.Wär ich nur tot“ fugte Ellinor, „aber altes, was Tuge fugt, Mutter, ist wahr, und du kannst niemals das "locht haben, uns in unserem QTlter einen Stiefvater zu geben“
„Stiefvater!" rief Lage, „ich will nicht hoffen, daß er nur einen Augenblick wagt... Du bist toll! Wo er eintritt, da gehen wir hinaus, es gibt keine Macht auf Erden, die mich zwingen kann, die mindeste Gemeinschaft mit dem Menschen zu dulden. Bei Mutter steht die Wahl: — aber er oder wir! Gehen die Neuvermählten nach Dänemark, so find wir landesverwiesen, bleiben sie hier, dann bleiben wir nicht."
„Meinst du das wirklich, Sage?“ fragte Frau Fönß.
„Du zweifelst Wohl gar? Stell dir nur das Familienleben vor, wie Ida und ich an einem Mondscheinabend brausten auf der Serrasse sitzen und hinter dem Lorbeerboskett jemand flüstert und Ida fragt, Wer da flüstert, und ich antworte, es ist meine Mutter und ihr neuer Munn. Nein, nein, dies hätte ich nicht sagen sollen; aber du siehst schon, wie es wirkt, welchen Schaden es mir getan hat, und es bürd auch Ellinor nicht besser machen, das magst tm glauben.“
Frau Fönst ließ die Kinder gehen und saß allein.
Nein, Sage hatte recht, es war nicht gut für die gewesen; wie weit waren sie schon in dieser kurzen Stunde von ihr abgekommen! Wie fühlten sie sich ihr gegenüber nicht als der Mutter, sondern als des Vaters Kinder, und wie bereit waren sie, von ihr abzufallen, kaum daß sie bemerkt hatten, daß nicht jedes Gefühl im Herzen der Mutter ihnen gehörte! Aber sie war ja doch nicht nufr einzig und allein Tages und Ellinors Mutter, sie war ja doch ein Mensch für sich selbst, mit einem Leben für sich, mit einer Hoffnung für sich, auch ohne Zusammenhang mit ihnen. Aber so jung, wie sie geglaubt hatte, war sie doch vielleicht nicht. Sie hatte es in dieser Aussprache mit ihren Kindern gemerkt. Hatte sie nicht dagesessen, ängstlich, trotz ihrer Worte, und hatte sie sich, nicht fast wie jemand gefühlt der in das Recht der -Sugenb eingegriffen hatte, und war nicht die selbstsichere Anmaßung und die naive Tyrannei der ganzen Jugend durch alles gegangen, was jene gesagt hatten, — wir sind es, denen zu lieben gebührt, wir sind es. denen das Leven gebührt, euer Leben hat für" uns da zu sein.
Sie begann zu verstehen, daß eine Befriedigung darin liegen könne, ganz alt zu fein; nicht daß sie es wünschte, aber es lächelte ihr doch schwach entgegen, wie ein ferner Friede, jetzt nach allen Aufregungen der letzten Zeit, jetzt, da die Aussicht auf so viel Unfrieden so nahe war. Denn sie glaubte nicht, daß ihre Kinder andern Sinnes werden konnten, und doch mußte sie ja mit ihnen wieder und wiederum darüber sprechen, ehe sie die Hoffnung aufgab. Es war am besten, wenn Thorbrögger gleich abreifte; war er einmal fort, so würden die Kinder vielleicht weniger reizbar sein, und vielleicht konnte sie ihnen beweisen, wie eifrig bestrebt sie war, alle möglichen Rücksichten auf sie zu nehmen; die erste Bitterkeit würde dann Zeit finden, zu verschwinden und alles... nein, das glaubte sie selbst nicht, daß alles wieder gut werden würde.
Es wurde bann so eingerichtet, das; Thorbrögger einwilligte, nach Dänemark zu reifen, um die Papiere beider in Ordnung zu bringen. Vorläufig sollte er bann dort bleiben. Indes schien dadurch nichts gewonnen zu fein. Die Kinder wichen ihr aus, Sage war immer mit Ida ober ihrem Vater zusammen, und Ellinor mußte, wie es schien, stets der kranken Frau Kastager Gesellschaft leisten. Und kamen sie endlich einmal zusammen, wo war da nicht nur die alte Vertraulichkeit, das alte Behagen geblieben, sondern wohin waren auch die tausend Gesprächsthemen hingeraten ..... und fanden sie
endlich eines, wohin das Interesse dafür? Da saßen sie und hielten ein Gespräch aufrecht, .wie Menschen, die eine Zeitlang aneinander Gefallen gefunden haben und sich nun trennen sollen, und bann haben die, welche abreisen sollen, alle ihre Gedanken auf das Ziel der Reise konzentriert, und die, welche zurückbleiben sollen, denken nur daran, möglichst bald in ein trauliches Leben und in trauliche Gewohnheiten znrüctzufallen, wenn die Fremden abgereift fein werden.
