Madrider Zerbstbilder.
Von E. v. Ungern - Sternberg.
Der Oktober ist der sonnige Festmonat Kastiliens. Der Schutzheilige der Hauptstadt, der heilige Isidora, feiert seinen Namenstag, und Zehntausende von Fremden strömen nach Madrid, füllen die Hagels und .Pensionen, bestaunen in den Theatern, Cafes und VergnugungHtacken das großstädtische Leben, tanzen auf den Verbenas,trinken in der Vom- bilia roten Valdepenas oder fahlgelben feurigen Manzanillos und ver-
lniieu Der Einfluß der häuslichen Not und der turbulenten Zeit macht ick schock früh bei Schinderhannes bemerkbar. Er betätigt sich als Pferde- ' daneben geht er, der Tradition getreu, bei einem Abdecker tn die
Sein Brotgeber hat den jungen Hannes in besserem Andenken - Rallen als die Prozeßakten des Mainzer Tribunals. Uebsrhaupt ist der . lcböne Hans" bei aller Welt, besonders aber bei dem Weiblichen Gedeckt wohlgelitten. Und vielleicht wäre er bis an sein Lebensende ein ebrticher Mann geblieben, wenn er nicht in jungen Jahren ungerechter- cheile in dem Nahestädtchen Kirn öffentlich ausgeprügelt worden wäre, ^i er sich Tierfelle angeeignet hatte, die ihm rechtens zustanden. Dieses ^lebnis, das seinen Gerechttgkeitssinn empörte, treibt ihn auf die schiefe Bahn, an deren Ende das Schafott steht.
Ackt Jahr», von 1795 bis 1803, dauert dieses abenteuerliche Dasein. Dis Franzosen sind im Land, das Volk leidet Not und hungert, «chmder-- Iiannes beginnt beim Eigentum des Feindes und.. reagiert sich so tue letzten Hemmungen a-b. Er wird festgesetzt, er entflieht wieder. Er gerat in Mubergesellschaft, wo er als anstelliger Novize angesehen ist, er uber- trunwst seinesgleichen als Meister. Bald hat er feine eigene, sorgsam aus- aeluckte Bande, seins Räuberburg, seine Rüubecli-ebchen, alles, was zum Wmantischen Banditen gehört. Unzählig sind die Anekdoten aus jener Tit üppig ist der Legendenkranz, der sich um diese wahrhaft populäre Er- icheinuna windet. Er'stiehlt in der Stacht einem Gerber sein ganzes Leder, um es ihm am nächsten Tag wieder zu verkaufen; er überfallt emen Ede - mann des Mainzer Hofes in seiner Prunkkarosse und zwingt den An g st - schlotternden, der auf Ehrenwort zum Schweigen verpflichtet wird, zu einem kleinen Rollenwechsel, fährt als Marquis nach Ems, wo er rmt bestem Gelingen den Kavalier spielt. Er schützt und fordert die Annen, er spielt den ritterlichen Verehrer schöner Frauen, er halt eine jur das Mainzer Theater engagierte Tänzerin in seinem Waldquartier aus und macht den liebenswürdigsten Gastgeber, nur nm fernem Feinds dem Mainzer Präfekten zu beweisen, daß er, der Schinderhannes, Herr un Hunsrück ist. Wer sich an dieser wahrhaft barocken Komödie des deutschen Räuberhauptmannes noch eingehender ergötzen will, vertiefe sich M die Literatur; zuletzt hat der bekannte Theatermann, Curt El wen s p o e k, dem Helden eine ausgezeichnete Monographie gewidmet. Freilich, urdiesAn Räuberleben geht es nicht immer scherzhaft zu. Ermge bluckge Hfaren heften sich an seinen Namen, und er wird mittelbar mit Mordtaten in Verbindung gebracht, obwohl er selbst stets klug genug ist, Buitvergiesten zu vermeiden. Man macht auf ihn Jagd; dte Franzosen, Herren im Lande, ziehen andere Saiten aus; ein Gesetz stellt Einbruchdiebstahl unter Todesstrafe. Aber Schinderhannes ist nicht leicht zu fangen. Denn er ist populär im Lande wie kaum einer, weil er sich gelegentlich ritterlich zeigt und de Anwalt der Gerechtigkeit spielt. „Schinderhannes fuhrt mir Krieg gegen Reiche lind Franzosen", manifestiert er einmal auf einem Schenktlsch, an dem er Rast gehalten hat. Die Unordnung und die Bestechlichkeit der Be- Eten leisten i^i Vorschub. Er ist der unbestrittene Herr des Waldes, dm man ungestraft nur mit seinem Geleitbrief passieren dars.
