EietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (927 Dienstag, den 22. Nssemder Nummer 93
Das BlumenbosL.
Von Werner B o ck.
Warum ist aller Trubel plötzlich tot?
Warum muß alles in die Ferne lauschen? Warum hörst du jetzt nur das Wasser rauschen Und blickst auf dieses eins schlanke Boot?
O sieh, ein Wunbergarten schwimint heran: Ein Schiss trägt Blumen nur und Blütenbäume, Kein Ruder führt es und kein Steuermann: Es weht daher wie aus dem Reich der Träume.
Wie wird so schnell nun alles ohne Sinn! Worum ging eben noch ringsum das Mühen?
Wie stürzt da alle Qual beschämt dahin
Bor diesem unbewußten stillen Mühen!
Vielleicht, daß mancher in der starren Schar Wie ich des Glückes dachte, das im Leben Nur einmal kommt und dann so wunderbar Wie dieses Blumenschiffes sel'ges Schweben.
Aus den Erinnerungen Iorgjs,
Bon Grazia Deledda.
Wir bringen im folgenden das 5. Kapitel aus dem Roman „Tauben und Sperber" von Grazia Deledda, die, wie bekannt, in diesem Jahr« mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde: Elfe H ad- rn i g e r besorgt« die Uebersetzung.
Das Dörfchen, in dem ich geboren bin, bewohnen fast ausschließlich Hirten. Die Natur des gebirgigen, zerklüfteten Landes gestattete keinen Ackerbau; außerdem können sich aber auch di« Bewohner aus angeborener Trägheit nicht an eine regelmäßige und geduldige Feldarbeit gewöhnen. Der Mensch lebt in jenen Bergen noch im Urzustand; wenn es ihm gelingt, eine Ziege zu stehlen und sie mit seinen Kameraden oder seiner kleinen Familie zu verzehren, freut er sich wie Über ein wohlgelungenes Geschäft. Auch ihm ist den Tag oder die Woche vorher ein Böckchen gestohlen worden: warum sollte er den Schaden nicht wieder einzubringen suchen? Und wenn ihr ihm sagt, er habe übel getan, ist er beleidigt und hegt feinen Groll gegen euch, wie eben ein Mensch, dem man fein gutes Recht streitig nrachen will. Abgeschmtten von der übrigen Welt und in stetem Kamps mit den wenigen seinesgleichen, oft sogar mit den eigenen Verwandte, dem eigenen Bruder, glaubt der Dorfbewohner, das Recht zu haben, sich selbst mit den Waffen, die ihm die Natur verlieh, Gerechtigkeit zu schaffen: mit Muskelkraft, List und Zungenfertigkeit. Er weiß nichts von der Gesellschaft, und das Gesetz ist für ihn eine Naturgervalt, der man aus- weiche« muß, weil man sie nicht zu besiegen vermag. Uebrigens hat er ganz recht: die ferne Gesellschaft erinnert sich seiner nur, um ihn aus« zubeuten; sie verlangt Tribut, preßt ihn zum Heeresdienst und schützt Ihn weder vor fernen Feinden noch vor Dieben, sie hilft ihm nicht, wenn der strenge Winter sein Bich tötet, und sie schützt ihn auch nicht vor falschen Zeugen, wenn man ihn irgend eines Verbrechens beschuldigt.
So greifen diese Menschen zur Selbstverteidigung, aus Instinkt, aus Gewohnheit, aus ihren, inneren Rechtsgesühl heraus. Seit langen Jahren zerfleischen die Bewohner des Dorfes einander in wütender Feindschaft. Diese Feindschaft war zwischen zwei Familien über ein Wegerecht durch ein Grundstück ausgebrochen. In dem Rechtsstreit, der daraus entstand, war die Frage nicht gerecht gelöst worden, und der Eigentümer, in der Ansicht, man habe sein« Rechte mit Füßen getreten, fdjaffte sich selbst Recht, inbem er den Feind totsching, der fein Feld betrat. Die Familie des Erschlagenen rächte sich; der Haß pflanzte sich wie ein Unkraut von Familie zu Familie fort; es kamen schreckliche Jahr« der Rache und der Mordtaten.
Ich war damals noch ein Kind, aber ich erinnere mich noch ganz deutlich daran, wie traurig und finster alle Leute dreinblickten. Einer schien dem andern zu mißtrauen, auch wenn beide zur gleichen Partei gehörten; sobald der Abend hereinbrach, verschlossen sich alle Türen, und selbst wenn man Hochzeit feierte, war alles schweigsam und melancholisch.
Diele, denen man Verbrechen zur Last legte, die sie begangen, oder mich nicht begangen haben mochten, lebten in der Wildnis, aber non dort aus erteilten sie den Doribewohnern ihre Befehl«: beide Parteien gehorchten bllndiings den beiden Oberhäuptern, di« noch den verfeindeten Familien ««gehörten: eines dieser Häupter war Ohm Remunu Corbu, unser Nachbar, das andere war Ohm Jmwsiu Arras, ein Verwandter meines Vaters. Beide waren landflüchtig.
Auch »nein Baier war Hirt; nach dem Tode meiner Mutter hatte er eine Witwe geheiratet, di« öfter war als er, die aber einiges Vermögen hatte^und eine Verwandte des Eorbu war. Hochzeit feierten sie zur Zeit des Friedensschlusses zwischen den beiden Parteien, der nach langen Ver
handlungen mti) unter Vermittlung der geistlichen und weltlichen Behörden zustande gekommen war.