Es gab nichts Gemeinsames mehr in ihrem Leben, alles Gefühl der Zusammengehörigkeit war verschwunden. Sie konnten darüber sprechen, wie sie sich in der nächsten Woche, im nächsten Monat, auch im nächstfolgenden einrichten würden, aber es interessierte sie nicht so, als wenn es sich um Sage ihres eigenen Lebens handelte, es erschien ihnen nur wie eine Wartezeit, die auf diese Weise oder auf eine andere überstanden werden muß, denn alle drei fragten sie sich in ihren Gedanken: und was dann? Weil sie keine Sicherheit für ihr Leben fühlen konnten, weil sie keinen festen Boden für dessen Aufbau hatten, ehe das geordnet war, das, was sie getrennt hatte.
And mit jedem Sage, der dahinging, vergaßen die Kinder mehr und mehr, was ihre Mutter ihnen gewesen war, wie Kinder eben, wenn sie glauben, daß ihnen Anrecht geschehen ist, tausend Wohltaten über ein einziges Unrecht vergessen.
Sage war minder hart als seine Schwester, aber zugleich auch der am tiefsten Verletzte, denn er war es, der am meisten geliebt hatte. Lange Nächte hatte er darüber geweint, daß er die Mutter nicht so, wie er wollte, behalten könne, und es gab Zeiten, wo die Erinnerung an ihre Liebe zu ihm jedes andere 'Gefühl in feiner Brust beinahe übertäubte. Eines Sages war er auch zu ihr hineingegangen und hatte gebeten und gefleht, daß sie nur ihnen, ihnen allein, und keinem sonst gehören möge, und sie hatte geafittoortet: Nein! Und dieses Nein hatte ihn hart gemacht, und kalt dazu, eine Kälte, vor ber et sich im Anfang gefürchtet hatte, da mit ihr zugleich eine fürchterliche Leere eingezogen war.
Mit Ellinor stand es anders, feltfamertoeife hatte sie, was geschah, vor allem wie ein Unrecht gegen ihren verstorbenen Vater empfunden,
und sie begann diesen Vater, dessen sie sich nur ganz dunkel entfinnen konnte, wie einen Fetisch zu verehren und machte ihn sich lebendig indem sie sich in alles, was sie von ihm gehört hatte, vertiefte sie fragte Kastager nach ihm aus und Sage, küßte jeden Morgen und Abend ein Porträtmedaillon, das sie von ihm hatte, und sehnte sich mit etwas hysterischem Verlangen nach Briefen von ihm daheim und Dingen, die ihm angehört hatten.
Während der Vater solchergestalt stieg, sank gleichzeitig die Mutter. Daß sie sich in einen Mann verliebt hätte, brückte sie in ben Rügen ber Tochter herab, nun war sie nicht mehr die Mutter, die unfehlbare, klügste, vortrefflichste, schönste, sie war ein weibliches "Wesen wie andere auch, oder doch nicht ganz wie andere, aber eben tocil sie das nicht ganz war, eine, die man erst recht kritisieren und beurteilen, an ber man Schwächen und Fehler finben konnte. Ellinor toar froh darüber, daß sie ber Mutter ihre unglückliche Liebe nicht anvertraut hatte, sie wußte ja nicht, wie tief sie gerade ber Mutter dafür verpflichtet war.
Tag um Sag ging dahin, und dies Leben wurde immer unertrüg- ttcher, und sie fühlten alle drei, daß es nutzlos toar und sie nicht zst. fammenführte, sondern auseinanderzog.
Frau Kastager, nunmehr genesen, toar freilich bei dem, was sich ereignet hatte, nicht zugegen gewesen, wußte aber doch unter ihnen am bestell Bescheid, weil man ihr alles erzählt hatte, und hatte eines L.ages eine lange Unterredung mit Frau Fönß, die froh toar, temanben zu finden, ber ruhig anhören konnte, wie sie sich die Zukunft eingerichtet dachte; und in diesem Gespräch schlug Frau Ka» ftager vor, daß die Kinder mit ihr nach Nizza Übersiedeln sollten und Thorbrögger nach Avignon berufen würde, wo sie bann heiraten sollten. Kastager könnte ganz gut bleiben und Trauzeuge fein.
