Ausgabe 
22.2.1927
 
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In der Wett des Schrffsarztes.

Von Fritz Löwe.

Bei einem modernen Ozeandampfer kommt es nicht nur auf gigan­tische Schiffsabmesfungen, auf komfortable Ausstattung der Kabinen und Gesellschastsräume, auf Schnelligkeit und auf die durch Gröhe und Bauart des Schiffes bedingte Sicherheit an. Cs gibt noch andere Faktoren, die mitsprechen. So müssen in erster Linie auch die hygienischen Einrich­tungen allen Anforderungen entfprechen.

Seine größte Tat war die Schöpfung des preußischen Heeres. Dies Äitterte Land mit feinen endlosen Grenzen bedurfte einer stärkeren macht als ein in sich geschloffener, durch natürliche Grenzen ge­sicherter Staat, sonst blieb es ein Spielball der Nachbarn. Daher brachte Friedrich Wilhelm sein Heer, das unter seinem Vater m Kriegszeiten 40 000 Mann betragen hatte, in Friedenszeiten auf das Doppelte. Zwei Menschenalter vor der französischen Revolution stellte er den altrom,- fchen Grundsatz auf, daßalle Untertanen des Landes für die Waffen ge­boren find" (Kantonreglement von 1727). Aber das Land war menschen­arm- die furchtbaren Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges machten sich noch überall fühlbar; allerorten, in Stadt und Land, gab es noch viele .wüste Stellen". Die kostbarsten Arbeitskräfte muhten alfo geschont wer­den sonst stockte das Wirtschaftsleben, wurden d,e Staatssinanzen vollends zerrüttet. Nach mancherlei Tasten und Mihgriffen, bei denen es nicht ohne Härten -und erbitterte Widerstände abging, kam der König, rein aus der Praxis heraus, zu einem Kompromiß zwischen dem da­maligen Söldnerwesen und dem neuen Gedanken der Wehrpflicht. Unge- fähr die Hälfte des Heeres wurde durch Werbung im Ausland be- mnders in deutschen Ländern, aufgebracht, die andern aus denKan­ons" eingezogen, den Rekrutierungsbezirken der Regimenter im Irl­and. Ganze Stände wurdeneximiert" (von der Dienstpflicht befreit): der Adel nur theoretisch, denn gerade ihm legte der König die Ehren­pflicht auf, die Offiziere zu stellen, und gelegentlich half er auch mit Zwang nach; tatsächlich dagegen das ganze höhere Bürgertum, das die Unternehmer in Handel und Industrie, die Aerzte, Geistlichen und Ge- !ehrten fowie zahlreiche Staatsbeamte stellte, schließlich alle Bauern mit ycius und Hof, die Wollarbeiter und andereManufacturiers". Es waren im ganzen die ärmsten Volksschichten, die für den Heeresdienst verpflichtet wurden, aber sie standen im Gegensatz zu den Ausländern - nicht dauernd unter der Fahne. Waren sie zwei Jahre lang ausge­bildet, so wurden sie in die Heimat beurlaubt, um die Arbeitskräfte zu vermehren, und nur zur Exerzierzeit (wie früher unfere Reservisten) für ;wei Monate eingezogen. Das stehende Heer bestand also in der Haupt- 'iche aus Ausländern, hergelaufenen oder gepreßten Leuten, die man wenigstens durch das Band der Ehe an die Fahne zu fesseln suchte. Diesen Ausländern ist vor allem die furchtbare Härte der damaligen Mannes­zucht und die grausame Bestrafung der Desertion durch das Spießruten­laufen zu danken, dis ein notwendiges Hebel aller damaligen Heere war.

Den einheitlichen Rahmen für dies zwiespältige Heer schuf der König fich in einem fast durchweg nationalen und adligen Osfizierkorps, das durch ausgeprägte Standesfitte, Ehrgefühl und Lehnstreue eine Gewähr für Zuverlässigkeit und Diensteifer bot, die dem internationalen Söldner- tum gefehlt hatte. Jedoch war das Bürgertum vom Offiziersstand nicht ausgeschlossen; der König forderte die Obersten vielmehr selbst auf, ge­eignete bürgerliche Unteroffiziere zur Beförderung vorzuschlagen; bei der Artillerie waren bürgerliche Offiziere sogar häufig; selbst unter den ' Lieblingen des Königs befand sich ein Bürgerlicher (Koppen). Unter Friedrich dem Großen fand in dieser Hinsicht eher eine Rückbildung statt, besonders nach dem Siebenjährigen Kriege, obgleich auch zu seinen Ver- trauten ein bürgerlicher Offizier (Guichard) gehörte. Durch Belohnungen und Strafen, durch persönliches Inspizieren aller Regimenter, vor allem durch sein eignes Vorbild zog der König sich ein Offizierskorps heran, das seine Probe in den Kriegen Friedrichs des Großen glänzend bestehen sollte. Er selbst trug stets die Uniform seiner Potsdamer Riefengarde und führte dies Musterregiment selbst. ,