Ich erinnere mich noch an dieses großartige Ereignis. Di« Friedens- zeremonie fand in einer kleinen Feldkirche oben auf der Hocheben« statt. Den Landflüchtigen war freies Geleit zugesagt, damit sie an der Feier- lichkeit teilnehmen und ihren Feinden die Hand reichen könnten; aber man munkelte schon, eines der Oberhäupter, Ohm Jnnasiu Arras weiche nicht erscheinen.
Der Bischof, der Präfekt der Provinz, und ander« Regierungsvertreter, oegleitei von einem zahlreichen Gefolge von Städtern und Bauern, von Frauen und Kindern, ritten über die Hochebene bin, die das Dorf Tibi vom Dorf Oronou trennt. Es sah aus, wie eine Prozession, und auch di« Fahne fehlte nicht. Sie trug ein alter Patriarch, dessen langer, gelber Bart bas Köpfchen eines Kindes zudeckte, das vor ihm im Sattel faß. Das Kind war ich; und meine Augen ließen die golden« Fahnenstange nicht los, di« meine Händchen umklammerten; die himmelblaue Seide des Banners kam mrr vor rote «in Stück des klaren blauen Himmels, der sich von einem Berg zum andern über di« felsige Hochebene ausspannte, die Wälder un» ' Wildnis bedeckten.
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch den malerischen Zug, in ; d«m das Rot und Gelb der bäuerlichen Trachten vorherrscht«, ich sehe di« großartig« Landschaft, und bi« goldene Linie des fernen. Meeres.
Die Sonne, die noch tief über dem Meere stand, goß sanftes, rofigee Licht,über das unvergeßlich« Bild: Der Bischof, ein wunderschöner Mann, mit frischem Gesicht und blauen Augen, ritt eine fromme weiße Stute, und, statt den Zug anzuführen, blieb er hin und wieder zurück, als ob di« Burger und Bauern, die alle halbwilde Pferde ritten, von denen eine» das andere Überholm wollte, ihn vergessm hätten.
Dann schnaufte er, nahm den Dreispitz non seinen weißen Haaren, fchaute sich um und murmelte ein paar Wort« in einem Dialekt, der an «panisch erinnerte. Das goldene Kreuz auf feiner Brust blitzte, und di« Perle in seinem Hirtenring an seinem Finger glitzert« wie «in Tropfen Tau.
Er war zweifellos die schönste und imponierenbfte Gestalt des Bildes, und die vielen Priester, die bei dem Zuge waren, betrachteten ihn mtt Bewunderung und auch mit einer gewissen Scheu. Wenn er zurückblieb, hielt niemand an, um auf ihn zu warten, denn olle wußten, daß es ab« sichtlich geschah, weil er einen Augenblick allein bleiben wollte.
Plötzlich, als der Zug eben die Furt eines Bächleins durchschritten gatte, tarn in einer Keinen Takfenkung, die ganz mit Gras und violette« Bluten bedeckt war, ein berittener Mann aus dem Wald und scklloß sich dem Bischof an. Er war bewaffnet wie ein Krieger, eng in einen schwarzen Mantel gewickelt und trug eine schwarze Kapuze über dem Kopf. Di« beiden blieben allein zurück. Der Mann war nicht mehr Jung, aber er saß stramm im Sattel, wie auf einem Stuhl, kein« Muskel bewegt« sich an ihm, während das Pferd aus eigenem Antrieb weiterzugehen schien, da» tos Gewichts -und der Hand gewohnt, di« es Tag und Nacht zu fühlen pflegte. Das schwarze Rund der Kapuze rahmt« ein finsteres Gericht ein, daß ein struppiger, grauer Bart fast ganz bedeckte; leine beidm Spitzen bogen sich noch oben wie bei einem Teufel. Das Weiße der mißtrauischen 8tugen und das noch völlig intakte Gebiß stachen grell ans dem Grau und Schwarz der wilden Gestalt hervor.
Gemurmel durchlief die Meng«; der Mann war Ohm Jnnasm Armst Der Alte, vor dem ich im Sattel saß, und der ein Verwandter des Arras war, machte allen ein Zeichen, sich nicht umzuwenden, die Zwiesprache des Bischofs mit dem Parteihaupt, das den Frieden nicht anerkennen wollte, nicht zu stören. Alle wußten, daß der Arras einige Bedingungen stellen werde, wenn er der Zeremonie beiwohnen solle. Die Unterredung mit dem Bischof dauerte ein gutes Stück Weges; dann sprach der Arras mit dem Präfekten, und nun wurden einige Männer des Zuges, darunter auch der Alt« mit der Standarte, herbeigerufen, um an der Unterredung teilzunehmen.
Cs bildete sich eine Gruppe, und der Arvos sprach. Er war sehr erregt und nannte die ganze Zeremonie eine Komödie.
Er verlangt«, man solle allen Landflüchtigen di« Freiheit gewähren und auf den ersten Bruch des Übereinkommens sollten schwer« Strafe« gesetzt werden.
Der Bischof war wütend, der Präfekt lächelte und klopft« dem Arm« mit dem Griff seiner Reitpeitsche leicht auf die Schulter. Aber der Land- flüchtig« war ernst und tragisch. Plötzlich fingen alle schreiend zu streiten an; viele Teiliiehner des Zuges, die vorausgeritten waren, kamen zurück und schlossen fich der Gruppe an.
i Hoch oben auf seinem falben Pferd saß schweigend Ohm Remundu Corbu und betrachtete ein wenig verächtlich die Szene. Schließlich gab der Arras feinem Pferd die Sporen und ritt davon, ohne daß es zu einem Abschluß der Verhandlungen gekommen wäre. All« gaben ihm Unrecht. Man ritt weiter, und der Bischof und her Präsekt sprachen fast di« ganze Zeit mit Ohm Remundu Corbu.


