Wie er so hoch und steil auf seinem Pferde saß, erweckte er in mir s große Bewunderung; er erschien mir majestätischer und auch furchtbarer j als der Präfekt und der Bischof. Und er ist ja auch jetzt noch eine imponierende Persönlichkeit mit seiner hohen Gestalt und seinen schwarzgrünen, leuchtenden, drohenden Augen. Die Haut seines Gesichts gemahnt an Eichenrinde, und auch das dichte graue Haar und der lange Bart mit seinen schwarzen und gelblichen Strähnen haben etwas Pflanzenhastes.
Er war seit langen Jahren landflüchtig, und viele schwere Anschuldigungen lasteten auf ihm; deshalb mar er gefürchtet und zugleich geachtet.
Endlich kamen wir beim Kirchlein der „Madonna zum guten Rat" an, das halbwegs an der Straße von Oronou nach Tibi liegt. Aus Tibi waren zahlreiche Familien herübergekommen, die mit denen von Oronou verwandt mären und an dem Friedensfest teilnehmen wollten.
Der Ort ist angenehm und schattig: ein kleines Eichengehölz umgibt die Kirche, die aussieht wie eine Hütte mit einem Kreuz auf dem Dach. In der Nähe fließt zwischen zwei Hecken von wilden Oleanderbüschen ein Bächlein, und in der Ferne erblickt man das Meer.
Die Bauern hatten schon Feuer angezündet, um an ihnen das Mittagessen zu bereiten. Wie bei allen ländlichen Festen waren auch heute viele Karren gekommen, in deren Schatten die Frauen und Mädchen saßen. Die Ochsen und Pferde grasten auf den Wiesen, die Hunde umsprangen die mit Mundvorräten gefüllten Satteltaschen, und die Männer schlachteten Lämmer für das Festmahl.
Eine magere, geibhäntige, schwarzgekleidete Frau — jene, die meine Stiefmutter werden sollt«, — hob mich vom Pferde und führte mich in die Kirche Ein grünes Tuch bedeckte einen Stein neben dem mit Feldblumen geschmückten Altar; ein großer schivarzer Christus lag mitten in der Kirche auf einem alten gelben Teppich, und die Frauen knieten rings um dieses goldene Viereck, beteten, seufzten, schlugen sich die Brust und küßten den Boden.
Meine zukünftige Stiefmutter gesellte sich zu den Frauen um den Teppich, und auch ich kniete nieder und betete. Die Kirche füllte sich mit Andächtigen. Der Bischof las die Messe, und nach dem Evangelium trat er auf die Altarstufen, um zum Volke zu reden. Seine Stimme war klar und tönend, sein Wort Liebe, Drohung, Borwurf, Aufforderung zum Frieden, zur Arbeit; es hallte in der Kirche wider, machte die Frauen weinen und die Männer die Häupter auf die Brust senken.
Ms die Messe zu Ende war, enthüllte der Präfekt eigenhändig den Stein: Ein« Taube mit einem Oelzweig schmückt« die Inschrift:
Am 15. Akai 1895
Schworen die Bewohner von Oronou und Tibi stolz und stark nach langen Jahren des Hasses des Unheils und der Verblendung da sie die Augen dem Licht der Liebe öffneten
Frieden und Vergebung j
und den Beginn einer neuen Zeit bürgerlichen Lebens
Paarweife schritten die Männer und Frauen der feindlichen Parteien an dem Christus vorüber und tauschten den Frisdenskuß. Hier erinnere ich mich noch an eines: Ohm Remundu Covbu in seiner Größe und Härte schien es eine bittere Anstrengung zu fein, sich, traurig und verächtlich, ein wenig zu dem kleinen Dionisi Arras hinunterzubeugen, dem $ ruber des friedensfeindlichen Parteihauptes. Ein Geflüster ging durch die Menge, als die beiden sich küßten. Ohm Dionisi, «in rotwangiges, heiteres Männchen, wandte sich um und öffnete die Hände, als wollte er sagen, mein Bruder ist nicht hier, was will man da machen? Aber dafür bin ich ja da.
