Ausgabe 
22.10.1927
 
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im vorigen Jahrhundert waren es politische Fragen, die das Volk in Auf­ruhr bringen konnten, heute interessiert man sich für die Arena und für die Sportfeste und läßt Primo de Rivera und die Herren in der Asamblea National schalten und walten, ohne daran einen seelischen Anteil zu nehmen.

Im Oktober beginnt auch die Theater-Saison, und obwohl das spanische moderne Theater sich nicht durch interessante Vorführungen auszeichnet, so sind sie doch, wenigstens am Beginn der Saison, stets überfüllt. Die spanischen Theater leben nämlich soweit sie leben von Konversationsstücken. Manches davon ist sehr nett. Niemals aber ist in diesen Stücken eine Passion, selten eine Sünde. Die Spanier, einst das Volk der Romanzen, sind jetzt unromantisch geworden, sie regen sich nicht gerne auf, und die Liebe ist dem Caballero oft uninteressanter als seine Handschuhe. Auch gibt es in Spanien keine Ehescheidung, und so S denn der Ehebruch auf der Bühne nicht sonderlich beliebt. Z. B. der ann ist mit einer Künstlerin verheiratet und deshalb unglücklich. Die Frau ist mit einem Spieler verheiratet und deshalb unglücklich. Das find so die gewohnten Themen! Meistens verträgt man sich dann zum Schluß, weil man in den beiden ersten Akten ein goldenes Herz unter der rauhen Schale herumgetragen hat. Familienverlobungen spielen auf der Bühne eine große Rolle. Deshalb wimmelt es von wohlwollenden Tanten, iro­nischen Onkeln und fröhlichen Kusinen, es wird deklamiert, man bewegt sich nach den vorgeschriebenen Regeln, das Publikum spendet Beifall, aber besondere Lorbeeren lassen sich bei ähnlichem Inhalt nicht erwerben. So geschieht es denn, daß das Kino dem Theater immer mehr und mehr Abbruch tut, ja manche Theater sehen sich gezwungen, eine weiße Lein­wand vor das Szenarium zu hängen (z. B. das Teatro de la Princesa) und den Besuchern amerikanische oder deutsche Filme zu zeigen, denn mit der einheimischen Filmproduktion ist es nicht weit her, man ist zu sehr im Konventionellen stecken geblieben, und die Technik läßt trotz guter Ausnahmen manches zu wünschen übrig. Aber der Spanier kriti­siert das Leben seiner Hauptstadt weniger, als daß er es liebt. Für ihn ist Madrid das Schönste, und darin hat er Recht. Es gibt ein Sprich­wort:de Madrid al cielo, yen el boquete para verlo" (d. h.: Aus Madrid in den Himmel, aber im Himmel ein Loch, um es zu sehen). Es gibt für ihn keine Seligkeit ohne den Anblick Madrids.

Einfahrt in ein Kalibergrvsrk.

Von Dr. Paul Bloch.

Eben sah man noch durch die hohen Fenster Licht und Bäume, die verregnete Landschaft, zwei Minuten später liegt Dunkel um einen und Erde und Stein, ist man 774 Meter unter der Oberfläche, unter dem Licht.

Nur 130 Sekunden dauerte der Weg zur Unterwelt. Man hatte ein kleines eisernes Brett betreten, zwei Stangen schlossen den Raum ab. Man hielt sich an ihnen fest, Klingelzeichen ertönten sehr laut, 775 Meter ties sollten sie zu hören {ein. Dann schwand der Boden. Man sank. Ein ungeheurer Luftstrom drückte von oben. Es ward dunkel. Die kleine Lampe, die man mitbekommen, erlosch. Es war ein endloses Fallen, und doch nur zwei Minuten.

Seltsame Kreuze und Zeichen scheinen die Wände des Schachtes zu bedecken es find nur die Balken und Bohlen des Gerüstes. Die LeiternFahrten" nennt sie der Bergmann, der am Aufzug entlang 700 Meter tief in die Erde führen, gleichen einer eilig sich emporräkelnden Schlange.

