Die Wärme war so stark, daß ihr beinahe schwindelte. Langsam streckte sie, um einen Halt zu sinden, die Hand nach einer großen, schweren Bronzevasen empor, di« auf einer Konsole an der Wand stand, und griff in die 'Blumenornamente des Randes.
Cs war bequem, so zu stehen, und die Bronze fühlte sich so herrlich kühl an. Aber wie sie dastand, kam ein anderes hinzu. Sie begann es wie eine Befriedigung ihrer Glieder, ihres Körpers zu verspüren, die plastisch schöne Stellung, in die sie versunken war, und das Bewußtsein dessen, wie gut es sie kleide, das Bewußtsein der Schönheit, die in diesem Augenblicke über ihr war, und selbst di.« körperliche Empfindung einer Harmonie — das sammelte sich zu einem Triumph- gefühl, strömte wie ein wundersam festlicher Jubel durch sie.
Sie erschien sich stark in diesem Augenblick, das Leben lag^vor ihr wie ein großer und strahlender Tag, und nicht mehr wie ein Tag, der sich den stillen, wehmütigen Stunden der Dämmerung zuneigt, sondern wie eine große und wache Zeitspanne, mit heißen, in jeden Sekunde pochenden Pulsen, mit Lust am Licht, voll von Handlung und Hast und unendlich nach außen und innen. And sie begeisterte! sich an der Fülle des Lebens und sehnte sich nach ihr mit dem Taumel und der Glut eines Reisefiebers.
Lange stand sie so, tief in Gedanken, alles um sich vergessend. Dann plötzlich hörte sie gleichsam das Schweigen in 6em Raut«, der Gasflammen langgezogenen Gesang: und sie ließ die Hand von der Base herabfallen, setzte sich an den Tisch und Begann in einer Mappe zu Blättern. Sie hörte Schritte an der Tür« Vorbeigehen, hörte sie umkehren und sah dann Thorbrögger eintreten..
Ein paar Worte wurden gewechselt, aber da sie mit ihren Bildern beschäftigt schien, machte auch er sich an die Zeitungen, die da lagen. Sehr interessierten sie ihn indessen kaum, denn als sie etwas später aufsah, begegnete sie seinem forschend nach ihr hinüberstarrenden Blick.
Er sah aus, als wolle er gerade sprechen; und um feinen Mund war ein nervöser, entschlossener Ausdruck, der ihr so bestimmt sagt«, welche Worte er sprechen würde, daß sie errötete und instinktiv, gleichsam um die Worte zurückzudrängen, ihm ihre illustrierte Zeitung über den Tisch reichte unD auf das Bild einiger Pampasreiter wies, ine nach wilden Stieren Lasfos fchleuberten.
Er war auch nahe daran, sich zu einem Scherz über des Zeichners naive Boxstellungen von der Kunst des Lassowerfens verlocken zu lassen: es war ja so verführerisch leicht, darüber zu sprechen, im Gegensatz zu dem, was er vorhatte; aber doch nahm er resolut das Blatt, schob es beiseite, beugt« sich ein wenig über den Tisch vor und sagte: „Ich habe so viel an Sie gedacht, seit wir uns getroffen haben, ich habe immer fo viel an Sie gedacht, sowohl damals in Dänemark als da drüben, wo ich gewesen bin. And ich habe Sie immer geliebt, und trenn es mir nun bisweilen dünkt, daß ich Sie nie früher geliebt habe, als erst jetzt, da wir einander wieder getroffen haben, so ist das nicht wahr, wie groß auch meine Liebe ist, denn ich habe immer Sie geliebt. And wenn Sie sich jetzt entschließen könnten, mein zu werden, Sie könnten nicht verstehen, was das für mich sein würde, wenn Sie, die man mir so viele Jahre lang weggenommen hat, wenn Sie zurückkommen wollten I"
Er schwieg einen Augenblick, dann erhob er sich und trat näher zu ihr.
„Aber sprechen Sie doch ein Wort, ich stehe hier und rede wie ins Leere, ich muß ja mit Ihnen reden, wie zu einem Dolmetsch, zu einem Fremden, der es dem Herzen, zu dem ich rede, wieder sagen soll; ich weiß ja nicht. . ich kann meine Worte nicht abwägen... Wie fern ober wie nah, ich weih es nicht; ich darf ja die Anbetung, die mich erfüllt, nicht aussprechen — ober darf ich?"
Er ließ sich auf einen Stuhl an ihrer Seite niedersinken.
