Jahrgang 1927
Dienstag, den 22. März
Nummer 25
SiehenerZamilieiibMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Dämmerstunde.
Von Theodor Storm.
3m Nebenzimmer sahen ich und du;
Die Abendsonne siel durch die Gardinen; Die fleißigen Hande fügten sich der Ruh, Don rotem Licht war deine Stirn beschienen.
Wir schwiegen beid'; ich wußte mir kein Wort. Das in der Stunde Zauber mochte taugen; Nur nebenan die Alten schwatzten fort — Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.
Lob des Bauernmädchens.
Don Anton Schnack.
'Verachte sie nicht. Tochter des großen Herrn, wenn sie nicht versteht, über bie weitfngigen und klingenden Gedichte des Inders Rabindranath Tagore zu sprechen, oder wenn sich ihr Gesicht in Der-- legenheit vor den unbegreiflichen und verzwickten Bildern des Malers Paul Klee senkt. Die Schule ihrer Kindheit war klein und hatte nur eine Tafel an der Wand mit den bunten Tieren ihres Dorfes bemalt.
Cs stand aber ein Hollunderbaum vor der Türe, die zu ebener Erde aus dem Gras des Weges in die modrige und gedrückte Bescheidenheit des Schulzinnners führte. Du weißt es nicht, daß man die fächerartigen weißen Blüten dieses schönen Sagenstrauches in dünnen und tropfenden Teig taucht, bann in siedendes Butterschmalz wirft und braun bis zur Knusprigkeit werden läßt. Aber Brigitte buk sie von ihrem vierzehnten Geburtstage an.
Ihr Lehrer war alt und sah aus wie Gottvater auf den Bildern ihrer Fibel. Er konnte nur die Geschichten des rheinischen Hausfreundes Hebel erzählen, aber ich glaube, daß Brigittes Herz tiefer erregt und verschönt wurde als du von den Memoiren des Herrn von Casanova.
Brigittes Kammer ist klein und schmal. Ein blaues Wasch- schüsselchen steht auf einem dreibeinigen Stuhl. Aber im Frühling und Sommer sehe ich sie aus der Türe treten, da du noch im Schlafe liegst, und sehe wie sie Gesicht und Hände in das topasi- grüne glitzernde Bergwasser des Haustroges taucht. Was hat sie in ihrem Stübchen, bas gegen Sonnenaufgang liegt und unter dem zarten Schein des Abendsternes leuchtet? Sie hat beim Einbruch der Dämmerung das leise Tropfen der Schalmei im Ohr. Die Wollspindel ihrer zahnlosen Großmutter steht in der Ecke, wo der gekreuzte Palmzweig voin Palmsonntag hängt, der gegen Blitz und Feuersgefahr schützt . . .
Einmal sah ich Brigitte im gelben Ginster des Spätsommers liegen: da wußte ich, daß ihr braunes spiegelndes Auge die große und samtene Schönheit des Nachmittags begriff. Was war ihr Hinsinnen? Ihre schwärmerische geneigte Haltung? Ihr dunkler, schwermütiger Blick? Da wußte sie, glaube ich, daß es große Maler gibt, gewaltige Musik, und Worte schöner Dichtung; Dinge, die die reichen Töchter der Städte hinnehmen, wie sie das braune, noch Erde riechende Brot aus dein Kasten nimmt, um es den Schnittern vorzuschneiden.
Sie weih Dinge, die du, Tochter des reichen Herrn, nicht , kennst: wenn es März wird, und über ihr naturnahes Herz das i Frühlingsahnen kommt, nimmt sie den Spaten aus der Scheuer und I wirst die Erde im Küchengarien um. In das eine Deel sät sie die ! Sommerendivien, in das andere Blumenkohl und Karotten, deren zittriges seines Kraut sie freut, wenn es emporgeschossen ist. Ein Flecken Gurken- und Bohnenkraut muß gepflanzt werden, das zwischen die Gurken und die Bohnen gelegt wird, wenn sie zum Einmachen in die blaugeringelten Steinguttöpfe reif sind. Dann geht, sie zum Bienenstände, wo sie das Brausen der erwachenden Bienenvölker seit Tagen gehört hat und öffnet leise die Fluglöcher.
Du hast keine Zeit, darüber nachzudenken, wann die Gartenbohnen blühen, aber Brigitte weih, daß es im Juni ist, wo der Blüten dunkles und großes Not, das wie Blut über daö Stangenspalier niedertropft, ihr Herz erregt. Ihre Besinnlichkeit und ihre Äaturverbrmdenheit sind vieler Weisheit voll: der alte Dater braucht es ihr nicht zu sagen, daß am Johannistag der Kamillentee gepflückt und getrocknet werden muß, da er um diese Zeit die höchste Heilkraft hat.