Aber die 130 Sekunden des langsamschnellen Fallens vergehen rasch. Wieder ertönt ein Klingelzeichen, hebt sich der eiserne Balken, gibt den Weg frei in die K a l i g r u b e. Von hier aus begann der Vorstoß in das Gestein, der Kampf, um die Schätze. Hier ist der älteste Arbeitsplatz, der Mund der Sohle. Elektrische Lampen erleuchten die Stätte, ein Tele­phon verbindet mit Einfahrtsstellen und der Fabrik, mit allen übrigen Hauptpunkten der Grube. Hier nimmt der Gang ins Innere seinen An­fang. Vier Meter breit, etwa zweieinhalb Meter hoch ist das Erdreich, der Fels ausgebrochen, ausgehöhlt. Bequem schreitet man, der Boden ist weich, die Salze sind zum Teil verbröckelt und füllen den Grund. Vor einem liegt die Dunkelheit. Endlos. Im Rücken verschwinden die Lampen, nur der fahle Schein der Grubenlaterne in der Hand begleitet einen und erhellt die nächsten Schritte. Dreihundert Meter schreitet man so. Kein Mensch begegnet einem, kein Laut fast. Gespenstisch nur rollen einem aus der Dunkelheit des Ganges immer wieder und wieder in gleichen Ab­ständen Wagen entgegen, gefüllt bis an den Rand mit kostbarem Salz, dem Kali, hochaufgetürmt mit den gehauenen Blöcken, den kleinen, in allen Farben schimmernden Stücken. Nur das Singen des Seiles, an dem die Wagen zur Förderstelle gezogen werden, diese leise gleichmäßige Melodie, ist unablässig mit einem, an den Kurven verstärkt, wo die Seile, über die Sternrolle hinweggeführt, weiter ins Innere sich ziehen.

So geht man 300 Meier durch das Gestein, 300 Meter, die von der ersten Bohrungsstelle durchgebrochen wurden, durch unedles Material, an dem Lager der kostbaren Salze entlang, ein Gang, von dem aus dann an die Gewinnungsstellen des Kali vorgegangen wird. Kleine Stchgänge zweigen ab und führen zu neuen Lagern: Gesenke, kleine Schächte öffnen den Weg nach oben zu anderen Abbauseldern. Neun Meter hoch wird jeweils die Erde ausgehauen, ausgehöhlt, werden alle Salzgesteine ab­gebaut und mit den Feldbahnen zu den Förderschächten gebracht. Gigantische Höhlen entstehen, die selbst im Dunkel leise widerglänzen, in rötlichem und gelblichem Ton, und die, beleuchtet man sie mit den Laternen, seltsame Muster zeigen, seltsame Farben und Ornamente, sich verschlingende Linien, dazwischen sich schiebende Keile, Wellen und Wellen, die ganze Faltung, die das Gebirge angenommen, als es vor Jahrtausenden sich emporschob, und sein Inneres zusammenpreßte. Meter für Meter wird vorgebrochen. Zuerst in die Breite, dann in die Höhe. Und wenn ein solches Gebiet abgebaut ist, wenn solche ungeheuren Hallen im Innern des Berges entstanden, füllt man sie wieder mit den Ueber- Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brüh

- reffen, Sie bei der Fabrikation geblieben, füllt sie mit unedlen Salzen und Gestein. So wird die Gefahr des Einsturzes vermieden, somvird die Möglichkeit gegeben, weiter abzubauen, in die Höhe zu gehen, aus der eben abgebauten Sohle ein neues Abbaufeld zu beginnen. Nur eine kleine Zwischensohle wird freigelassen, immer neun Meter hoch folgt eine neue Sohle, so lange das Lager reicht.

Oft sind es ausgedehnte Felder, die das kostbare Salz enthalten in den verschiedensten Breiten, oft nur sind es ganz Heine Lager, die kaum den Abbau lohnen. Dann wieder schließen sich neue ausgedehnte Felder ' an, und wieder beginnt die Arbeit der Bohrer, der Hauer, und wieder b eg inen die Sprengungen.

! Je weiter man vom Fövderschacht sich entfernt, desto wärmer wich I die Luft. Eine große Ventilatoranlage führt zwar unablässig frische kalte - Luft in das Innere der Erde, in die Gänge zu den Abbaustellen. An den einzelnen Arbeitsstätten sind außerdem noch kleine Ventilatoren auf. gestellt, die gleichfalls für eine Luftzufuhr sorgen sollen, aber die innere Wärme der Erde ist größer. Selbst der leichte Drillichanzug, in den man ! geschlüpft, dünkt einen zu schwer und den Arbeitern, die hier unter Tag das wertvolle Salz gewinnen, perlt immer von neuem, wie über Tag in sommerlicher Glut, der Schweiß.

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Da stehen sie in kleinen Haufen in den Gängen, in den Höhen auf dem niedergehauenen Gestein, klettern an den Wänden empor. Vor sich haben sie die Lampen aufgepslanzt, die die Arbeitsstätten erhellen. Hier schaufeln ein paar die Blöcke in die Wagen, hier lockern andere mit harten Picken die Salze, bahnen sich einen Weg vorwärts, dort wieder setzen zwei den Bohrer an, der in den harten Fels mit elektrischer Kraft hinein. - getrieben wird und einen schmalen runden Gang anshöhlt. In dieses zwar ; meterlange, aber nur wenig Zentimeter schmale runde Bohrloch wird dann der Sprengstoff geschoben, denn nur dieser Gewalt weicht der Fels. Im allgemeinen wird ein Salpetergemisch benutzt, um das Gestein niederzuschießen. Zweimal am Tag wird gesprengt. Vor der Frühstücks, pause, wenn die Bergleute die Arbeitsstätte auf eine kurze Weile ver­lassen, wird der Sprengstosf eingelegt, wird die Schnur entzündet. Wenn sie wieder zurückkehren, ist neues Gestein niedergebrochen, und ebenso geschieht es, wenn die Bergleute am Ende ihres Tagewerkes den Schacht verlassen am Morgen ist das Gestein abgeschossen. Die Gefahr, daß durch die Sprengungen Menschenleben verletzt, Bergleute von den nieder­gehenden Massen getroffen werden, wird durch diese Einteilung nach ' Möglichkeit ausgeschaltet, und nur der gelbe Dunst der Sprenggase, die stickig dicke Luft an der Sprengstelle gibt Zeugnis von der gewaltsamen Veränderung.