Durch das nationale Offizierskorps aber wurde noch ein Zweites er­reicht, das dem ganzen Staate unmittelbar zugute kam. Das Dienen im Ausland, damals gang und gäbe, hörte in Preußen auf, und der preu- fifche Junker, der noch immer gegen die neue Fürstenmacht fronbierte und die schönen Zeiten der Ständeherrschaft zurücksehnte, wurde jetzt dem Staatsgedanken gewonnen und aus einem widerspenstigen, selbstsüchtigen ober faulenKrippenreiter" ein Träger unb Werkzeug ber Staatsgewalt. Mein Succeffor", heißt es in ber Instruktion von 1722,muh bas für eine Politik halten, die von Adel in der Armee (zu) emploiren und fdahf die Kinder unter die Cadets gefetzet werden. Ist formidable für die Armee und ruhiger in seine Länder, daß der ganze Adel in seinen Diensten erzogen wird unb keinen Herrn kennt als Gott unb den König von Preußen". Der Edelmann war zudem der natürliche Führer des aus- gehobenen Bauernsohnes, der an die Gutsuntertänigkeit gewöhnt war.

Freilich wurde gerade diese durch das Heer gelockert. Der zur Aus­hebung bestimmteEnrollierte" wurde von ihr befreit unb unterftanb lediglich der Militärbehörde, und wenn er des Königs Rock anzog, feinen Offizieren. Das war der erste Schritt zur Bauernbefreiung. Sie ist zwar erst durch die Sieinfchen Reformen voll durchgeführt worden, aber auf den Staatsdomänen begann schon Friedrich Wilhelm I. seit 1719 mit der Aufhebung der Leibeigenfchaft, so groß auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Widerstände von feiten der Amtleute waren. Die Frondienste wurden stark eingeschränkt ober durch Gelbablösungeii ganz aufgehobeii, die Freizügigkeit unter bestimmten Bedingungen er­möglicht auch das zwei Menschenalter vor der französifchen Revolution.

Erfolgloser waren die Bemühungen des Königs um die Befreiung der Gutsbauern, die nicht Soldaten wurden. An dem Widerstand der Guts- Herrschaften scheiterte er ebenso wie später sein Sohn. Es waren vor allem die Rücksichten auf den Osfizierserfatz, die den König bestimmten, sich hier mit halben Maßregeln zu begnügen und nur dem Bauern­legen und dem Prügeln der Bauern Einhalt zu tun. (Schluß folgt.)

Für jeden, der eine größere Seereise unternimmt, hat der Gedanke, daß sich an Bord des Schiffes, das ihn über das Meer tragen soll, dem er Leben und Gesundheit anvertraut, ein erfahrener Schiffsarzt, modern eingerichtete Krankenräume und eine gut ausgerüstete Apotheke be­finden, etwas ungemein Beruhigendes.

Bei den großen Ozeandampfern ist nichts gespart worden, um sie mit den modernsten hygienischen Einrichtungen zu versehen. Die gewaltigen Fortschritte der Reisetechnik machen sich auch auf diesem wichtigen Ge­biete bemerkbar. Im Zeitalter des Weltreiseverkehrs sind mit den Dimen­sionen ber Schisse auch bie für Krankheitsfälle reservierten Räume an Um­fang gewachsen. Hygiene unb Wissenschaft, Technik unb Jnbustrie haben sich die Hand gereicht, um mustergültige Lazarette zu schaffen. Lustige Kran­kenzimmer, blütenweiße Laken unb peinlichste Sauberkeit fallen beim Be­treten dieser Räume sofort ins Auge. Alle modernen Hilfsmittel zur Krankenpflege sind reichlich vorhanden. Da fehlt auch keiner der Appa­rate, die die neuesten Errungenschaften der Technik dem Arzte nutzbar gemacht haben. Röntgenapparate, Blutdruckmefser, blitzende Sterilisier­apparate, chirurgische Instrumente jeder Art, kurz, die ganze Einrichtung eines modernen Krankenhauses steht heute dem Schiffsarzt zur Ver­fügung.

Anher erfahrenen Aerzten sorgen für das Wohl erkrankter Pasja- giere ober Mitglieder ber Besatzung geübte Sanitätsgehilfen und Kran­kenschwestern. Wie ein Kinberspielzeug wirkt bie mit allen Hilfsmitteln ausgerüstete Liliput-Apotheke. Praktisch eingerichtete Orbinations- und Operationsräume fetzen bie Schiffsärzte in bie Lage, allen vorkommenden Krankheitsfällen wirksam zu begegnen.

Aber nicht nur für Kranke ist an Bord in jeder Beziehung gesorgt. Auch Rekonvaleszenten unb Erholungsbedürftige finden auf dem Meere ihre Gefundheit wieder,. Von früh bis abends in ber frischen Seeluft, finben sie in dem schwimmenben Hotel warme unb kalte Seebäber, Licht- und türkische Bäder. In bem mit ben mobernsten mebiko-mechanischen Apparaten versehenen, auf hohem Booisbeck befinblichen Turnsaal können sie reiten, rabeln, rudern, boxen, kurz, jeden Sport treiben.