Sind das nicht Dinge, die genau so wissenswert sind, wie der Rückhandschlag im Tennis oder die Dierteltonmusik von Haba, von
der dir der kleine Kapellmeister mit dem fetten Haar bei der Abendgesellschaft erzählt? Ich möchte dos erste lieber wissen, da eS die Gröhe des Guten und die Wahrhaftigkeit jahrhundertelanger Erfahrung in sich trägt. And ist es nichts, den gluckernden Ton der Amsel von dem Worgenpfiff des spottenden Pirols zu unterscheiden, der aus dem Wipfel der hohen Eiche in das Gestrüpp stürzt? Oder ist es nichts, aus dem rötlichen Dernsteinschein des Mondes seltsame aber selbstverständliche Geheimnisse zu lesen: Korn, das während seiner Dauer gesät wird, wird schön und fruchtreich, Holz, das geschlagen wird, bleibt hart und voll Heizkraft, und der Fisch, der in der Reuse gefangen wird, hat rosigen und guten Saft im Fleisch.
Ihr Tagwerk und ihr Tun sind großen Gesetzen unterworfen, die keine Laune und keine Verachtung, weder Aufschub noch Nichtwollen gestatten. Wenn die schwarzgescheckt« Kuh ihren dunklen, dumpfen Schrei in die Morgenfrühe stößt, die noch den Dampf dejS Zwielichts hat, so muß der Eimer unter das prall« Euter geschoben, und das Futter aus Heu, Stroh und den zerschnittenen Runkelrüben in die Raufe vor das wiederkäuendr und geifernde Tiermaul geworfen werden.
Ihr Herz hat sich nach dem Satze des heiligen Franz von Assissi gerichtet, den der Pfarrer des Dorfes eines Sonntags zum Anlaß einer Predigt nahm. Dieser Satz: „Seid ganz Liebe, tut alles aus Liebe", bewahrte sich in ihrem Herzen, das damals die Demut und Reinheit eines Engels hatte. Und ihre Lieb« betätigte sich zum ersten Male, als gleich darauf aus dem Reste unter dem Scheuerbalken ein halbflügger Rotschwanz auf die Stallstreu fiel. Der Knecht wollte das Vogelkind, dessen rostrote spitze Schwanzfedern ihr höchstes Entzücken erregten, in einen alten verrosteten Käfig sperren, aber sie gab ihm ihre Verachtung zu wissen, bestieg eine Lecken und setzte es wieder in das Rest zu den anderen jungen Vögeln, die sie mit aufgerissenen gelben Schnäbeln futterheischend angilften.
Seitdem trug sie mit vergnügter Zufriedenheit um* fröhlichem Ernste das Rachmittagsbrot den Schnittern auf das Feld, das weit draußen auf den Hügeln lag, und wo sie mit ihren nagten Füßen über dos scharfe Stoppelfeld der Weizenäcker gehen mußte.
Große Freude machte ihr das Fronleichnamsfest, an dem sie mit noch drei anderen Gespielinnen die Statue der schmerzhaften Mutter durch das Dors tragen durfte. Sie schien sich wie eine weißgekleidete Heilige zu fein, mit dem Blumenkranz im kastanienbraunen Haar, den Blick voll zarten Glücks, umweht von Weihrauch, der aus dem Kessel des Ministranten in Wolken stieg und im Schatten der Monstranz dahinschreitend, die der Priester mit k rar Allerheiligsten segnend vorantrug. Das erregte ihr gottesfürchtiges Herz noch lange und die jüngeren Geschwister betrachteten sie mit Stolz und Verehrung und sahen in ihr eine Ausgezeichnet« und über sie strahlend Empovgehobene.
Wird in dir, Tochter des großen Herrn von der Bank oder der Kaufhäuser, auch dieses zarte und schöne Glück sein, wenn du erregt von der Oper nach Hause kehrst, weil dir der Tenor, der an der Brüstung in silberglitzerndem Panzer stand, in die Loge zugelächelt hat, oder weil du im Tanzturnier deines Klubs den ersten Preis im Charleston errungen hast? Ich glaube, -nur dein« Eitelkeit und deinen Ehrgeiz wird dies erregen und über einem anderen Blick und auf einem anderen Tanz wieder vergessen werden, aber dort wird sich Ergriffenheit wie eine azurene Wolke in das Herz senken und unverrückbar in ihm bis in die Tage des Alters glühen.
Einmal wird sie an den Zaun aus Tannenlatten am Abend treten und der Mundharmonika lauschen, die der Sohn des Nachbars bläst. Ihre kleinen Heimlichkeiten leben schon seit den Jahre« dec Kindheit, wo sie zusammen die blauen Heidelbeeren im Wald« pflückten und den Eingang der Grille am Wc -richrain belauschten.
Ach, in ihrem Dasein nimmt das Kleine den Glanz großer Geheimnisse an: wird der rote Geranienstock, den jtt auf ihrem Fensterbrett, hinter dem Vorhang versteckt, mit emsiger Betulichkeit betreut, bis zum Geburtstage der Mutter seine Knospen öffnen? DaS glühende Hinrinnen des Mondlichts, das durch das obere, grünlich glitzernde Fenster ihrer Kammer auf den Boden fällt, gibt chr im Traum das Reich der Märchen ein: unter dem Sttchl tappt der Kobold hervor und hebt di« grün« Zwergmütze von dem altersgrauen Kopf. Geht da nicht durch die aufgetane Tür« der Silberfluh der Drunnenfrau? Wird nicht überirdische Musik auf leisen Flöten und kleinen Harfen über den Flur getragen?
Was war das nur? — horcht ihr« kleine Seele in das Dunkel. Ein Hauch des Rachtwinds? Der müde alte Gang der Ahr an der