Dann folgten die andern: stolze, trotzige Manner, hochgewachfene Jünglinge mit bronzenen Gesichtem, Alte, um deren Antlitz Schlingpflanzen zu hängen schienen wie um die Eichen, unter denen sie ihre Tage und ihre Nächte verbrachten. In allen war etwas Hartes und Rätselhaftes: sie hatten etwas von der Natur des Felsgesteins, ans dem unsere Berge bestehen.
Auch die Frauen küßten einander: einige weinten, andere lachten, und das waren vielleicht die Ergriffensten. Ach, endlich waren die finsteren ! Tage des Bangens und Schreckens vorüber; endlich würden di« Alten sich nicht mehr in den Sturmnächten in den Betten emporrichten wie Schlangen, den Feind verfluchen und jeden Augenblick auf die Nachricht von einem neuen Unglück lauern; endlich könnten die Mädchen ihrem Nachbarn zulächeln und sich unter den Jünglingen den Schönsten auswählen, ohne denken zu müssen: „Er ist ein Feind, den man hassen muß und nicht lieben darf."
Eine Reihe von Paaren, die einander insgeheim liebten wie zu Julias heroischen Zeiten, zogen lächelnd an dem Christus vorbei; ein Priester verlas die Aufgebote vieler Ehen zwischen Verfeindeten; auch die meines Vaters mit der Witwe war darunter.
Es war ein echter Festtag, ein Friedenstag. Der stille, fast feierliche Frühling der Hochebene und die großartige Landschaft mit dem Meer als Abschluß schienen ein würdiger Hintergrund für das Bild, das von wundervollen Gestalten belebt war, angefangen von dem ehrwürdigen Bischof, der wie ein Druidenpriester am Fuße einer Eiche faß, bis zu den alten Hirten, die nicht einmal während des Essens die schwarze Kapuze vom Kopfe streiften; von dem blassen, sarkastischen Präfekten im Jagdkostüm, bis zum Gemeindekretär, der sich eigens für diese Gelegenheit einen Gesellschaftsanzng und einen steifen Hut gekauft hatte.
Die Frauen und die jungen Männer tanzten vor der Kirche, so emft und feierlich, daß sie einen religiösen Ritus auszuftihren scheinen. Ich hing den ganzen Tag an den Röcken der Witwe, sie saß im Schatten eines Baumes, starrte mit blitzenden Augen die verschiedenen Gruppen an, brummte und redet« Böses von allen.
Mein Vater holte mich zum Festmahl; Berge von Brot, Säfen, Kuchen, getrockneten Früchten, lagen auf den Säcken und Mantelsäckm, die als Tischtuch dienten und zogen meine Blicke an. Mir war wie im Traum, wie bei einem Festmahl aus dem Märchen; von allem war Vorrat, und he? Wein floß aus 'den Fässern wie das Wasser aus den Brunnen; Milch
mischte sich mit Honig; ganze Wildschweine, Berge von Rebhühnern, Holz, legel voller Aale wanderten an dem Bischof vorbei, der nur ein wenig Wasser trank und an einer wilden Ariischot« kaute.
Roden, Lieder und Trinksprück-e folgten. Mein alter Großvater, die zukünftige Stiefmutter und ich kehrten vor Sonnenuntergang ins Dorf zurück, aber das Fest dauerte drei Tage, worauf einige Landslüchtige wieder in die Wälder zurückkehrten, andere sich stellten und noch anderen vorläufig die Freiheit geschenkt wurde.
In der Nacht des dritten Tages war jemand in die Kirche gedrungen, hatte den Stein zerschlagen und etwas Geld als Schadenersatz zurück- gelassen. Alle sagten, es sei der Arras gewesen.
Es geschahen nun keine Bluttaten mehr, die Hochzeiten wurden gefeiert, die feindlichen Parteien grüßten einander wieder, unterhielten Be- ziehungen und machten Geschäfte miteinander: aber die heimliche Ab- neigung zwischen den Familien und Einzelpersonen besteht heute, fünfzehn Sichre nach dem Frieden.oschluß, immer noch weiter.
