GiehenerKinnIienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
IahrgangMr Samstag,-en 22. Gltober Nummer 8^
Vergänglichkeit.
Von Hermann Hesse.
Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt.
O taumelbunte Welt, Wie machst du satt. Wie machst du satt und müd, Wie machst du trunken! Was heute noch glüht. Ist bald versunken.
Bald klirrt der Wind Heber mein braunes Grab, Heber das kleine Kind Beugt sich die Mutter herab. Ihre Augen will ich wiederfshn, Ihr Blick ist mein Stern, Alles andre mag gehn und verwehn, Alles stirbt, alles stirbt gern. Nur die ewige Mutter bleibt, Von der wir kamen, Ihr spielender Finger schreibt In die flüchtige Luft unsre Namen.
Beschneite Spinnweben.
Eine Chegeschichke.
Von Max Brod.
(Nachdruck verboten.)
Das junge Ehepaar Hopfner hatte den Brauch eingeführt, bei Mißverständnissen den schriftlichen Gedankenaustausch an Stelle des mündlichen zu bemühen. In Briefen begrenzt man sich, schon wegen der Schreibarbeit, und hält damit auch den Streitfall in den engsten Grenzen. Gespräche fließen, selbst bei kleinen Anlässen, leicht ins Aergerlich- Allgemeine. Andere als kleine Anlässe für derartige, stets halb spaßhafte Briefwechsel hatte es übrigens in dieser glücklichen Ehe zweijährigen Bestandes bisher nicht gegeben.
Diesmal aber schien es Ernst. Es ging um mehr als um die in sich selbst widerspruchsvolle und daher gleichsam von Geburt an widerlegte Eifersüchtelei wegen eines Berliner Theaterschülers, um mehr als eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich eines Balles in Stadt Eger und Hmgegend — diesmal schien der Kern dieser Ehe, die ganze Süßigkeit ewigen, als ewig empfundenen Zusammenseins mit Auflösung bedroht.
Anders wäre es nicht zu begreifen, daß Herr Stephan Hopfner statt in fein Fabrikkontor zu gehen, was er allerdings immer nur sehr ungern tat, oder mit seiner Frau zu frühstücken, was ihm hingegen eine stets erfreuliche und ausführlich zu dehnende Situation vorstellte, daß er statt dessen schon die zweite Stunde in seinem Bibliothekszimmer saß, schrieb und das Geschriebene überlas, wobei immer von neuem Bitternis des schon Dargelegten und Bitternis des nicht Darzulegenden sich auf der Fläche seines Antlitzes wie auf einer Malerpalette mischten und in unzähligen Furchen, wechselnden Figuren ineinanderliefen. — Sein dunkelhäutiges Gesicht gehörte zu jenen, denen die vielen Falten — Falten selbst an solchen Stellen, an denen sonst Falten ungewöhnlich sind, z. B. unterhalb der Schläfen, längs den Ohren hin — durchaus nichts Greisenhaftes, sondern eher sogar den Ausdruck erhöhter, weil doppelt lebendiger Jugendlichkeit geben. Freilich neigen solche Gesichter, ganz ebenso wie sie Freude gleichsam in all den scharfen Fältchen blinzelnd widerspiegeln, auch dazu, bei Eintritt einer Bekümmernis diese mit ganz besonderer Zerrissenheit und Verzweiflung auszudrücken.
Stephan Hopfner las:
(Seine Frau hieß Mathilde. Aber mit diesem hochgebildet norddeutschen Namen hatte er nichts anzufangen gewußt. So hatte er allmählich die Umformung ins geliebte Oefterreichische vorgenommen.)
„Mirl' Das war nicht gut, das war nicht schön von dir. Ich meine jetzt nicht den Vorschlag, den du mir gestern gemacht hast. Ich meine: die Begründung. Siehst du — wenn du mir direkt gesagt hättest: ich habe wieder Lust zum Theater, ich halt's nicht mehr aus in der Einöde, in die du mich verzahrt hast — ich muß nach Berlin, in die Großstadt — zweimal im Monat Prag oder Nürnberg, das genügt mir nicht — ich will wieder hinaus ins wilde Leben, auf die Straße der großen Zukunft — siehst du, das hätte ich verstanden. Ich weiß ja sehr gut, vielleicht besser als du ahnst, welches Opfer du mir gebracht hast, als du mit mir von Berlin hierher zogst, wie in die Verbannung. Ein mittlerer Fabrikbesitzer in Eger, was kann der dir schon bieten; von Anfang an war es mir klar, daß deine Schönheit — deine Begabung
— ja, laß mich alles sagen, wie es ist, laß mich alles mit dem richtigen Namen nennen — daß deine ganze großartige Person, die ich verehre, auf mehr als Durchschnittsschicksal Anspruch hat, das ich dir bieten konnte. Es kommt jetzt gar nicht in Betracht, daß zufällig in dem Zeitpunkt, in dem ich in deinem Leben auftauchte, selbst dieses Durchschnittsschicksal eine günstige Wendung für dich, vielleicht sogar (auch dies will ich offen so bezeichnen, wie es mir vorschwebt) eine Art Rettung bedeutete. Das war eben ein Augenblickstatbestand damals, Inflation in Deutschland, Abbau der höchsten Offiziere des alten Heeres- also auch deines Vaters, sein unaufgeklärter Tod — eine Augenblickskonstellation, in der du vorübergehend besonders hilfsbedürftig warst und in der ich zufällig zur Stelle war — ganz ohne mein Verdienst und ganz ohne, daß ich daraus irgendeinen noch so blassen Anspruch ableiten wollte — denn ebensogut hätte ein anderer, Besserer, Mächtigerer ... Doch wozu dies aufführen! Cs könnte dich verletzen, wie auch mich die Erwägung all dessen, was hätte sein können und was (zu meinem Glück) doch eben mir so gekommen ist, wie es jetzt ist und wie ich es als festesten, ja als einzigen guten Bestand meines Daseins erfasse — wie auch mich diese Erinnerung und Erwägung nur verletzt und erregt. Allerdings wollten wir gerade Erregung einander niemals ersparen. Im Gegenteil, unser Bund ging dahin, einander alles zu sagen und im Vertrauen auf die wirkliche, also schrankenlose Liebe, die wir zueinander haben ..."