Zum Verhängnis wird ihm das Ewig-Weibliche. Iulchen Blasius, seine Herzallerliebste, die ihm auf feinen Zu gen m Rimmer- klsibung folgt, die ihm nachher im Kerker zu Mainz em Kmd schenkt, eine praktisch denkende Frau, soll ihn auf bessere Gedanken gebracht haben Ihm selbst fehlt der Mut, bis ans Ende zu gehen. Er will ein neues Leben beginnen. Da fällt er den Häschern in die Hande, wird ernannt und verhaftet. Ganze Gemeinden kommen aus dem Hunsrück nach Mainz, um zu sehen, wie der berühmte Schinderhannes emgebracht wird. Eine Wohnungsnot entsteht in der Stadt. Fünfhundert Zeugen, sechs dicke Aktenbände, eine halbe Million Francs Gerichtskosten, das ungeteilte Interesse des Volkes machen diesen Prozeß vor dem Tribunal cnmmel sp&ial zur Sensation. Im Akademiesaal des kurfürstlichen Schlosses, wo ehedem bei den graziösen Festen des Mainzer Hofes Mozarts gowich heitere Muii-k erklungen war, wird verhandelt. Da steht em reuiger Sünder/ der um sein^Leben und um Schonung für den alten Vater und ‘ Iulchen bittet. Aber so günstig der Eindruck ist, den er bei semen Richtern hinterläßt, — mit neunzehn seiner Genossen besteigt er am 21. November 1803 das Blutgerüst und beweist noch im Sterben, daß er em Kerl war. Seine Popularität bleibt ihm bis zum letzteik Augenblick treu. Sie ötabt ist ein Heerlager von Fremden; geschSftsiüchttge Umernehmer haben „Extrafahrten zu der am 21. November, mittags 1 Uhr stawindenden Hinrichtung des Schinderhannes und seiner Gesellen, jims Franken die Person", eingerichtet. Die Schulen sind geschlossen. <-chon am Morgen werden — was sagt ihr, Reporter von 1927? — &Etrablatter mit sämtlichen Einzelheiten der Hinrichtung, verkauft, aus die das Volt noch wartet Unübersehlich ist das gefühlvolle Publikum, das Mumzig Kopfe fallen sieht. Ohnmächten und Nervenschocks sind an der Tagesordnung, aber es gibt auch robustere Naturen, die das ausgefangene Blut der Delm- quenten als Zaubertrank genießen.
Schinderhannes lebt noch heute in der Erinnerung des Volkes Und wer durch ten Mainzer Stadtpark nach der Stelle wandert, wo ehedem das Lustschlötzchen des Kurfürsten stand, gelangt auf einen runden Platz, wo neunzehn Pappeln einen mächtigen Baum umstehen. Durch die Lichtung genießt der entzückte Blick dos alte, immer neue Bild der Vereinigung von Rhein und Main im Angesicht der blauen Taunusketten und der in flimmernde Luft getauchteii tunnreidjen Silhouette des goldenen Mainz. Auf diesem Platz, einem der schönsten Aussichtspunkte dieser Erde, singen heute im Rauschen der Baume Jpietenbe Kinder. Hier stand an jenem Novembertag das Schafott. Hier ist schinderhannes gestorben.
zehren allerlei Krabben, Schnecken und Schaltiere dazu. Orchester (pieten Sevillanas, Seguidillas ober auch ganz modernen Charleston, dazwischen klimpern Gitarren, und irgendein Jüngling im breittrampigen Hut preßt die Mißtöne eines „Canto Iondo" aus feiner Kehle, die Chulas haben das bunte langbefranste Seidentuch um die Hüsten geschlungen und aus der Wiese des San Jsidoro werden Picknicks ab gehalten. Sas belfere Publikum flaniert auf der Castellano, die Frauen und Mädchen wollen ihre neuen Herbstkostüme bewundern lassen, und roenn es auch jeder weiß, daß diese eleganten Kleider oft Wochen und Monate Fasten gekostet haben und daß die Rechnungen auch heute noch nicht beglichen worden sind, so hat das weiter nichts zu bedeuten. Gute Kleidung ist für bett Spanier und für die Spanierin Lebensbedürfnis Man fd)rankt sich im Essen und in der Wohnung aufs äußerste ein, ja man ist barm allzu bedürfnislos, aber man hat einen guten Schneider. Gegen zwei Uhr nachmittags flaut der Korso ab, es ist bas die Madrider Fruhstuckszeit, in der die sorglosen Spaziergänger ihren befrfjeibenen Gocido rmt Kichererbsen oder gefallenen Stockfisch zu verzehren pflegt, die, mit Knoblauch vermischt, die beiden Nationalgerichte sind, die ost neben dem Brot die Nahrung ganzer Familien bilden. Um drei ober hier Uhr versammeln sich dann die Herren, noch mit dem Zahnstocher im Munde, mit einer Miene, als ob ihnen ein Lukullusmahl serviert worden wäre, in den Cafes oder Klubs und verbringen dort bei einer Taffe Kaffee die <>eck bis zu den Abendstunden, bis die Stunde zum Nachtmahl schlagt. Der Spanier pflegt gegen zehn Uhr abends feine Hauptmahlzeit emzunehmen, er geht nachher, wenn fein Geld dazu reicht, ins Kino oder ms Theater wo die Vorstellungen bis ein Uhr nachts dauern, um sich dann spater wieder mit Bekannten im Stammcafe zu treffen und erst gegen drei oder vier Uhr morgens nach Hause zu wandern. Der naive Fremde mag nun fragen, wann denn die Madrider Arbeitszeit ist, — ja, das ist em Ge-