Ohm Remundu Corbu, der sich stellte, wurde freigesprochen; ander« wurden verurteilt, noch andere starben. Nur Ohm Arras ist noch Übrig; er ist seit dreißig Jahren verbannt und wird bald das Recht haben, heimzukehren, freigesprochen von dem einzigen unbestechlichen Richter, der Zeih
Bitte an Eva.
Von Leo Sternberg.
Du bist so gefährlich für mich: Du kannst mich gut machen und kannst mich schlecht machen — Hüte mich!
Hüte — dich!
Gott nahm nicht von Erde, sondern nahm von meinen Träumen: Himmel, der selig macht... Hölle, die selig macht ...
Und ich sah dich ihm danken auf den Knien, daß er das deinem Wesen für mich verliehn ... Du könntest mich unselig machen Und dir wäre verziehn — denn schwach bin ich vor dir ...
Hüte mich!
Hüte — dich!
Harfe, goldhaarige, du, die ich zum Tönen darf bringen — deine Seele und deinen Leib — mit meinem zartesten Hauch und meinen Stürmen auch! Laß meine Feuer und Sünden in reinem Widerklang deiner Schönheit münden! Du kannst mich verzaubern und kannst mich zerstören, daß wir beide das Heil verlören — Hüte mich!
Hüte dich!
LonDsn im Spätherbst.
Bon George P o p o f f.
London, im November 1927.
Sn der «inen Hand die Palette, in der anderen den Pinsel und bann, bitte nur drei Farben — Gran, Grün und Rot. So sei versucht, ein kümmerliches Abbild von jener holden Wirklichkeit zu entwerfen, die „London im Herbst" genannt, ein eigenartig-schönes, ungewollt stilisiertes Gemälde darstellt, mit verschwommenen, weiten Flächen von Grau und Grün, überall belebt durch das Leuchten beweglicher und unbeweglicher roter Punkte. _
Grau, bläulich-grau ist her Himmel, sind die Straßen, erscheinen die Häuser, breitet der Nebel, der berühmte Londoner Nebel seine alles- umfafsenden Arme aus. (Brün ist der Rosen, der saftig-feuchte Rasen der Londoner Parks, dieser Parks, deren großzügige Dimensionen mitten in einer Weltstadt, Landschaften von unerhörter Schönheit entstehen lassen. Und rot ist der Rest. Rot sind die Autobusse, rot sind die Briefkästen, rot sind die neuen Telephonbuden auf den Straßen, rot sind die Uniformen der Guardsmen, rot find die Hüte der sportlich-gehärteten und doch so diftinguiert-hingehauchten Engländerinnen.
Diese Vorliebe der Engländer für die rote Farbe ist psychologisch erklärlich und begreiflich: leisen sie da m dem ewigen Grau ihres ewigen Nebels dahin, fühlen sich dem Süden, der Sonne, dem Farbenrausch milderer Zonen Hoffnungslos fern, find selbst von Natur das, was man „etwas langstielig" nennt — ist es da nicht natürlich, daß fi« unter solchen grauen Umständen auf den verwegenen Gedanken verfallen sind, ihrer Umwelt künstlich etwas „Licht aufzusetzen"? So wurde Rot zur Lieblingsfarbe der Briten. Ueberatt, wo das Auge hinschaut — rote Punkte auf grünem Rasen, im grauen Nebel ....
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Da hörte ich jemand etwas ganz Dummes über London sagen, und war doch das Treffendste, was sich über diesen eigenartigen Ort sagen ließe: „Diese Stadt ist so typisch englisch!" Es ist in der Tat diejenige i Weltstadt, welche den geringsten internationalen Anstrich hat. Die Leute auf den Straßen sehen genau so aus, wie man sich bei uns die Bilderbuch- Engländer vorzustellen pflegt: rote Gesichter, wollene Schals um den Hals, du ruble Stiefel an den Mißen, weit ausschreitend beim Gehen, und alle rauchen sie wahrhaftig Pfeifen. So viel Pfeife rauchende Wesen aus einem Fleck beisammen, wie hier, Hube ich meinen Lebtag noch man gesehen.