Dem Schisssarzf ist das Wohl ber ihm anvertrauten Passagiere und Besatzung höchstes Gebot. Tag und Nacht muh er auf den Beinen fein. An seine physische unb psychische Kraft wirb bie höchste Ansorberung ge­stellt. Ereignet sich an Bord ein ansteckender Krankheitsfall, so muh der Arzt ben Kranken unb feine Umgebung sofort in den hierzu bestimmten Räumen ijolieren. Da jedoch jede Beunruhigung der anderen Passagiere vermieden werden muh, so gehört hierzu Takt und Geschick. Oft genug wird ber Arzt, wenn er an festlicher Tafel sitzt, burch den stummen Wink eines Stewards herausgerufen. Eine plötzliche Erkrankung oder ein Un- glücksfall im Mafchinenrauin. Die Passagiere dürfen von alledem nichts merken. Der Verunglückte muß oft bei schwerem Sturm unter den größten Vorsichtsmaßregeln aus der Tiefe ins Lazarett befördert werden. Dann soll ber Verunglückte gelagert, unter allen Umständen sofort operiert werben unb alles dies mitunter bei hohem Seegang.

Bei allen schweren Erkrankungen muß ber Schiffsarzt schnell und selbständig handeln. Bei großen Reisen ist im allgemeinen noch em zweiter Arzt an Bord, aber für gewöhnlich muß er doch ber eigenen, schnellen Entschlußfähigkeit vertrauen. Er kann nicht wie sein glücklicherer Kollege an Lanb in zweifelhaften Fällen einen Spezialarzt hlnzuziehen, es sei benn, daß sich ein solcher zufällig unter ben Passagieren befindet.

Oft genug muß er auch Seelenarzt sein und mit Nervösen und Ge­mütskranken umzugehen verstehen. Es ereignen sich da an Bord mit­unter unvorhergesehene, ganz komplizierte Fälle. Kurz, er muß m allen Sätteln gerecht sein. Wenn alle anderen leitenden Persönlichkeiten an Bord Riihe haben, der Schiffsarzt hat eigentlich niemals Ruhe. Bei Lag und bei Nacht muß er stets bereit sein, Hilfe L» leisten.

Wie oft wird er nach des Tages Last und Muhen aus dem odjlafc geweckt. Irgendeine Dame hat sich den Magen verdorben, oder ein Ka­valier hat des Abends zu viele Cociails und Flips gemischt, mit dem Er- folge, bah ihn das graue Elend gepackt hat. Trotz alledem dar; der Schisfs- arzt nie die Geduld verlieren und muh auch solchePatienten durch freundlichen Zuspruch und entsprechende Medikamente wieder auf die

Nähert sich das Schiff einem Hafen, |o harrt seiner doppelte Arbeit und Verantwortung. Er muß den ärztlichen Behörden über den Gesund­heitszustand an Bord genauen Bericht erstatten. Er tragt ihnen gegen­über die volle Verantwortung, daß sich unter ben Passagieren unb ber Mannschaft kein Fall einer ansteckenden Krankheit ereignet hat, die bie Quarantäne des Schiffes zur Folge hätte.

Seit der Verwendung der drahtlosen Telegraphie an Bord hat sich bas Wirkungsfeld unb damit bie Verantwortung des Schiffsarztes unge­mein vergrößert. Oft genug werden Funksprüche anderer Schiffe aup gefangen, die den drahtlosen Wunsch nach ärztlichem Beistand aus- sprechen. Da ist z. B. ein Matrose eines in der Ferne fahrenden Dampfers von schweren Herzkrämpfen befallen worden. Der Schiffsarzt behandelt ihn drahtlos. Bevor die Schiffe durch die zunehmende Entfernung aus der Verbindung kommen, hört er zu seiner Genugtuung, bah bas Be- finben bes Kranken sich gebessert hat. Es kann auch vorkommen, daß mitten auf dem Ozean das Schiff durch Funkspruch von einem anderen Dampfer, der sich Hunderte von Seemeilen entfernt befindet, bringens um ärztliche Hilfe gebeten wird. Ein Passagier ober ein Mitglied der Mannschaft ist schwer erkrankt. Da heißt cs bann, sich zunächst drahtlos über bie Art der Krankheit zu orientieren. Mitunter genügen bie per Radio erteilten Ratschläge des Arztes und bie Befolgung ber von * gegebenen Verhaltungsmaßregeln. Es kann aber auch vorkommen, daß im Falle von Lebensgefahr bes Patienten bie beiben Schiffe sich out Vollbarnpf einander nähern unb ber Arzt selbst bei hohem Seegang nach dem anderen Schiffe übersetzen muß, um dem Kranken zu helfen oder ihm wenigstens Linderung seiner Leiden zu verschasfen.

Die Entwicklung ber Rabiotechnik, bes jüngsten Sohnes der Elekiro- technik, wird, wie auf alten Gebieten, so auch dem Schiffsarzt in Zukunft reichlich Gelegenheit zur Lösung ber verschiedensten medizinischen Pro- Meine geben. Die Fernkonsultation unb Erleichterung der drahtlosen ärztlichen Hilfeleistung von Schiff zu Schiff wird sich auf ben großen