Wand? Ein Tiergeschnauf im Stall, oder der Samttritt des Katers Peter, der vor der Türe war? Ach, in der Kommode sitzen Fingerhut und Wollfaden, das kleine goldene Kreuz, das Brigitte zu den hohen Feiertagen Weihnachten, Ostern und Pfingsten trägt, der Rosenkranz aus Perlmutterkugeln und der Groschenring, den ihr der NaHbarsohn auf dem Jahrmarkt geschenkt hat: zu lebendigen Dingen verzaubert sitzen sie im verschollenen und alten Blumenduft der 'Schublade und erzählen sich von Brigittes schönen und zarten Abenteuern, kindliche Gespräche, die sie geführt, ein Stück von einem Avemarialied, das sie gesungen hat, von einem blauen Nachmittag, als sie am Weiher das Lamm hütete, und von der kühlen Fensterbank hinter dem Blumenstock, wo sie an Sonntagnachmittagen des Sommers sah und weihe feine Stiche in die Tücher nähte . . . Änd Brigitte sieht, noch verzaubert vom Dorüberwehen des Traumes, ein wenig aus dem warmen Schlaf erwacht, den Engel stehen und lächeln.
Ihr glaubt nicht, daß es eine Bestimmte ist? Doch. Sie, die ich meine, wird unter einem Eisenkranz begraben werden, der im Winde leise klappert, und unter einem Rand von dunkelblauen Stiefmütterchen und unbeweglichen Lilien.
Die, die ich meine, wußte das versteckte Nest der Henne im dunkelgrünen Heu der Scheuerecke, wo die dicke gemästete Spinne im Windzug der kleinen Mauerlücke schwankte. Vierzehn weihe Eier, eines neben dem anderen, ftir eine heimliche Brut bereitet, fand sie unter dem Gefieder der aufgackernden und verängsteten Henne. Stunden des Wartens und des Lauerns kostete es, hinter der listigen und scheuen Henne her zu sein, bis sie den roten Kamm plötzlich im Lichtstrahl der Lücke aufleuchten sah. Änd ich war dabei und fand, daß im. Dunkeln der Mund von Brigitte röter war als der Kamm der versteckten Henne.
Die ich meine, saß an einem Juni abend, als die Kühe mit kleinen blechernen Glocken um den Hals vorüberkamen, unter der Türe, in die die Jahreszahl 1752 eingeschniht war, und lächelte mich an ... Ich werde dieses Lächeln nie vergessen. Es war das Lächeln der Madonna, an der schon mein Kinderherz hing. Es war das Lächeln des schönen Nachmittags um fünf Ähr, da ich die seidenen Schmetterlinge fing. Es war das gute Abendlächeln des Sterns, der im Duft der Wiesen über die Hügel steigt. Es war das Lächeln der verschollenen Quelle, tief im schattenreichen Geheimnis des Rehwaldes.
Ich wußte nichts auf dieses Lächeln zu erwidern. Nur mein Herz klopfte, wie es bei dir, Tochter des reichen Herrn, nie geklopft hat . . .
Kunst als Geschäft.
Don Walther A p p e l t - Plauen.
Wir alle wissen, wie wenig es der Jdealzustand ist: dah ein Künstler, der vielleicht Ewigkeitswerte schafft, die in Zahlen gar nicht zu fassen sind, zu Lebzeiten darauf angewiesen ist, vom Erlös eben dieser Schöpfungen sein Dasein zu fristen. Aber wenn auch in besserer Zeit, hoffentlich, mehr öffentliche Mittel für Kunst und Künstler flüssig gemacht werden können, so werden dennoch immer wieder Genies in den Jahren des Reifens, des Kampfes um Geltung Not leiden an den Erfordernissen des täglichen Lebens. Änd vielleicht ist dieser Dornenweg, der nur die Kleinen aufreibt oder umkehren läßt, für die wirklich Großen sogar förderlich, mitunter wohl geradezu notwendig. Senn allzu bald und leicht errungener Ruhm birgt mit seinen materiellen Einträglichkeiten nur die Gefahr in sich, dah ein Künstler im Ausruhen auf den frühen Lorbeeren das Weiterstreben verlernt.