„Könnt' ich es wagen, brauchte ich nicht zu fürchten, — ist es wahr? O. Gott segne dich, Paula!"
„Aichts soll uns länger scheiden," sagte sie, ihre Hand in der seinen, „was auch kommen mag, ich habe das Recht, einmal glücklich zu fein, meine Natur einmal voll auszuleben, meine Sehnsucht und meine Träum« zu leben. Ich habe niemals entsagt; ob auch das Glück nicht za mir kam, habe ich doch nie geglaubt, daß das Leben eitel Armseligkeit und Pflicht sei, ich wußte, daß es Glücklich« gab."
Schweigend küßt« er ihre Hand.
„Ich weiß," sagte sie traurig, „die mich am mildesten beurteilen werden, werden mir wohl das Glück gönnen, mich von dir geliebt zu wissen, aber sie werden auch sagen, daß mir das genügen solle."
„Aber mir würde es niemals genügen, du hättest nie das Recht, mich so ziehen zu lassen."
„Rein," sagte sie, „nein.“
Ein wenig später ging sie bann zu Cllinor hinaus.
Ellinor schlief.
Frau Fönß setzte sich an ihr Bett und sah auf das bleiche Kind, dessen Züge im gelben dürftigen Schein der Rachtlampe nur undeutlich wahrnehmbar waren.
Am Ellinors willen mußten sie warten. Ln ein paar Tagen würden sie sich von Thorbrögger trennen und nach Nizza gehen und dort allein bleiben; den ganzen Winter wollt« fiel nur der Pflege Ellinors leben. Aber morgen wollte sie den Kindern erzählen, was geschehen war und was bevorstand. Wie immer sie es aufnehmen würden, ihr war es unmöglich, mit ihnen tagaus tagein zu leben und dabei durch ein solches Geheimnis von ihnen fast abgesperrt zu sein. And sie mutzten ja auch Zeit haben, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen; denn zu einer Trennung zwischen Mutter und Kindern würde es ja doch kommen, ob zu einer größeren ober kleineren, das kam auf die Kinder selbst an. Wie sie ihr Leben im Verhältnis zu
ihr und zu ihm einrichten, wollten, das sollten sie ganz und gar 60* stimmen. Sie wollte nichts fordern. Hier war es an ihnen, zu geben.
Sie hörte Tages Schritte im Salon und ging zu ihm hinein, —
Er war gleichzeitig so glückstrahlend und so nervös, daß Sie Frau sofort dachte, es müsse etwas geschehen sein, und sie ahnte auch was. Aber er, der eine Art Einleitung zu dem, was er auf dem Herzen hatte, finden wollte, saß da und führte zerstreute Reden über das Theater, und erst als seine Mutter zu ihm hinging und ihre Hand auf seine Stirne fegt« und ihn zwang, zu ihr aufzuschauen, brachte er es fertig, zu erzählen, daß er um Ida Kastager angehalten und daß sie geantwortet habe: ja.
Roch lange sprachen sie davon, aber Frau Fönß fühlte die ganze Zeit, daß über ihren Worten eine unüberwindliche Kühle tag, weil sie sich, bewegt wie sie selbst war, scheute, allzusehr in Tages -Ton einzustimmen, und dann auch dies: ihr war es unleidlich, daß ihrs mißtrauischen Gedanken auch nur den schwächsten Schatten eines Zusammenhangs auswittern könnten zwischen der Tatsache, daß sie heute abend freundlich wär«, und dem, was sie morgen zu erzählen haben würde.
Tage indes ward ihr kühles Wesen nicht gewahr.
Wenig war es, was ihr diese Rächt an Schlaf brachte; zu viel waren es der Gedanken, mit denen sie sich wachhielt. Sie dachte daran, wie seltsam es war, daß er und sie sich fressen muhten, und daß sie, nun sie sich getroffen, einander lieben sollten wie in den alten Tagen. Aber es waren alte Tage, zumal für sie, sie war ja nicht jung, sie konnte es in jedem Fall nicht länger fein. And es würde sich geigen, er würde mit ihr Nachsicht üben müssen, sich daran gewöhnen müssen, daß es lange her war, daß sie eine Achtzehnjährig« gewesen. Aber sie fühlte sich jung, sie war es in so vielen Beziehungen, und dennoch war sie sich unzweifelhaft ihrer Jahre bewußt; ft« sah es so deutlich: in tausend Bewegungen, in Mienen und Gesten, in! der Art, wie sie einem Wink nachkommen, in der Art, wie sie bet einet Antwort lächeln würde, zehmnal des Tags würde sie sich bei derlei alt machen, weil ihr der Mut fehlen würde, im Aeutzeven so jung zu sein wie in ihrem Geist.