Stau Fönß schwankte einige Zeit, denn es toar ihr unmöglich, die Ansicht ihrer Kinder zu erfahren: sie hatten, als man es ihnen erzählte, es mit vornehmem Schweigen hingenommen, und als man ihnen wegen einer Antwort zuseyke, hatten sie nur gesagt, daß sie sich hierin selbstverständlich nach den Entschlüssen der Mutter richten müßten.
Also kam es so, tote Frau Kastager vorgeschlagen hatte; die Mutter sagte ben Kindern lebewohl und sie reiften, Thorbrögger kam, und sie wurden getraut.
Spanien wurde ihre Heimat; Thorbrögger wählte es. um dort Schafe zu züchten.
Nach Dänemark wollte keines von beiden.
Und dann lebten sie glücklich in Spanien.
Ein paarmal schrieb sie an ihre Kinder, aber im ersten heftigen Zorn darüber, verlassen zu sein, schickten sie die Briefe zurück.
Später bereuten sie es Wohl, aber sie konnten es doch nicht über sich bringen, ihre Reue einzugestehen unb ihr zu schreiben, und so hörte alle Verbindung zwischen ihnen auf. Aber sie hörten ja ab und zu, auf anderen Wegen, wie es hüben und drüben ging.
Fünf Jahre lebten Thorbrögger und feine Frau glücklich, aber bann erkrankte sie plötzlich. Es toar ein schnellzehrenbes Leiden, bas nottoenbigertoeife mit dem Tod enden mußte. Die Kräfte schtoanbeu von Stunde zu Stunde, und eines Tages, da das Grab schon nicht mehr ferne toar, schrieb sie ihren Äinbern.
„Liebe Kinder,“ schrieb sie, „daß Ihr diesen Brief lesen werdet, weiß ich, denn er wirb Euch nicht erreichen, bevor ich tot bin. Fürchtet nichts, Vorwürfe sind in diesen Zeilen nicht verborgen, könnt' ich nur machen, daß sie genug Liebe in sich aufnehmen!
Wo Menschen lieben, Sage unb Ellinor, meine Herzens-Minor, ba mutz immer der sich demütigen, 'der am meisten liebt, und darum komm ich noch einmal zu Euch, toie ich in Gedanken jede Stunde des Tages, solange ich kann, kommen will. Wer sterben soll, liebe Kinder, ist recht arm; ich bin es auch, denn diese ganze wunderschöne Welt, die so viele Jahre her mein reiches gesegnetes Heim gewesen ist, soll mir weggenommen werden, mein Stuhl leer stehen, die Tür hinter mir sich schließen und ich nie mehr meinen Fuß hierhersetzen. Deshalb kann ich nichts ansehen ohne die Bitte, daß es mich liebhaben möge, deshalb komme ich und bitte Euch, mich mit bet ganzen Liebe zu lieben, die Ihr mir ehemals geschenkt habt, denn, beherzigt es wohl: Nicht vergessen werden, das ist der ganze Anteil an bet Menschen Welt, ber mir von nun an übrigbleibt. Nur nicht vergessen toerben, gar nichts sonst.
Ich habe nie an Eurer Liebe gezweifelt, ich wußte ja genau, daß es Eure große Liebe war, der Euer großer Zorn entsprang; hättet Ihr mich weniger geliebt, so hättet Ihr mich auch ruhiger ziehen lassen. Und deshalb laßt Euch sagen: Wenn es eines Tages geschehen sollte, bah ein gramgebeugter Mann an Eure Türe käme, um mit Euch von mir zu sprechen, von mir zu sprechen, damit er Trost finde, bann soflt Ihr Euch erinnern, daß keiner mich geliebt hat wie er, und bah alles Glück, das eines Menschen Herz ausstrahlen kamt, von ihm zu mir gegangen ist. Und bald, in der letzten großen Stunde, wird er meine Hand halten, wenn das Dunkel kommt, unb seine Worte werden die letzten sein, die ich höre...
Lebt tvohl, ich sage es hier, aber es ist nicht das letzte Lebewohl an Euch, das will ich, so spät ich nur vermag, sprechen, und all meine Liebe soll darin fein und die Sehnsucht von so vielen, vielen Jahren und Erinnerungen von damals, als Ihr klein wäret, und tausend Wünsche und tausend Dank. Leb wohl, Tage, leb wohl, Ellinor! Lebt ivohl bis zum letzten Lebiwohl! Eure Mutter.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckeret, N. Lange, Diesten.


