {ein.

Der grserg Nase.

Von Wilhelm Hauff.

(Schluß.)

So lebte Nase beinahe zwei Jahre in äußerlichem Wohlleben und Ehre, und nur der Gedanke an seine Eltern betrübte ihn. So lebte er, ohne etwas Merkwürdiges zu erfahren, bis sich folgender Vorfall er­eignete. Der Zwerg Nase war besonders geschickt und glücklich in seinen Einkäufen. Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer selbst auf den Markt, um Geflügel und Früchte einzukaufen. Eines Morgens ging er auch auf den Gänsemarkt und forschte nach schweren fetten Gänsen, wie sie der Herr liebte. Er war musternd schon einigemal auf und ab gegangen. Seine Gestalt, weit entfernt, hier Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht; denn man erkannte ihn als den be­rühmten Mundkoch des Herzogs, und jede Gänsefrau fühlte sich glück­lich, wenn er ihr die Nase zuwandtc.

Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen, die auch Gänse feil hatte, aber nicht wie die übrigen ihre Ware anpries und nach Käufern schrie; zu dieser trat er und maß und wog ihre Gänse. Sie waren wie er sie wünschte, und er kaufte drei samt dem Käfig, lud sie auf feine breite Schultern und trat den Rückweg an. Da kam es ihm sonderbar vor, daß nur zwei von diesen Gänsen schnatterten und schrien, wie rechte Gänse zu tun pflegen, di« dritte aber ganz still und in sich gekehrt da saß und Seufzer ausstieß und ächzte wie ein Mensch.Die ist halb krank," sprach er vor sich hin,ich muß ellen, daß ich sie um­bringe und zurichte." Aber die Gans antwortete ganz deutlich und laute

Stichst du mich, So beiß' ich dich. Drückst du mir die Kehle ab. Bring' ich dich ins frühe Grab."

Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase seinen Käfig niebcr, unö bW Gans sah ihn mit schönen, klugen Augen an und seufzte. ® der lau- send!" rief Nase.Sie kann sprechen, Jungfer Gans? Das hätte ich nickst gedacht. Na, fei Sie nur nicht ängstlich! Man weiß zu leben und wir» einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber ich wollte wetten. Sie ist nicht von jeher in diesen Federn gewesen. War ich ja selbst ein- mal ein schnödes Eichhörnchen."

Du hast recht," erwiderte die Gans,wenn du sagst, ich sei nicht in dieser schmachvollen Hülle geboren worden. Ach, an meiner Wiege wurde es mir nicht gesungen, daß Mimi, des großen Wetterbocks Tochter, in der Küche eines Herzogs getötet werden soll!"

Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi", tröstete der Zwerg.Es wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterküchenmeister Seiner Durchlaucht bin, es soll Ihr keiner an die Kehle. Ich will Ihr in meinen eigenen Gemächern einen Stall an weisen, Futter soll Sie genug haben, und meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhaltung widmen; den übrigen Küchenmenschen werde ich sagen, daß ich eine Gans mit allerlei de- sonderen Kräutern für den Herzog mäste, und sobald sich Gelegenheit findet, setze ich Sie in Freiheit."

Die Gans dankte ihm mit Tränen; der Zwerg aber tat, rote er ver­sprochen, schlachtete die zwei anderen Gänse, für Mimi aber baute er einen eigenen Stall unter dem Vorwande, sie für den Herzog ganz besonders zuzurichten. Er gab ihr auch kein gewöhnliches Ganse- futter, sondern versah sie mit Backwerk und süßen Speisen. So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, sich mit ihr zu unterhalten und sie zu trösten. Sie erzählten sich auch gegenseitig ihre Geschichten, und Rase erfuhr auf diesem Weg«, daß die Gans eine Tochter des Zauberers Wetterbock fei, der auf der Insel Gotland lebe. Er sei in Streit geraten mit einer alten Fee, die ihn durch Ränke und List überwunden und sie zur Rache in eine Gans verwandelt und weit hinweg bis hierher ge­bracht habe. Als der Zwerg Nase ihr seine Geschichte ebenfalls erzählt hatte, sprach sie:Ich bin nicht unerfahren in diesen Sachen. Mein Vater hat mir und meinen Schwestern einige Anleitung gegeben, soviel er nämlich davon mitteilen durfte. Die Geschichte mit dem Streit am Kräuterkorb, deine plötzliche Verwandlung, als du an jenem Kräutlein rochst, auch einige Worte der Alten, die du mir sagtest, beweisen mir, daß du auf Kräuter bezaubert bist, das heißt: wenn du das Kraut auffindest, das sich die Fee bei deiner Verzauberung gedacht hat, jo kannst du erlöst werden." Es war dies ein geringer Trost für den Kleinen: denn wo sollte er das Kraut auffinden? Doch dankte er ihr und schöpfte einige Hoffnung.

Um biete Zeit bekam der Herzog einen Besuch von einem benach­barten Fürsten, feinem Freunde. Er ließ daher seinen Zwerg Nase vor sich kommen und sprach zu ihm:Jetzt ist dte Zeit gekommen, wo du zeigen mußt, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist. Dieser Fürst, der bei mk zu Besuch ist, speist bekanntlich außer mir am besten und ist ein großer Kenner einer feinen Küche und ein weiser Mann. Sorge nun dafür, daß meine Tafel täglich also besorgt werde, daß er immer mehr in Erstaunen gerät. Dabei darfit du, bet meiner Ungnade, solange er da ist, keine Speise zweimal bringen. Dafür kannst du dir von meinem Schatzmeister alles reichen laßen, was du nur brauchst. Und wenn du Gold und Diamanten in Schmolz backen mußt, so tu es! Ich will lieber ein armer Mann werden, als erröten vor ihm.