Auch auf die geschäftlich-materiellen Singe muh es sich auswirken, daß der Künstler — eine begreifliche Folge seines gesteigerten Innenlebens — in manchem anders ist als der Durchschnitt. Nur die wenigsten sind von Haus aus so gestellt, daß ihr Leben und ihr Schaffen sich im ruhigen Gleichmaß sicherer Existenz abwickeln kann — wie Max Liebermann (der erfreulicherweise dennoch ein Kämpfer war und blieb). Andere haben, verwirrt vom Reichtum des klingenden Ertrages, den Maßstab ftir die Dinge verloren, sind in der Kunst gleichgültig und im Leben zu Verschwendern geworden. Das letztere gilt besonders für Rembrandt, der auf der Höhe seines Ruhmes einen beinahe exotischen Prunk entfaltete. So unsinnig, daß kaum etwas anderes dabei herauskommen konnte als schmählicher Bankrott und drückende Vereinsamung. (Die Abkehr der Auftraggeber von dem einst Verwöhnten hatte übrigens, neben an« verein, einen Grund, der sich einer Betrachtung „Kunst als Geschäft" bestens einfügt: Die Mitglieder einer Schützengilde hatten je gleichviel für das Zustandekommen des heute als „Nachtwache" bekannten Bildes bezahlt. Einige aber, und darunter sehr einfiuh- reiche Persönlichkeiten, fühlten sich beleidigt, weil sie nicht auch, wie andere, in ganzer Figur auf dem Bilde zu sehen waren.) Diel geschäftstüchtiger als Rembrandt wußte fein Landsmann Rubens die Einkünfte aus seiner Malerei zusammenzuhalten und zu vermehren. Zwischen beiden kann San Steen eingereiht werden. Dem verrann zwar der Ertrag feinet Kunst rasch zwischen den Händen, da er dem Leben und seinen Annehmlichkeiten allzu reichen Tribut zollte, — aber er besah genug nüchternen Sinn ftir das Notwendige, neben seiner Kunst — einen Bierausschank zu betreiben. Weniger drastisch, aber doch ebenso aufs Praktische gerichtet war es, wenn unser Dürer vorurteilslos seine Holzschnitte auf Märkten feilbot. Auch Porträtausträge mag er ebenda entgegengenommen haben. Aber obgleich ihn auf den Reisen meist seine wirtschaftliche und — resolute Agnes begleitete, kam es doch auch vor, dah er regelrecht um den verdienten Lohn — geprellt wurde. Wenigstens nnn es kaum anders aufgefaht werden, feehn er im Tagebuch der
Niederländischen Reise einmal resigniert schreibt: „Sechs Personen, die ich zu Brüssel porträtiert habe, haben mir nichts dafür gegeben." —
Häufig zwangen häusliche Sorgen einen Künstler, Drokarbeit zu leisten, deren erklärlicher Minderwert dann wie ein Fremdkörper in seinem Gesamtschaffen steht. Beispiel: Chodowieckis Äeberproduktion jener trockenen Illustrations-Kupferstiche, deren viele nicht recht zur lebendigen Frische feiner freien Arbeiten passen wollen. Kinderreicher Familienvater wie Chodowiecki war auch Vöcklin. Deshalb muhte er, wie Feuerbach, Lenbach und mancher Künstler früherer Zeit, viel Schaffenskraft auf das nut finanziell, nicht künstlerisch lohnendere Kopieren verwenden. Aehnlich ist wahrscheinlich auch die Entstehung gewisser Böcklin-Dilder zu erklären, die uns heute mehr handfertig als aus innerstem Müssen gemalt scheinen. Vielleicht find auch Wiederholungen oder Abwandlungen des gleichen Motivs nicht immer nur in Gestaltungsproblemen begründet. (Allein die „Toteninsel" existiert in fünf Fassungen.) Von Hodler wird vollends behauptet, dah er seinen berühmten „Holzfäller" sehr oft gemalt habe, bzw. von Schülern habe malen laffen, so dah er selbst sich mit der — Signierung begnügen konnte. Das Bild soll, so unglaublich das klingt, nicht weniger als achtzig mal sein Atelier verlassen haben. — Kaltblütigkeit im Gefchäftemachen, die hart an Skrupellosigkeit grenzte, wird auch Trübner nachgesagt. Als einmal seine Werke aus einer bestimmten Periode seht hoch im Preise standen, forderte er von einem damals Porträtierten das Bild zurück mit der komischen Begründung, den Bart, den der Dargestellte sich inzwischen hatte wachsen lassen, nachmalen zu wollen. Sn Wirklichkeit verkaufte er das Bild für teures Geld und malte es dem bisherigen Eigen- filmet — mit Bart — neu. .