1200 Wagen werden etwa täglich in den acht Stunden der Arbeits­schicht an Kalisalzen zutage gefördert, 10 000 Doppelzentner eingehenden Materials wiegen in der Fabrik die Waagen zur Weiterverarbeitung ab. Mit einer Schicht nur wird unter Tag gearbeitet, etwa 160 Mann, Hauer und Bohrer. Eine zweite Schicht nach zwei Uhr mittags wird im allgemeinen nur zu Reparaturzwecken eingesetzt: Hier sind Gleise zu ver­legen, aus -der einen Sohle zurückzuziehen, in der andern weiter vorzu­schieben, dort sind neue elektrische Leitungen zu legen, kleine Reparaturen an den Bohrern und sonst am Gerät vorzunehmen. Um zehn Uhr in der Nacht verläßt auch der letzte Mann den Schacht, liegen die gigantisch« i Höhlen unbewacht, herrscht die Dunkelheit und Stille wieder im Innern i der Erde.

Das Hauptmaterial, das hier gewonnen wird, ist der Sylvimt, ein Gestein, das aus Steinsalz und Chlorkalium sich zusammensetzt, und k>e- I sonders rein ist. Daneben wird Karnallit gefördert, der außerdem noch Chlorma-gnesium enthält, beides Produkte, die als Düngemittel besondere Verwendung finden. Die ungeheuren Mengen des Nebengesteins, des Kochsalzes sind im Wert dagegen ziemlich bedeutungslos.

i Vom Förderschacht aus wandern die vollen Wagen Zug um Zug 1 mittels einer Seilbahn in die Fabrik. In großen Hammermühlen werden 1 die Blöcke zerschlagen, in Mischanlagen gemischt, Transportbänder führen die Salzstücke weiter in große Bottiche, in denen Laugen den chemischen Zersetzungsprozeß bewirken. Denn ganz so, wie das Material gewonnen wird, kann es als Düngemittel nicht verwendet werden. Eine gemifit chemische Verarbeitung, ein Läuterungsprozeß ist notwendig. Heiße, 110 Grab heiße Laugen werden bei der einen Verarbeitung mit ben Salzen in Verbindung gebracht, in Klärbottichen fließt die Lösung weiter, indes der Rückstand aus den weiten Kesseln mit Schabern ausgeräumt wird, auf Transportbändern wieder weiter wandert. In einer Äcckuum- station geben die heißen Lösungen mehrfach einen Teil der Wärme ab, und während das Salz sich in Bruiden niederschlägt, und im Kühlraum seine letzte Gestalt wiederfindet, wird die Laugenlösung in verschiedenen Stationen wieder auf ihre alte Hitze erwärmt und beginnt von neuem ihren Arbeitslauf.

Andere Teile des gewonnenen Materials werden mit kalten Laugen bearbeitet, in beiden Fällen ist es ein ausgedehnter komplizierter Prozeß, dem die Salze unterzogen werden, sind es seltsame Maschinen, die sie ' aufnehmen, zerkleinern, vermischen und wieder ausspeien, die sie, ver­flüssigen, zerstäuben und wieder zu Kristallen werden lassen, die sie emporziehen in die Höhe des Kühlturmes und wieder hinabwerfen in den unendlichen Gleichlauf der Trockentrommeln. Maschinen und Maschinen, hier und da eist Arbeiter, der einen Hebel zieht, eine Klappe öffnet, hier und da einer, der den Gang des Mechanismus überwacht und regelt. Em Zischen und Fauchen, ein Hämmern und Schlagen, ein Stoßen uno Fallen. Die Luft ist von Gerüchen seltsamer Art erfüllt, von Dampf uiw Schwefel; Geräusche durchzittern die Hallen, es ist wie ein Aufruhr, und ruhig nur fließt, unendlich scheint es, in den länglichen Bottichen der Strom der Laugen, ruhig nur ziehen auf den breiten Transportbändern, unendlich scheint es, die Salze von Maschine zu Maschine,und immer im gleichen AbU-md rollt Wagen auf Wagen vom Schacht heran, rollt Wagen auf Wagen zurück. ' ______ ,

l'sche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, D. Lange, Giehen.