And Gedanken tarnen und Gedanken gingen, aber durch all dies brach immer dieselbe Frag« hervor: nach ihren Kindern, was die sagen würden.
Es wat am nächsten Bormittag, daß sie die Antwort herausforderte. Sie saßen im Salon.
Sie sagte, sie habe ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen, etwas, das für sie alle eine große Veränderung bewirken, etwas, das ihnen seht unerwartet kommen würde. Sie bat die Kinder, so ruhig wie möglich zuzuhören und sich nicht durch den ersten Eindruck zu unbedachten Worten hinreihen zu lassen; denn sie müßten wissen daß das, was sie ihnen erzählen würde, fest abgemacht sei und daß nichts, was sie sagen könnten, sie von ihrem Entschluß abbringen! würde.
„Ich will mich wieder verheiraten," sagte sie, und sie erzählte ihnen, wie sie Thorbrögger geliebt hätte, ehe sie den Vater bet Kinder gekannt, wie sie von ihm getrennt worden wäre und wie sie einander jetzt gefunden hätten.
Ellinor weinte, aber Tage war ganz verwirrt aufgeftanben, bann zu ihr hingetreten, vor i§r in die Knie gesunken und patte lhw Hand ergriffen, die er schiluch-zend, I)alb erstickt von feiner Erregung, gegen feine ^ü)ange sirestte, mit unfägkieher Härtkichkeit, mit einem Ausdruck von Ratlosigkeit in jedem Zug seines Gesichtes.
Aw, aber Mutter, liebste Mutter! Was haben wir dir denn getan, haben wir dich nicht immer geliebt, haben wir nicht, wenn wir bei dir und wenn wir fern von dir waren, uns zu btr hingesehnt, als zu unserem besten Besitz auf der Welt? Sen Vater haben wir ja nur durch dich kennengelernt, du hast uns gelehrt, ihn zu lieben, und wenn Ellinor und ich einander so liebhaben, ist es denn nicht darum, weil du Tag für Tag unermüdlich dem einen gezeigt hast, was am andern liebenswert fei — und ist es nicht so mit jebent Menschen gewesen, dem wir uns anschlossen? Haben wir nicht alles von dir? Alles haben wir von Dir, und wir beten dich an, Mutter; wenn du wüßtest... O du ahnst iiicht, wie oft unsere Liebe zu dir alte Ufer und Grenzen überschreiten möchte, hinauf zu Dir, aber wieder bist du es, die uns gelehrt hat, sie niederzuhalten, und wir Dürfen Dir nicht so innig nahekommen, wie wir gerne wollten. And nun sagst du, daß du ganz von uns sortgehen, uns ganz zur Sette schieben willst! Aber das ist ja unmöglich, was konnte uns der schlimmste Feind in der Welt Fürchterliches antun als dies, und du bist doch nicht unser schlimmster Feind, du meinst es jai gut mit uns, wie kann es Denn möglich sein! Sag schnell: es ist nicht wahr, tag. ,Es ist nicht wahr, Sage! Es ist nicht wahr, Ellinor!'
„Sage, Sage! Komm doch zu dir selbst und mach' es nicht so schwer, dir nicht und uns andern nicht."
Sage stand auf.
„Schwer!" sagte er, „schwer, schwer, ach ich wollte, es Ware nichts anderes als schwer, aber es ist ja fürchterlich 5?’
denkt man daran, so ist's, um wahnsinnig zu werden. Ahnst Du auch wirklich, welchen Stoff du meinem Denken gegeben hast? Meine Mutter eines fremden Mannes Liebkosungen hingegeben, mein» Mutter begehrt, umfangen und wieder umfangend, o das sind für einen Sohn Gedanken, Gedanken, schlimmer als die ärgste Verhöhnung, — aber es ist unmöglich, es muh unmöglich sein, es muh, denn sollte nicht so viel Macht in Den Bitten eines Sohnes semi? Ellinor, sitze nicht weinend Da, komm und hilf mir, Mutter zu bitten, daß sie Mitleid mit uns habe!"
Frau Wutz machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte: „Latz Ellinor, sie mag schon müde genug fein, und ich habe euch ja ohnehin gesagt, daß sich nichts ändern läßt."