sondere Ueberraschung. Unter der väterlichen Diktatur GeneralJttmo be Riveras hatte das Land mehr als drei Jahre in politischem Schlummer gelegen und nun wird ihm eine Nationalversammlung geschenkt. Die steinernen Löwen vor dem Cortespalast tn ber carrera■*« San Jeronymo, die in dem vom Prado ammirbelnben «taube ganz grau geworden waren, müssen griesgrämig Zuschauern wie über der Inschrift
Congreso de Diputados" eine neue „Asamblea Nacional angebracht luirb Die Jnschrifteil sind ein Symbol, eine Epoche lost hie andere ab, benn in der Nationalversammlung finden die Cortes ihr Grab. Die Volksvertretung hat ausgehört in Spanien 3» bestehen, die ^geordneten der Versammlung werden nämlich nicht gewählt, sondern von ber lut- tatur unter den tüchtigsten Leuten des Königreiches ausgesucht und durch Mas ernannt, sie dürfen keine Parteien bilden, sind in ihren Reden be- sckränkt und die Regierung ist nicht vor ihnen, sondern sie sind vor ber Regierung vercmtnwrtlich. In ben früheren Jahren war die Erosjnung her Cortes stets von außerorbentlichem Prunk begleitet. Alle Gala eouioaaen mit ihren kostbaren Verzierungen und Schnitzereien wurden aus den Hofremisen geholt, und ganze Züge edler Pferde goldbelabenen Geschirren vorgespannt. Läufer und Lakaien schritten vor dem t°mg- llcken Zuge die ganze Pracht des spanischen Hofes wurde habet entfaltet Hoftnarjchälle, Granden, Adjutanten, die königliche Eskorte tn ihren weißen, wehenden Mänteln, alles das wurde zur Parlament-- eröffnung aufgeboten. Aber jetzt ist von jedem großen Zeremoniell ab= aefeben worden. König Don Alfonso kam in seinem Auto vor den Palast der Asamblea Nacional vorgefahren, von der Regierung am Eingänge erwartet und bis zum Präsidentensessel geleitet, nahm die Huldigung der Versmnmlung entgegen und begab fick) wieder zurück ins Konigsschloß.
Aus Anlaß ber Nationalversammlung ist in Madrid wieder viel von Verschwörungen und Komplotten geflüstert worden. Sowohl das Lebe, des Königs als auch des Diktators sind viele Male in Gefahr gewesen, aber immer hat ein glückliches Geschick über ihnen gewacht. Am Hoch' n>itsfnni’ des iungen Königs, am Tage seiner Vermahlung tm Sabre 1906 mit der Prinzessin Viktoria von Battenberg, platzte an dern Ruck- wea von de! Öe ein Meter vor dem Brautwagen eine Bombe. Die Pferde wälzten sich im Blute, Kutscher und Adjutant f°wte nm gan^eu 31 Personen wurden getötet, König und Königin aber stiegen 'umckten einer entsetzllchen Panik, zwar blutbefleckt und von Glas- und Holzsplittern übersät, aber selbst unverletzt, aus dem zertrümmerten Wagen. lmnn snram pon einem Wunder, und dasselbe „Wunder hat sich seitdem u»n"gstens zehnmal wiederholt. Noch im Vorjahre wurde eme knappe Minute bevor der Zug, in dem sich die königliche Hamicke, der Dittator Vrimo de Rioera und einige Minister befanden, tn einen -tunnel entfuhr, iuirrfi einen reinen Zufall unter den Schienen eme Bombe von ungeheurer Durchschlagskraft entdeckt. Mehrmals haben Kugeln ihr Ziel oer= fehlt fo «Sn beim ber König und Diktator ihr Leben gefett unb ver= irfimähcn9 alle befoubereu Vorsichtsmaßregeln. Sei bewegen sich ohne LL, Rrfjui, in her Oeffentlichkeit, besuchen Theater und die Arena, jähren L recken durchsL belebtesten Straßen und lächeln über die Gefahr, mit der man sie schrecken will. Wenn natürlich auch nimumbvor ber Bombe ober ber Kugel eines fanatischen Attentäters gesichert ist, so hat
■ wen gstens Primo be Rivera den Vorzug, daß er sich nicht vor Revolu- > Hmu.» m iürditeu braucht. Die Spanier haben es aus ber Erfahrung
gelernt?daß politische Systeme an fick) allein kein Wo'wjwl auf Volks- ■ healüduna besitzen, der Ehrgeiz der Spanier pflegt abfeit» politischer und ' fonater Stürme zu liegen, ber Spanier hat immer ben Gewinn baß fern
Bä awfiaTnM In mengen die ihn nichts angehen. Man lebt hier Nicht m sozialem Kriegszustände man sieht hier selten vergrämte Gesichter und mit Problematik beladene Gestalten, Menschen mit angeborener Zerrissenheit, benn Beherrschtheit und Takt sind hier etwas Natürliches, Nicht 2lner= togenes und es gehört viel dazu, um die Leidenschaften anzufachen. Noch