Nicht immer aber und nicht ausschließlich braucht nackte Habgier die Triebfeder zu sein, die einen überragenden Künstler veranlaßt, Kapital aus feinem Ruhme zu schlagen. Eine Episode aus dem Leben Whistlers beweist wohl doch, daß unsere großen Könner" einen nicht zu leugnenden Anspruch auf angemessenen Entgelt für ihr Schaffen haben. Der genannte Engländer hatte einmal einen Herrn gezeichnet, dem hinterher das gefordert® Honorar viel zu hoch schien. Da keine Partei nachgab, kam es zur Klage. Der Porträtierte blieb auch vor Gericht bei seiner Behauptung, daß die Summe, die Whistler verlange, in gar keinem Verhältnis zu seiner Leistung stehe, und bat die Richter, den Künstler zu fragen, wieviel Zeit er auf die umstrittene Zeichnung verwandt habe. „2hm," sagte der ohne Zögern, „so ungefähr zehn 'Minuten." — „Da sehen Sie," rief der andere triumphierend den Richtern zu, „wie er mich überteuert! Für eine Arbeit von zehn Minuten fordert er eine so hohe entmine!“ — „Sa, aber wissen sie denn," entgegnete Whistler, nun auch erregt, aber doch zutreffend, „wieviel mal zehn Jahre ich gebraucht habe, um soweit zu kommen, daß ich eine solche Zeichnung in zehn Minuten anfertigen kann?!" Das Gericht mußte Whistler Recht geben. Änd auch für uns kann diese Geschichte lehrreich sein — ohne d"" Jie uns natürlich zu hindern braucht, wirkliche Mißstände in der Preispolitik des Kunstmarktes nach wie vor zu bekämpfen. Oft, da» iest- zustellen gebietet die Gerechtigkeit, sind es allerdings weder die Künstler noch die ernsthaften Kunsthändler, die die Preise ins Aben- teuerliche hochschrauben, sondern „Sammler", denen ein Kunstwerk nicht anders als ein Dörsenpapier lediglich Handels- und Derdienst- objekt ist. Deren starre Front — im Interesse einer gesunden, allgemeindienlichen, wahrhaften Kunstpflege — zu erschüttern, wird freilich nicht leicht sein. Dennoch muß ess gelingen, wenn Schaffende, berufene Mittler und Ausnehmende — wozu bereits Anläufe erkennbar sind — zusammenstehen.
Frau Föntz.
Don Sens Peter S a c o 6 f e n.
(Schluß.)
Eines Abends damals saß Frau Föntz allein zu Haus; Ellinor hatte sich früh zu Belt gelegt, und Sage war mit den Kastagers ins Theater gegangen. Sie hatte in dem langweiligen Hotelzimmer gesessen und in dem Halbdunkel einiger Kerzen geträumt, bis die Träume, ewig kommend und wiederkommend, haltgemacht halten unb sie müße geworden war, aber es war jene sanfte lächelnde Müdigkeit, die sich über uns breitet, wenn glückliche Gedanken in unferm Sinn in Schlummer finken.
Aber hier konnte sie indes nicht sitzen bleiben und den ganzen Abend vor sich Hinsehen; nicht einmal ein Buch war zur Hand, und das Theater mußte noch mehr als eine Stunde dauern. So begann sie im Zimmer auf und ab zu gehen, blieb vor dem Spiegel stehen und ordnete ihr Haar.
Sie konnte ja ins Lesezimmer hinuntergehen und die illustrierten Blätter ansehen. Dort war es um diese Abendzeit immer teer.
Sie warf einen großen, schwarzen Spitzenschleier über den Kops unb ging hinunter.
Sa, dort war es leer.
Das kleine, dicht möblierte Zimmer war von einem halben Dutzend breiter Gasflammen blendend hell; es war heiß drinnen und die Luft fast sengend trocken.
Sie zog den Schleier auf die Schultern herab.
Die weihen Zeitungen dort auf dem Tisch, die Mappen mit ihren großen Goldbuchstaoen, die leeren Samtstühle, die regelmäßigen Quadrate des Teppichs und die parallelen Falten der Ripsgardinen, das alles miteinander sah in dem starken Licht merkwürdig stumm aus.
Sie träumte noch, und träumend stand sie und lauschte dem lang- gezogenen Gesang der Gasflammen.