Stephan hielt ein, wollte die letzten Sätze streichen. Sie schienen ihm etwas willkürlich, zornig, falsch eingehakt in den sonst so unmittelbar zwingrichtig aus ihm hervorgesprungenen Gedankengang des Briefes. Doch fiel ihm in der Erregung nichts ein, was feinem Gefühl anschmie- gender entsprochen hätte. Heberdies hatte ja Mathilde die Fähigkeit, auch aus dem nur halbwahr Ausgedrückten das Wahrgemeinte herauszulesen. Er strich also nichts, begann aber reinlichkeitshalber einen neuen Absatz.
„Das Hintenherum fft es, was mich an deinem Vorschlag kränkt. Du begründest deinen Entschluß, wieder zur Bühne zu gehen, mit den geschäftlichen Schwierigkeiten, in die mein Unternehmen geraten ist und van denen ich dir (muß ich jetzt nicht hinzufügen: leider — leider —) Mitteilung gemacht habe. Du sagtest gestern, daß du es nicht mehr mitansehen könntest, wie ich mich zerplage, und daß du dich verpflichtet und fähig fühlst, mir zu helfen. Mir in dieser Art, gerade in dieser Art zu helfen, das heißt: mit Geld, indem du Stargagen beziehst usw. Ich habe nichts mehr geantwortet. Wir sind schweigend in unsere Zimmer gegangen. Geschlafen habe ich allerdings nicht. Hier nun meine Antwort: Cs ist wahr, daß es mir schlechter geht, bedeutend schlechter als zu Beginn unserer Ehe. Es ist wahr, der Export leidet unter ganz ungewöhnlichen Hemmungen. Die Krise Europas, hierin wie in allem. Noch mehre ich mich, Arbeiter zu entlassen. Ich kann und will meine Leute, die schon ohnehin zwei Feierschichten in der Woche einlegen, nicht ganz aus ihrem Brot setzen. Ein Fehler, daß ich meine Sorgen so offen, so ganz und gar vertrauensselig mit dir diskutiert habe? Deine Bitte, alles zu wissen, was mich ängeht, ^vielleicht allzu wörtlich nehmend? Und wenn ich nun eben leider so bin, daß ich mich nicht verstellen kann, daß ich von Dingen, die mich bewegen, seien es selbst Geschäftsdinge, mit dir reden muß — vielleicht viel zu viel, vielleicht viel zu unbedacht —"
Stephan blickte böse vor sich hin. Nur scheinbar böse, in Wahrheit gerührt — gerührt über sich selbst. Tränen in den Augen, da er sich seiner im Grunde so wehrlosen, so leidensbereiten Natur wieder einmal klar bewußt wurde. Gerade mn dieser Weichheit willen war er sich selbst böse. Sich selbst oder der ganzen Welt? Er wußte es nicht. Ein Aufruhr ließ alle seine Gefühle durcheinanderfahren.
„Ich weiß, daß du mich nicht des Geldes wegen geheiratet hast."
Sofort streichen! Viel zu grob, ganz und gar in falsche Richtung geraten. — Er strich mit vielen Kreuz- und Ouerzügen, füllte über und unter den kleinen Buchstaben, wie „ro" und „a", die ganze Zeilenbreite bis zur Höhe und Tiefe der „h" und „g" aus, nervös sorgfältig, damit mich nicht einmal aus der Form des Hntenntlichgemachten die Kontur der gestrichenen Worte erraten werden könne; es gibt dieses radikale, klecks- artige Durchstreicheu, das mit dem Vernichten richtig Ernst macht, neben einem viel nobleren, eigentlich ehrlicheren Verfahren, das durch die ungültigen Worte einfach nur einen oder zwei Striche zieht und sie damit dem Partner als immerhin noch lesbar, wenn auch überholt präsentiert.
„Das Furchtbare unserer Zeit", begann er vom anderen Zipfel aus, es kann alles in Geld ausgedrückt werden! Zumindest gibt es, vorsichtiger und daher ätzender ausgedrückt, einen entscheidenden Geldanteil an allem. Ich brauche dich nicht zu erinnern, wie wir beide von Anfang an uns bemüht haben, dem Geld gegenüber als der Hauptmacht dieses grausamen (Erbentreibens eine klare, ehrliche Stellung einzunehmen. Es ist ja seltsam, daß alles so verlogen, was vom Gelds gesprochen und geschrieben wird. Ein aufrichtiges Wort kann man über alles hören, über die heikelsten Mißstände; über das Geld niemals. Vielleicht wird gerade deshalb, weil tatsächlich nahezu alle Gefühle unter die Herrschaft des


